Buddhismus , ZEN und Schopenhauer

Gegen Ende seines Lebens notierte Arthur Schopenhauer in seinem Manuskript: “ Buddha, Eckhard und ich lehren im Wesentlichen das Selbe, Eckhard in den Fessel seiner christlichen Mythologie. Im Buddhaismus liegen die selben Gedanken, unverkümmert durch solche Mythologie, daher einfach und klar, soweit eine Religion klar seyn kann.“   Da ist es verständlich, wenn Schopenhauer mehrfach sich und seine Anhänger „Buddhisten“ nannte und dazu feststellte: „Wollte ich die Resultate meiner Philosophie zum Maßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhismus den Vorzug vor den andern (Religionen) zugestehn. Jedenfalls muß es mich freuen, meine Lehre in so großer Übereinstimmung mit einer Religion (dem Buddhismus) zu sehn…“

An obige Worte Schopenhauers mußte ich denken, als ich mich etwas näher mit dem buddhistischen Lankavatara-Sutra befasste. Dieses Sutra ist eine grundlegende Schrift, ein heiliger Text des  späteren Buddhismus, des sog. Mahayana. Etwa im 6. Jahrhundert n. u. Ztr. brachte Boddhidharma, einer der bedeutendsten buddhistischen Lehrer und 1. Partriarch des chinesischen ZEN, das Lankavatara-Sutra von Indien nach China, wo es dann zum Grundstein des chinesischen Ch’an-Buddhismus wurde. Aus dieser buddhistischen Richtung und Elementen taoistischer Mystik hatte sich erst in China, später in Japan eine Lehre herausgebildet, die heute als ZEN bekannt ist.

Die Übereinstimmung einiger Richtungen des Buddhismus, insbesondere des Mahayana, mit Schopenhauers Philosophie, finde ich geradezu  unglaublich,  vor allem wenn man bedenkt, daß diese durch einen Zeitraum von mehr als 1500 Jahren und durch völlig verschiedene Kulturen von einander getrennt sind. Vielleicht ist diese Nähe Schopenhauers zum Buddhismus, insbesondere zum ZEN, eine der Gründe, warum in Japan – neben Indien – besonderes Interesse an Schopenhauers Philosophie besteht.  

Schopenhauer gab seinen Anhängern  immer wieder den Rat, außer den altindischen Upanishaden auch die damals im Westen noch wenig verbreitete  buddhistische Literatur zu studieren.  Heute stehen uns dazu viele Quellen in guten Übersetzungen zur Verfügung, die Schopenhauer damals noch nicht zugänglich waren. Sie bieten eine wertvolle Ergänzung zu Schopenhauers Philosophie. Ja, nach meiner Erfahrung kann eine kurz gefasste ZEN-Weisheit  mitunter den Kern der Philosophie Schopenhauers besser treffen als manche akademische Abhandlung . So zum Beispiel diese:
„Ein und derselbe Mond spiegelt sich in allen Wassern. Alle Monde im Wasser sind EINS in ein und dem selben Mond.“
hb

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Arthur Schopenhauer : Wille zum Leben

Wille – das ist der zentrale Begriff in Arthur Schopenhauers Philosophie. Das kommt bereits im Titel seines Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zum Ausdruck.  Es geht hierbei nicht um etwas bloß Abstraktes, Theoretisches, sondern ganz konkret um das Leben, um unser Dasein. 

Arthur Schopenhauer:  “ Sieh dich um! Was da ruft ´Ich, Ich  will dasein`, das bist du nicht allein, sondern alles, durchaus alles, was nur eine Spur von Bewußtsein hat. Folglich ist dieser Wunsch in dir gerade das, was nicht individuell ist… Er entspringt nicht aus der Individualität, sondern aus dem Dasein überhaupt, ist in jedem, das da ist, wesentlich, ja ist das, wodurch es da ist… Was nämlich so ungestüm das Dasein verlangt, ist bloß mittelbar das Individuum; unmittelbar und eigentlich ist es der Wille zum Leben überhaupt, welcher in allen einer und derselben ist.“

Der „Wille“ ist auch in dem Schopenhauer nahe stehenden Buddhismus von zentraler Bedeutung. Das Sanskritwort „Karma“  heißt zwar wörtlich „Wirken“, „Tat“, bezeichnet aber genau genommen, den die Wiedergeburt erzeugenden heilsamen oder unheilsamen Willen. „Den Willen“, so sprach der Buddha, „bezeichne ich als die Tat, denn mit dem Willen wirkt man die Tat in Werken, Worten und Gedanken“. Zwar ist hier der individuelle Wille gemeint, doch im späteren Mahayana-Buddhismus, der wie Schopenhauers Philosophie von der EINHEIT allen Seins ausgeht, wird Karma auch im überindividuellen Sinne verstanden.

