Arthur Schopenhauer : Pessimismus als Lebensphilosophie ?

Positiv denken!  – so lautet der heute übliche Standardratschlag für Menschen, die niedergeschlagen oder sogar verzweifelt sind. Kann ein solcher Rat wirklich Menschen helfen, die sich durch unheilbare Krankheiten oder andere nicht änderbare Umstände in ausweglosen Situationen befinden? Abgesehen davon, dass oft diejenigen, die derartige Ratschläge geben, selbst nicht in solcher Lage sind, glaube ich nicht, dass man mit oberflächlichem Optimismus tatsächlich auf Dauer wirksam helfen  kann. Meine persönlichen Erfahrungen sprechen eindeutig dagegen!

Wie sind da die Erfahrungen anderer Menschen?  Mit besonderem Interesse habe ich daher Berichte von Menschen zur Kenntnis genommen, denen Schopenhauers Lebensphilosophie nachhaltig geholfen hatte. Das klingt unglaublich, denn gerade Arthur Schopenhauer gilt als Philosoph des Pessimismus.

Geht man der Sache auf den Grund, wird jedoch verständlich, warum Schopenhauers vermeintlich pessimistische Lebensphilosophie durchaus hilfreich sein kann.:

Pessimismus ist (laut „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, hrsg. von J. Hoffmeister, 2. Aufl.) die Ansicht, nach der Leben und Welt vom Schlechten und Bösen beherrscht werden. Sie kann eine in körperlichen und seelischen Störungen und Mängeln wurzelnde Stimmung sein …, sie kann sich aber auch zur philosophischen Lehre verhärten… Der Pessimismus bildet den Grundzug aller Erlösungsreligionen, besonders des Buddhismus, tritt in der griechischen Orphik, Mystik und Schicksalstragödie hervor, verbindet sich mit Motiven Des Alten Testaments  … im Christentum … (Welt als „Jammertal“) und wird von einzelnen Gnostikern , z. B. besonders von Marcion, für den „diese“ Welt keine Schöpfung Gottes, sondern die des Teufels ist, besonders scharf ausgeprägt. Eine allseitige Begründung des Pessimismus gab Schopenhauer. Er bezeichnete den Optimismus (im Zusammenhang mit Leibnitz und Hegel) als eine „ruchlose Denkungsart“, indem er sich darauf berief, dass sich in dieser Welt alle lebendigen Wesen nur dadurch erhalten könnten, dass sie sich gegenseitig auffressen.

Bereits der Buddha hatte mehr als 2000 Jahre vor Schopenhauer erkannt, dass  Welt und Leid untrennbar miteinander verbunden sind und dieses solange wir noch in dieser Welt sind, nicht aufgehoben werden kann:

Wahrlich ich sage euch: Ohne das Ende der Welt erreicht zu haben, ist dem Leiden kein Ende zu machen. Das aber verkünde ich: In diesem sechs Fuß hohen, mit Wahrnehmung und Bewußtsein versehenen Körper, da ist die Welt enthalten, ihr Entstehen und Vergehen, wie auch der zu der Welt Ende führende Pfad.

Aus dieser Aussage des Buddha wird deutlich, dass hier zunächst eine pessimistische Weltsicht zu Grunde liegt. Der vom Buddha gelehrte „Pfad“, der aus dieser Welt des Leides hinausführt, also die buddhistische Lebensphilosophie, ist jedoch überaus optimistisch, denn er verheißt das Ende allen Leides. Die Philosophie Schopenhauers ist wie die des Buddha, und zwar mit erstaunlicher Übereinstimmung, zutiefst eine Erlösungslehre. Sie geht zunächst von einer pessimistischen Weltauffassung aus, endet dann aber mit der begründeten Aussicht, aus dieser Welt des Leides erlöst zu werden.

So bietet Schopenhauers Lebensphilosophie allen denen Trost, welche die Welt sehen, wie sie ist, nämlich leidvoll, und sich dabei nicht durch einen oberfächlichen Optimismusglauben betäuben lassen. Ist nicht eine zunächst pessimistisch erscheinende Lebensphilosophie, die über dieses leidvolle Leben hinausblickt  und den Erlösungsgedanken  beinhaltet,  letztlich positives Denken? In diesem Sinne ist für mich Arthur Schopenhauer Optimist und wahrer Lebenshelfer.
hb

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14 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer : Pessimismus als Lebensphilosophie ?

