Schopenhauer : Paradoxe Wahrheit

Das Eigenschaftswort “ paradox “ bedeutet laut DUDEN „(scheinbar) widersinnig“  oder umgangssprachlich „sonderbar“. Diese Erklärung trifft auf manche Aussagen von Arthur Schopenhauer zu, denn bei oberflächlicher Betrachtung scheint gerade der Kern der Philosophie Schopenhauers mitunter widersinnig, zumindest aber sonderbar zu sein. Ob eine Aussage vielen Menschen auf den ersten Blick widersinnig  oder sonderbar erscheint, sagt jedoch nichts über ihren Wahrheitsgehalt aus. Ja, es ist sogar eine alte Lebenserfahrung, dass Wahrheiten, die zunächst den üblichen Ansichten widersprechen und deshalb abgelehnt wurden, ihre Zeit brauchen, bis sie, wenigstens von Einsichtigen, als wahr anerkannt werden.  So schrieb dazu Arthur Schopenhauer:

In allen Jahrhunderten hat die arme Wahrheit darüber erröten müssen, dass sie paradox war: und es ist doch nicht ihre Schuld. Sie kann nicht die Gestalt des thronenden allgemeinen Irrtums annehmen. Da sieht sie seufzend auf zu ihrem Schutzgott, der Zeit, welcher ihr Sieg und Ruhm zuwinkt, aber dessen Flügelschläge so groß und langsam sind, dass das Individuum darüber hinwegstirbt, So bin denn auch ich mir des Paradoxen (in meiner Philosophie) …sehr wohl bewusst, kann jedoch nicht der Wahrheit Gewalt antun.
( Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Band VI, Preisschrift über die Grundlage der Moral, § 22, S. 314)

Sich auf den sogenannten gemeinen Menschenverstand zu berufen, hielt auch der von Schopenhauer hoch verehrte Kant für problematisch, weil dieses wäre „bei Lichte besehen … nichts anderes, als die Berufung auf das Urteil der Menge; ein Zuklatschen, über das der Philosoph errötet.“   Platon, der wohl bedeutendste aller abendländischen Philosophen, weigerte sich sogar den innersten Kern seiner Lehre einer Schrift anzuvertrauen und damit dem Unverständnis der Menge preiszugeben. Mich erinnert das an einen anderen altgriechischen Philosophen, der auf dem Marktplatz seine Erkenntnisse verkündete und dafür großen Beifall der Menge erhielt. Er fragte daraufhin einen seiner Schüler: „Was habe ich falsch gesagt?“ 

Es ist daher nicht verwunderlich, dass zwar Schopenhauers leicht verständliche Aphorismen zur Lebensweisheit große Verbreitung und Anerkennung gefunden haben, dass aber sein philosophisch weit tieferes und bedeutenderes Werk, nämlich Die Welt als Wille und Vorstellung, erheblich weniger von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Das hängt wohl damit zusammen, dass, wie Schopenhauer meinte, seine Lehre denen „paradox … scheinen mag, die nicht auf den Kern der Sache gehn, sondern bei der Schale stehn bleiben„.
( Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Band IX, Parerga und Paralipomena II, Kap. 14, § 163, S. 342)

Wahrheiten können derart paradox erscheinen, dass sie auf den Unkundigen schon lächerlich wirken. Eine solche Schrift voll paradoxer Wahrheiten ist das TAO TE KING des Laotse. Dessen 41. Spruch beginnt mit den Worten:

Hören hohe Meister vom TAO,
Werden sie angeregt und handeln danach,
Hören mittlere Meister vom TAO,
So bewahren sie es  bald, bald verlieren sie es,
Hören niedere Meister vom TAO
So lachen sie gewaltig darüber.
Würden sie nicht lachen,
So wäre es nicht das TAO.

