Religionen und Toleranz

Ob und inwieweit Religionen tolerant sind, ist ein altes und dennoch aktuelles Thema. Es ist verständlich, dass in Religionen die Toleranz besonders dann ausgeprägt ist, wenn sie als Minderheit auf die Toleranz der andersgläubigen Mehrheit angewiesen sind. Das wäre jedoch dann nur Taktik und keine Tugend. Sind Religionen aber wirklich, also von ihrer Glaubensüberzeugung her, tolerant? Arthur Schopenhauer hatte da seine Zweifel und wies hierzu auf einen grundsätzlichen  Unterschied hin:

„In der Tat ist Intoleranz nur dem Monotheismus wesentlich: ein alleiniger Gott ist, seiner Natur nach, ein eifersüchtiger Gott, der keinem andern das Leben gönnt. Hingegen sind die polytheistischen Götter, ihrer Natur nach, tolerant: sie leben und lassen leben: zunächst dulden sie gern ihre Kollegen, die Götter derselben Religion, und nachher erstreckt diese Toleranz sich auch auf fremde Götter, die demnach gastfrei aufgenommen werden und später bisweilen sogar das Bürgerrecht erlangen; wie uns zunächst das Beispiel der Römer zeigt, welche phrygische, ägyptische und andere fremde Götter willig aufnahmen und ehrten. Daher sind es die monotheistischen Religionen allein, welche uns das Schauspiel der Religionskriege, Religionsverfolgungen und Ketzergerichte liefern, wie auch das der Bilderstürmerei und der Vertilgung fremder Götterbilder, Umstürzung indischer Tempel und ägyptischer Kolosse, die drei Jahrtausende hindurch in die Sonne gesehen hatten; weil nämlich ihr eifriger Gott gesagt hatte: ´ Du sollst dir kein Bildnis machen ` …“

Noch deutlicher wurde Schopenhauer, indem er auf „Giordano Brunos  und Vavinis Scheiterhaufen“ hinwies: „… auch diese nämlich waren jenem Gott geopfert worden, für dessen Ehre, ohne allen Vergleich, mehr Menschenopfer geblutet haben, als auf den Altären aller heidnischen Götter beider Hemisphären zusammengenommen“.

Schopenhauers Krititik wiegt auch deshalb schwer, weil er kein fanatischer Gegner des Christentums war, sondern dessen unentbehrliche Bedeutung im Leben vieler Menschen durchaus anerkannte. Inwieweit Arthur Schopenhauer mit seinem Urteil über die Toleranz der Religionen recht hatte, davon mag sich jeder selbst überzeugen, sofern er diese Religionen nicht nur nach ihren wohlklingenden Worten, sondern auch nach ihrer Praxis in Vergangenheit und Gegenwart wertet.

Wie dem auch sei, eine pluralistische Gesellschaft, in der Religionen, wenn überhaupt, nur sehr begrenzte Macht haben und bloß Privatangelegenheit sind, scheint mit die beste Gewähr für Toleranz zu sein, denn  – so eine Lebenserfahrung – Schwäche zwingt zur Toleranz.
hb

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7 Gedanken zu “Religionen und Toleranz

  1. ja, so ist es und kann auch nicht anders sein. man fragt sich nur, warum diese intoleranten religionen dennoch so viel erfolg unter den menschen haben. sind sie vielleicht ein spiegel der intoleranz von allzu vieloen von uns?

    toleranz ist ja eine stärke, die sich nur dort entfalten kann, wo vertrauen und sicherheit herrschen. und das kann immer sehr leicht zerstört werden. danach ist es umso schwerer, tolerant zu sein, selbst in kleinigkeiten. jeder kann das an sich selbst und in seiner nächsten umgebung wahrnehmen, man muss nur genau hinschauen und weniger sprüche klopfen!

    ich grüße dich!

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    1. Sei gegrüßt!

