Arthur Schopenhauer : Willensfreiheit ?

Wille und Freiheit in Schopenhauers Philosophie und der Hirnforschung

Willensfreiheit – dieser Begriff steht seit einiger Zeit im Mittelpunkt vieler Diskussionen, die besonders durch Ergebnisse der modernen Hirnforschung angeregt wurden.  Bei diesen Forschungen zeigte sich, dass die Entscheidung zu einer Handlung bereits zu einem  Zeitpunkt fällt, bevor sich der Mensch seiner Handlung bewusst geworden ist.  Wenn die Entscheidung nicht bewusst getroffen wurde, dann stellt sich die Frage nach der Willensfreiheit.  Inzwischen  ist man in den Neurowissenschaften mehr und mehr zur Überzeugung gekommen, dass die Willensfreiheit verneint werden muss.

Sehr aufschlussreich ist eine Äußerung des Neurobiologen Gerhard Roth (Radio Bayern 2, IQ Wissenschaft und Forschung, 23.04.2009) zu den Ergebnissen der aktuellen Hirnforschung: „1. Das Unbewusste hat einen größeren Einfluss auf unser Verhalten als das Bewusstsein. Das ist, was Freud zu allererst gesagt hat. 2. Die unbewussten Anteile des Psychischen und der Verhaltensstörung  entstehen ontogenetisch, also in der Entwicklung des Gehirns und des Menschen, sehr viel früher als die bewussten, und wirken deshalb – vgl. Aussage 1 – stärker auf uns ein, das sind die frühkindlichen, zum Teil vorgeburtlichen Erfahrungen. Das 3.  ist und das folgt auch daraus: … Wir alle haben nur geringe Einsicht in all das, was uns wirklich antreibt. Die drei Dinge halte ich für grundsätzlich richtig und von allen Forschungsergebnissen der Hirnforschung voll bestätigt…“

Wenn Roth sich dabei auf Sigmund Freud bezieht, so ist – was von Neurowissenschaftlern fast nie erwähnt wird –  Arthur Schopenhauer hier von besonderer Bedeutung, denn Freud selbst hat auf die „Übereinstimmung seiner Lehre mit der Philosophie Schopenhauers hingewiesen. In welchem Umfang aber… sein ganzes Lebenswerk in seinen Haupt- und Grundgedanken  von Schopenhauer abhängig ist, haben erst die jüngsten Untersuchungen gezeigt“ (Arthur Hübscher, Denker gegen den Strom. Schopenhauer: Gestern – Heute – Morgen. 2. Aufl. 1982, S. 271). Das gilt insbesondere für den zentralen Teil der Philosophie Schopenhauers, nämlich seine Willenslehre:

Bereits der Titel von Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ besagt schon Wesentliches. Das, was hinter allen Erscheinungen dieser Welt steht,  das Kantsche  „Ding an sich“, ist nach Schopenhauer ein metaphysischer „Wille“. Er objektiviert sich in allen Erscheinungsformen dieser Welt , also auch in allen Lebewesen. Damit ist auch der individuelle Wille des Menschen nur eine Erscheinungsform, nur Ausdruck dieses metaphysischen Willens.  Dementsprechend ist zwar der metaphyische, nicht aber der individuelle Wille frei. Insofern hat der Mensch – wie alle anderen Wesen – keinen freien Willen.

Das, was die Persönlichkeit des Menschen wesentlich kennzeichnet, der Charakter, ist, so meinte Schopenhauer, angeboren und und nicht veränderbar. Im obigen Interview stellte der Neurowissenschaftler Gerhard Roth zur Grundpersönlichkeit des Menschen fest: „Ob man also generell offen neugierig, verschlossen und zurückhaltend oder pünktlich ist, eher freundlich oder depressiv … : Kinder sind so und da kann man wenig dran ändern… (Dieses) zeigt auch die Forschung: Das ist also die unterste Ebene. Und die entzieht sich meist jeglicher Therapie.“

Arthur Schopenhauer kam mehr als 150 Jahre vor der heutigen Hirnforschung zu ähnlichen Ergebnissen , jedoch ohne Tierversuche oder andere, mit aufwendigen Apparaten kostspielig durchgeführte Experimente.  Da der Charakter nur  Ausdruck eines unteilbaren metaphysischen Willens ist, kann er auch nicht teilweise geändert werden. Es steht somit nicht im freien Willen des Menschen, seinen Charakter zu ändern.  Erst wenn der metaphysische Wille sich wandelt und es zu einer veränderten Erkenntnis kommt, kann der Charakter selbst völlig aufgehoben werden.  Das dieser Wille sich wandeln kann, ist eine zentrale Aussage der Philosophie Schopenhauers, die damit – trotz ihrer Verneinung der individuellen Willensfreiheit – in ihrem Kern zu einer  metaphysischen Erlösungslehre wird.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer > www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

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13 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer : Willensfreiheit ?