  1. „Kann ein solcher Rat wirklich Menschen helfen, die sich durch unheilbare Krankheiten oder andere nicht änderbare Umstände in ausweglosen Situationen befinden?“

    Randy Pausch zum Beispiel, über den ich erst in meinem Blog geschrieben habe, beweist, dass eine positive Denkweise im Angesicht des Todes nicht nur machbar, sondern auch hilfreich ist. Und sicherlich gibt es noch viele Menschen mehr, die es schaffen, auch in ausweglosen Situationen ihren Trost darin finden, optimistisch zu sein. Selbstverständlich hilft oberflächlicher, also aufgesetzter, unechter Optimismus nicht (höchstens den Angehörigen), aber wahren Optimismus (oder zumindest eine weniger pessimistische Einstellung) kann man erlernen, sich „antrainieren“.

    Alles in allem halte ich absolut nichts von dieser Vorstellung der Welt als einem großen Jammertal. Und das werde ich auch hoffentlich nie tun…

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    1. Randy Pausch ist ein Beispiel, das man nicht verallgemeinern sollte. Schön, wenn man sich daran aufrichten kann. Ob dieses Vorbild wirklich hilfreich ist, kann man erst beurteilen, wenn man sich selbst in solcher Situation befindet. Auch habe ich erhebliche Zweifel, ob man „wahren“(?) Optimismus sich „antrainieren“ kann. Die Vorausetzung dafür, nämlich vor dem nicht endenden Elend in dieser Welt fest die Augen zu verschließen, kann nicht jeder erfüllen. Manchem ist es einfach nicht möglich, dass Mitleid wegzutrainieren und so die Welt positiver zu sehen. Das ist auch gut so, denn die Welt wäre sonst noch egoistischer als sie es ohnehin schon ist.

      Wenn Du „absolut“ nichts von der Vorstellung hältst, dass die Welt ein großes Jammertal sei, so hoffe ich mit Dir, dass Dich das Leben nicht doch noch dazu bringen wird, Deine Meinung zu ändern.

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      1. Man kann das Unterbewusstsein durch ständige Wiederholungen im bewussten Denken und Handeln beeinflussen. Wenn ich also ganz bewusst immer wieder entscheide, dass ich die momentane Situation jetzt positiv sehen will, dann wird sich irgendwann auch das Unterbewusstsein an diese „Spielregeln“ gewöhnen.
        (Ich kann das jetzt allerdings auch nur als „hab ich mal gelesen“ weitergeben, persönlich habe ich diese Erfahrung noch nicht gemacht, dazu war ich bis jetzt immer zu faul und inkonsequent. 😉 )
        Wahrer Optimismus ist halt der, den man von ganzem Herzen fühlt und nicht ein aufgesetzter. Sprich: Aufgesetzter = bewusster, wahrer = bewusster&unbewusster Optimismus.

        Und man muss doch nicht seine Augen vor dem Elend der Welt verschließen, um optimistisch zu sein! Im Gegenteil, gerade wenn man das Elend in der Welt betrachtet, sollte man seinen Optimismus doch bewahren, um nicht in Agonie zu verfallen! Ich finde schon, dass man zugleich tiefstes Mitleid haben kann und dennoch mit Optimismus weiter nach vorn gehen kann, um genau daran etwas zu ändern, denn Mitleid zu haben, bedeutet vor allem: Das Leid erkannt haben! Das wichtige ist, sein kleines Flämmchen nicht ausgehen zu lassen, auch wenn es vom Wind gebeutelt wird. Als kleines Rädchen im großen Getriebe ist die eigene Wirkung vielleicht nicht die weltbewegende und vielleicht auch zu Lebzeiten nicht spürbar, aber das heißt nicht, dass unser Handeln tatsächlich für alle Ewigkeit wirkungslos sein wird. Und wenn das auch bedeutet, dass wir selbst rein gar nichts davon mitbekommen werden, so müssen wir dennoch unseren Optimismus bewahren, um die Welt längerfristig zu einer besseren zu machen. Große Veränderungen brauchen nunmal oft mehr als ein Lebensalter Vorbereitung… (Sorry, dass ich hier von Alliteration zu Alliteration springe, es war ein langer Tag 😉 )

        Noch kurz zu Randy Pausch: Ich finde es wäre absolut wünschenswert sein Beispiel zu verallgemeinern. Dass es nicht bei jedem klappt, ist klar. Wer sich sein Leben lang in Pessimismus geübt hat, wird das auch in seinen schwersten Stunden nicht ablegen können. Aber ich halte seine Art zu denken grundsätzlich für die beste.

