Arthur Schopenhauer: Charakter und Schicksal

„Charakter“  bedeutet „die eigentliche Natur eines Menschen, den festen Grundzug seines Wollens und Handelns“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 2. Aufl.). Der Charakter ist „der durch alle Lebensäußerungen hindurchgehende, auch gegen äußere Einflüsse beharrlich widerstehende Grundzug der Haltung, Gesinnung, Handlungsweise des Menschen, der Kern der Persönlichkeit und ihrer Sittlichkeit“ (Philosophisches Wörterbuch, 21. Aufl.).

Auffallend ist in beiden Definitionen, dass der Charakter als ein „Grundzug“ des Menschen angesehen wird, der fest und beharrlich ist. In diesem Sinne, aber noch wesentlich bestimmter, äußerte sich auch Arthur Schopenhauer.

In Anlehnung an Kant unterschied Schopenhauer den „intelligiblen“ vom „empirischen“ Charakter. Der intelligible Charakter liege außer der Zeit, er sei das „Ding an sich“ und daher unveränderlich. Der empirische Charakter hingegen ist das, was wir normalerweise, also auch im Sinne der obigen Definitionen, unter „Charakter“ verstehen, und wie er sich im Umgang mit Menschen  alltäglich äußert. Um diesen Charakter geht es hier.

Der empirische Charakter ist laut Schopenhauer bei jedem Menschen individuell, konstant und angeboren. Nur durch die Erfahrung lernt man den Charakter eines Menschen kennen, und zwar nicht nur an anderen Menschen, sondern auch an sich selbst. Der Charakter eines Menschen, so betonte Schopenhauer, sei unveränderlich; der Mensch ändere sich nie, wie er in einem Falle gehandelt hat, so wird er , unter völlig gleichen Umständen, stets wieder handeln. Ob Schopenhauer hier Recht hat, kann nicht durch das Wunschdenken junger Pädagogen entschieden werden, sondern eine fundierte Antwort können nur diejenigen geben, die über hinreichend Lebenserfahrung verfügen und dabei sich selbst und andere Menschen über längere Dauer in schlechten und guten Zeiten beobachtet haben.

Wer auf viele Lebensjahre selbstreflektierend zurückblicken kann, wird – vielleicht zu seiner eigenen Überraschung – feststellen müssen, wie wenig sich sein Charakter geändert und wie sehr dieser sein Schicksal beeinflusst hat. Natürlich hängt das Schicksal wesentlich auch von äußeren Umständen ab. Betrachtet man sein Leben etwas genauer, dann wird einem deutlich, dass man nicht alles auf äußere Bedingungen zurückführen kann, sondern das vieles auch durch den eigenenen Charakter bedingt war. Insofern bedeutet Charakter auch Schicksal.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer > www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

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9 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer: Charakter und Schicksal

  1. Nur ob ich das richtig verstanden habe: Der intelligible Charakter ist also quasi das „allgemeine menschliche Wesen“? Und der empirische Charakter ist das, was die einzelnen Menschen individuell voneinander unterscheidet?

    Wie definiert denn dann Schopenhauer den intelligiblen Charakter, wenn dieser unveränderlich und fest sei?

    Mit der Unveränderlichkeit des empirischen Charakters habe ich ehrlich gesagt noch ein bisschen Probleme (genauso wie mit der Verneinung des „Freien Willens“…). Ich kann die Argumente dafür nachvollziehen, aber als absolut akzeptieren kann ich sie nicht. Ich glaube schon, dass Menschen sich bis zu einem gewissen Maß auch charakterlich verändern können, bei denen sich eine neue Lebenseinstellung (sei es beispielsweise durch eine Bekehrung zu einem bestimmten Glauben oder auch andersrum, ins Negative, durch ein schlimmes persönliches Ereignis, eine Enttäuschung z.B.) sehr komplett auswirkt und die dann den Rest ihres Leben komplett anders handeln als sie es zuvor getan hätten. Da wird dann der (überspitzt gesprochen) gewalttätige Säufer zum hilfsbereiten Nachbarn – oder der freundliche Mitmensch zur ewig giftsprühenden Furie. Und wenn sich so ein neues Verhalten über lange Zeit hält, würde ich es doch eigentlich auch als Charakter bezeichnen, der sich verändert hat oder liege ich da falsch?

