Arthur Schopenhauer : Wille zum Leben

Wille – das ist der zentrale Begriff in Arthur Schopenhauers Philosophie. Das kommt bereits im Titel seines Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zum Ausdruck.  Es geht hierbei nicht um etwas bloß Abstraktes, Theoretisches, sondern ganz konkret um das Leben, um unser Dasein. 

Arthur Schopenhauer:  “ Sieh dich um! Was da ruft ´Ich, Ich  will dasein`, das bist du nicht allein, sondern alles, durchaus alles, was nur eine Spur von Bewußtsein hat. Folglich ist dieser Wunsch in dir gerade das, was nicht individuell ist… Er entspringt nicht aus der Individualität, sondern aus dem Dasein überhaupt, ist in jedem, das da ist, wesentlich, ja ist das, wodurch es da ist… Was nämlich so ungestüm das Dasein verlangt, ist bloß mittelbar das Individuum; unmittelbar und eigentlich ist es der Wille zum Leben überhaupt, welcher in allen einer und derselben ist.“

Der „Wille“ ist auch in dem Schopenhauer nahe stehenden Buddhismus von zentraler Bedeutung. Das Sanskritwort „Karma“  heißt zwar wörtlich „Wirken“, „Tat“, bezeichnet aber genau genommen, den die Wiedergeburt erzeugenden heilsamen oder unheilsamen Willen. „Den Willen“, so sprach der Buddha, „bezeichne ich als die Tat, denn mit dem Willen wirkt man die Tat in Werken, Worten und Gedanken“. Zwar ist hier der individuelle Wille gemeint, doch im späteren Mahayana-Buddhismus, der wie Schopenhauers Philosophie von der EINHEIT allen Seins ausgeht, wird Karma auch im überindividuellen Sinne verstanden.

Wenn Karma – wie wohl fast alle in Indien entstandenden  Religionen (z. B. Buddhismus, Jainismus, Hinduismus) lehren – neue Wiedergeburten bewirkt, so stimmt diese Auffassung durchaus mit der Aussage Schopenhauers überein: „Dem Willen zum Leben, ist das Leben gewiß.“  In den  von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden heißt es: “ Der Mensch besteht aus Wollen, und so groß das Wollen ist, mit dem er aus dieser Welt scheidet, so groß ist das Wollen, mit dem er nach dem Tode in jene Welt (das neue Dasein) eingeht.“  Also: Der Körper zerfällt, der „Wille“ aber bleibt.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer > www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de
und zum Buddhismus > www.schopenhauer-buddhismus.de

 

 

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8 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer : Wille zum Leben

  1. Wenn es der Wille ist, der bleibt, könnte man sagen, dass der Wille der Seele entspricht?
    Wenn ich das nun auf MEINE Vorstellung eines Seelenkollektivs, das in seiner Gesamtheit „Gott“ ist, übertrage, ich denke, dann nähere ich mich auch dem Gedanken Schopenhauers, dass der Mensch eigentlich keinen eigenen Willen, sondern nur einen bereits angeborenen „Über-Willen“ hat. Dass alles, was ihm geschieht und zu was er sich entscheidet es zu tun, eigentlich bereits „vorausgeplant“ ist. Dass er zwar meint, sein Leben, sein „Schicksal“ selbst mit beeinflussen zu können durch seine eigenen, willentlich getroffenen Entscheidungen, diese jedoch eigentlich genau das sind, was für ihn „geplant“ war von Anfang an…
    Das würde jedoch bedeuten, dass dieser „göttliche Über-Wille“ auch Grausamkeit und Verbrechen mit einplant, was kaum nachvollziehbar ist, da er ja göttlich ist und vollkommen sein sollte… Wohingegen – warum maße ich, als einfacher Mensch, es mir eigentlich an, zu meinen das Göttliche, das Große, das Ganze, verstehen zu können?