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      2. Es ist hier die Frage, was primär ist, das Unbewusste oder Bewusste. So kann es ja sein, dass das Unbewusste in mir entscheidet, wie ich eine momentane Situation sehe. Irrtümlicherweise glaube ich dann, weil das Unbewusste nicht erkennbar ist, dass ich mich bewusst entschieden habe, dabei war die Entscheidung bereits im Unbewussten gefallen. Es ist somit nicht auszuschliessen, dass das Unbewusste immer wieder eine bestimmte Entscheidung trifft, worauf sich das Bewusstsein nach und nach an diese „Spielregeln“ gewöhnt.

        „Wahrer“ Optimismus ist der, den man „von ganzem Herzen fühlt“. Darin stimme ich Dir zu. Deiner Gleichung, die Du anschließend zur Erklärung aufstellst, kann ich aber nicht folgen, weil sie mir widersprüchlich erscheint, denn so sind Deine Aussagen:
        1. „wahr“ = „nicht aufgesetzt“.
        2. „aufgesetzt“ = „bewusst“
        3. „wahr“ = „bewusst“ und „unbewusst“.
        Wenn ich Deine Aussagen 1. und 2. auf Deine Aussage 3. übertrage, folgere ich: „wahr“ = „aufgesetzt“ (weil= „bewusst“) und „unbewusst“, was im Widerspruch zur Aussage 1. steht, denn nach ihr ist „wahr“ = „nicht aufgesetzt“.

        Ich hoffe, dass ich Dich mit solchen logischen Erörterungen nicht langweile, aber es geht hier um eine sehr wichtige Lebensfrage, nämlich ob man optimistisches Denken und das, was „man von ganzem Herzen fühlt“, bewusst, gleichsam durch Selbstkonditionierung, herbeiführen kann.

        Im übrigen stimme ich Dir zu, dass man seinen Optimismus bewahren sollte, und es absolut „wünschenswert“ wäre, das Beispiel zu Randy Pausch zu verallgemeinern. Im Leben geht es aber leider nicht danach, was wir „sollten“ und für „wünschenswert“ halten, sondern nach dem, was wir „können“ und was überhaupt möglich ist. Damit Du mich nicht falsch verstehst: Bei meiner Tierschutzarbeit hatte ich zuweilen den Eindruck, mit einer Gabel das Meer auszuschöpfen. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass es getan werden muss. Ja: das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt. Ich glaube, wir sind uns darin einig! 😉

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      3. Ich weiß jetzt nicht, wer hier nen Denkfehler macht, aber ich versuch jetzt einfach nochmal zu erklären, was ich mein. 🙂

        Wahrer Optimismus = nicht aufgesetzt. (Also einer, den wir nicht nur bewusst nach außen hin zeigen, obwohl wir innerlich nicht daran glauben können, z.B. um unser Umfeld zu beruhigen oder ähnliches.)

        Aufgesetzter Optimismus = NUR bewusst. (Also genau das Gegenteil von dem, was ich in der letzten Klammer geschrieben habe: Man handelt entsprechend, aber fühlt ihn nicht wirklich in sich.)

        Wahrer Optimismus = bewusst UND unbewusst (Also: Wir handeln ganz bewusst entsprechend, aber das von ganzem Herzen, weil wir es auch tief in uns drin so empfinden)

        Auch mathematisch gesehen ist da meiner Meinung nach kein Fehler drin. Zumindest wenn man Voraussetzt, dass „nicht aufgesetzt“ = („aufgesetzt“ + „unbewusst“).

        *kopfkratz* Ich war leider nie der „Mathe-Crack“…

        Jetzt hast du dir aber, glaube ich, selbst widersprochen. Es kommt meiner Meinung nach eben schon darauf an, was „sein sollte“ oder „wünschenswert“ ist, denn das ist doch genau der Hintergrund z.B. hinter der Tierschutzarbeit. Wir WÜNSCHEN uns, dass die Situation sich grundlegend bessern SOLLTE – also tun wir etwas entsprechendes, selbst wenn es die Gabel zum Wasserschöpfen zu sein scheint. Auch wenn es also in der momentanen Situation/ Lage unmöglich erscheint eine Veränderung bewirken zu können, die Grundlage unseres Handelns ist immer ein Wunsch, also etwas „wünschenswertes“.
        (Und niemand kann 100%ig sicher sagen, was unmöglich ist. Laut physikalischen Gesetzen kann eine Hummel nicht fliegen. Tut sie aber trotzdem.)