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    1. Dass Du Probleme mit der Unveränderbarkeit des Charakters und der Verneinung des „Freien Willens“ hast, kann ich sehr gut verstehen. Mir ging es genau so. Jedoch haben mich einige enttäuschende Erfahrungen mit Menschen dahin gebracht, mich von Illusionen in dieser Hinsicht zu lösen: Ich war Jahrzehnte aktiv in der Tierschutz- und Vegetarierbewegung tätig. Hierbei musste ich immer mehr zur Kenntnis nehmen, dass die besten Argumente nichts helfen, wenn der Mensch nicht bereits eine bestimmte ethische Veranlagung mitbrachte. Ebenfalls über Jahrzehnte hinweg konnte ich, vor allem in buddhistischen Kreisen, Menschen beobachten, die längere Zeit intensiv Meditation bzw. Yoga geübt hatten. Auch dort bemerkte ich nicht, dass dadurch deren Charakter wesentlich geändert wurde. Die Erklärung für diese frustrierende Tatsache fand ich bei Schopenhauer, der sich dabei selbst wiederum weitgehend auf Kant stützte. Ich möchte nun versuchen, dass, worum es hier geht, in meinen eigenen Worten verständlich zu machen:

      Wenn wir annehmen, dass wir mehr sind als nur ein körperliches Wesen in Zeit und Raum, dann gibt es in uns eine von Zeit und Raum unabhängige, also „übernaturhafte Sittlichkeit“. Dieser entspricht der intelligible Charakter. Vielleicht läßt sich das mit der christlichen Vorstellung von der Sündhaftigkeit des Menschen vergleichen, denn auch diese entstand ja (laut christlichem Glauben) durch den Sündenfall vor der Geburt des jeweiligen Menschen. In den indischen Religionen ist es das „Karma“, welches Zeit und Raum, und damit auch den Tod, überbrückt und bestimmt, wie und mit welchen (auch charakterlichen) Anlagen der Mensch wiedergeboren wird.

      Wenn der intelligible Charakter außerhalb von Zeit und Raum ist, dann können wir ihn als Wesen, die wir in Zeit und Raum leben, nicht verändern. Er ist also gewissermaßen metaphysisch und daher für uns nicht erreichbar und mithin von uns nicht änderbar. Dennoch können wir ihn erkennen, denn er äußert sich als „empirischer“ Charakter in Zeit und Raum.

      Nehmen wir an, es käme tatsächlich zu einer Charakteränderung, so wäre das nicht das Ergebnis irgendwelcher „Übungen“ und unserer freien Entscheidung, sondern es wäre gleichsam wie ein „Gnadenakt“, durch welchen aus Saulus ein Paulus wurde. Ich bestreite daher nicht, dass ein das Leben durch und durch erschütterndes Ereignis zu einem „neuen“ Menschen führen kann. Es wäre dann so eine Art geistige Neugeburt. Im übrigen hatte sich Schopenhauer hierzu auf die altindischen Upanishaden berufen, laut denen die Wandlung des Menschen durch „Gnade“ erfolgt, also nicht wie etwa im Buddhismus durch Übungen.

      Das sind keinesfalls bloß theoretische Betrachtungen, sondern hatten und haben für mein persönliches Verhältnis zu den Menschen ganz erhebliche Konsequenzen. So versuche ich bei meiner Tierschutzarbeit nicht, die Menschen charakterlich zu ändern, also sie z. B. zur Tierliebe zu bringen. Was ich bestenfalls bewirken kann, ist eine Verhaltensänderung. Die Vegetariervereine argumentieren oft mit gesundheitlichen, d. h. egoistischen Gründen. Wer dadurch zum Vegetarier wird, hat nicht seinen Charakter, sondern lediglich sein Verhalten geändert. Auch die Religionen, die göttliche Strafen oder Belohnungen in Aussicht stellen, ändern – wenn überhaupt – das Verhalten, nicht den Charakter des Menschen.

      Die von mir oben skizzierte und weitgehend geteilte Auffassung Schopenhauers ist nicht populär und kann es auch nicht werden. Die Menschen sind zu sehr von ihrer Allmacht („Yes, I can!“ ) überzeugt. Anderseits hat aber die Erkenntnis, wie begrenzt die Möglichkeiten des Menschen sind, eine, wie ich finde, sehr positive Auswirkung: Man ist etwas toleranter gegenüber seinen Mitmenschen. Ist das nichts?

