Vögel haben Mitleid

Mitleid , so erklärte Arthur Schopenhauer , ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseins, ist diesem wesentlich zu eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.

Ich möchte Schopenhauers positiver Meinung zur menschlichen Natur nicht widersprechen, obgleich ich manche Menschen kennen gelernt habe, in deren Verhalten ich kaum Mitleid entdecken konnte. Seit längerer Zeit frage ich mich jedoch, ob Mitleid ein Gefühl ist, das nur in der menschlichen Natur liegt, also nur bei Menschen anzutreffen ist. Nun las ich dazu in der gestrigen Ausgabe der „Berliner Zeitung“ einen erstaunlichen Artikel, und zwar unter der Überschrift Vögel haben Mitgefühl. Dort heißt es:

„Raben gelten nicht nur als besonders intelligent, sie sind offensichtlich auch in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen. Dieser Fähigkeit zur Empathie sind Wissenschaftler der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle der Universität Wien jetzt auf der Spur. Sie fanden heraus, dass Raben ihre Freunde trösten, wenn die bei einem Konflikt eins auf den Schnabel bekommen haben. Geraten sie selbst in eine missliche Lage, dann suchen sie ebenfalls Trost bei jenen Artgenossen, die sie gut kennen. …

Über ein Jahr lang hatten die Wissenschaftler … das Verhalten von jungen Raben beobachtet. Sie hielten fest, wie die Tiere sich nach Konflikten verhalten. Vor allem bei sehr heftigen Streitereien trösteten die am Streit  unbeteiligten Raben die zerrupften Verlierer durch Berührungen – und zeigten damit ein gewisses Maß an Mitgefühl.

Diese menschliche Fähigkeit kann man auch bei Affen beobachten. Die Empathie der Raben geht nach Ansicht der Wiener Forscher jedoch noch darüber hinaus.“

Ich halte diese Feststellung für sehr aufschlussreich, weil Vögel – im Gegensatz zu Affen – entwicklungsgeschichtlich weit vom Menschen entfernt sind. Jedenfalls deuten obige Forschungsergebnisse darauf hin, dass Empathie und damit auch die Fähigkeit zum Mitleid schon ziemlich früh in der biologischen Entwicklungsgeschichte angelegt waren. Im Laufe dieser Entwicklung hat sich das Empfinden von Mitleid offenbar immer stärker herausgebildet, so dass es schließt nicht nur auf Artgenossen beschränkt bliebt. So gäbe es zum Beispiel ohne ein solches artenübergreifendes Mitleid keine Tierschutzvereine.

Trotz aller äußeren Unterschiede zeigt das Verhalten der Raben, dass sie uns sehr viel näher stehen, als es manche Menschen wahrhaben wollen. Inzwischen hat die Forschung eine kaum noch zu überblickende Zahl von Beweisen vorgelegt, die darauf hindeuten, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht – wie vor allem von den bei uns herrschenden Religionen behauptet wird – absolut, sondern nur ralativ ist. Arthur Schopenhauer wußte das schon vor mehr als 200 Jahren, und zwar durch bloße Anschauung, etwa in dem er einem Hund in die Augen blickte. Es war deshalb durchaus konsequent, dass Schopenhauer die Tiere in seine Mitleidsethik voll einbezog und forderte, das Lebensrecht der Tiere zu achten. Verständnis dafür fand er zu seiner Zeit jedoch kaum. Zutreffend schrieb hierzu einer der bedeutendsten Vorkämpfer für den Tierschutz in Deutschland, > Magnus Schwantje : Mit seinen Ansichten vom Recht der Tiere eilte Schopenhauer seinen Zeitgenossen weit voraus. Wenn ich daran denke, wie es heute um den Tierschutz steht, dann muss ich leider hinzufügen, auch den meisten Menschen unserer Zeit ist Schopenhauer immer noch weit, ja, viel zu weit voraus!
hb

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9 Gedanken zu “Vögel haben Mitleid

  1. Sehr wahr!
    Ich persönlich (als jemand, der sehr viel Mitgefühl erfährt) ziehe den Ausdruck „Mitgefühl“ vor, aber das ist nur ein Detail am Rande .
    Buddhisten sind, nicht zuletzt aus Mitgefühl gegenüber den Tieren, Vegetarier. Weißt du, ob Schopenhauer auch Vegetarier war?