  1. Zur Willensfreiheit ein wunderbares Gedicht von Wilhelm Busch:

    Der Knoten

    Als ich in Jugendtagen
    Noch ohne Grübelei,
    Da meint ich mit Behagen,
    Mein Denken wäre frei.

    Seitdem hab ich die Stirne
    Oft auf die Hand gestützt
    Und fand, daß im Gehirne
    Ein harter Knoten sitzt.

    Mein Stolz der wurde kleiner.
    Ich merkte mit Verdruß:
    Es kann doch unsereiner
    Nur denken, wie er muß.

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  2. In einer Biographie über Wilhelm Busch las ich unter Hinweis auf Arthur Schopenhauer, dass Busch davon überzeugt war, dass allem, was lebt, der Egoismus anhafte. Insofern stimmt meiner Meinung nach Busch mit Schopenhauer überein.

    „Nichtwollen, Ruhe wär´ das Beste“, schrieb Busch in einem Brief. Da Busch hier im Konjunktiv formulierte, folgert die oben erwähnte Biographie, dass Busch im Gegensatz zu Schopenhauer nicht geglaubt hätte, dass „Nichtwollen“ möglich wäre.

    Für Schopenhauer war der metaphysische (nicht der individuelle!) Wille frei. Dieser könne sich daher selbst frei verneinen. Die Verneinung des Willens bringe dann „Ruhe“ , die Erlösung. Ich halte das durchaus vergleichbar mit dem buddhistischen Ziel der Befreiung – dem „Nirwana“. Hierin zeigt sich zugleich die fundamentale Bedeutung des Themas Willensfreiheit für Schopenhauers Philosophie, aber auch für die buddhistische Lehre. Schopenhauer und der Buddha sahen die Möglichkeit der Befreiung – Wilhelm Busch offenbar nicht. Das scheint mir der wesentliche Unterschied zwischen Schopenhauer und dem „Schopenhauerianer“ Busch zu sein.

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  3. Ich begreife den Begriff „metaphysischer Wille“ nicht. Kann mir das mal jemand für nen nicht studierten Laien verständlich erklären? Ich kann diese zwei Wörter irgendwie nicht sinnvoll zusammenbringen.

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  4. Wer zum Beispiel meint, „WIR sind Gott“, dann bedeutet das nach meinem Verständnis, dass wir alle Manifestationen Gottes sind. Solche Auffassung wird zum Beispiel im indischen Vedanta, begründet in den Upanishaden, vertreten. Schopenhauer war Atheist. Ausgehend von der Kantschen Philosophie, meinte er, dass hinter allen Erscheinungen dieser Welt etwas stehen würde, das Kant „das Ding an sich“ nannte. Schopenhauer bezeichnete das als „Wille“, weil das, was hinter allem steht und sich in allen Erscheinungen dieser Welt äußert, vor allem im individuellen Willen zum Ausdruck kommt. Somit hat der Begriff „Wille“ eine doppelte Bedeutung, was häufig zu Mißverständnissen führt, nämlich einerseits der individuelle („physische“) Wille und andererseits der jenseits des Physischen liegende (also „metaphysische“) Wille. Schopenhauer fand keine bessere Bezeichnung für das Kantsche „Ding an sich“. Ich finde sie auch treffend und denke dabei zum Beispiel an das altindische „Brahman“, das ewige, unvergängliche Absolute, die höchst nicht-duale Wirklichkeit des Vedanta.