    Dass der „Wille zum Leben“ kein individueller ist, ist aber überzeugend. Und ich denke, es ist der stärkste Wille, den es gibt, der am schwierigsten zu überwindende. Es ist verdammt schwer, es vom (vielleicht „logischen“) Entschluss sein Leben zu beenden bis zur Ausführung zu schaffen, denn der Lebenswille ist es, der dem entgegen steht. Der bewirkt, dass man stundenlang auf der Brüstung der Brücke oder dem Dach des Hochhauses steht und doch nicht springt. Vielleicht ist es seine Überindividualität, die ihn so stark macht.

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    1. Ich glaube, dass Deine Vorstellung eines „Seelenkollektivs, das in seiner Gesamtheit ´Gott` ist“, sich schon ziemlich dem annähert, was Schopenhauer „Wille“ genannt hat. Nur würde ich – wie Schopenhauer – in diesem Zusammenhang nicht die Begriffe „Seele“ und Gott“ gebrauchen, weil sie durch das Christentum in unserer Kultur derart festgelegt sind, dass wir uns den damit verbundenen christlichen Vorstellungen kaum entziehen können. Darauf deutet auch Deine Bemerkung hin, dass es kaum nachvollziehbar sei, wenn ein „göttlicher Über-Wille“ auch Grausamkeit und Verbrechen mit einplane.

      Ob nachvollziehbar oder nicht, wir müssen zunächst von der unbestreitbaren Tatsache ausgehen, dass viel Leid und Böses in der Welt ist. Es gab bedeutende Philosophen (z. B. Jakob Böhme) und Weltanschauungen (z. B. Gnostiker, Katharer, Upanishaden), die meinten, dass das Böse in dieser Welt bereits in Gott angelegt oder die Welt ein Werk des Teufels sei. Ein solcher Gedanke wurde von der Kirche als Ketzerei schärfstens bekämpft, weil ja laut Bibel Gott seine Schöpfung sehr gut fand. Man muss sich nur etwas in der Welt umsehen, um das Gegenteil zu erkennen.

      Mit dem Entschluss, sein Leben zu beenden, ist der „Wille zum Leben“ nicht unbedingt erloschen. Auch der, welcher sich das Leben nimmt, möchte eigentlich leben, nur unter besseren Umständen. Schopenhauer sah die Erlösung nicht im Selbstmord, sondern in der Überwindung des „Willens zum Leben“, genauer: des Willens zum „Ich“. In der abendländischen Mystik ist es das „Aufgehen im Absoluten, in Gott“ („unio mystica“). Die von Schopenhauer hoch geschätzten Upanishaden (der philosophische Teil der altindischen Veden) nennen es die Vereinigung des Atman (Einzelseele) mit dem Brahman (Weltseele). Es ist wohl dieser Gedanke der Überindividualität, der – wie Du vermutest – sehr stark macht. Er kann in dieser zerrissenen Welt unserem vergänglichen „Ich“ sehr viel Trost und Kraft bieten und so wirklich Lebenshilfe sein.

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      1. Begriffe wie Seele und Gott verwende ich deswegen, weil ich mir darunter einfach etwas vorstellen kann, mit dem ich weiterarbeiten kann und das auch andere verstehen, wenn ich mit ihnen darüber rede. Überwille & Co. sind einfach sehr abstrakte Begriffe, die mir persönlich das Nachdenken darüber nicht wirklich erleichtern und das Erklären schwer machen.

