Schopenhauer über Stallfütterung und Wiederkäuer

Arthur Schopenhauer war nicht nur Philosoph, sondern, was vielleicht noch mehr zu seiner späteren Berühmtheit beitrug, auch Schriftsteller mit Witz und dementsprechend großem Unterhaltungswert.  Als Philosophiedozent an der Berliner Universität gescheitert und ganz im Schatten des von ihm zutiefst abgelehnten Philosophieprofessors Hegel stehend, machte Schopenhauer den in der Öffentlichkeit sonst hoch geachteten Stand der Philosophieprofessoren zum Ziel beißender Kritik:

Die Philosophieprofessoren hatten von alters her ihren speziellen Beruf darin erkannt, das Dasein und die Eigenschaften Gottes darzulegen und ihn zum Hauptgegenstand ihres Philosophierens zu machen. Daher, wenn die Schrift lehrt, daß Gott die Raben auf dem Felde ernährt, ich hinzusetzen muß: und die Philosophieprofessoren auf ihren Kathedern. Ja, sogar noch heutigen Tages versichern sie ganz dreist, das Absolutum (bekanntlich der neumodische Titel für den lieben Gott) und dessen Verhältnis zur Welt sei das eigentliche Thema der Philosophie, und dieses näher zu bestimmen, auszumachen und durchzuphantasieren sind sie nach wie vor beschäftigt…

Im ganzen genommen, ist die Stallfütterung der Professoren am geeignetesten für die Wiederkäuer. Hingegen die, welche aus den Händen der Natur die eigene Beute empfangen, befinden sich besser im Freien.  Vielleicht haben solche Äußerungen Schopenhauers mit dazu beigetragen, dass er erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt von den Berufsphilosophen an den Universitäten wahrgenommen wurde. Auch heute noch ist Schopenhauer kein Lieblingsthema in Vorlesungen und Seminaren deutscher Universitäten.

Was Schopenhauer über Professoren der Philosophie schrieb, gilt das nicht auch für die der Theologie? „Theologie“ heißt ja wörtlich „Lehre von Gott“.  Was wissen diese Theologieprofessoren wirklich von Gott? Meiner Meinung nach nichts. Sie können es nicht wissen, wie der von Schopenhauer hoch verehrte Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft “ nachwies. Das theoretische Dozieren über theologische Schriften, was kann es mehr sein als „Stallfütterung für Wiederkäuer“?
hb

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Zu Schopenhauer : Buddhistische Weisheit

Gestern hatte ich wieder einen Rat von Arthur Schopenhauer befolgt, nämlich mich in buddhistische Schriften vertieft. So griff ich, wie so häufig, zum „Pfad zur Erleuchtung“, einer Sammlung von buddhistischen Grundlagen-Texten, die von Helmuth von Glasenapp übersetzt wurden. Die Texte dort enthalten zahlreiche Gleichnisse, die sehr lebensnah und daher auch verständlich den Geist der buddhistischen Lehre vermitteln. So zum Beispiel dieses:

Einstmals gab es einen  König, der seinem Diener gebot: „Lasse alle Blindgeborenen der Stadt an einem Orte zusammenkommen.“ Als das geschehen war, ließ er den Blindgeborenen einen Elefanten vorführen: die einen ließ er den Kopf betasten, mit den Worten: „So ist ein Elefant“ , andere das Ohr oder den Stoßzahn, den Rüssel, den Rumpf, den Fuß, das Hinterteil… Dann fragte er: „Wie ist der Elefant beschaffen?“ Da sagten die, welche den Kopf betastet hatten, „Er ist wie ein Topf“,  die das Ohr betastet hatten, „wie ein geflochtener Korb zum Schwingen des Getreides“, die den Stoßzahn betastet hatten, „wie eine Pflugschar“, die den Rüssel betastet hatten, „wie eine Pflugstange“, die den Rumpf betastet hatten, „wie ein Speicher“, die den Fuß betastet hatten,“wie ein Pfeiler“, die das Hinterteil betastet hatten,  „wie ein Mörser“…  Und mit dem Rufe: „Der Elefant ist so und nicht so“, schlugen sie sich gegenseitig mit den Fäusten zum Ergötzen des Königs.