Wenn Karma – wie wohl fast alle in Indien entstandenden  Religionen (z. B. Buddhismus, Jainismus, Hinduismus) lehren – neue Wiedergeburten bewirkt, so stimmt diese Auffassung durchaus mit der Aussage Schopenhauers überein: „Dem Willen zum Leben, ist das Leben gewiß.“  In den  von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden heißt es: “ Der Mensch besteht aus Wollen, und so groß das Wollen ist, mit dem er aus dieser Welt scheidet, so groß ist das Wollen, mit dem er nach dem Tode in jene Welt (das neue Dasein) eingeht.“  Also: Der Körper zerfällt, der „Wille“ aber bleibt.

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Arthur Schopenhauer : Mitleid – Grausamkeit – Tierrechte

Mitleid war für Arthur Schopenhauer „das Fundament der Moral“, das sich, so hob er nachdrücklich hervor, auf alles beziehe, was Leben hat. So nehme jede echte Moral „auch die Tiere in ihren Schutz, für welche in den anderen europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist“.  Schopenhauer, der unsere  Welt so sah, wie sie ist, wies aber auch auf das Gegenteil von Mitleid hin: die Grausamkeit.

Ein Beipiel für Grausamkeit, für Vergnügen am Leid des anderen Wesens ist der Stierkampf. Kürzlich war dazu in einer Berliner Tageszeitung unter der Überschrift „Kleiner Stierkämpfer in Portugal gestoppt – Sieg der Tierschützer“  folgende Meldung zu lesen:

„Die Tierschutzorganisation ´Animal ` hat einen Auftritt des elfjährigen (!) Stierkämpfers Michelito gestoppt. Auf deren Betreiben verbot die portugiesische Kinderschutz-Kommission ein … in Lissabon geplantes Spektakel … ´Die Teilnahme  von Kindern an Stierkämpfen ist in doppelter Hinsicht absurd. Sie stellt nicht nur eine Verletzung der Tierrechte, sondern auch eine Verletzung der Kinderrechte dar`… Der in Mexiko geborene Franzose Michel versichert gern, dass er auf der Arena keine Angst verspüre. Der Stierkampf sei eine Tradition, die nicht verschwinden dürfe, sagte Michelito vor Journalisten. Schade sei nur, dass man in Portugal die Tiere nicht töten dürfe. ´Das macht weniger Spaß`„.

Solche Äußerung aus einem Kindermund legt die Frage nahe, ob nicht nur das Mitleid, sondern auch die Neigung zur Grausamkeit – wie jede wesentliche Charaktereigenschaft – angeboren und damit unveränderbar ist. Schopenhauer vertritt diese Meinung und steht damit im Gegensatz zu vielen „Erziehern“, die glauben, dass der Mensch als „leeres Blatt“ auf die Welt käme. Insbesondere die Hirnwissenschaft hat da erhebliche Zweifel. Um so wichtiger ist deshalb die Rolle der Gesetze. „Der einzige Zweck der Gesetze“, so Schopenhauer „ist die Abschreckung von Beeinträchtigung fremder Rechte“.  Solche „fremden Rechte“, sind, wie immer mehr Menschen fordern, auch die Rechte der Tiere auf Leben und Gesundheit.  Die Anerkennung von Tierrechten in unserer Rechtsordnung würde zwar nichts an der Grausamkeit im Charakter mancher Menschen ändern, doch könnte sie grausame öffentliche Schauspiele, von denen der Stierkampf nur ein Beispiel ist, weitgehend verhindern.  Das wäre ein Fortschritt ganz im Sinne des ansonsten eher skeptischen Schopenhauer.

