Kirche – teurer Luxus?

Eine längst prophezeite Epoche ist eingetreten: die Kirche wankt, wankt so stark, dass es sich frägt, ob sie den Schwerpunkt wiederfinden werde: denn der Glaube ist abhanden gekommen, stellte schon vor über 150 Jahren Arthur Schopenhauer fest. Die steigende Zahl der Kirchenaustritte scheint Schopenhauers Ansicht zu bestätigen, aber „wankt“ deshalb die Kirche? Ich bezweifele das, denn trotz erheblichen Mitgliederschwundes ist die Kirche in Staat und Gesellschaft überaus einflussreich geblieben. Auch wenn vielen Kirchenmitgliedern der Glaube weitgehend „abhanden gekommen“ ist, so bleiben sie ihrer Kirche als Steuerzahler bzw. über Taufen, kirchliche Trauungen, Beerdigungen usw. verbunden. Vor allem sind die großen Kirchen durch rechtliche Privilegien und erhebliche finanzielle Förderung des Staates bestens abgesichert. Die Kirche muss sich also um ihre Existenz keine Sorgen machen, womit ich natürlich nur die großen „Volkskirchen“ meine. Das Urteil – oder sollte ich besser sagen die Hoffnung – Schopenhauers war wohl verfrüht. 

Wie sehr sich Schopenhauer, was die Zukunft der Kirche angeht, irrte, wurde mir aus einem Artikel der „Berliner Zeitung“ vom 29. Juli 2010 deutlich: Unter der bezeichnenden Überschrift „Segensreiche Pfründe“ meldete die Zeitung, dass die Bundesländer (außer Bremen und Hamburg) in diesem Jahr knapp 460 Millionen Euro Staatsleistungen an die Kirchen abführen müssen. Es sind, wie der Bericht erläuterte, „öffentliche Mittel, die nicht etwa den kirchlichen Sozialeinrichtungen wie der Caritas oder der Diakonie zugute kommen – die werden mit zusätzlichen Milliarden an staatlicher Hilfe betrieben. Auch staatliche Zuschüsse für die Instandhaltung und Restaurierung von Kirchen kommen noch einmal drauf.“  Das in Zeiten knapper öffentlicher Kassen, in denen die Kommunen wegen fehlender Mittel ihre sozialen Aufgaben kaum noch erfüllen können! Doch gibt es dafür eine Rechtfertigung: den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 !!! So muss der Steuerzahler seit mehr als 200 Jahren die damalige Enteignung kirchlicher Güter immer noch ausgleichen.

Auch wenn es die Steuerzahler nicht einsehen, sie werden für den Reichsdeputationshauptschluß von 1803 weiter zahlen, denn, so die Zeitung, „wie es aussieht, werden die Kirchen auch künftig nichts zu fürchten haben“. Falls die historische Begründung nicht reichen sollte, warnte vorsorglich der CSU-Bundestagsabgeordnete Geis davor, den Kirchen die finanzielle Grundlage zu entziehen, da sie eine stabilisierende Kraft in der Gesellschaft seien. So ist es dann nicht verwunderlich, wenn durch den Staat auch weiterhin das finanzielle Wohlergehen der Kirchen gesichert, ja eigentlich schon fast garantiert wird. Übrigens, für die Kosten der  großzügigen Kirchensubventienierung müssen – zumindest indirekt – alle Steuerzahler aufkommen, also auch die nichtkirchensteuerpflichtigen Andersgläubigen bzw. Atheisten.

Was finanziert eigentlich der Steuerzahler, wenn er die Kirche unterstützen muss? Finanziert er Luxus, d. h., ist die Kirche selbst ein Luxus? Sicher nicht für Kirchengläubige. Die Kirche vermittelt ihnen Religion und hat damit eine wichtige Aufgabe, nämlich – worauf Arthur Schopenhauer besonders hinwies – die Befriedigung metaphysischer Bedürfnisse. Religion ist, so Schopenhauer, Metaphysik fürs Volk und kann deshalb nicht durch bloße Philosophie und schon gar nicht durch materialistische Weltanschauungen ersetzt werden. Verständlich, wenn den Gläubigen ihre Kirche „lieb und teuer“ ist. Gewiss, die Ausgaben der Kirche sind groß, doch frage ich mich: Geht es hierbei wirklich um Gottes Willen oder vielmehr um Gottes Villen?
hb

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5 Gedanken zu “Kirche – teurer Luxus?

  1. Sehr guter Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht.

    Aus der Sicht der Regierenden ist die finanzielle Unterstützung der Kirche sicherlich sinnvoll: Erhalt einer Institution, die durch aufgestellte Dogmen und vorgefertigtes Gedankengut das Selberdenken minimiert. Im Zweifelsfalle gibt es sicherlich eine halbscharige, aber den Fragenden doch ausreichend zufriedenstellende Antwort. In gewissem Sinne auch eine Form der Zensur – Zensur der Gedanken.
    Die Gedanken sind frei? Die eines christlich Gläubigen sind es meines Erachtens sicher nicht. Sie werden in engen Bahnen gelenkt – und das ist für Staatsoberhäupter natürlich ungemein praktisch.
    Und so ist es in meinen Augen kein Wunder, dass auch uralte, längst nicht mehr aktuelle, Gründe wie ein 200 Jahre alter Reichsdeputationshauptschluß als Rechtfertigung dafür genutzt werden, um die Verbindung zwischen Staat und Kirche zu erhalten. Und solang diese Verbindung nicht gekappt wird, wird die Kirche sicher nicht wanken.

    Dass das alle Bürger des Landes mit bezahlen müssen durch ihre Steuern, egal ob sie ideell dahinter stehen oder nicht, ist genau so ein Unding, wie die selbe Situation bei den EU-Förderungen für Fleisch“produktion“. Aber was kann man dagegen tun?

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    1. „Was kann man dagegen tun?“ – genau das ist die Frage, über die ich mir schon seit vielen Jahren den Kopf zerbreche! Info-Veranstaltungen, Demos, Parteiengagement – alles das habe ich schon versucht. Die Macht der etablierten Institutionen (zu denen auch die Kirchen gehören!) und ihr Einfluss auf die Massenmedien ist außerordentlich stark und die geistige Beweglichkeit der „Massen“ ist leider – vorsichtig ausgedrückt – weniger groß. Dennoch sollten wir uns davon nicht entmutigen lassen und versuchen, weiter aufzuklären. Das Internet bietet uns ja dazu einige Chancen, die du z. B. für deinen Veganer-Blog nutzt. Ich glaube, dass du dabei – wenn ich das hier so sagen darf – gerade auf Grund deiner Kommunikationsfähigkeiten gute Möglichkeiten hast. Soweit ich das durch deine Blogeinträge und die Kommentare beurteilen kann, hast du die richtige Ansprache, und zwar – was besonders wichtig ist – vor allem zur jüngeren Generation. Ich weiß, dass hier sehr dicke Bretter zu bohren sind, aber wenn man von einer „guten Sache“ fest überzeugt ist, dann ist vieles zu schaffen. Manchmal gibt es dabei Niederlagen und man muss zurückweichen, aber nur (wie ich kürzlich in anderem Zuammenhang las) um neuen Anlauf zu nehmen.

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