Stets streiten sich Brahmanen und Asketen, Die diese, jene Lehrmeinung vertreten,   Sie bleiben unbeirrt auf einem Standpunkt stehn, Weil sie nur einen Teil der Wahrheit sehn.

Der obige, von Glasenapp übersetzte Text ist mehr als zwei Jahrtausende alt, aber dennoch aktuell, weil sich im Grunde an der Einbildung des Menschen, an seiner Selbstüberschätzung, nichts wesentliches geändert hat.  Was wir wissen, sind bestenfalls Teilwahrheiten. Um die  Wahrheit als Ganzes zu erkennen, müssten wir wohl selbst zum Ganzen werden, das heißt, die Grenzen unseres vermeintlichen „Ichs“  oder, um mit Arthur Schopenhauer zu sprechen, das „principium individuationis“ überwinden.  Wem ist das schon möglich? Wahrscheinlich dem Erleuchteten. Aber auch wenn dieser die Wahrheit als Ganzes erkannt hat, wird er sie uns wohl nur als Teilwahrheiten näher bringen können. 

 Übrigens: Um etwas zu erkennen, muss man zuerst sehen können, denn zunächst sind wir Blindgeborene. Der buddhistische Pfad zur Erleuchtung ist der Weg aus unserer geistigen Blindheit.  hb

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Wilhelm Busch und Arthur Schopenhauer

Wer Wilhelm Busch liest, wird vieles entdecken, das – oftmals humoristisch verpackt – in seinem Kern an Arthur Schopenhauer erinnert. Das ist kein Zufall, denn Busch schrieb, dass er sich „mit Leidenschaft und Ausdauer in den Schopenhauer“  vertieft hätte. Doch die „Begeisterung “ hätte dann  „etwas nachgelassen“. So verglich er Schopenhauers Philosophie mit einem Schlüssel. Dieser Schlüssel schien  ihm „wohl zu mancherlei Türen zu passen, in dem verwunschenen Schloß dieser Welt, nur nicht zur Ausgangstür „. Busch machte sich zwar die Ansicht Schopenhauers von der unheilbringenden Gewalt des Lebenswillens, der das ganze  Dasein kennzeichnet, zu eigen, nicht jedoch die andere Seite von Schopenhauers Lehre, nämlich deren Erlösungsgedanken. Da Wilhelm Busch den überaus positiven Kern der Philosophie Schopenhauers, die den indischen Weisheitslehren nahe stehende  Erlösungsmystik,  nicht übernahm, blieb er trotz aller Humoristik letztlich im Pessimismus stecken. Dennoch  sind  die Werke von Wilhelm Busch durchaus auch im Hinblick auf Schopenhauer lesenswert, denn viele Gedanken dort führen zu Arthur Schopenhauer.  Ein Beispiel hierfür könnte  etwa das folgende, zum Nachdenken anregende Gedicht sein:

Bös und Gut

Wie kam ich nur aus jenem Frieden  Ins Weltgetös? Was einst vereint, hat sich geschieden, Und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben, Nun heißt es: Nimm! Ja, ich muß töten, um zu leben, Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke, Die niemals ruht. Sie zieht mich heim zum alten Glücke, Und das ist gut.

hb

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Zu Schopenhauers Philosophie : Dschuang Dsi ( Taoismus )

 Weisheiten des Dschuang Dsi (taoistischer Mystiker, China, 4. Jh. v. u. Ztr).:

Wie kann ich wissen, dass die Liebe zum Leben nicht Betörung ist? Wie kann ich wissen, dass der, der den Tod haßt, nicht jenem Knaben gleicht, der sich verirrt hatte und nicht wusste, dass er auf dem Weg nach Hause war? … Wie kann ich wissen, ob die Toten nicht ihren früheren Kampf ums Dasein bereuen?

