Arthur Schopenhauer : Freundschaft und Charakter

Kürzlich las ich: Wir haben online inzwischen so viele Freunde, dass wir ein Wort brauchen für die echten. Nur letztere meine ich, wenn ich hier das anspruchsvolle Wort Freundschaft verwende.

Mir kommt da ein Goethe-Wort in den Sinn: Sage mir, mit wem du umgehest, so sage ich dir, wer du bist. Wenn das für unseren Umgang im allgemeinen zutrifft, so gilt das noch mehr für eine der tiefsten Beziehungen, die – abgesehen von der Liebe – zwischen Menschen möglich ist, nämlich für wahre Freundschaft. Solche Freundschaft zu schließen oder sie zu beenden, ist im Leben ein Glücksfall oder  – falls sie zu Ende geht – ein schmerzlicher Verlust. So hängt das Lebensglück mit davon ab, wen man zum Freund wählt. Arthur Schopenhauer, der selbst nur wenige Freunde hatte, schrieb dazu:

Glänzende Eigenschaften des Geistes erwerben Bewunderung, aber nicht Zuneigung. Diese bleibt den moralischen, den Eigenschaften des Charakters vorbehalten. Zu seinem Freunde wird wohl jeder lieber den Redlichen, den Gutmütigen, ja selbst den Gefälligen, Nachgiebigen … wählen als den bloß Geistreichen… Nur wer selbst viel Geist hat, wird den Geistreichen zu seiner Gesellschaft wünschen. Seine Freundschaft hingegen wird sich nach den moralischen Eigenschaften richten, denn auf diesen beruht seine eigentliche Hochschätzung eines Menschen, in welcher ein einziger guter Charakterzug große Mängel des Verstandes bedeckt und auslischt.
hb

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Arthur Schopenhauer : Spiegelneuronen und Mitleidsethik

Spiegelneuronen – was hat dieser Begriff aus der Neurophysiologie mit Arthur Schopenhauer zu tun? Sehr viel, denn er berührt zentrale Aussagen von Schopenhauers Philosophie, nämlich der Mitleidsethik. So stellte Schopenhauer im Zusammenhang mit seiner Mitleidsethik die Frage:  Wie ist es möglich, dass ein Leiden, welches nicht meines ist, nicht mich trifft, doch ebenso unmittelbar wie sonst nur mein eigenes, … mich zum Handeln bewegen soll?

Schopenhauer gab darauf selbst die Antwort:  Es ist möglich nur dadurch, dass ich es … mitempfinde, es als meines fühle, und doch nicht in mir, sondern in einem anderen …  dann erblicke ich ihn nicht mehr … als ein mir Fremdes, mir Gleichgültiges, von mir gänzlich Verschiedenes, sondern in ihm leide ich mit, trotzdem dass seine Haut meine Nerven nicht einschliesst… Dieser Vorgang ist mysteriös; denn er ist etwas, wovon die Vernunft keine Rechenschaft geben kann, …und  doch ist er alltäglich.

Für diesem Vorgang, den Schopenhauer für mysteriös hielt, glauben Neurophysiologen seit Anfang der 1990er Jahre eine Erklärung gefunden zu haben: bestimmte Nervenzellen, Spiegelneuronen genannt, die sich in einigen Gehirnregionen befinden. Diese Spiegelneuronen entdeckten italienische Wissenschaftler durch Experimente an Affen, also durch Tierversuche, die Arthur Schopenhauer sicherlich entschieden abgelehnt hätte (> Arthur Schopenhauer – ein früher Tierversuchsgegener). Weitere Untersuchungen zeigten, wie gewisse Nervenzellen das Wahrgenomme spiegeln (deshalb als Spiegelzellen bezeichnet). So sorgen sie dafür, dass wir eine Handlung, die wir bei anderen sehen, in unserem Kopf miterleben. Das gilt auch, was in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist, für Gefühle. Durch bildgebende Verfahren wurde erkennbar, dass unsere Spiegelneuronen aktiv werden, wenn wir andere Menschen lachen oder weinen sehen. Ja, wir können es oft selbst erleben, dass, wenn unser Gegenüber gähnt, wir unmittelbar danach selbst gähnen müssen, und zwar ohne das wir das wollen!

Dementsprechend reagieren die Spiegelneuronen auch, wenn wir beochbachten müssen, wie ein anderer verletzt wird. Deshalb nehmen wir nicht nur die eigenen, sondern auch die fremden Schmerzen wahr, das bedeutet: Wir leiden mit! Der Zeitungsartikel (Berliner Zeitung vom 11.11.09), dem ich diese Informationen entnommen habe  enthält noch eine andere höchst bedeutsame Feststellung: Spiegelneuronen sind nicht willentlich beeinflussbar (!!!)  Damit wird, wie mir scheint, eine andere fundamentale Aussage der Philosophie Schopenhauers angesprochen, die ich schon in anderen Einträgen zu diesem Blog erwähnt habe:  die (fehlende) Willensfreiheit. Es ist verständlich, dass gerade auch im Hinblick auf die Konsequenzen derartige Aussagen heftig umstritten sind. Für mich jedenfalls sind ( in Übereinstimmung mit Schopenhauer ) Appelle an das Mitleid dort zwecklos, wo das Mitleid fehlt. Man kann es nicht „erzeugen“. Ist es aber vorhanden, dann kann man es durch Aufklärung gleichsam erwecken, so dass es wirksam wird. Nach Schopenhauer bedeutet das, man verdeutlicht die Motive , die den anderen auf Grund seines mitleidigen Charakters zum Handeln veranlassen. Ich habe das während  meiner jahrelangen Öffentlichkeitsarbeit für den Tierschutz immer wieder bestätigt gefunden, so dass ich nun diese Aussagen Schopenhauers nicht für eine bloße Vermutung, sondern für eine Tatsache halte.  

