Schopenhauer : Entsagung – Loslassen

Keine Angst, das soll hier keine Predigt werden, obwohl Entsagung und Loslassen besonders in den Religionen von zentraler Bedeutung sind. Hier geht es im Sinne der Lebensphilosophie von Arthur Schopenhauer weniger um ein forderndes „Du sollst!“, sondern vielmehr um „Was ist möglich?“

Es ist eine mitunter ziemlich bittere Lebenserfahrung, dass man vieles von dem, was man haben will, nicht erhält und von dem, was man bereits hat, vieles wieder verliert. Von dieser Erfahrung ausgehend, verweist Schopenhauer auf ein Wort des altgriechischen Philosophen Epiktet: Nicht die Armut bereitet Schmerz, sondern die Begehrlichkeit. Daher wussten, wie Schopenhauer erläuterte, schon die Philosophen des Altertums, „dass die Entbehrung, das Leiden, nicht unmittelbar und notwendig hervorging aus dem Nicht-haben; sondern erst aus dem Haben-Wollen und doch nicht haben; dass also dieses Haben-wollen die notwendige Bedingung ist, unter der allein das Nicht-haben zur Entbehrung wird, und den Schmerz erzeugt“. Dennoch kann uns „jede einzelne Entbehrung für den Augenblick ziemlich leicht, aber jede Entsagung entsetzlich schwer sein“.
( Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 1. Buch, § 16, S. 129 f. und 4. Buch, § 55, S. 375.)

Entsagung ist „das Ablassen von Wünschen und Hoffnungen, das Aufgeben der Sehnsucht, ein Gefühlszustand, in dem die Unmöglichkeit der Verwirklichung erstrebter Werte erlebt wird“. (Wörterbuch der philosophischen Begriffe) Wie „entsetzlich schwer“ es sein kann, sich von Wünschen und Hoffnungen, ja von Lebenszielen zu verabschieden, haben wohl die meisten von uns bereits erfahren müssen. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele, und manche von uns haben es vielleicht schon selbst erlebt, wie Religions- und Weltanschauungsapostel von ihren Gläubigen Entsagung forderten, aber diese nicht vorlebten, d. h., dass sie zwar Wasser predigten, jedoch selbst Wein tranken. Auch hieran zeigt sich, dass zwischen Theorie und Praxis Welten liegen können. Mir persönlich ist das im Laufe der Jahre immer deutlicher geworden. Dementsprechend ist auch meine Skepsis gegenüber den Heilsbotschaften mancher Prediger gewachsen.

Das Nicht-haben-wollen hat – wie das Wort besagt – mit dem Willen zu tun, also mit der für die Philosophie Schopenhauers zentralen Frage nach dem  “ Willen “ und der Willensfreiheit. Entsagung ist nach Schopenhauer ein Anzeichen dafür, dass der für alles Leid verantwortliche “ Wille “  sich in positiver Richtung zu wandeln beginnt. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass wohl in allen Religionen und Erlösungslehren, zu denen auch Schopenhauers Philosophie gehört, Entsagung in Form von Askese als spirituell heilsam bewertet wird.

Wie sehr es sich bei der Entsagung vor allem um ein geistiges LOSLASSEN handelt, mag folgende Geschichte aus dem ZEN verdeutlichen:

Tanzan und Ekido wanderten einmal eine schmutzige Straße entlang. Zudem fiel auch noch heftiger Regen.

Als sie an eine Wegbiegung kamen, trafen sie ein hübsches Mädchen in einem Seidenkimono, welches die Kreuzung überqueren wollte, aber nicht konnte. „Komm her, Mädchen“, sagte Tanzan sogleich.  Er nahm sie auf die Arme und trug sie über den Morast der Straße.

