Sexualität – Geschlechtsliebe

Wenn man … die wichtige Rolle betrachtet, welche die Geschlechtsliebe (so nennt  Arthur Schopenhauer die Sexualität ) in allen ihren Abstufungen und Nuancen, nicht bloß in Schauspielen und Romanen, sondern auch in der wirklichen Welt spielt, … da wird man veranlaßt auszurufen: Wozu der Lärm? Wozu das Drängen, Toben … ? Es handelt sich ja bloß darum, daß jeder Hans seine Grete finde: weshalb sollte eine solche Kleinigkeit eine so wichtige Rolle spielen und unaufhörlich Störung und Verwirrung in das wohlgeregelte Menschenleben bringen?

Nur eine Kleinigkeit? – Keineswegs, denn immerhin hat Schopenhauer dem Thema Sexualität ein ganzes Kapitel ( Metaphysik der Geschlechtsliebe ) in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung eingeräumt. Dort hebt er hervor: Der Endzweck aller Liebeshändel … ist wirklich wichtiger als alle andern Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch entschieden wird, ist nichts Geringeres als die Zusammensetzung der nächsten Generation.

Nach Arthur Schopenhauer beruht Geschlechtsliebe nicht bloß auf chemischen und physikalischen Vorgängen, sondern primär auf etwas Metaphysischem, das hinter allen Erscheinungen dieser Welt steht. Schopenhauer bezeichnet es als Wille, weil dieses Metaphysische sich vor allem im Willen zum Leben äußert. Deutlichster Ausdruck dieses Willens zum Leben und damit der Lebensbejahung ist der Geschlechtstrieb. Dieses Thema spielt eine zentrale Rolle in der Philosophie Schopenhauers. Seine Philosophie trug wesentlich dazu  bei, dass in der Folgezeit – insbesondere im Zusammenhang mit der Lehre von Sigmund Freud – Sexualität neu bewertet wurde. Freud selbst hat ja auf die Übereinstimmung seiner Lehre mit Schopenhauers Philosophie hingewiesen.

Biologisch gesehen, setzte die Entwicklung zu komplexen höheren Lebensformen zwei Geschlechter und mithin Sexualität voraus. Dementsprechend wird auch das Leben der Menschen – denn sie sind untrennbarer Teil der Natur – trotz aller individuellen Unterschiede mehr oder weniger weitgehend durch Sexualität beeinflusst. Es stellt sich dabei die Frage: Ist der Mensch, der von Sexualität beherrscht wird, wirklich der Treibende oder ist er nur der Getriebene? Jedenfalls ist das für mich ein weiterer Grund, an der vermeintlichen Freiheit des menschlichen Willens zu zweifeln.  Ja, je älter ich werde und je länger ich die Welt und ihre Menschen betrachte, desto mehr stimme ich auch bei diesem Thema Schopenhauer zu. Dieser hielt den Glauben, der Mensch habe einen freien Willen, für einen Wahn.  Die moderne Hirnforschung scheint Schopenhauer zu bestätigen. Übrigens, Forschungen ergaben: Sexualität spielt sich weitgehend im Kopf ab, so dass dieser auch hierbei (trotz manch gegenteiliger Behauptung) der wichtigste Körperteil ist.
hb

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10 Gedanken zu “Sexualität – Geschlechtsliebe

  1. Von was soll der Wille denn frei sein? Etwa von dem was ihn bestimmt? Über biologische Vorgaben entscheidet kein freier Wille. Ich bin wahrlich nie fatalistisch gewesen, den Willen jedoch als frei anzusehen ist eher ein Glaube als eine Erkenntnis.

    Das Bauchhirn ist allerdings viel mächtiger als manch schlichtes Kopfhirn es sich denkt. Es kontrolliert vielmehr das Kopfhirn als umgekehrt.

    http://www.ds-tierkommunikation.de/unsereerde/kopfhirnundbauchhirn/index.html

    Neurologie: Wie der Bauch den Kopf bestimmt:
    http://www.geo.de/GEO/mensch/medizin/686.html

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    1. Die grundsätzliche Annahme eines freien individuellen Willens ist in unserer Gesellschaft als Dogma fest verankert, denn darauf beruht z. B. Schuld und Sühne im Strafrecht.

      Ich vermute, dass das „Bauchhirn“ das „Kopfhirn“ nicht nur kontrolliert, sondern sogar steuert.

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      1. Gegenüber dem Bauchhirn ist das Kopfhirn nur ein Zusatzorgan. Bevor es ein Kopfhirn, Arme und Beine gab, gab es das Bauchhirn, auch Darmhirn genannt. Und dieses ist in allen animalischen Wesen der heimliche Herrscher. Das Grundwesen aller Tiere ist also ihr Darm. Ihm haben alle anderen Organe zu dienen. Würde man das innerste Wesen der Menschen ganz genau betrachten, so würde man eine Schlange erkennen, die einige Meter lang ist und zusamengerollt in einer menschlichen Hülle wohnt. Egal was für Zusatzorgane Tiere haben, in ihrem Inneren sind alle Tiere schlangenähnlich und unterscheiden sich nur durch ihre Größe und durch ihre Zusatzorgane wie Arme, Beine, Flossen, Flügel usw.