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      4. Ich meine, wir müssen hier wirklich keine Mathe-Aufgaben lösen, zumal ich – gerade nach Deinem letzten Kommentar – den Eindruck habe, dass unsere Ansichten nicht sehr weit auseinander liegen! Mir ist nun einiges klarer geworden, was Du meinst. Jedenfalls sind Deine Kommentare für mich eine ziemliche Herausforderung. Aber das ist auch gut so, weil es mich veranlasst, manches, was ich für selbstverständlich hielt, nochmals zu hinterfragen und evtl. zu korrigieren. Also: Vielen Dank! 😉

        Nun zum letzten Absatz: Meine Meinung dazu möchte ich versuchen, an einem Beispiel, wie es sehr oft im Leben vorkommt, zu erläutern:

        Bei der Wahl eines Lebenspartners kann das Lebensglück davon abhängen, den betreffenden Menschen möglichst so zu sehen, wie er wirklich ist und nicht wie man ihn gern hätte. Liebe macht bekanntlich blind, so dass der Wunsch für Realität gehalten wird. Viel Enttäuschung, Kummer und Leid können dann die Folge sein…

        Auch beim Tierschutz muss ich zunächst die (bittere) Realität zur Kenntnis nehmen und erst danach kann in mir der Wunsch entstehen, diese zu ändern. Ist dieser Wunsch entstanden, ergibt sich für mich die Frage, ob und wie ich diese Realität ändern kann. Jedoch auch dabei muss ich die Realität möglichst realistisch sehen. So habe ich mehrere traurige Beispiele erlebt, wo tierliebe Menschen private Tierheime unterhielten. In ihrem Wunsch, Tieren zu helfen, hatten sie ihre gesundheitlichen, finanziellen usw. Möglichkeiten unrealistisch eingeschätzt. Das Ende war …

        Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich habe auch ich Wünsche, Ziele, Ideale. Dabei versuche ich, die Welt so zu sehen, wie sie ist, ohne jedoch meine Ideale aufzugeben. Eine vegane Welt gehört zu meinen Idealen, aber ich kann dennoch nicht übersehen, dass die Welt ganz anders ist. Zum Beispiel veröffentlicht der Vegetarierbund, wo ich seit mehreren Jahrzehnten Mitglied bin, sehr erfreuliche Zahlen über den hohen und stetig wachsenden Anteil von Vegetariern in der Welt. Wenn ich hingegen die Realität sehe, so erscheint mir das als Wunschdenken, als „aufgesetzter Optimismus“, und zwar für einen guten Zweck.

        Kann tatsächlich „niemand 100%ig sicher sagen, was unmöglich ist“? Ist nicht „ewiges Leben“ (womit ich nicht das Jenseits meine) unmöglich? Der Tod ist totsicher! Dieser Festellung wirst Du kaum widersprechen – oder?

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      5. Glaub mir, meine Kommentare sind auch für mich selbst eine Herausforderung, so tief über derartige Dinge habe ich noch nie zuvor gegrübelt… Hätte ich mir gar nicht zugetraut. 😉

        Wenn ich mir so überlege, was der Mensch alles nur wahrnehmen kann, weil er entsprechende Apparate erfunden hat (UV-Wellen z.B.), das aber trotzdem schon die ganze Zeit da war, stellt sich mir die Frage, was es da sonst noch so alles geben könnte, was wir (noch) nicht sehen können, dessen Existenz wir noch nicht einmal erahnen. Wir wissen nicht, ob und was da noch ist. Wir wissen so wenig und unsere Sinne täuschen uns und enthalten uns Tatsachen vor, von denen wir dennoch zu wissen meinen, dass sie existieren. Und dann kommt vielleicht bald die nächste Maschine, die uns zeigt, wie falsch wir mit dem, was wir durch die erste erfahren haben von dem, was wir nicht sehen können, eigentlich lagen.
        Was ich damit sagen will: Unsere Sinne, unsere Wahrnehmung halte ich für absolut trügerisch. Nur sind die Tatsachen, die wir hier für uns so festlegen, auf dem, was wir wahrnehmen basierend. (Also ziemlich auf Sand gebaut, würde ich meinen)
        Ich glaube deswegen nicht, dass wir IRGENDETWAS für 100%ig sicher wahr halten können. Auch nicht den Tod.
        Klar, wir beobachten es, dass es so ist, dass Lebewesen altern und irgendwann sterben, aber ob es deswegen, weil es schon millionen Male passiert ist, auch IMMER passieren muss, das können wir nicht belegen.
        Aber natürlich gehe ich davon aus, dass ich auch mal sterben werde. Nur totsicher ist das meiner Meinung nach nicht.