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Arthur Schopenhauer über Scheinphilosophen und Seifenblasen

Gerade bei sog. „philosophischen“ Schriften ist es mir schon häufig vorgekommen, dass ich nachher feststellen musste: Es hat sich nicht gelohnt, es war Zeitverschwendung. Statt diese zu lesen, wäre ein Gang in die Natur nicht nur gesünder, sondern auch lehrreicher gewesen.  Die Verfasser derartiger Schriften werden zwar von Verlagen oft als „Philosophen“ vorgestellt, aber sind sie es wirklich oder sind sie nur – wie sie Schopenhauer nannte – „Philosophaster“, also  Scheinphilosophen? Schopenhauer dazu  bissig :

“ Was die Schreiberei unserer Philosophaster so überaus gedankenarm und dadurch marternd langweilig macht, ist zwar im letzten Grunde die Armut ihres Geistes, zunächst aber dieses, daß ihr Vortrag sich durchgängig in höchst abstrakten, allgemein und überaus weiten Begriffen bewegt, daher auch meistens nur in unbestimmten, schwankenden, verblassenen Ausdrücken einherschreitet. Zu diesem … Gange sind sie aber genötigt, weil sie sich hüten müssen, die Erde zu berühren, wo sie, auf das Reale, Bestimmte, Einzelne und Klare stoßend, lauter gefährliche Klippen antreffen würden, an denen ihre Wortdreimaster scheitern könnten.  Denn statt Sinne und Verstand fest und unverwandt zu richten auf die anschaulich vorliegende Welt, auf das eigentlich und wahrhaft Gegebene … – kennen sie nichts als nur die höchsten Abstraktionen wie Sein, Wesen, Werden, Absolutes, Unendliches  usf., gehen schon von diesen aus und bauen daraus Systeme, deren Gehalt zuletzt auf bloße Worte hinausläuft, die also eigentlich nur Seifenblasen sind, eine Weile damit zu spielen, jedoch den Boden der Realität  nicht berühren können, ohne zu platzen.“

Wenn ich auf solche „Schreiberei unserer Philosophaster“ stoße, fällt mir dazu ein Gegenbeispiel ein – Jakob Böhme, der von Schopenhauer hoch geschätzte „erhabene“ deutsche Mystiker. Böhme: „Die Sprache der Natur … das ist die Wurzel oder Mutter aller Sprachen, die in dieser Welt sind, und steht die ganze vollkömmliche Erkenntnis aller Dinge hierinnen.“ Also: „Tue Deine Augen auf, und gehe zu einem Baum, und besinne dich“.

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Arthur Schopenhauer über Philosophie

Was ist Philosophie ?
Schopenhauer : Die Philosophie ist im wesentlichen Weltweisheit: ihr Problem ist die Welt. Mit dieser allein hat sie es zu tun und läßt die Götter in Ruhe, erwartet aber auch, von ihnen in Ruhe gelassen zu werden. 

Warum Philosophie ?
Schopenhauer : Ohne Zweifel ist es das Wissen um den Tod und neben diesem die Betrachtung des Leidens und der Not des Lebens, was den stärksten Anstoß zum philosophischen Besinnen und zu metaphysischen Auslegungen der Welt gibt. Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre, würde es vielleicht keinem einfallen zu fragen, warum die Welt da sei und gerade diese Beschaffenheit habe, sondern eben auch sich alles von selbst verstehn.

Was erfordert Philosophie ?
Schopenhauer : Zum Philosophieren sind die zwei ersten Erfordernisse diese: erstlich, daß man den Mut habe, keine Frage auf dem Herzen zu behalten; und zweitens, daß man alles das, was sich von selbst versteht, sich zum deutlichen Bewußtsein bringe, um es als Problem aufzufassen

Ist Philosophie bloßes Theoretisieren ?
Schopenhauer : Die Philosophie muß, so gut wie Kunst und Poesie, ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben: auch darf es dabei, so sehr auch der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, dass nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion  käme und durch und durch erschüttert würde. Philosophie ist kein Algebra-Exempel.