Ekido sprach kein Wort, bis sie des Nachts einen Tempel erreichten, in dem sie Rast machten. Da konnte er nicht länger an sich halten. „Wir Mönche dürfen Frauen nicht in die Nähe kommen“, sagte er zu Tanzan, „vor allem nicht den jungen und hübschen. Es ist gefährlich. Warum tatest du das?“ „Ich ließ das Mädchen dort stehen“, antwortete Tanzan, „trägst du sie noch immer?“ (Paul Reps, Ohne Worte – ohne Schweigen, 4. Aufl. 1982, S. 35.)
hb

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21 Gedanken zu “Schopenhauer : Entsagung – Loslassen

    1. Ich sehe da keinen Widerspruch. Natürlich kann Unterlegenheit Schmerz bereiten. Aber woher kommt dieser Schmerz? Man will nicht unterlegen, sondern möglichst überlegen sein oder zumindest Gleichstand erreichen. Jeder Wille ist Begehren. Wenn es mir gelingt, mehr Gleichmut aufzubringen, dann ist auch die Unterlegenheit weniger schmerzhaft. Um nicht missverstanden zu werden: Ich kenne sehr wohl den Schmerz der Unterlegenheit, halte aber dennoch die zitierte Aussage für grundsätzlich richtig. Im Laufe der Zeit habe ich versucht, derartigen Situationen mit etwas mehr Gelassenheit gegenüber zustehen, also z. B. in dem ich etwas mehr Abstand zu manchen Menschen genommen habe. Mir hat das jedenfalls zuweilen schon sehr geholfen.

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      1. Es handlelt sich hierbei nicht darum, wie weit das gehen „soll“, sondern wie weit man überhaupt fähig ist, mit Gleichmut Unterlegenheit hinzunehmen. Je mehr es einem gelingt, Gleichmut aufzubringen, desto besser lässt sich das Leben bewältigen. Eine gute Methode kann dabei sein, sich soweit wie möglich abzulenken mit etwas, wofür man Interesse hat. Dann besteht die Chance, dass die Gedanken sich nicht laufend mit Problemen befassen, die (derzeit ?) nicht zu lösen sind. Andernfalls besteht die Gefahr, dass diese Probleme sich im Geist immer tiefer einbrennen. Selbstverständlich hängt das auch davon ab, wie schwer diese Probleme sind. Sie ständig zu verinnerlichen, machen sie nur noch schwerer. Ich sehe keine Alternative zu dem oben Gesagten. Übrigens, ich spreche da aus eigener Erfahrung.

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      2. Genau diese Frage beschäftig mich seit langem. Bisher denke ich so:

        Ich sehe meine Unterlegenheit als Ausdruck meines Willens nicht unterlegen sein zu wollen, anerkannt und geachtet zu sein. Ich stimme darüber ein, dass nicht die Armut an sich sondern mein Denken über meine Armut Ursache meines Leidens ist.
        Diesem Denken abzuschwören und emotionale Freiheit zu gewinnen (buddhistisch: Anhaften aufgeben) ist meine Interpretation von Gleichmut. Nicht wie ein geprügelter Hund alles einfach hinnehmen. Geistig zurücktreten, aufmerksam die eigene Situation betrachten und nicht denken (buddhistisch: nicht denkende Achtsamkeit) ist die geistige Armut, nach der man selig, aber nicht reich wird. Natürlich werde ich keine Lösungen durch Nicht Denken finden, aber das meditative Nicht Denken schafft Freiraum zur Selbsterkenntnis der eigenen Mitschuld an der derzeitigen Situation. Daraufhin entsteht die notwendige Demut ( = Gelassenheit, innere Größe), die neuen Möglichkeiten zur Überwindung der Situation Raum gibt.
        Leichter gesagt als getan. Dessen bin ich mir nur allzu bewusst. Aber selbst das ist Interpretation.

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  1. Schopenhauer kenn ich nur noch sporadisch von der Schule. Aber der Satz „Nicht die Armut bereitet Schmerz, sondern die Begehrlichkeit“ ist auch bei mir hängen geblieben. Es ist wie mit dem Spruch: Geld allein macht nicht glücklich. Das stimmt, da spielen viele soziale Kontakte eine Rolle. Doch allein das streben nach Geld, macht einen unglücklich. Ich persönlich könnte so glücklich sein, ich bräuchte nicht arbeiten gehen. Und doch tu ich es, weil ich mehr Geld haben will, um mir Klamotten zu kaufen, ins Kino zu gehen, etc. Wenn ich arm wäre, wäre ich jedoch auch nicht glücklich. Denn da würde mir das Geld für meine Hobbies fehlen. Was also nun?