        Wo waren wir zuvor? Wünsche und Träume vs. Realität. Deswegen, weil in meinen Augen nichts wirklich sicher ist, auch nicht die Realität, wie wir sie kennen, nehme ich sie auch nicht zwingend als Maßstab. Vermutlich sollte man schon, da hast du Recht und ich stimme dir auch eigentlich darin zu, aus rein logisch-praktischen Gründen realistisch bleiben, aber andererseits gilt halt auch der Satz „the sky is the limit“. Und daher gehe ich davon aus, dass auch vielleicht unrealistisch erscheinende Ziele/Träume/Wünsche durchaus realistisch sein können, auch wenn wir persönlich es nicht erkennen und uns in Verzweiflung und Pessimismus vergraben.

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      6. Es ist doch sehr ermutigend, wenn man an sich Fähigkeiten entdecken kann, die man sich vorher gar nicht zugetraut hätte! Auch das gehört zur Selbstfindung.

        Wenn man versucht, den Dingen tiefer auf den Grund zu gehen, stößt man schnell an Grenzen. Das Grübeln hilft dann zunächst nicht weiter. Jedenfalls sind das meine Erfahrungen. Ich schalte dann ab, gehe möglichst in die hiesigen Parkanlagen, beobachte das Spielen der Hunde, der Vögel … Plötzlich, wie von selbst, kommen dann irgendwann hilfreiche Gedanken und Ideen. Ich muss sie dann noch ordnen und – falls ich sie anderen mitteilen möchte – formulieren.

        Mit der Formulierung ist es aber nicht so einfach, denn je tiefer die Gedanken sind, desto schwerer wird es, die richtigen Wörter und Begriffe für sie zu finden. Jeder Begriff ist ja schon eine Abstraktion, ein Herausschneiden aus einem lebendigen Geschehen. Da es aber Menschen gibt, die ähnlich denken und empfinden, ist dennoch eine Verständigung zwischen ihnen möglich. Manchmal hatte ich sogar das Glück, auf „geborene Schopenhauerianer“ zu stoßen, sie wußten es nur nicht, ja zuweilen war ihnen der Name „Schopenhauer“ noch unbekannt. So kam ich immer mehr zu der Überzeugung, dass für das Verständnis Schopenhauers nicht ein Philosophiestudium, sondern die persönliche Veranlagung entscheidend ist.

        Den zweiten Absatz Deines Kommentars habe ich mit großem Erstaunen gelesen: Deine Ausführungen treffen ziemlich genau nicht nur meine Auffassung, sondern auch ein zentrales Problem von Schopenhauers Erkenntnislehre. Wegen der Bedeutung dieses Themas hatte ich kurz bevor ich Deinen Kommentar las, mir schon überlegt, darauf in einem besonderen Eintrag etwas näher einzugehen. Dein Kommentar bestärkt mich in diesem Vorhaben. Deshalb hier nur so viel: Unsere Wahnehmung ist trügerisch. Diese Tatsache hat, wenn man über sie tiefer nachdenkt, sehr erhebliche Konsequenzen …

        Auch wenn wir nicht 100%ig sicher sein können, dass unsere Erkenntnisse richtig sind, müssen wir sie wenigstens für hinreichend sicher halten: Das auf die Nacht sehr sehr wahrscheinlich ein neuer Tag folgt, lehrt uns die Erfahrung. Davon können und müssen wir ausgehen, denn diese Annahme ist nahezu 100%ig sicher! Wir müssen auch Brücken überqueren, die nicht absolut, sondern nur relativ sicher sind.

        Mit „Realität“ meine ich nicht, wie diese „an sich“ ist, sondern nur wie sie uns „erscheint“. In dieser ganz wichtigen Einschränkung stimme ich mit Hume, Kant, Schopenhauer (und wohl auch mit Dir!), überein. Obwohl wir das, was wir für „Realität“ halten, unterschiedlich wahrnehmen, sind unsere Wahrnehmungen immerhin so ähnlich, dass eine Verständigung zwischen uns möglich wird. Andernfalls wäre es wie eine Gespräch von Blindgeborenen über die Farbe.

        Ziele/Träume/Wünsche können durchaus realistsich sein, wenn sie bescheiden, also nicht allzu weit von der „Realität“ (im vorhin definierten Sinne) entfernt sind. „The sky is the limit“ – ist ein Spruch, der sich gut anhört, aber wenn ich darüber nachdenke, finde ich in ihm viel Überheblichkeit. Bezogen auf die fast unendlichen Weiten des Kosmos kriechen wir noch am Boden, sind wir noch der Spatz in der Ackerfurche.