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    1. Auch ich habe in meinem Leben schon viel Mitgefühl erfahren. Daher sehe ich auch das Positive im Menschen, obwohl ich z. B. während meiner Tierschutzarbeit mit furchtbaren Brutalitäten konfrontiert wurde.

      Den Ausdruck „Mitleid“ habe ich verwendet, weil er von Schopenhauer gebraucht wurde. Jedoch seit Schopenhauers Zeit hat sich (vielleicht auch unter dem Einfluss von Nietzsche) die Bewertung dieses Wortes gewandelt, so dass es mitunter besser sein kann, von „Mitgefühl“ zu sprechen.

      Nun zu Deiner Frage bezüglich Vegetarismus. Ich kann Dich gut verstehen, denn ich habe mir diese Frage oft selbst gestellt.

      Was den Buddhismus betrifft, so ist nach der buddhistischen Lehre „Karuna“ (was zumeist als „Mitleid“ übersetzt wird), von zentraler Bedeutung, denn es gehört – wie die „Mitfreude“ – zu den vier „Göttlichen Verweilungszuständen“. Da Mitfreude aber ebenso wie Mitleid ein Ausdruck von Mitgefühl ist, wäre es unzweckmäßig, anstatt „Mitleid“ den Begriff „Mitgefühl“ zu verwenden.

      Ich habe viele Jahre in bekannten buddhistischen Organisationen ( u. a. auch als Vorstandsmitglied) mitgearbeitet und habe dabei viele Buddhisten, darunter auch Mönche in Klöstern, etwas näher kennen gelernt. Zu meiner Überraschung waren dort viele von ihnen nicht Vegetarier, was diese zumeist damit begründeten, dass der Buddha das Fleischessen nur unter bestimmten Umständen verboten habe. Mich hat verständlicherweise eine solche Begründung nicht überzeugt, denn wer es mit dem alten buddhistischen Segenswunsch „Mögen alle Wesen glücklich sein“ wirklich ernst meint, müsste eigentlich nicht nur vegetarisch, sondern sogar vegan leben.

      Schopenhauer hatte das Entstehen der ersten Tierschutzvereine in Deutschland sehr begrüßt und unterstützt. Dennoch war er dabei leider kein Vegetarier. Diese Inkonsequenz erkläre ich mir aus seinen Lebensumständen und den Gegebenheiten der Zeit vor 200 Jahren: Schopenhauer lebte durchaus bescheiden und ging – da er Single war – zum Mittagessen in ein Gasthaus, wo er, soweit ich weiß, ein billiges Abonnement hatte. Natürlich war das Angebot dort nicht vegetarisch. Überhaupt wäre es vor zwei Jahrhunderten im nördlichen Europa sehr schwierig gewesen, sich nur vegetarisch zu ernähren. Die damaligen Lebensumstände lassen sich mit denen unserer Zeit nicht vergleichen. Wie ich aus eigener langjähriger Erfahrung als Veganer weiß, ist es aber heute zumeist möglich, ohne unzumutbare Schwierigkeiten vegan zu leben.

      Die Tatsache, dass Schopenhauer leider nicht Vegetarier war, ist für mich eher hinnehmbar, als der bedenkenlose Fleisch“genuss“ mancher buddhistischer Lehrer, denn letztere erheben den Anspruch, die Lehre vorzuleben. Einen solchen Anspruch erhob Schopenhauer nicht, und insofern wäre der Vorwurf unberechtigt, er hätte Wasser gepredigt, aber Wein getrunken.