        Vielleicht ist es genau das: Dass es das Böse in er Welt gibt, dass es einfach ein Teil davon ist, zeigt vielleicht, dass es genauso „göttlich“ wie das Gute ist. Dass „das göttliche“ vielleicht in ganz anderen Maßen misst und irgendwie ein höherer Sinn darin steht, wenn schlimmes passiert, das wir als verbohrte Individualisten einfach nicht erkennen können, weil uns der „große Sinn“ dafür fehlt.
        Ich weiß nicht, ob du die Matrix-Filme gesehen hast, dort wird es mal so erwähnt: Zu Anfang wurde dort für die gefangenen Menschen eine virtuelle, perfekte Welt ohne das Böse erschaffen, doch der Geist der Menschen wehrte sich dagegen, als ob ein wichtiger Teil des Puzzles fehlen würde. So haben die Maschinen eine realistischere virtuelle Welt für die „schlafenden“ Menschen geschaffen, in der auch das Böse existierte – und sie wurde akzeptiert, als ob sie wüssten, dass eine Welt ohne das Böse einfach nicht „richtig“ wäre…

        Ich denke, was du dort ansprichst, mit dem Überwinden des Willens zum Ich, das ist doch recht ähnlich dem, was ich schonmal irgendwo geschrieben habe (in diesem Blog?) – dass ich es manchmal als absolut beruhigend empfinde, eben nichts großes und wichtiges Individuelles zu sein?

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      2. Wenn Du durch Begriffe wie „Gott“ und „Seele“ besser verstehst, was ich meine, habe ich damit kein Problem.

        Was jedoch das Böse in der Welt angeht, damit habe ich sogar ein sehr großes Problem. Wenn ich zum Beispiel Bilder von Tierversuchen sehe, bei denen das furchtbare Leid eines Affen, Hundes, Kaninchens … mir direkt in die Augen springt, wird mir sehr bewußt, was diese Welt ist. Den Gedanken, dass „eine Welt ohne das Böse einfach nicht ´richtig`wäre“, kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht haben die Matrix-Filmemacher nicht selbst genügend Leid in ihrem Leben erfahren, um auf solche Gedanken zu kommen. Welchen Sinn soll im obigen Beispiel das Leid und die Qual für die Versuchstiere haben? Ich glaube, wir müssen uns auch bei diesen Fragen von unserem anthropozentrischen Denken lösen und das Leid nicht nur auf Menschen beschränkt sehen.

        Wenn Du es „manchmal als absolut beruhigend“ empfindest, „eben nichts großes und wichtiges Individuelles zu sein“, dann wirst Du vielleicht ahnen, wo das „Happy End“ bei Schopenhauer (und nicht nur in seiner Philosophie) zu finden ist. Wahrscheinlich suchen die meisten Menschen ihr Glück in der Gegenrichtung, im möglichst großen ICH. Sie möchten die GRÖSSTEN sein und blasen sich auf, aber irgendwann platzt der Luftballon. Ob sie dann etwas gelernt haben?

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      3. Auch ich kann den Sinn im Bösen oder den Gedanken dass „eine Welt ohne das Böse einfach nicht ‚richtig‘ wäre“, nicht nachvollziehen. Dass WIR es nicht verstehen, heißt aber nicht, dass es nicht vielleicht doch so sein mag. Ob es nun um Leid geht, dass einen Menschen zu Unrecht trifft oder ein Tier, darum geht es mir gar nicht. Es geht um alles, was in unseren Augen schlecht ist auf dieser Welt, das aber vielleicht doch einen Sinn hat, der uns, solang wir hier in einem menschlichen Geist „gefangen“ sind, vielleicht entgeht.

        Manche lernen durch ein Zerplatzen des Luftballons vielleicht etwas. Es gibt allerdings auch so unverbesserliche Individuen (ich kenne mehrere), die selbst dann die „Schuld“ (den Grund) für das misslungene Leben nicht im eigenen Verhalten, in der eigenene Einstellung suchen, sondern es immer noch auf andere oder „die widrigen Umstände“ schieben.

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  2. Schopenhauers Vorstellung von dem, was er mit dem Wort „Wille“ bezeichnet, hat mit dem, was in der gewöhnlichen Umgangssprache mit der Verwendung der Wörter wollen, das Wollen & der Wille üblicherweise zum Ausdruck zu bringen versucht wird, kaum mehr als einige Buchstaben gemeinsam. Zu allem Überfluss werden im Alltag schon diese Ausdrücke unterschiedlich verwendet – je nach Sprachniveau, wie ich hier mal kurz dargestellt habe.