…Dschuang Dsi  lag im Sterben, und seine Jünger wollten ihn prächtig bestatten. Dschuang Dsi sprach: Himmel und Erde sind mein Sarg. Sonne und Mond leuchten mir als Totenlampen,   die Sterne sind meine Perlen und Edelsteine,   und die ganze Schöpfung gibt mir das Trauergeleite. So habe ich doch ein prächtiges Begräbnis! Was wollt ihr da noch hinzufügen? Die Jünger sprachen: Wir fürchten, die Krähen möchten den Meister fressen. Dschuang Dsi sprach: Unbeerdigt diene ich Krähen zur Nahrung, beerdigt den Würmern. Den einen es nehmen, um es den anderen zu geben: warum so parteiisch sein?

Die obigen Zitate sind Übersetzungen von Richard Wilhelm („Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“). Dazu schrieb Wilhelm über Dschuang Dsi: “ Er ist ein Glied in der großen Kette, die im westlichen Denken durch die Namen Heraklit, Bruno, Spinoza, Goethe, Schelling, Schopenhauer, Schleiermacher bezeichnet wird. Aber seine eigentliche Bedeutung beruht nicht allein darauf, dass er eine Weltanschauung vermittelt – im Gegenteil, er will gerade die Weltanschauungen zur Ruhe bringen – sondern darin, dass er zu dem zentralen Erlebnis führen will, das jenseits des Denkens  liegt und von der Wissenschaft nur unvollkommen erfasst wird. Das ist die Ruhe im SINN… Dieses Erlebnis kann nur andeutungsweise umgrenzt werden; jeder begriffliche Ausdruck zerbricht notwendig bei der Anwendung selbst. Auch der SINN oder das TAO ist nur eine derartige Notbrücke –  Ausdruck für Unausdrückbares -, denn dieses Erlebnis ist eben reine Innerlichkeit.“

Dschuang Dsi (chines.  Chuang-tzu) gilt neben Lao Tse als Begründer des philosophischen Taoismus, einer Weisheitslehre, die zu eine der Quellen des späteren ZEN – Buddhismus wurde.  Wenn ich  Dschuang Dsi lese, kommt immer wieder Arthur Schopenhauer in den Sinn, immer wieder begegnen mir dann Gedanken, die ich von Schopenhauer kenne, wenngleich in anderer Verkleidung.  Dschuang Dsi und Schopenhauer trennen zwar  Jahrtausende und völlig unterschiedliche Kulturen, aber dennoch sind sie, jedenfalls nach meinem Verständnis, Geistesverwandte. Es ist wohl die Mystik, die – egal, wann, wo und wie sie zum Ausdruck kommt –  über trennende Worte hinweg zutiefst verbindet. hb

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Buddhistisches zu Schopenhauer : Meister Sosan

Meister Sosan (3. Patriarch des ZEN – Buddhismus in China, um 600 u. Ztr.):

Das Eine selbst ist alle Dinge, Und alle Dinge selbst sind eins. … Ist der Geist Nicht den Unterscheidungen unterworfen, Werden alle Daseinsformen des Kosmos EINHEIT. … Wenn unser Geist die Ruhe findet, Verschwindet er von selbst.
hb

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Buddhistisches zu Schopenhauers Philosophie : Milarepa

Milarepa (1052-1135, Heiliger des tibetischen Buddhismus ) : 

Das Leben vor dem Tode, Das Leben nach dem Tode Und den Tod selbst – Schaue alle drei als Eines Und halte fest daran; Alle drei sind ein einziger Ununterbrochener Pfad des Lebens, Der Wechsel und Vergehen unterworfen ist.
hb

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Weisheiten zu Schopenhauers Philosophie : Buddha – Zitat

BUDDHA : Wahrlich, ich sage euch: Ohne das Ende der Welt erreicht zu haben, ist dem Leiden kein Ende zu machen. Das aber verkünde ich: In diesem sechs Fuß hohen, mit Wahrnehmung und Bewußtsein versehenen Körper, da ist die Welt enthalten, ihr Entstehen und Vergehen, wie auch der zu der Welt Ende führende Pfad.
(Lehrreden des Buddha , Anguttara-Nikaya)
hb

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