Übrigens, sollte ich je auf eine einsame Insel verbannt werden und dürfte ich dabei nur ein einziges Buch mitnehmen, so wäre es das TAO TE KING. Warum? – Gerade weil es voller lachhafter Weisheiten ist.
hb

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Schopenhauer : Gelassenheit – Gleichmut

Wir alle haben wohl schon Situationen erlebt, in denen  Gelassenheit die einzig angemessene Reaktion ist, um die Lage nicht noch zu verschlimmern. Gelassenheit ist, so Arthur Schopenhauer, wenn „Einer, nach vorhergegangener Überlegung, gefaßtem Entschluß oder erkannter Notwendigkeit, das für ihn Wichtigste, oft Schrecklichste kaltblütig über sich ergehen läßt oder vollzieht“.  Das dürfte einfacher gesagt als getan sein, denn wer bringt z. B. bei tief aufwühlenden menschlichen Auseinandersetzungen eine solche Kaltblütigkeit auf?  Hingegen kann es einfach sein, gegenüber Menschen, die einem gleichgültig sind, mit größerer Gelassenheit zu reagieren. So hat Gelassenheit auch etwas mit Gleichgültigkeit zu tun, wobei jedoch beide deutlich voneinander zu unterscheiden sind.

Gelassenheit hat nicht nur einen positiven Aspekt, denn sie kann auf Gefühlskälte oder, worauf Arthur Schopenhauer hinwies, „auf Phlegma und Stumpfsinn“ beruhen. Urspünglich jedoch hatte das Wort „Gelassenheit“ eine sehr tiefe Bedeutung. Laut „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ war „Gelassenheit ein Ausdruck von Mystik und Pietismus für die durch den Abstand von irdischen Dingen erworbene Ruhe in Gott“.

Eine ähnlich tiefe Bedeutung wie in der Mystik findet sich auch in dem von Schopenhauer hoch geschätzten Buddhismus. Dort wird das altindische Pali-Wort „Upekkha“ verwendet, welches zumeist mit “ Gleichmut “  übersetzt wird. Gleichmut ist eine der Eigenschaften, die im Buddhismus am höchsten gepriesen werden. Sie gehört nach der alten buddhistischen Lehre neben der Achtsamkeit zu einer der sieben Voraussetzungen, die zur Erleuchtung führen. Gleichmut, Güte, Mitleid und Mitfreude sind im Buddhismus die vier ?Göttlichen Zustände?. Hierbei darf jedoch Gleichmut ebenso wie Gelassenheit keinesfalls mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Die folgende Erzählung bringt das, in der für Zen charakterischen Weise, nämlich ohne lehrbuchhaftes Moralisieren, zum Ausdruck:

Der Zen – Meister Hakuin (1685-1768) wurde ob seines untadligen Lebenswandels allenthalben gepriesen. Ein schönes japanisches Mädchen, Tochter eines Lebensmittelhändlers, wohnte in der Nachbarschaft. Eines Tages entdeckten die Eltern, daß ihre Tochter schwanger war. Über den Vater schwieg sich das Mädchen aus, machte dem Ärger aber schließlich  ein Ende, indem sie Hakuin benannte. Zornig eilten die aufgebrachten Eltern zu dem Meister.
„Ist es so?“ Das war alles, was er sagte.

Das Kind wurde geboren und zu Hakuin gebracht, der zu dieser Zeit seinen guten Ruf schon verloren hatte, was ihn aber nicht weiter störte. Rührend sorgte er für das Baby. Ein Jahr später beichtete die reuige Mutter ihren Eltern, daß der echte Vater des Kindes ein junger Mann sei, der auf dem Fischmarkt arbeitet.

Die Eltern eilten sofort zu Hakuin, fragten ihn nach dem Kind und sagten, sie wollten es wieder zurück haben.
„Ist es so?“ Das war alles, was er sagte, als er ihnen das Kind reichte.