        Zu Deinem letzten Satz noch eine unbedingt notwendige Ergänzung: Der Blick auf die „Realität“ kann durchaus dazu führen, sich in Verzweifelung und Pessimismus zu vergraben. Es gibt aber noch einen anderen Blick, und dieser geht weiter und tiefer! Darauf bezieht sich letztlich die Botschaft in Schopenhauers Philosophie und anderen Weisheitslehren, die mir viel Hoffnung und Ermutigung gaben und geben. Vielleicht gelingt es mir, davon auch etwas in diesem Blog zum Ausdruck zu bringen. Ich versuche es jedenfalls und bin insofern auch etwas optimistisch. 😉

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      7. Was du beschreibst, dieses „Abschalten in der Natur“ usw., das beziehe ich einfach mit ein in den Begriff „Grübeln“. Einfach denken. Vom hin-und-her-Jonglieren mit Ideen und Eindrücken, über Abschalten zum Abstand Gewinnen usw., bis hin zum Ausformulieren des Ganzen (was tatsächlich meistens das Schwierigste an der ganzen Sache ist, oh ja… 😉 ).

        Ja, eigentlich ist alles, was wir so rumphilosophieren, eine allerhöchstens „relativ sichere“ Brücke. Vielleicht fühlt es sich deswegen so gut an („No risk, no fun“ 😉 ).

        Aber: Nur weil wir am Boden wie der Spatz in der Ackerfurche sitzen, ist es doch nicht überheblich nach den Sternen zu greifen und das scheinbar unmögliche möglich machen zu wollen? Das kann ich nicht nachvollziehen.

        Und, hat’s weh getan? (Das optimistisch Sein) *ggg*

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      8. Ja, das Ausformulieren ist oft das Schwierigste. Es kann aber auch sehr hilfreich sein, denn beim Suchen nach Worten und Begriffen werden mir zuweilen manche eigenen Gedanken etwas klarer. Allerdings kommt es dann auch vor, dass ich dabei meinen Standpunkt korrigieren muss – aber das ist gut so!

        Das „Rumphilosophieren“ ist für mich die Suche nach einer „relativ sicheren Brücke“, von der ich hoffe, dass sie mich trägt und so vor dem Absturz bewahrt. Habe ich dabei das Gefühl der Sicherheit, dann ist es wirklich ein gutes Gefühl, und zwar mehr als „fun“.

        Vielleicht ist der Ausdruck „Überheblichkeit“ nicht ganz zutreffend. Deshalb will ich versuchen, mich nun etwas verständlicher auszudrücken:

        Wenn ich nach den Sternen greife, was notwendigerweise immer vergeblich sein wird, und, in meiner Ackerfurche sitzend, nicht sehen kann, was ganz in der Nähe (gleich hinter der Furche) möglich ist, versäume ich, das mir Mögliche zu tun. Ich denke da zum Beispiel an die vermeintlichen „Weltverbesserer“, die, große Utopien vor Augen, den Frieden auf Erden erreichen wollen und dabei nicht sehen, wie viel Unfrieden in ihrer nächsten Umgebung herrscht, ja oft tragen sie selbst erheblich zu diesem Unfrieden bei.

        Also, weh hat mir Dein „optimistisch Sein“ wirklich nicht getan! Ich versuche weder Dir noch anderen, den Optimismus ausreden. Im Gegenteil: Ich bin davon überzeugt, dass ein gewisser „gesunder“ Optimismus nötig ist, um – gerade als jüngerer Mensch – das Leben bewältigen zu können. Die Lebensphilosophie Schopenhauers kann eine, wie ich selbst, aber auch viele andere erfahren haben, sehr hilfreich sein, wenn man auf Grund von Lebenserfahrungen nicht mehr diesen Optimismus besitzt und auch nicht in der Lage ist, das Negative in dieser Welt zu verdrängen.

        Im Tierschutz habe ich immer wieder Menschen kennen gelernt, die sich aus Mitleid fast schon aufgeopfert hatten. Mitleid setzt voraus, das Leid anderer wahrzunehmen, es also nicht ganz zu verdrängen. Es gehört wohl auch einiger Mut dazu, gegen dieses Leid anzugehen und dabei zu wissen, dass das Leid in dieser Welt unaufhebbar ist. Aber vielleicht gibt es noch etwas hinter dieser Welt …? Ich bin da, nicht zuletzt Dank Schopenhauers, optimistisch! Es ist jedoch ein anderes „Optimistisch-Sein“, als Du es wahrscheinlich meinst. 😉

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      9. Deine ersten beiden Absätze des letzten Kommentars könnte ich jetzt „nach ein wenig Bedenkzeit“ genau so unterschreiben.