    Der abendländische Pantheismus, wo Gott mit Natur gleichgesetzt wird, vertritt – soweit ich weiß – Ähnliches, denn nach dieser Lehre sind wir alle nur Erscheinungsformen der EINEN Natur. Jedoch bin ich bei der Verwendung des Begriffes „Gott“ etwas vorsichtiger, weil dieser durch die bei uns herrschenden monotheistischen Religionen festgelegt ist. Deshalb scheint mir der Schopenhauersche Begriff „Wille“ als metaphysisches Letztes angemessener zu sein. Dazu möchte ich auf die o. a. Homepage verweisen, wo ich versucht habe, diesen zentralen Begriff „Wille“ ausführlicher (und hoffentlich noch verständlich) zu erklären.

    Im übrigen waren und sind vielleicht immer noch die meisten „Schopenhauerianer“ nicht Philosophieprofessoren, sondern „Laien“. Ob studiert oder nicht, halte ich nicht für entscheidend, um Schopenhauer zu verstehen, spirituelle Erfahrungen hingegen könnten da sehr hilfreich sein. Ich selbst bin über den Buddhismus zu Schopenhauer gekommen, was mir wohl den Einstieg in dessen Philosophie etwas erleichtert hat. Die Begriffe sind sehr unterschiedlich, aber wenn man sich da mal durchgearbeitet hat, ist man erstaunt über die vielen Übereinstimmungen.

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    1. So wäre dann also meine Vorstellung eines „Seelenkollektivs“, einer großen Seele aus vielen kleinen, die über allem steht und von der wir nach dem Tod wieder bewusst ein Teil werden, gleichzusetzen mit diesem „metaphysischen Willen“? Das „große Ganze“ quasi, das wir irgendwie, ohne es zu begreifen, gemeinsam bilden, die „Seele des Planeten“?

      Aber ist es nicht ein bisschen ZU einfach, schlichtweg zu sagen: Ich bin so, ich kann nicht anders, ich bin nicht wirklich Herr über das was ich tue, weils mir angeboren oder vom „Ding an sich“ aufgezwungen wurde… Das ist doch quasi schon ne Einladung, nicht mehr an sich zu arbeiten, um „ein besserer Mensch“ zu werden?
      Also ich muss sagen, dass ich mit der Verneinung der Willensfreiheit noch ein bisschen hadere…

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  5. Die Vorstellung eines „Seelenkollektivs“ scheint mir in die gleiche Richtung zu deuten, wie die eines „metaphysichen Willens“. Wichtig ist, dass es hier um eine EINHEIT geht, die mehr ist als bloß die Summe ihrer Teile. Alles ist Ausdruck einer GANZHEIT, die uns normalerweise nur als Vielheit erscheint, und zwar weil unser Wahrnehmungsvermögen auf die Vielheit ausgerichtet ist. Diese Begrenzung unserer Wahrnehmung können wir vielleicht in der Meditation und gelegentlich auch bei kontemplativer Betrachtung der Natur überwinden. Es soll ja durchaus vorkommen, dass man sich EINS mit der Natur fühlt. Auch beim Mitgefühl kann die Mauer zwischen dem Ich und dem Mitwesen abgebaut werden, so dass es sogar zu einem Gefühl der Einheit, die über bloße gegenseitige Verbundenheit hinaus geht, kommen kann. Schopenhauers Lehre ist eine konsequente ganzheitliche Lebensphilosophie, die weit über das hinaus geht, was heute an Oberflächlichem über „ganzheitliches Denken“ geredet und geschrieben wird.

    Wahrheiten können mitunter einfach sein, nur wir erkennen sie nicht. Wahrheit bleibt Wahrheit, auch wenn sie uns nicht paßt. So ist es auch mit dem Problem der Willensfreiheit. Für Christen dürfte das nicht neu sein, denn sowohl Augustinus als auch Luther verneinten die Willensfreiheit. Auch die Hirnforschung führte, und zwar gegen den Widerstand besonders von Geisteswissenschaftlern und Juristen, zur Verneinung der Willensfreiheit.

    Das Bemühen, ein „besserer Mensch“ zu werden, ist durchaus positiv zu werten. Aber ist es „unser“ Bemühen, oder bemüht sich „etwas“ in uns? Wenn WIR „Gott“ sind, dann ist es „Gott“, der in uns arbeitet. Für Schopenhauer ist es der „metaphysische Wille“, der alles bewegt. Wir sind die Bewegten, halten uns aber für die Bewegenden. Das entspricht auch unserem Selbstwertgefühl, was uns vorgaukelt, wir seien weitgehend autonom und souverän.