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    1. Ich glaube, auch das Glücklichsein hängt vom “ richtigen Maß“ ab, und dieses ist wohl bei jedem anders. Beim zitierten Spruch „Geld allein …“ liegt die Betonung auf „allein“. Jedenfalls übermäßig nach Geld zu streben, macht nicht glücklich, sondern bringt eher Schmerz. Übrigens geht es hier um Lebensphilosophie nicht für Asketen, sondern für uns „Normalbürger“, d. h., hier wird nicht gänzliche Armut, sondern Bescheidenheit, zumutbare Zurückdrängung unmäßiger Wünsche empfohlen.

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  2. Nun bin ich etwas verwirrt. Ich unterstütze den Gedanken, des Loslassens, keine Frage, Verzicht ist in meinen Augen eine Chance, materielles, an das wir uns freiwillig fest binden, hält uns gefangen.

    Aber steht dann der vierte Absatz des Textes nicht im Gegensatz zu manchem, was du zuvor bereits geschrieben hast?
    Freier Wille – den gibt es ja laut Schopenhauer nicht. Aber „nicht-haben-wollen“ geht dann schon? Zwickt sich das nicht? Wenn ich nicht wollen kann, kann ich doch auch nicht nicht-wollen, oder?
    Und wie kann es sein, dass sich der (ja eigentlich nicht existente) Wille eines Menschen, der sich doch laut Aussage des Herrn S. nicht grundlegend verändern kann, doch „in positive Richtung zu wandeln beginnt“?

    Vielleicht hab ich nur etwas nicht richtig verstanden, vielleicht kannst du mir da weiterhelfen?

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    1. Ich glaube, Du hast den Kern des Problems getroffen: Es geht hier um das, was Schopenhauer als „Wille“ bezeichnete. Wenn Du dabei nicht etwas richtig verstanden hast, so liegt das meiner Meinung nach nicht an Dir, sondern eher an Schopenhauer, denn er verwendete die Bezeichnung „Wille“ in doppelter Bedeutung, nämlich als individuellen und als metaphysischen Willen. Diese Doppeldeutigkeit kann leicht missverstanden werden, was mir auch bei Deinen Fragen der Fall zu sein scheint.

      Zur Erläuterung muss ich leider etwas ausholen: Spätestens seit Kant wissen wir, dass wir die Dinge nicht so sehen wie sie „an sich “ sind, sondern nur so, wie sie uns erscheinen. „Das Ding an sich“ ist laut Kant nicht erkennbar. Schopenhauer ging von Kant aus, überschritt aber dabei die Grenzen, die nach Kant („Kritik der reinen Vernunft“) der menschlichen Erkenntnis gesetzt sind. Es gibt nämlich, wie Schopenhauer aus zahlreichen Beispielen wusste, eine Erkenntnis, die durch “ reine Vernunft“ und „Wissenschaft“ nicht zu erreichen ist. Gemeint sind spirituelle Erkenntnisse durch meditatives „Schauen“, was mitunter sogar mit Erleuchtungserlebnissen verbunden sein kann. So sah Schopenhauer im Kantschen „Ding an sich“ einen metaphysischen „Willen „, wobei alle Dinge dieser Welt lediglich Erscheinungsformen dieses Willens sind. Demnach ist auch unser individueller Wille nur eine Manifestation des EINEN metaphysischen Willens.

      Nun direkt zu Deiner Frage: Laut Schopenhauer gibt es einen „freien Willen“, aber frei ist nur das Manifestierende (= metaphysischer Wille), nicht aber dessen Manifestation (= individueller Wille). Somit ist das, was wir für unseren individuellen Willen halten, nicht frei, denn es ist – wie alles andere auch – nur eine, wenngleich sehr bedeutsame Erscheinungsform des metaphysischen Willens. Also: Unser „Nichthabenwollen“ beruht nicht auf unserem vermeintlich freien Willen, sondern darauf, dass der metaphysische Wille sich gewandelt hat.

      Auf Deine Frage bezogen, bedeutet das: Ja, „wenn ich nicht wollen kann, kann ich auch nicht nicht-wollen“. Ich kann aber „wollen“, wenn der metaphysische Wille es „will“. Wenn letzterer „nichthabenwill“, dann folgt daraus zwangsläufig (weil meine individueller Wille unfrei ist) mein „Nichthabenwollen“.