    Dabei habe ich auch darauf hingewiesen, dass der Begriff „Lebenswille“ wieder etwas etwas anderes meint, nämlich die Tatsache, dass Lebewesen schlicht aktiv sind und sein müssen, um sich am Leben zu halten. (Dazu erscheint mir der Ausdruck „Lebensregungen“ recht passend wie der Spruch „Leben heisst sich regen“. )

    Mit dieser biologischen Grundtatsache hat wiederum das, was wir gewöhnlich mit „Willensfreiheit“ meinen, rein gar nichts zu tun. Hier geht es um selbstbestimmtes Handeln, zu dem man sich zuvor auf irgendeine Weise bewusst entschlossen hat.

    Wie eine Willensbildung im Einzelnen erfolgt und welche Einzelheiten dabei alles eine Rolle spielen, ist Forschungsgegenstand der Willens- oder Volitionspsychologie; in aller Kürze habe ich das im ersten Text hier mal skizziert (und in zwei weiteren Texten, dem 5.+9. dort etwas weiter ausgeführt).

    Nach meiner Erfahrung ist von all dem leider viel zu wenig bekannt – und wird davon bei Diskussionen über unsere Willensfreiheit noch weniger berücksichtigt.

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    1. Ihren Kommentar mit den erläuternden Webseiten habe ich mit Interesse gelesen. Hiernach habe ich den Eindruck, dass sich Ihre Auffassung von Wille und Willensfreiheit bereits vom Ausgangspunkt her fundamental von der Schopenhauers unterscheidet:

      Obgleich der von Schopenhauer verwendete Begriff „Wille“ im Hinblick auf das gleiche Wort in der Umgangssprache missverstanden werden kann, bedeutet das m. E. noch nicht, dass „Wille“ im Schopenhauerschen Sinne einerseits und in der umgangssprachlichen Verwendung andererseits „kaum mehr als einige Buchstaben gemeinsam“ haben. Schopenhauer war sich der Problematik sehr bewusst, als er dem Kantschen „Ding an sich“ die Bezeichnung „Wille“ gab. Für Schopenhauer war das „Ding an sich“, welches nach Kant unerkennbar ist, ein metaphysischer (!) Wille, der im „Willen zum Leben“ am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Letzterer ist demnach nicht metaphysisch, sondern lediglich eine individuelle Erscheinungsform des metaphysischen Willens. Somit ist dieser individuelle „Wille“ als Manifestation eines metaphysischen „Willens“ nicht frei. (Weiteres s. b. hier.)

      Ihre Argumentation bewegt sich, soweit ich diese verstanden habe, ausschließlich auf der materialistischen Ebene. Ich glaube nicht, dass sich metaphysische Aussagen mit naturwissenschaftlichen Methoden widerlegen lassen. Abgesehen davon wird, wie Ihnen ja bekannt ist, gerade auch von Vertretern der modernen Hirnforschung (u. a. Roth, Singer) die vermeintliche Willensfreiheit in Frage gestellt. Ich werte das nicht als Beweis für fehlende Willensfreiheit, sondern lediglich als einen interessanten Hinweis.

      Im übrigen halte ich es nicht für möglich, dass man eine lebendige Ganzheit durch analytische Methoden vollständig verstehen und erklären kann. Es bleibt ein Rest, und dieser ist wohl entscheidend. Das gilt auch , wie ich meine, für die Frage, worauf der menschliche Wille letztlich gegründet ist.

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  3. „Wenn Du durch Begriffe wie „Gott“ und „Seele“ besser verstehst, was ich meine, habe ich damit kein Problem. “ – Hab die Kommentare SemiÜberflogen, ich Lobe den Autoren hierfür feierlich,

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