    Ich habe viele Jahre Menschen beobachtet, die in buddhistischen und anderen religiösen Kreisen aktiv waren. Hierbei konnte ich leider nicht feststellen, dass diese durch ihre religiösen Aktivitäten „bessere Menschen“ wurden. Schopenhauer gab mir dazu die Erklärung. Seitdem habe ich auch etwas mehr Verständnis für Menschen, die nicht meinen Erwartungen entsprechen. Sie können nicht anders, das heißt, sie können nicht „über ihren Schatten springen“.

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  6. Was ich nicht glaube, ist, dass wir in unserer momentanen Daseinsform „Gott sind“. Ich glaube, dass wir momentan Individuen sind, die erst nach dem Ende unseres Lebens hier wieder „zueinander finden“ und dann ein großes Individuum bilden. Da liegt wohl mein Problem mit der Auffassung Schopenhauers: Ich gehe nicht davon aus, dass wir bereits jetzt einzig ein Teil des großen Ganzen sind, sondern vielmehr auch Eigenständigkeit besitzen, die wir uns nicht nur einbilden und dadurch auch die Möglichkeit haben, selbst eine Wahl zu treffen. Der „metaphysische Wille“ mag existent sein und ganz sicher auch Einfluss auf unser Leben haben, aber meiner Auffassung nach eben nicht exklusiv.

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  7. Auch wenn wir Teil eines Ganzen sind, haben wir in uns die Vorstellung, ein eigenständiges Wesen zu sein, das einen mehr oder weniger freien Willen besitzt. Mit dem Tod enden alle unsere Vorstellungen. Der „Speicher“ wird also gewissermaßen gelöscht. Da der Wille zum Leben, der nach Schopenhauer die Ursache unseres Lebens ist, mit dem Tod nicht beendet ist, sondern fortbesteht, ist er Ursache für eine neue Individualisierung. In diesem Individuum ist wiederum die Vorstellung von einem autonomen Wesen….usw. Die altindischen Lehren vom „Karma“ kommen der Schopenhauerschen Auffassung nahe. Es geht hierbei aber, genau genommen, nicht um Seelenwanderung (Metempsychose), sondern stets um eine neue „Schöpfung“ aus dem Ursprung (Palingenesie). Unter dieser Einschränkung könnte man vielleicht auch sagen, dass wir am Ende unseres Lebens wieder „zueinander finden“, aber leider nicht beieinander bleiben.

    Was mich in dieser Hinsicht an Schopenhauer auch beeindruckt, ist die Tatsache, dass er zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen ist wie einige bedeutende indische Weisheitslehrer vor mehr 2000 Jahren, und zwar unabhängig von diesen.

    Ich weiß, dass obige Aussagen schwer nachzuvollziehen sind, weil sie dem „normalen“ Denken zu widersprechen scheinen. Unser Denkapparat ist ja nicht darauf eingestellt, „letzte“ Wahrheiten zu erkennen, sondern ist ein Werkzeug, um sich im täglichen Lebenskampf durchzusetzen. Er steht – um mit Schopenhauer zu sprechen – im Dienste des „Willens zum Leben“. Erst wenn der „Wille“ sich beruhigt hat, wird es möglich, dem näher zu kommen, was den vielfältigen Erscheinungsformen dieser Welt letztlich zu Grunde liegt. Es ist deshalb verständlich, wenn buddhistische Meditionen stets mit der Beruhigung des Geistes beginnen. Ähnliches gilt für jede Kontemplation.

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  8. Horst Volkhammer

    Wie sich der metaphysische Wille ändern kann, oder ändert hätte ich doch gern etwas genauer beschrieben gehabt. Im Moment erinnert es mich an die christliche Religion mit der “Zuteilung“ des Glaubens an Auserwählte. Wie wird man vom Paulus zum Saulus, ebenso wie es in der Bibel zu lesen ist und wer spricht hier?

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  9. Horst Volkhammer

    Wie sich der metaphysische Wille ändern kann, oder ändert hätte ich doch gern etwas genauer beschrieben gehabt. Im Moment erinnert es mich an die christliche Religion mit der “Zuteilung“ des Glaubens an Auserwählte. Wie wird man vom Paulus zum Saulus, ebenso wie es in der Bibel zu lesen ist und wer spricht hier? Lücke

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