        Vermutlich ist auch an dem, was du über „nach den Sternen greifende Weltverbesserer“ schreibst, was dran. Was mich wohl daran stört, ist diese Endgültigkeit, die du irgendwie dabei ausdrückst. Natürlich darf man nicht gänzlich die Realität aus den Augen verlieren und auch die Augen vor der unmittelbaren Umgebung nicht verschließen. Aber rein grundsätzlich halte ich es – unter dieser Prämisse – für absolut positiv und erstrebenswert, nach den Sternen zu greifen und das schier Unmögliche möglich machen zu wollen oder zumindest für möglich zu halten und seine Vorstellungskraft nicht sterben zu lassen.

        Und vermutlich hast du auch, was die Verschiedenartigkeit des Optimismus angeht, recht. Für jüngere Menschen (wie mich) ist es vermutlich der „aktive“ Optimismus, das „etwas bewirken Wollen“, das wichtig ist. Für ältere Semester (wie dich) ist es eher der optimistische Gedanke daran, dass es besser werden wird, auch wenn man selbst nur ganz passiv darauf „wartet“. Ich glaube, dafür braucht man auch gar nicht unbedingt vom Leben enttäuscht worden zu sein, dieser „passive“ Optimismus, diese tiefe Hoffnung, egal wie man es nennt, kann auch und gerade durch ein erfülltes und glückliches Leben entstehen. Denke ich zumindest – Erfahrungen kann ich da ja noch nicht angeben, bin ja doch noch eher jung. 😉
        Habe ich das jetzt richtig verstanden, welche Art von Optimismus Schopenhauer vermittelt?

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      10. Deine ersten beiden Absätze des letzten Kommentars könnte ich jetzt „nach ein wenig Bedenkzeit“ genau so unterschreiben.

        Vermutlich ist auch an dem, was du über „nach den Sternen greifende Weltverbesserer“ schreibst, was dran. Was mich wohl daran stört, ist diese Endgültigkeit, die du irgendwie dabei ausdrückst. Natürlich darf man nicht gänzlich die Realität aus den Augen verlieren und auch die Augen vor der unmittelbaren Umgebung nicht verschließen. Aber rein grundsätzlich halte ich es – unter dieser Prämisse – für absolut positiv und erstrebenswert, nach den Sternen zu greifen und das schier Unmögliche möglich machen zu wollen oder zumindest für möglich zu halten und seine Vorstellungskraft nicht sterben zu lassen.

        Und vermutlich hast du auch, was die Verschiedenartigkeit des Optimismus angeht, recht. Für jüngere Menschen (wie mich) ist es vermutlich der „aktive“ Optimismus, das „etwas bewirken Wollen“, das wichtig ist. Für ältere Semester (wie dich) ist es eher der optimistische Gedanke daran, dass es besser werden wird, auch wenn man selbst nur ganz passiv darauf „wartet“. Ich glaube, dafür braucht man auch gar nicht unbedingt vom Leben enttäuscht worden zu sein, dieser „passive“ Optimismus, diese tiefe Hoffnung, egal wie man es nennt, kann auch und gerade durch ein erfülltes und glückliches Leben entstehen. Denke ich zumindest – Erfahrungen kann ich da ja noch nicht angeben, bin ja doch noch eher jung. 😉
        Habe ich das jetzt richtig verstanden, welche Art von Optimismus Schopenhauer vermittelt?

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      11. Da haben wir doch schon viel Übereinstimmung erreicht, wenn Du die ersten beiden Absätze meines letzten Kommentars „genau so unterschreiben“ könntest. Das hierzu „ein wenig Bedenkzeit“ nötig war, kann ich gut verstehen. 😉 Nun zu dem, was Dich „stört“:

        „Endgültige“ Aussagen kann ich nicht machen, denn ich glaube nicht, dass ich schon am Ende angekommen bin. Meine Lebenszeit dürfte nicht ausreichen, um zu „endgültigen“ Erkenntnissen zu kommen. Das gilt wohl für alle Menschen, auch für die größten Geister. Trotz dieser Enschränkung halte ich es jedoch für möglich, sich der „letzten“ Wahrheit zu nähern, und zwar nicht über „Wissenschaft“ und begriffliches Denken, sondern über Intuition, meditatives „Schauen“, Erleuchtung oder wie man solche Art der Wahrheitsfindung bezeichnen mag.