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      1. Dass der intelligible Charakter unveränderlich sei, kann ich so akzeptieren, genauso die grundsätzliche Aufteilung des Charakters des Menschen in einen intelligiblen und einen empirischen.

        Vielleicht hast du Recht und es bedarf einiger (schlechter) Lebenserfahrung, um sich dieser Meinung der absoluten Unveränderlichkeit des angeborenen Charakters und der Verneinung des freien Willens anzuschließen. Und vielleicht habe ich diese Lebenserfahrung mit Mitte zwanzig einfach noch nicht, blicke noch zu blauäugig auf meine Umwelt und trage noch zuviel Hoffnung in mir, dass ein Wandel möglich sein muss. Nur, solange ich diese Hoffnung noch in mir trage, freue ich mich darum! Denn auch wenn eine Verneinung der menschlichen Entscheidungsfreiheit vielleicht Toleranz bewirkt, ich halte diese Ansicht grundsätzlich für der menschlichen Gemeinschaft mehr Schaden als Nutzen bringend. Ich kann mich nicht mit diesem allgemeinen „Unschuldsgedanken“ anfreunden – „ich kann ja nix dafür, ich bin halt so“, das öffnet doch dem Chaos und der Ungerechtigkeit Tür und Tor… Toleranz mit Schwerverbrechern, Mördern, Sexualverbrechern, weil sie halt mal so genetisch programmiert wurden? Ich kann und will nicht glauben, dass das die menschliche Natur sein soll.

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      2. Was die Unveränderlichkeit des Charakters und die Verneinung des freien Willens betrifft, so hatte ich dazu früher eine ähnliche Meinung wie die, welche Du hier geäußert hast. Mit der Zeit kamen mir dabei immer mehr Zweifel, die ich dann zunehmend bestätigt fand. Ebenfalls im Laufe der Jahre musste ich die Erfahrung machen, dass es besser ist, wenn ich von dem ausgehe, was ist und nicht davon, wie ich es gern hätte. Bloßes Wunschdenken hilft zumeist nur vorübergehend, denn die Tatsachen holen einen früher oder später ein und entsprechend groß ist dann die Enttäuschung. Auf solches Wunschdenken scheinen mir Deine Worte „ich kann und will nicht glauben, dass…“ hinzudeuten.

        Es geht hier nicht um „Toleranz mit Schwerverbrechern, Mördern, Sexualverbrechern, weil sie halt so programmiert wurden“. Selbstverständlich müssen diese hinter Gittern gebracht werden, und zwar um weitere Verbrechen zu verhindern, also zur Prävention. Somit stellt sich für mich nicht die Frage nach Schuld und Sühne, die zwangsläufig mit der Annahme eines freien menschlichen Willens verbunden wäre.

        Auch wenn der Charakter in diesem Leben – von Ausnahmen abgesehen – nicht veränderbar ist, so muss das so nicht bleiben, denn nach meiner Überzeugung gilt die Erkenntnis Schopenhauers „Dem Willen zum Leben ist das Leben gewiss“. Hier in diesem Leben müssen wir mit dem Körper und dem Geist auskommen, den wir als Anlagen mitbekommen haben. Änderungen sind da nur sehr begrenzt möglich, aber danach …

        Auf dieses „Danach“ liegt meine Hoffnung. Weniger hingegen vertraue ich auf die Fähigkeit des Menschen, sich in seinem Wesen willentlich fundamental zu ändern. Das obliegt nicht unserem Willen. Wenn überhaupt, dann sind es lebensbedrohliche, also existentielle Katastrophen, die uns zutiefst verändern können.

        Im übrigen scheint es mir aber so zu sein, wie Du vermutest: Wir haben offenbar zu unterschiedliche Lebenserfahrungen, um zu ähnlichen Lebensauffassungen zu kommen. Ich halte es jedoch für ganz normal und auch für notwendig, in jüngeren Jahren mit viel, vielleicht sogar mit zuviel Hoffnung auf diese Welt zu blicken. Wichtig aber ist, dass man dann, wenn diese Hoffnungen enttäuscht werden, nicht in ein „schwarzes Loch“ fällt. Auch das gehört zu meiner Lebensphilosophie.