(Aus: Augenblicke der Stille, Worte und Gedanken großer Zen – Meister,
ausgewählt und herausgegeben von Manfred Kluge, 1986, S. 104.)
hb

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Schopenhauer : Entsagung – Loslassen

Keine Angst, das soll hier keine Predigt werden, obwohl Entsagung und Loslassen besonders in den Religionen von zentraler Bedeutung sind. Hier geht es im Sinne der Lebensphilosophie von Arthur Schopenhauer weniger um ein forderndes „Du sollst!“, sondern vielmehr um „Was ist möglich?“

Es ist eine mitunter ziemlich bittere Lebenserfahrung, dass man vieles von dem, was man haben will, nicht erhält und von dem, was man bereits hat, vieles wieder verliert. Von dieser Erfahrung ausgehend, verweist Schopenhauer auf ein Wort des altgriechischen Philosophen Epiktet: Nicht die Armut bereitet Schmerz, sondern die Begehrlichkeit. Daher wussten, wie Schopenhauer erläuterte, schon die Philosophen des Altertums, „dass die Entbehrung, das Leiden, nicht unmittelbar und notwendig hervorging aus dem Nicht-haben; sondern erst aus dem Haben-Wollen und doch nicht haben; dass also dieses Haben-wollen die notwendige Bedingung ist, unter der allein das Nicht-haben zur Entbehrung wird, und den Schmerz erzeugt“. Dennoch kann uns „jede einzelne Entbehrung für den Augenblick ziemlich leicht, aber jede Entsagung entsetzlich schwer sein“.
( Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 1. Buch, § 16, S. 129 f. und 4. Buch, § 55, S. 375.)

Entsagung ist „das Ablassen von Wünschen und Hoffnungen, das Aufgeben der Sehnsucht, ein Gefühlszustand, in dem die Unmöglichkeit der Verwirklichung erstrebter Werte erlebt wird“. (Wörterbuch der philosophischen Begriffe) Wie „entsetzlich schwer“ es sein kann, sich von Wünschen und Hoffnungen, ja von Lebenszielen zu verabschieden, haben wohl die meisten von uns bereits erfahren müssen. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele, und manche von uns haben es vielleicht schon selbst erlebt, wie Religions- und Weltanschauungsapostel von ihren Gläubigen Entsagung forderten, aber diese nicht vorlebten, d. h., dass sie zwar Wasser predigten, jedoch selbst Wein tranken. Auch hieran zeigt sich, dass zwischen Theorie und Praxis Welten liegen können. Mir persönlich ist das im Laufe der Jahre immer deutlicher geworden. Dementsprechend ist auch meine Skepsis gegenüber den Heilsbotschaften mancher Prediger gewachsen.

Das Nicht-haben-wollen hat – wie das Wort besagt – mit dem Willen zu tun, also mit der für die Philosophie Schopenhauers zentralen Frage nach dem  “ Willen “ und der Willensfreiheit. Entsagung ist nach Schopenhauer ein Anzeichen dafür, dass der für alles Leid verantwortliche “ Wille “  sich in positiver Richtung zu wandeln beginnt. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass wohl in allen Religionen und Erlösungslehren, zu denen auch Schopenhauers Philosophie gehört, Entsagung in Form von Askese als spirituell heilsam bewertet wird.

Wie sehr es sich bei der Entsagung vor allem um ein geistiges LOSLASSEN handelt, mag folgende Geschichte aus dem ZEN verdeutlichen:

Tanzan und Ekido wanderten einmal eine schmutzige Straße entlang. Zudem fiel auch noch heftiger Regen.

Als sie an eine Wegbiegung kamen, trafen sie ein hübsches Mädchen in einem Seidenkimono, welches die Kreuzung überqueren wollte, aber nicht konnte. „Komm her, Mädchen“, sagte Tanzan sogleich.  Er nahm sie auf die Arme und trug sie über den Morast der Straße.

Ekido sprach kein Wort, bis sie des Nachts einen Tempel erreichten, in dem sie Rast machten. Da konnte er nicht länger an sich halten. „Wir Mönche dürfen Frauen nicht in die Nähe kommen“, sagte er zu Tanzan, „vor allem nicht den jungen und hübschen. Es ist gefährlich. Warum tatest du das?“ „Ich ließ das Mädchen dort stehen“, antwortete Tanzan, „trägst du sie noch immer?“ (Paul Reps, Ohne Worte – ohne Schweigen, 4. Aufl. 1982, S. 35.)
hb

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