      Die Aussage Schopenhauers, auf die Du hingewiesen hast, bezieht sich m. W. nicht auf die Unveränderbarkeit des Willens, sondern auf die des menschlichen Charakters. Jedoch auch hierbei gibt es Ausnahmen, denn nach Schopenhauer kann, wenngleich in seltenen Fällen, aus einem Saulus ein Paulus werden. Im Charakter kommt der metaphysische Wille zum Ausdruck. Wandelt sich dieser Wille, so kann sich der ansonsten unveränderbare Charakter wandeln, und zwar durchaus auch in positiver Richtung. Schopenhauers Überzeugung, dass eine solche positive Willenswandlung möglich ist, so dass gleichsam ein „neuer Mensch“ geboren wird, zeigt, wie sehr er – entgegen aller Vorurteile – im Grunde Optimist war.

      Somit liegt die Antwort auf Deine Fragen bereits im Titel von Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“, wobei der „Wille“ metaphysisch und der individuelle „Wille“ nur eine Erscheinungsform von diesem ist und daher zu dem gehört, was Schopenhauer „Vorstellung“ nannte. Übrigens gehen auch die beiden größten monotheistischen Religionen mehr oder weniger deutlich von der Existenz eines metaphysischen Willens aus, nur das dort dieser personifiziert als „Gott“ bezeichnet wird, und wir nicht seine Erscheinungsformen, sondern seine Geschöpfe sind. Da dieser Gott allmächtig ist, folgt daraus, dass die individuelle Willensfreiheit verneint werden muss. Das ist im Islam der Fall, aber auch im Christentum, denn der von den katholischen Kirche und von Martin Luther als bedeutendster Kirchenlehrer anerkannte Augustinus verneinte die Willensfreiheit. Schopenhauer konnte sich mit Recht auf ihn berufen.

      Den von Dir vermuteten Widerspruch habe ich vor vielen Jahren auch gesehen und große Schwierigkeiten gehabt, ihn für mich zu klären. Nachdem ich mich aber intensiver mit der zentralen Bedeutung des metaphysischen Willens in Schopenhauers Philosophie befasst hatte, löste sich der vermeintliche Widerspruch auf. Ich habe versucht, Dir das oben zu erklären und kann jetzt nur hoffen, dass Du mich nun etwas besser verstehst. Was hier so theoretisch und als Wortklauberei erscheinen mag, ist von immenser praktischer Bedeutung. Ich habe, seit ich durch Schopenhauer meine Einstellung zur Willensfreiheit geändert habe, ein anderes Verhältnis zu meiner Umwelt, den Menschen und sogar zum Tod bekommen. Mir hat das schon sehr geholfen. Deshalb glaube ich, dass dieses anspruchsvolle Thema trotz seiner Schwierigkeit in diesen Blog zur Lebensphilosophie hineingehört. Auch im Hinblick darauf, dass dieser Blog immerhin den Namen Arthur Schopenhauers trägt, sollte er etwas mehr sein als eine bloße Ansammlung von Tipps zur Alltagsbewältigung. Vielleicht kannst Du mir da zustimmen.

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      1. Ja, da kann ich dir zustimmen, auch wenn dieses Thema recht kompliziert erscheinen mag: Wie du ja schon geschrieben hast – es kann dem Menschen helfen, seine Umwelt mit anderen Augen zu sehen und dadurch vielleicht besser mit ihr – insbesondere mit den Tatsachen, die einen stören – zurechzukommen. Somit gehört dieses Thema auch meines Erachtens absolut in einen „Schopenhauer-Lebenspraxis-Blog“.

        Zum Thema: Ich denke, jetzt habe ich verstanden, wie es gemeint ist.
        Allerdings noch eine Frage: Wie begründet konkret Schopenhauer seine Aussage, dass Entsagung ein Schritt in die richtige Richtung, eine positive Entwicklung sei? Ist das einfach eine durch Erfahrung begründete Meinung von ihm oder hat er diese Aussage in irgendeiner Weise durch philosophische Überlegungen „hergeleitet“?