        Ich habe mich ziemlich intensiv mit östlichen Weisheitslehren, aber auch mit abendländischer Mystik befasst und fand dabei erstaunlich viel Übereinstimmung mit Schopenhauer. Dieser steht mir am nächsten, weil er in meiner Muttersprache schrieb und ich deshalb keine Übersetzung brauche. Dennoch stoße ich, wenn ich z. B. in diesem Blog schreibe, immer wieder auf erhebliche Schwierigkeiten bei dem Versuch, Schopenhauers und damit auch meine Ansichten allgemeinverständlich widerzugeben. Gerade Deine Kommentare sind dabei für mich Herausforderung und Ermutigung!

        Was „Weltbesserer“ angeht, so habe ich mich dazu in der Geschichte der Religionen und Ideologien umgeschaut und dabei Meere von Blut und Berge von Leichen gefunden, den diese „Weltverbesserer“ hinterlassen haben. Solltest Du Dich mal mit Geschichte näher beschäftigen, wirst Du mich wahrscheinlich noch besser verstehen.

        Ich kenne den Spruch „Das Unmögliche anstreben, um das Mögliche zu erreichen“. Das klingt gut, kann aber auch dazu führen, das Mögliche zu übersehen. Blicke nicht nur zu den Sternen, schau auf die Stufen der Gasse.

        Trotz obiger Einwände liegen unsere Standpunkte wohl nicht so weit auseinander, wie es vielleicht scheint. Wie Du bin ich der Meinung, dass wir unsere Augen vor der unmittelbaren Umgebung nicht verschließen, zugleich aber unsere Vorstellungskraft dabei nicht sterben lassen dürfen. Ich sehe darin durchaus keinen Gegensatz.

        Auch was das Thema „Optimismus“ angeht, besteht, wie ich meine, zwischen uns nun einige Übereinstimmung. Übrigens, der „passive“ Optimismus ist so passiv gar nicht, wie Du offenbar annimmst. Die in Schopenhauers Philosophie enthaltetene Hoffnung, dass nach diesem Leben bzw. hinter dieser Welt etwas sehr Positives ist, kann sehr viel Kraft geben. Ich habe das selbst erfahren: So war ich mehrere Jahre in der Tierschutzpartei aktiv (als stellv. Bundesvorsitzender und Berliner Landesvorsitzender). Hierbei erlebte ich viele menschliche Enttäuschungen und ein Übermaß an tierischem Leid, so dass ich kaum noch schlafen konnte. Ich glaube nicht, dass ich das ohne obige Hoffnung hätte ertragen können.

        Es ist nicht allein entscheidend, wie viele Lebenserfahrungen man gemacht hat, sondern es kommt auch sehr darauf an, was man aus ihnen gelernt hat. Ich habe junge Leute kennen gelernt, die viele ältere Menschen an Einsicht weit übertrafen. Bei meinen Vorträgen z. B. über Buddhismus waren es gerade junge Menschen, bei denen ich auf Verständnis traf, weil sie wahrscheinlich noch nicht so festgelegt und somit offener für neue Gedanken waren. Es ist ja auch nicht einfach, das, was man ein Leben lang geglaubt hat, im Alter wegen neuer Erkenntnisse aufzugeben. Dieses Risiko muss man beim „Rumphilosophieren“ eingehen – das gilt natürlich auch für mich! So habe ich mich oft korrigieren müssen. Einige wichtige Grundsätze konnte ich aber über die Jahrzehnte hinweg beibehalten, denn das Leben hat sie immer wieder bestätigt. Das ist für mich Lebensphilosophie!

        Bestätigung durch das Leben ist an und für sich ausreichend, aber dennoch freue ich mich, dass ich einen Philosophen gefunden habe, nämlich Schopenhauer, der das, was für mein Leben wichtig ist, bereits in Worte gefasst hatte. Das Wichtigste, was ich für mich bei Schopenhauer entdeckt habe, ist dessen Optimismus: Gerade weil es kein oberflächlicher Optimismus ist, hat er mir und auch vielen anderen, die sich auf ihn einließen, sehr geholfen. Mehr muss ich nun eigentlich zu diesem Thema nicht sagen, denn ich habe den Eindruck, dass Du Schopenhauer und damit auch mich in dieser Hinsicht bereits verstanden hast. 😉

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  2. Hallo, Schopenhauer ist mir eben erst „begegnet“.
    Bei aller Zustimmung, die ich für sein Denken empfinde, stelle ich mir die Frage:
    Benötige ich seine Arroganz und Überheblichkeit, um bestimmten, anderen Menschen zu begegnen, sie zu ertragen, sie wahrzunehmen, zu akzeptieren?
    Würde mich freuen, wenn mir jemand antwortet, der nicht andere „kluge“ Menschen zitiert, sondern eigene Worte hat.
    Danke, Günter

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