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  2. Horst Volkhammer

    Bevor man in dieses Loch fallen könnte geht’s ja noch ein Stück auf dessen Rand entlang und da sind solche Foren wie dieses hier goldwert.
    Der intelligible Charakter ist dann der lebens erhaltende Wille mit den Eigenschaften Egoismus, Neid, Gier und auch Mitleid, die jedem Individuum inne sind? Eine “schöne“ Konstellation und Aussicht bei wachsender Menschheit, so etwas kann doch kein Schöpfer installiert haben, der bis zum Ende gedacht hat. Gegen so viel Eigennutzdenken hilft auch nicht die tägliche Opferung von Nachkömmlingen des vor 2000 Jahren inszenierten Opfertodes – wie man sieht.

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    1. Der „intelligible Charakter“ ist laut Schopenhauer gleich dem, was er „Wille“ nannte. Dieser ist frei, kann sich also auch verneinen. Dann ist er nicht lebenserhaltend, sondern letztlich erlösend. Der Egoismus, das Eigennutzdenken, ist Ausdruck des sich bejahenden Willens, der sich in allen Erscheinungsformen, zu denen auch wir gehören, manifestiert. Eine Folge hiervon ist, dass die Menschheit immer mehr zunimmt, und zwar in einem Tempo und in einer Größenordnung, die meiner Meinung eher früher als später im Untergang enden muss. Auch dieser Untergang würde jedoch – wie unser eigener Tod – nur die Erscheinungsformen des Willens betreffen, nicht diesen selbst.

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      1. Horst Volkhammer

        Erhebt sich für mich die Frage wieviel noch nicht geborene Willen noch “auf Lager“ sind. Bei einer Begrenzung (biologisch allerdings undenkbar) könnte vlt. ein Limit erreicht werden und die Katastrophe ausfallen.
        Eine Erlösung mündet in das gleiche Ergebnis, wenn diese nicht ohnehin im Tod zu sehen ist, insofern besteht nach gut menschlichem Verständnis keine Alternative für das irdische Dasein; besteht sie nicht im Tod, der wohl in diesem Fall kein plötzlicher sein wird, würde die Askese unter weitgehendstem Verzicht Überlebensmöglichkeiten eröffnen. Hier ist aber nicht die sexuelle Enthaltsamkeit gemeint.

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  3. Horst Volkhammer

    Ich denke schon geraume Zeit darüber nach, ob es für mich wichtig ist, daß etwas übrig bleibt von mir, denn schließlich habe ich, zwar geteilt, mich mit meinem Willen schon in meinen Kindern weiter gegeben. Mehr würde ich da gar nicht verlangen wollen, auch wenn es manchem scheint, daß diese mißraten wären. Eine verheißene ewige Glückseligkeit empfinde ich hier und jetzt als eine Belastung und nicht wünschenswert. Was ich zu bestellen habe, wenn überhaupt, sollte im Leben geschehen und mit möglichst kleinem Fußabdruck, denn derer wird man sich, falls die Katastrophe ausbleibt, zwar nicht namentlich, so doch gern erinnnern. Auch das von Arthur Schopenhauer vermutete hellste Licht wäre kein “Anreiz“,es könnte doch auch gut im Nichts enden, wenn man seinen deal mit dem Ende gemacht hat. Dem entgegen steht natürlich das uns gesellschaftlich vorgestellte Lebensprinzip mit ständigen Steigerungen, was aber, “Becker sei dank“, zwar mit Notwendigkeit, aber ohne Gnade, von mir verneint werden und ich somit zu einem endgültigen Ende, der Erlösung kommen kann.

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    1. Wäre das Ende im „Nichts“ so schlimm? Immerhin würde es die Abwesenheit von Leid sein! Im übrigen möchte ich hierzu auf Schopenhauers wunderbare Worte am Ende des Kapitels über die „Bejahung und Verneinung des Willens“ (im 1. Band senes Hauptwerkes) hinweisen: „Was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle die, welche noch des Willens voll sind, allerdings nichts. Aber auch umgekehrt ist denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen – nichts.“ Ähnliches gilt auch für den Schopenhauer nahe stehenden Buddhismus: Vgl.http://www.schopenhauer-buddhismus.de/Nirwana/nirwana.html

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