Arthur Schopenhauer : Hochmut und Menschenwürde

Die Buddhaisten, so meinte Arthur Schopenhauer, gehn in Folge ihrer tieferen, ethischen und metaphysischen Einsichten, nicht von  Kardinaltugenden, sondern von Kardinallastern aus. Zu diesen Lastern gehöre im Buddhismus, worauf Schopenhauer völlig zu Recht hinwies, vor allem der Hochmut. An diese Bemerkung Schopenhauers musste ich denken, als ich kürzlich in einer Zeitung (Berliner Zeitung vom  4. November 2009) einen Nachruf zum Tod des berühmten französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss las. Hiernach war Levi-Strauss nicht der Romantiker, für den ihn viele halten, sondern Realist. So war für ihn, wie es im Nachruf heißt, der  Humanismus das Kreuz der Menschheit, weil er die Menschen über die Natur stellt und sie zur Ausbeutung ihrer selbst verdammt. In der humanistischen Erhöhung des Menschen sah Levi-Strauss nicht nur eine Gefahr für die Natur, sondern für den Menschen selbst. Dementsprechend lehnte er auch den auf einer solcher Selbstüberschätzung gegründeten Fortschrittsoptimismus ab.

Eine ähnliche Ansicht wie Levi-Strauss, jedoch 150 Jahre vorher, vertrat Arthur Schopenhauer. Auch er war ein entschiedener Gegner eines von Optimismus getragenen Fortschrittsglaubens, wie er sich im 19. Jahrhundert mehr und mehr herausgebildet hatte. Ist es nicht Hochmut zu glauben, der Mensch könne alles, würde immer vollkommener werden, so dass es nur noch voran ginge? Für den Bereich  der Naturwissenschaft und Technik mag es einen steten Fortschritt geben, aber wie steht es mit der Moral?  Wie dem  auch sei, dieser schon zu Schopenhauers Zeit weit verbreitete Optimismus wurde durch die furchtbaren Geschehnisse der letzten 100 Jahre in Frage gestellt, und  zwar in einem Ausmaß, wie es sich der angebliche „Pessimist“ Schopenhauer überhaupt nicht hätte vorstellen können.

Unsere Zeit wird nicht nur geprägt durch Kriege, sondern zunehmend auch durch Umweltzerstörungen, Klimakatstrophen und andere Gefahren, welche die Natur und mit ihr das Leben der Menschen bedrohen. Hochmut kommt vor dem Fall, sagt ein deutsches Sprichwort: Ist es nicht Ausdruck von Hochmut, von Überheblichkeit über die Natur, wie sie Levi-Strauss angeprangert hatte, wenn der Mensch meint, er könne als „Krone der Schöpfung“ die Natur beherrschen? Übrigens, was nützen „Fortschritt“ und Achtung der Menschenwürde, wenn am Ende die Natur derart zerstört ist, dass kein würdevolles Leben für den Menschen mehr möglich wird?

Schopenhauer stand nicht nur dem Fortschrittsglauben, sondern auch dem mehr oder weniger inflationären  Gebrauch des Begriffes „Menschenwürde“ kritisch gegenüber. Ihm schien der Begriff der Würde auf ein … so sündliches, am Geiste so beschränktes, am Körper so verletzbares und hinfälliges Wesen, wie der Mensch ist, nur ironisch anwendbar zu sein. Schopenhauer, für den die Menschenliebe zu den höchsten Tugenden gehörte, lehnte damit nicht grundsätzlich die Menschenwürde ab, wohl aber die gedankenlose Verwendung dieses hehren Wortes.
hb

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2 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer : Hochmut und Menschenwürde

  1. Ich kann mit den Begriffen „Kardinaltugend“ bzw. „Kardinallaster“ nicht 100%ig etwas anfangen, vielleicht hast du die Zeit sie mir zu erklären? Welche es wohl sind, hat mir Wikipedia ausspucken können, aber was der Begriff an sich bedeutet, nicht wirklich (oder ich habs überlesen).

    Ansonsten kann ich nur sagen: Ich saß gerade mit immer wieder wild nickendem Kopf am Computer während ich diesen Eintrag von dir gelesen habe. (Wackeldackel-Natz… 😉 )

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    1. Zunächst freue ich mich, dass Du meinen Eintrag „mit wild nickendem Kopf“ gelesen hast 😉 , denn auf Dein Urteil lege ich großen Wert ❗

      „Kardinaltugend“ und „Kardinallaster“ sind wahrscheinlich inzwischen etwas veraltete Begriffe. „Kardinal -“ heißt in der Zusammensetzung mit dem anschließenden Wortteil in etwa „hauptsächlich“, „besonders wichtig“, „von zentraler Bedeutung“. Man spricht ja heute noch von „Kardinalfehlern“, wenn man einen besonders schwerwiegenden Fehler meint.

      Übrigens, ich hatte mir vorher überlegt, ob ich diese etwas ungebräuchlichen Begriffe im Schopenhauer-Zitat überhaupt verwenden sollte, aber andernfalls hätte ich auf das Zitat verzichten oder es umschreiben müssen. Deshalb ließ ich es so stehen.

      Ansonsten bemühe ich mich, nur solche Schopenhauer-Zitate auszuwählen, die allgemein verständlich sind. Zum Glück hat ja Schopenhauer nicht für einen kleinen Kreis von Philosophieprofessoren geschrieben, und dementsprechend ist auch seine Sprache nicht das heute in Unis übliche Fachchinesisch. Er wäre sonst überhaupt nicht bekannt geworden, denn seine ersten Anhänger waren keine akademischen Berufsphilosophen, sondern Leute außerhalb der Unis. Es waren Menschen, die sich Gedanken über ihr Leben und ihre Umwelt machten und dazu Orientierung suchten, die sie dann bei Schopenhauer auch fanden. Inzwischen gehöre ich auch dazu. Nachdem ich in meinem Leben viele Umwege gegangen bin und mich dabei in manchen Sackgassen verirrt hatte, glaube ich nun, zwar nicht mein Ziel erreicht, aber doch in etwa meine Richtung gefunden zu haben. Was kann man eigentlich von einer Lebensphilosophie mehr erwarten?

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