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      1. Vielen Dank für deine ausführliche und interessante Antwort. Meine Frage war wertfrei und ohne Erwartungen; wenn Schopenhauer Fleisch gegessen hat, dann muss das seiner mitfühlenden Haltung gegenüber Tieren keinen Abbruch tun.

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    2. Seiner „Preisschrift über die Grundlage der Moral“ stellte Schopenhauer das Motto voran: „Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.“ Also: Schopenhauer sah sich nicht als Moralprediger, sondern als Philosoph. Die Lehrreden des Buddha haben aber auch den Charakter von Predigten. Wer jedoch predigt, sollte das auch vorleben. Ich glaube, der Buddha hatte das getan. Von Schopenhauer erwarte ich das nicht. Allerdings war sein Leben auch nicht das Gegenteil von dem, was er lehrte. Schopenhauer hatte eben auch sehr menschliche Unvollkommenheiten. Gerade auch deshalb steht er mir mit seiner Lebensphilosophie nahe.

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  2. Erbarme dich (Reinhard Mey)

    Der Mensch ist ein Lebewesen, das des Mitleids fähig ist.
    Er ist fähig, moralische Vorstellungen zu erdenken, die weit über die Fähigkeit der Tiere, Mitgefühl zu empfinden, hinausgeht – und die er gleichzeitig auf unmenschlichste Art und Weise quä…

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  3. Sehr schöner Beitrag, dem man nur zustimmen kann. Schopenhauer war in seiner ethischen Haltung in der Tat seiner Zeit weit voraus und ist es im Großen und
    Ganzen auch unserer. Unabhängig davon, ob Schopenhauer Vegetarierer war (nicht mal
    der spätere Vordenker Christian Wagner war es) – wer ethisch leben will, wer Tiere
    liebt, der kann nichts mehr essen, was einmal zwei Augen hatte…
    In Manfred Kyber lebte von 1880 bis 1933 ein Dichter und Tierschützer, der Schopenhauers Philosophie, die Tiere betreffend, lebte und in wunderbaren Gedichten, Tiergeschichten und Märchen gestaltete. Leser wir auch Kyber!!

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  4. Was heißt hier, Schopenhauer hätte nicht vegetarisch leben können?! Wenn schon Pythagoras und seine Anhänger das in der Antike konnten, Edison in den USA und Humboldt hier, warum dann nicht auch Schopenhauer?

    Zumal ich mir vorstellen kann, dass das Fleisch damals mehr kostete, als Eier oder Kartoffeln.

    Ob die zugegebene Schwäche an der Fleischsucht lag? Aber gerade bei ihm hätte man sich doch einen erfolgreichen Entzug am ehesten vorstellen können, beginnt doch jedes drogenfreie Leben mit dem Klick im Kopf. Und an Klicks hatts ihm doch nicht gemangelt 🙂

    Blieben noch soziale Faktoren…

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    1. Zum Thema „Schopenhauer und vegetarische bzw. vegane Ernährung“ habe ich bereits in meinem ersten Kommentar Stellung genommen. Schopenhauer ist, obwohl er leider nicht Vegetarier bzw. Veganer war, nach wie vor glaubwürdig, denn er hatte nie den Anspruch erhoben, ein Heiliger mit entsprechendem Lebenswandel zu sein. Er bestritt nie, dass er menschliche Schwächen hatte. Auch in dieser Hinsicht war er ehrlich. Hierbei wies er darauf hin,dass er Ethik nicht predige, sondern erkläre. So gehörte er nicht zu denen, die Wasser predigen, selbst aber Wein trinken. Sein Verdienst, sich als einer der ersten bedeutenden Philosophen entgegen den damals herrschenden Auffassungen für den Tierschutz eingesetzt zu haben, kann nicht ernsthaft in Frage gestellt werden.

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