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      2. Die Aussage, dass Entsagung ein Schritt in die richtige Richtung sei, lässt sich mit persönlicher Erfahrung begründen und auch als Konsequenz aus Schopenhauers Philosophie herleiten:

        Nicht nur Schopenhauer, sondern wohl jeder von uns hat schon in seinem Leben erfahren, dass es zuweilen besser ist, etwas bescheidener zu werden. Gaarder hat dazu in „Sofies Welt“ auf das Beispiel des Diogenes hingewiesen. Dieser soll in einer Tonne gewohnt und nichts weiter als einen Umhang, einen Stock und einen Brotbeutel besessen haben. Als Alexander der Große das sah, fragte er Diogenes, ob er ihm einen Wusch erfüllen könne. Diogenes äußerte nur einen Wunsch, nämlich Alexander möge ihm aus der Sonne gehen. Diogenes, so Gaarder, hätte damit gezeigt, „dass er reicher und glücklicher war als der große Feldherr. Er hatte ja alles, was er sich wünschte“. Dieses Beipiel mag etwas extrem erscheinen, aber es zeigt deutlich, was hier gemeint ist.

        Schopenhauers Begründung, warum „Askese“, also eine Art von Entsagung, positiv sei, geht viel tiefer, denn sie liegt im Kern seiner Philosophie, die eine dem Buddhismus sehr ähnliche Erlösungslehre ist. Sie geht von der Erfahrung aus, dass Leben mit Leiden, früher oder später sogar mit großem Leiden, verbunden ist. Ursache des Lebens ist laut Schopenhauer der „Wille zum Leben“ („Dem Willen zum Leben ist das Leben gewiß!“) Dieser Wille zum Leben ist eine Erscheinungsform eines metaphysischen Willens. Folglich ist letztlich dieser metaphysische Wille der eigentliche Grund für alles Leiden in dieser Welt. Wird dieser Wille schwächer, bis er sich selbst schließlich ganz „verneint“, so ist am Ende das Leid überwunden.

        In der „Entsagung“ zeigt sich, wie sehr dieser für das Leid verantwortliche Wille schwächer geworden ist. Somit ist Entsagung ein Schritt in Richtung auf Befreiung aus dieser leidvollen Welt, was aus Schopenhauers (und meiner) Sicht höchst positiv zu werten ist.

        Die oben dargelegte Auffassung steht in erstaunlicher Übereinstimmung mit entsprechenden Aussagen östlicher Weisheitslehren und denen der bedeutendsten abendländischen Mystiker. Übrigens, auch in den Religionen, wie z. B. im frühchristlichen Mönchtum der Ostkirche, findet man Formen der Askese zur Überwindung des (Eigen-)Willens
        > http://sites.google.com/site/nestorchronik/askese-ikone-mystik

        Ich hoffe, dass ich mit meiner Erklärung nicht allzu weit die Grenzen dieses Blogs überschritten habe, denn hier soll es ja um eine allgemein verständliche und nachvollziehbare Lebenspraxis gehen. Deine sehr in die Tiefe der Schopenhauerschen Philosophie reichende Frage erfordert jedoch eine Antwort, die – das weiß ich aus eigener Erfahrung – nicht ganz einfach zu verstehen und zu akzeptieren ist.

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      3. Ich fürchte, ich kann den Zusammenhang zwischen „Verzicht“ und „Schwächung des Lebenswillens“ nicht ganz erkennen. Nur weil ich freiwillig auf etwas verzichte, verliere ich doch nicht den Willen zu leben?
        Ich liebe mein Leben und will es nicht missen (da gab es schon andere Zeiten, Zeiten in denen ich NICHT verzichten wollte…), aber ich verzichte sehr gerne auf vieles, wo andere nur daran denken, es an sich zu raffen.

        (Ich bin dir sehr dankbar für deine ausführliche Antworten, selbst WENN sie die Bloggrenzen evt. überschreiten SOLLTEN. Und auch wenn ich in letzter Zeit nicht viel Muße finde, mich mit philosophischen Themen und damit deinem Blog/ deinen Antworten zu beschäftigen, weil mein Kopf so „voll“ ist, dass ich fast gar nicht mehr denken kann…)

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      4. „Schwächung des Lebenswillens“ – so radikal möchte ich das in diesem Blog, wo es um „Lebens“philosophie geht, nicht zum Ausdruck bringen. Sein Leben zu lieben, halte ich für ganz normal und davon gehe ich auch im Blog aus. Aber gerade wer sein Leben liebt, hat mit etwas weniger Haben-wollen letztlich mehr von seinem Leben. Im Sinne Schopenhauers bedeutet etwas weniger Gier und Begehren eine positive Wandlung des „Willens“. Nur darauf wollte ich hinweisen. Die sehr tiefe Lehre Schopenhauers von der Willensverneinung, die für mich persönlich große Bedeutung hat, kann ich hier verständlicherweise nur erwähnen, aber nicht zum zentralen Thema machen. Abgesehen davon hänge auch ich am Leben, wobei ich zwar manches schon aufgegeben, jedoch auf vieles noch nicht verzichtet habe.