Hat Philosophie ihre Grenzen ?
Schopenhauer : Nie habe ich mich vermessen, eine Philosophie aufzustellen, die keine Fragen mehr übrigließe. In diesem Sinne ist Philosophie wirklich unmöglich: sie wäre Allwissenslehre. …es gibt eine Grenze, bis zu welcher das Nachdenken vordringen kann und so weit die Nacht unsers Daseins erhellen kann, wenngleich der Horizont stets dunkel bleibt. Diese Grenze erreicht meine Lehre …Darüber aber noch hinausgehn wollen, ist, in meinen Augen, wie über die Atmosphäre hinausfliegen wollen. Wir müssen dabei stehenbleiben; wenngleich aus gelösten Problemen neue hervorgehn. 

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Arthur Schopenhauer : Religion – "Lug und Trug"?

Religion ist nicht – wie oft behauptet – bloß eine Privatsache, sondern weit darüber hinaus auch eine Angelegenheit von großer gesellschaftlicher, ja politischer Bedeutung.  Dementsprechend hat in Deutschland Religion Verfassungsrang. Auch Arthur Schopenhauer hatte sich mit dem Thema „Religion“ intensiv auseinander gesetzt und sich hierzu ausführlich geäußert, und zwar besonders im Kapitel 15 von „Pererga II“ („Über Religion“). Dort lässt Schopenhauer in Form eines Dialoges einen „Mann des Volkes“ (Demopheles) mit einem „Freund der Wahrheit“ (Philalethes) über dieses Thema diskutierten.  Hierbei fordert der „Mann des Volkes“,  dass der Glaube jedes Menschen, also die Religion, auch dem „Freund der Wahrheit“ heilig sein solle. Dieser bestreitet das, denn er sehe nicht ein, warum er „der Einfalt des Andern wegen, Respekt vor Lug und Trug haben sollte“. Die Wahrheit hingegen würde er überall achten.

Arthur Schopenhauer hatte damit eine alte Streitfrage aufgeworfen, nämlich Wahrheit gegen Religion oder genauer: gegen „Lug und Trug“, für das er die Religion offenbar hielt. Der von den Religionen erhobenen Forderung, man müsse sie tolerieren, stellt der „Mann der Wahrheit“ die Frage entgegen: „Ziemt es Dem, Toleranz, ja zarte Schonung zu predigen, der die Intoleranz und Schonungslosigkeit selbst ist? Ich rufe Ketzergerichte und Inquisitionen, Religionskriege und Kreuzzüge, Sokrates´ Becher und Bruno´s und Vavini´s Scheiterhaufen zum Zeugen an!“

Eine überaus schwere Anklage, die da Schopenhauer gegen die Religionen erhoben hatte. Dennoch hielt er Religionen nicht für überfüssig. Für ihn war Religion die „Metaphysik des Volks“.  Menschen haben, so Schopenhauer , ein „metaphysisches Bedürfnis“ . Diesem Bedürfnis entsprechen mehr oder weniger die Religionen, denn bei schweren Schicksalsschlägen kann wohl niemand Trost und Kraft im Materialismus finden und das Metaphysische in der Philosophie ist nur wenigen zugänglich.

Gerade was die Religionen angeht, müssen Pauschalurteile vermieden werden. Schopenhauer selbst bezeichnete sich und seine Anhänger als „Buddhaisten“. Dem Buddhismus gab er den Vorzug vor allen anderen Religionen und die altindischen Upanishaden waren der Trost seines Lebens. In diesen uralten indischen Lehren, die wohl mehr Philosophie als Religion sind, fand sich Schopenhauer bestätigt. Es sind Lehren, die Wege zur Selbsterkenntnis und damit zur Erlösung aufzeigen. Die großen, weithin herrschenden monotheistischen  Religionen stehen dazu und damit auch zu Schopenhauer in schroffem Gegensatz.

Dort, wo der Glaube allein selig machend ist, geht es nicht – wie bei Schopenhauer – um ein philosophisches Ergründen der Wahrheit. Entscheidend  ist vielmehr der Glaube, dass das, was in „heiligen Schriften“ offenbart wurde, die Wahrheit sei. Ein Hinterfragen, ob es wirklich die Wahrheit oder doch nur „Lug und Trug“ ist, kann und darf es da nicht geben. Auch hieran zeigt sich, wie berechtigt die Forderung Schopenhauers ist, Philosophie und Religion strikt voneinander zu trennen. Übrigens, „wer in Glaubenssachen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten“ (Wilhelm Busch).

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