Schopenhauer : Metaphysik und der innere Weg

Philosophie, erklärte Arthur Schopenhauer im Kap. „Über das metaphysische Bedürfnis des Menschen“, ist wesentlich Weltweisheit. Von einer Weltweisheit erwarte ich, dass sie mir Lebensorientierung gibt, und zwar gerade in den schweren Stunden des Lebens. Vertiefe ich mich jedoch dazu in philosophische Lehrbücher, so bekomme ich dort eine Vielzahl von zumeist einander widersprechender Meinungen geboten, ja oft habe ich den Eindruck bloßer Begriffsakrobatik. Aussagen, die wirklich etwas mit meinem Leben hier und heute zu tun haben, finde ich dort eher selten.

Da schon in der Schule die Naturwissenschaften meine Lieblingsfächer waren, hatte ich gehofft, durch sie Antworten auf existentielle Lebensfragen zu finden. Hierbei fiel mir auf, dass insbesondere in den Grenzbereichen der Physik Probleme aufgeworfen werden, die nicht wenige Physiker veranlassten, nach Antworten zu suchen, die jenseits der Physik liegen. So zum Beispiel „liebte“ Albert Einstein, wie er selbst bekannte, vor allem die Werke Schopenhauers, ja in einer weit verbreiteten Einstein-Monografie wird Schopenhauer sogar als dessen „Mentor“ bezeichnet. Noch enger verbunden mit Arthur Schopenhauer war einer der bedeutendsten Schüler Einsteins, der spätere Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Pauli, den man zu Recht als „Schopenhauerianer“  bezeichnen könnte.

Andererseits hatte Schopenhauer, der mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner  Zeit durchaus gut vertraut war, die Bedeutung der Physik für die Erklärung unserer Welt hervorgehoben. Hierbei wies Schopenhauer aber auch darauf hin, dass die Physik wie alle Naturwissenschaften ihre Grenzen hat, so dass sie zwar helfen kann, Probleme zu erkennen, aber nicht bis in ihre letzten Ursachen zu lösen. So war Schopenhauer davon überzeugt, dass die Physik, nicht … zur befriedigenden Lösung des schweren Rätsels der Dinge  und zum wahren Verständnis der Welt jemals zu führen vermag.  Der Schlüssel zur Lösung liege nicht in der Physik, sondern jenseits von ihr, in der Metaphysik. Nur die Metaphysik gäbe Aufschluss … über das, was hinter der Natur steckt, und sie möglich macht.

Schopenhauer meinte damit nicht die „Volksmetaphysik“, wie sie den Menschen von den herrschenden Religionen schon im Kindesalter als Dogmen einprägt wird, sondern eine im echten Sinne philosophisch auf Erfahrung beruhende Metaphysik. Eine solche Metaphysik ist ein Wissen, geschöpft aus der Anschauung der äußern, wirklichen Welt. Entscheidend sei hierbei die Einsicht, dass die letzten  und wichtigsten Aufschlüsse über das Wesen der Dinge allein aus dem Selbstbewusstsein geschöpft werden können. Also: Nicht in den Naturwissenschaften, auch nicht in den Dogmen der „Landesreligionen“, sondern nur in uns selbst können wir – wenn überhaupt – letztlich das finden, was hinter unserem Leben steht, ja dieses überhaupt erst möglich macht.

Gründliche, klare und zusammenhängende Kenntnis aller Zweige der Naturwissenschaft
, schrieb Schopenhauer, sei wichtig, um das metaphysische Problem zu erkennen, dann aber muss der Blick des Forschers sich nach innen wenden. Somit geht es um einen, wie ich es nennen möchte, „inneren Weg“. Schopenhauer wies dazu an vielen Stellen seines Werkes auf die zentrale Bedeutung von  Kontemplation bzw. >  Meditation hin. So befindet er sich auch in dieser Hinsicht in erstaunlicher Übereinstimmung mit den „indischen“ Religionen, die in ihrem Kern weniger Glaubens- als vielmehr Erkenntnislehren sind. Das gilt vor allem für den Buddhismus. Schon vor mehr als 2500 Jahren verkündete der Buddha: In diesem sechs Fuß hohen, mit Wahrnehmung und Bewußtsein versehenen Körper, da ist die Welt enthalten, ihr Entstehen und Vergehen, wie auch zu der Welt Ende führende Pfad.

Heute setzt sich immer stärker die Erkenntnis durch: Wir sind  nicht die von Gott gewollten Herrscher über die Natur, sondern ein untrennbarer Teil von ihr, ja wir sind selbst Natur. Suchen wir das, was das eigentliche „Wesen“ der Natur ist, so muss das Gesuchte auch in uns selbst enthalten sein.  Philosophische Schriften zur „Weltweisheit“, einschließlich die von Arthur  Schopenhauer, können hierbei bestenfalls wertvolle Hinweise geben. Sie sind jedoch, wie es in einem Gleichnis aus dem ZEN heißt, nur der Finger, der auf den Mond weist, nicht der Mond selbst.