        Übrigens als ich so alt war wie Du, war ich dabei, eine Familie zu gründen und darüber hinaus in meinem Beruf so eingespannt, dass ich kaum die erforderliche Zeit und Muße fand, über philophische Fragen nachzusinnen. Also: Ich verstehe Dich!

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      5. Bei Schopenhauer gehört „Entsagung – Loslassen“ zum Thema „Askese“, die er jedoch nicht predigte, sondern ihre heilsame Wirkung (philosophisch) erklärte. Anders hingegen im Buddhismus, wo das Loslassen ein wesentlicher Teil der Übungslehren ist. Dort stehen nicht philosophische Fragen, sondern praktische Übungen meditativer Art im Mittelpunkt. Ich kann Dir dazu leider im Augenblick keine Lektüre besonders empfehlen, weil bei mir die buddhistischen Übungen des Loslassens keinen deutlichen Erfolg hatten. Ich habe aber an mir und anderen beobachten können, dass mit fortschreitendem Alter es leichter wird, loszulassen. Somit hat das Problem für mich nicht mehr ganz die Bedeutung, die es in jüngeren Jahren hatte. Ich werde aber über Deine Frage noch etwas Nachdenken. Vielleicht fällt mir dazu noch Literatur ein, die ich Dir dann mitteilen kann.

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      6. Ja, da habe ich Dich leider missverstanden.
        Inzwischen habe ich in Schopenhauers Werken zum Thema „Loslassen“ zahlreiche, jedoch ziemlich verstreute Aussagen gefunden. Hiernach kann ich Dir als Lektüre besonders seine „Aphorismen zur Lebensweisheit“ (dort vor allem Kap. V. „Paränesen und Maximen“) empfehlen. Sie sind sehr leicht verständlich, als Sonderschrift gut zu beschaffen, enthalten viele Tipps, wie man in dieser Welt einigermaßen glücklich leben kann, dabei sehr lebensnah und nicht bloße Theorie.

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  3. Diese kurze Geschichte über Tanzan und Ekido hat mich irgendwie sehr nachdenklich gemacht. Da mir ja bekannt ist, das sich Arthur Schopenhauer sehr dem Buddhismus zugewandt hat, habe ich mich selber natürlich auch ein klein wenig damit befasst.
    Unabhängig davon habe ich mir auch schon oft vorgestellt, was wohl asiatische Mönche überhaupt von uns doch so sehr „über“-zivilisierten Menschen denken mögen … vielleicht sogar ein wenig mitleidig schmunzeln …
    Es ist schon spannend sich Gedanken über unseren Willen und dem daraus immer wiederkehrenden Leid zu machen. Nur das mit dem Loslassen, das ist gar nicht so einfach !
    Ich hoffe, ich habe bei der Interpretation nichts falsch verstanden. Vielleicht ist es auch meine eigene Interpretation daraus ? Ich weiß es nicht … dennoch, zumindest darüber nachdenken hat irgendwas erlösendes bzw. beruhigendes. Vielleicht bin ich auch inzwischen etwas sonderbar geworden … !?

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    1. Ja, mit dem Loslassen ist es wirklich nicht so einfach! Dennoch ist das Loslassen eine entscheidende Stufe auf dem spirituellen Weg zur Erlösung, und zwar sowohl in der Philosophie Schopenhauers als auch in der ihr nahe stehenden buddhistischen Lehre. Daher ist es für mich durchaus verständlich, dass schon tieferes Nachdenken darüber „irgendetwas erlösendes bzw. beruhigendes“ haben kann. Viele Menschen verstehen das jedoch nicht. Insofern ist derjenige, der das verstanden hat, aus der Sicht der Verständnislosen etwas sonderbar. Das gilt dann aber auch für Schopenhauer, Buddha und andere Weiheitslehrer. So befindet man sich als „Sonderling“ – wenn ich das hier so salopp ausdrücken darf – in bester Gesellschaft.

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