Dass Mitleid (laut obigem Zeitungsbericht) nicht willentlich beeinflussbar ist, mag betrüblich sein. Eine andere Tatsache hingegen finde ich durchaus ermutigend: Ich habe in diesem Blog und in meinen Webseiten viele Themen im Zusammenhang mit Schopenhauer und seiner Philosophie angesprochen. Dabei zeigte in meiner ziemlich detaillierten Webstatistik sehr deutlich, dass ein Thema besonders viele Besucher fand, nämlich Schopenhauers Mitleidsethik. Hieraus schliesse ich, dass alles, was mit Mitleid zusammenhängt, mehr Menschen interessiert, ja bewegt, als wir es in unserer oft kaltherzig erscheinenden Gesellschaft vermuten können. Für mich ist das ein Zeichen der Hoffnung – oder täusche ich mich?
hb

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Arthur Schopenhauer : Hochmut und Menschenwürde

Die Buddhaisten, so meinte Arthur Schopenhauer, gehn in Folge ihrer tieferen, ethischen und metaphysischen Einsichten, nicht von  Kardinaltugenden, sondern von Kardinallastern aus. Zu diesen Lastern gehöre im Buddhismus, worauf Schopenhauer völlig zu Recht hinwies, vor allem der Hochmut. An diese Bemerkung Schopenhauers musste ich denken, als ich kürzlich in einer Zeitung (Berliner Zeitung vom  4. November 2009) einen Nachruf zum Tod des berühmten französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss las. Hiernach war Levi-Strauss nicht der Romantiker, für den ihn viele halten, sondern Realist. So war für ihn, wie es im Nachruf heißt, der  Humanismus das Kreuz der Menschheit, weil er die Menschen über die Natur stellt und sie zur Ausbeutung ihrer selbst verdammt. In der humanistischen Erhöhung des Menschen sah Levi-Strauss nicht nur eine Gefahr für die Natur, sondern für den Menschen selbst. Dementsprechend lehnte er auch den auf einer solcher Selbstüberschätzung gegründeten Fortschrittsoptimismus ab.

Eine ähnliche Ansicht wie Levi-Strauss, jedoch 150 Jahre vorher, vertrat Arthur Schopenhauer. Auch er war ein entschiedener Gegner eines von Optimismus getragenen Fortschrittsglaubens, wie er sich im 19. Jahrhundert mehr und mehr herausgebildet hatte. Ist es nicht Hochmut zu glauben, der Mensch könne alles, würde immer vollkommener werden, so dass es nur noch voran ginge? Für den Bereich  der Naturwissenschaft und Technik mag es einen steten Fortschritt geben, aber wie steht es mit der Moral?  Wie dem  auch sei, dieser schon zu Schopenhauers Zeit weit verbreitete Optimismus wurde durch die furchtbaren Geschehnisse der letzten 100 Jahre in Frage gestellt, und  zwar in einem Ausmaß, wie es sich der angebliche „Pessimist“ Schopenhauer überhaupt nicht hätte vorstellen können.

Unsere Zeit wird nicht nur geprägt durch Kriege, sondern zunehmend auch durch Umweltzerstörungen, Klimakatstrophen und andere Gefahren, welche die Natur und mit ihr das Leben der Menschen bedrohen. Hochmut kommt vor dem Fall, sagt ein deutsches Sprichwort: Ist es nicht Ausdruck von Hochmut, von Überheblichkeit über die Natur, wie sie Levi-Strauss angeprangert hatte, wenn der Mensch meint, er könne als „Krone der Schöpfung“ die Natur beherrschen? Übrigens, was nützen „Fortschritt“ und Achtung der Menschenwürde, wenn am Ende die Natur derart zerstört ist, dass kein würdevolles Leben für den Menschen mehr möglich wird?

Schopenhauer stand nicht nur dem Fortschrittsglauben, sondern auch dem mehr oder weniger inflationären  Gebrauch des Begriffes „Menschenwürde“ kritisch gegenüber. Ihm schien der Begriff der Würde auf ein … so sündliches, am Geiste so beschränktes, am Körper so verletzbares und hinfälliges Wesen, wie der Mensch ist, nur ironisch anwendbar zu sein. Schopenhauer, für den die Menschenliebe zu den höchsten Tugenden gehörte, lehnte damit nicht grundsätzlich die Menschenwürde ab, wohl aber die gedankenlose Verwendung dieses hehren Wortes.
hb

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