      Ich glaube, der Erfolg der Religionen bei vielen Menschen liegt wohl daran, dass diese Religionen den Menschen zumeist in früher Jugend, also dann, wenn sie noch geprägt werden können, „eingeimpft“ wurden. Diese Menschen finden in ihrer Religion oft zeitlebens Halt und lehnen andere Religionen und Weltanschauungen, die ihren Glauben gefährden könnten, ab – mitunter sogar in aggressiver Weise. Im Grunde sind sie aber unsicher und dementsprechend intolerant. Ich stimme Dir zu: Vertrauen und Sicherheit sind eine gute Basis für Toleranz. Damit meine ich Toleranz aus Überzeugung und nicht bloße Lippenbekenntnisse. Aber ehrlich gesagt: Ich habe auch oft Schwierigkeiten, tolerant zu sein, wobei ich mich frage: Wieweit darf die Toleranz gehen? Toleranz auch gegenüber dem Intoleranten?

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  2. Intoleranz sah Schopenhauer besonders bei den monotheistischen Religionen, hingegen hob er die Toleranz vor allem des Buddhismus hervor, der bekanntlich ja keine monotheistische Religion ist. So bezog er sich auf ein Buch über östliche Religionen, in dem – mit Recht – die „außerordentliche Toleranz der Buddhaisten“ gelobt wird. (S. dazu: Arthur Schopenhauer, Parerga II, Über Religion).

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    1. Tolerant sind besonders die Religionen, die – wie der Buddhismus – weniger auf blindem Glauben als vielmehr auf persönlichen Erkenntnissen beruhen. Solche Erkenntnisse kann man nicht erzwingen, sondern diese muss jeder selbst gewinnen. Der Buddhismus zeigt dazu einen Weg, den Achtfachen Pfad. Ob man den Weg gehen will, muss jeder für sich selbst entscheiden. So ist der Buddhismus schon von seiner Natur her tolerant.

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      1. – Schwäche zwingt zur Toleranz –

        Das sehe ich entscheidend anders! Nur wer stark ist kann wirklich tolerant sein!

        Ansonsten bin ich ein sehr großer Freund des Buddhismus, genau deshalb, weil er sich so wesentlich von den anderen Religionen unterscheidet.

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  3. Angesichts der immerwährenden monotheistisch-religiösen Auseinandersetzungen kommt auch immer wieder einmal die Vorliebe der führenden Nazis für Schopenhauers „Pessimismus“ ins Spiel; insbesondere werden seine Aussagen zum Verhältnis von AT, also dem Buch der Jüdischen Religion, in bezug auf das NT gern heute mit Antisemitismus etc. in Verbindung gebracht, wenn es nicht gar als solcher bezeichnet wird, obgleich dieser Begriff ja nun einmal aus neuerer Zeit stammt: sei’s drum… Ich beschäftige mich schon etwas länger mit „Schopi“ (so nenne ich ihn liebevoll für mich) und bin selbstredend überhaupt nicht dieser Ansicht, wie ja beispielsweise auch Horkheimer und Adorno so etwas nicht dachten, wenngleich sie als Vertreter der Frankfurter Schule eher sich mit der Methode Hegels, also auch gleichzeitig mit dessen nachgewiesener Juden-Aversion aus früherer Phase (kein Wunder, daß Schopi ihn für einen Scharlatan hielt) bekanntgemacht hatten mußten. Eher würde ich Schopenhauers gesellschaftliche Ansicht mit der von Marx in seinem Artikel „Zur Judenfrage“ in Beziehung setzen – wenn überhaupt. Diesen ganzen langen Vorspann brauche ich jedoch nur für eine einzige Frage, die ich hier an das Forum richten möchte, also nicht aufwerfen, um zu diskutieren, sondern nur um den Hinweis bitten, an welcher Stelle Schopenhauer sich über die Dummheit (o.ä.) der Judenfeindschaft geäußert hat. Kann sein, daß es irgendwo in den „Briefen“, Nachlaß oder Sekundärliteratur erwähnt wird, wo ich mich genausowenig wie aktuell durch die Haffmann-Ausgabe nur hierfür hindurcharbeiten möchte. Wenn also jemand so eine Stelle kennt, bitte ich um den freundlichen Hinweis. Vielen Dank schon jetzt. G.

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