Übrigens, der „innere Weg“ bedeutet nicht unbedingt völlige Abkehr vom äußeren Leben oder gänzlicher Rückzug aus dieser Welt – das wäre ohnehin kaum möglich. Bereits ein besinnlicher, achtsamer  Gang inmitten der Natur, kann schon zu Erkenntnisse führen, die kein Biologiebuch zu vermitteln vermag. Mir jedenfalls hat das schon sehr geholfen und, wie ich glaube, auch weitergebracht, und zwar nicht nur in äußerlicher Hinsicht. Aber: Wenn man sich hierbei, wie auch von Schopenhauer beschrieben wurde, eins mit der Natur fühlt, wie kann man dann noch Äußeres und Inneres unterscheiden? Die Antwort hierauf haben die altindischen Weisen, die „Rishis“, gegeben, deren, so Schopenhauer, fast übermenschliche Konzeptionen später in den Upanishaden niedergelegt wurden. Für Schopenhauer enthielten die Upanishaden den Gipfel metaphysischer Erkenntnis, ausgedrückt im Tat-tvam-asi = Das bist du selbst, die Identität der Weltseele mit der Einzelseele. Demnach ist in seinem Wesen das Äußere identisch mit dem Inneren!

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2006 wurde zur Ausstellung ein Begleitbuch mit Beiträgen zum Thema “ Arthur Schopenhauer und Indien “ herausgegeben. Es trägt den Titel Das Tier, das du jetzt tötest, bist du selbst… Bereits 1977 brachte ich in meinem Beitrag Vegetarismus und Tierschutz in der (indischen) Jaina-Religion in der Zeitschrift „Der Vegetarier“  ein ähnliches Zitat. Ich verwies dabei auf den Grundsatz der AHIMSA, der Gewaltlosigkeit, der auch gegenüber Tieren gilt, und der, wie der deutsche Religionswissenschaftler Heiler schrieb, in der letzten Identität zwischen Mensch und Tier wurzelt. Der damalige Redakteur der genannten Zeitschrift, ein Professor der Biologie, verstand zunächst diese Begründung nicht.

Heute weiß ich, und zwar durch Schopenhauer: Nur durch Biologie, also ohne Metaphysik, ist das obige Zitat nicht wirklich zu verstehen. Ja, ohne Metaphysik kann ethisches Denken und Handeln nicht begründet und damit auch eine Lebensorientierung, die mehr ist als eine bloß egoistisch ausgerichtete Lebensgestaltung, nicht gefunden werden. Auch diese keineswegs nur theoretische, sondern höchst praktische Erkenntnis gehört für mich zu Arthur Schopenhauers Lebensphilosophie.
hb

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6 Gedanken zu “Schopenhauer : Metaphysik und der innere Weg

  1. Es ist immer wieder interessant, bei dir über Schopenhauer zu lesen.
    Ich hatte vor geraumer Zeit ein Hörbuch mit Texten von Schopenhauer. Sie erschienen mir in vielen Zwischentönen ausgesprochen buddhistisch – ohne, dass ich sie (mangels Textkenntnisse) hätte zuordnen können. Deswegen war ich sehr gespannt auf einen weiteren Hörbuch-Text mit dem Schwerpunkt Biografie/Interpretation. Erstaunlich: mit keinem Wort war da die Rede von diesen mystischen/spirituellen/buddhistischen Ansätzen bei Schopenhauer. Ich habe das nicht weiterverfolgt, aber offensichtlich gibt es eine akademische Lesart von Schopenhauer, in der diese Aspekte keine Rolle zu spielen scheinen. (Obwohl du hier laufend Belege dafür bringst) Ist das so?

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    1. Ja, so ist es: Soweit Schopenhauer überhaupt auf akademischer Ebene ein Thema ist, werden mystisch/spirituelle bzw. budhhistische Aspekte weitgehend ausgeklammert. Das liegt wohl daran, dass wirkliches Verständnis für Mystik bzw. buddhistische Spiritualität nicht durch bloßes Universitätsstudium erworben werden kann. Nur wenige Philosophieprofessoren, die über Schopenhauer theoretisieren, haben – jedenfalls soweit ich das beurteilen kann – spirituelle Erfahrungen und tiefere Kenntnisse über den Buddhismus. Mir persönlich hat Schopenhauers Lebensphilosophie in Verbindung mit „indischer“ Spiritualität im Leben schon sehr geholfen. Ich versuche das auch in meinem Blog zum Ausdruck zu bringen und freue mich deshalb, wenn das bei Dir auf Interesse gestoßen ist. Vielleicht interessieren Dich dazu auch die Webseiten meines Arbeitskreises „Schopenhauer und Buddhismus“ > http://www.schopenhauer-buddhismus.de

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      1. Ich war gelegentlich schon auf deiner Arbeitskreis-Seite und fand sie ebenfalls sehr interessant. Erstaunlich, was die akademische Wissenschaft in dieser Hinsicht für einen blinden Flecken hat. Aber ich denke, deine Seite wird den zuständigen Professoren bekannt sein. 😉

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  2. Mit dem „zu der Welt Ende führenden Pfad“ (obiges Buddha-Zitat) ist wohl vor allem der Edle Achtfache Pfad gemeint, auf den der Buddha als Weg zur Erlösung vom Leid immer wieder hingewiesen hatte.

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    1. Im Dhammapada, der ältesten Spruchsammlung mit buddhistischen Weisheiten (Übers. H. v. Glasenapp), heißt es:

      Vermeide jede böse Tat,
      Vermehre guter Werke Saat,
      Beständig läutere den Geist,
      Das ist der Weg, den Buddha weist.

      Für mich gehört das zum „inneren Weg“. Ich bin sicher, dem würde auch der „Buddhaist“ Arthur Schopenhauer zustimmen.

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  3. Der Umstand, dass die eher pessimistische, unbequeme Wahrheiten nicht scheuende Philosophie Schopenhauers bis auf den heutigen Tag im Vergleich zur Popularität einiger anderer Denker und Schulen eher ein Schattendasein fristet, scheint mir den tiefen Wahrheitsgehalt der Schopenhauerschen Erkenntnisse zu bestätigen.
    😉

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