        Darm & Co:
        http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/verdauung/darm/symptome/funktion/darm-und-co-_aid_11756.html

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  2. Ich selber glaube auch nicht unbedingt an diese Interpretation von Liebe, es wird wohl doch eher nichts anderes als nur reiner Geschlechtstrieb sein. Vielleicht gibt es auch doch ganz vereinzelt so etwas wie „echte“ Liebe unter zwei Menschen, was aber in der Tat nur wirklich sehr selten vorkommt. Wenn man sich einmal die Statistiken genauer betrachtet, wie viele Ehen und Beziehungen getrennt werden oder schon getrennt sind, und wie viele von diesen bereits zum Scheitern verurteilt sind …
    Vielleicht schreibe und rede ich auch nur deshalb so, weil ich bisher diese Liebe nie selber habe kennengelernt !? Ich weiss es auch nicht …
    Allerdings beobachte ich alles sehr sehr aufmerksam, vor allen Dingen, weil ich viel mit Menschen zu tun habe. Und ich muss mit Bedauern sagen, dass dieses Wort „Liebe“ bei Weitem nicht hält, was es eigentlich verspricht !!
    Meiner Ansicht und Erfahrung nach steht an aller erster Stelle tatsächlich lediglich der Geschlechtstrieb !! Es ist dieser Reiz, den eine junge, hübsche Frau für mich ausstrahlt. Wenn man noch ganz jung ist, dann spielt da auch eine gewisse Neugierde eine sehr grosse Rolle … dieses Kribbeln, diese innere Spannung … dieses so schöne neue Gefühl im Leben. „Was geht da bloß in mir nur vor … es ist ein wunderbares Gefühl, vor allen Dingen, wenn dieser Reiz auch noch befriedigt wird“
    Also, wie nennen wir das was da in einem Menschen vorgeht ? Ist es nicht reine Sexualität ? Was hat diese Beschreibung mit Liebe zu tun ? Ich kann es mir denken …
    Diesen Menschen, der für mich diesen sexuellen Reiz ausstrahlt möchte ich für mich gewinnen und natürlich nie mehr abgeben müssen !! Mit diesem Menschen möchte ich meine Sexualität ausleben dürfen … ich möchte diesen Menschen nie mehr verlieren, weil ich darauf nicht verzichten will … ich muss irgendwie klammern … ich muss heiraten und den Partner bzw. die Partnerin somit festhalten können, weil ich den/die Sexualpartner/-in für mich offiziell für genau diese Zwecke in Anspruch nehmen will !!
    Nur irgendwann vergeht dieser sexuelle Reiz, weshalb sich die meisten Menschen nach einiger Zeit nichts mehr zu sagen haben … die Luft ist so zusagen raus !! Die Resultate sind uns allen sehr bekannt !! Und bitte schön, wo ist denn so plötzlich da diese Liebe ? Ich verstehe gar nichts … aber wie schon im Vorfeld erwähnt, es mag auch sein, dass ich inzwischen abgestumpft und soweit im Unterbewusstsein mit meiner Einstellung dazu festgefahren bin, das ich schon gar nicht mehr anders denken und reden kann, nur weil ich selber nicht weiss was Liebe eigentlich wirklich ist. Auf jeden Fall habe ich selber diese Sexualität immer im Hinterkopf, sofern ich mit einer potentiellen Partnerin zusammenkomme. Wer gegenteiliges behauptet lügt in meinen Augen !! Dauerhafte Liebe könnte sich daraus entwickeln … mit verdammt viel Glück, wenn es eine solche tatsächlich geben sollt.
    Aber zum Schluss möchte ich dennoch etwas ganz wichtiges loswerden: Es mag ja sein wie es ist, aber mit den allermeisten Menschen möchte ich auf keinen Fall tauschen … dann doch lieber allein sein !!

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    1. Genauso ist es. Es ist ein primitiver Trieb, der eben dafür sorgt, daß der Fortbestand der Spezies gesichert wird. Nicht mehr und nicht weniger. Und nur deshalb bin ich auf der Welt: weil dieser Trieb ausgelebt wurde, das ist alles. Weiterhin muß es keine Menschheit geben, man muß nicht zeugen. Ja es ist sogar ethisch problematisch, Menschen — aber nicht nur diese! — in die Welt zu setzen. Siehe dazu z. B. David Benatars Werk „Better Never to Have Been: The Harm of Coming into Existence“.

      Dazu wird es aber nie kommen, die Menschheit wird bis zum bitteren Ende — und es wird nach allem, was wir wissen s e h r bitter — weitermachen, weiterzeugen. Ohne Sinn und Verstand.

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      1. Es ist laut Schopenhauer der blinde „Wille zum Leben“, der immer wieder zu neuem Leben und damit neuem Leid führt. Dieser Prozess ist erst zu Ende, wenn dieser „Wille“ zur Ruhe gekommen ist. Übrigens, nicht besseres Leben bzw. bessere Wiedergeburt, sondern diese Ruhe („Nirwana“) ist das letzte Ziel im Buddhismus und anderer aus Indien stammender Erlösungslehren, die von Schopenhauer hoch geschätzt wurden.

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  3. Wie Schopenhauer in seinen Manuskriptbüchern schrieb, kann es wegen der „Armut der Sprache“ zur Begriffsverwirrung kommen, denn z. B. im Deutschen hat das Wort „Liebe“ zwei Bedeutungen: die eine (caritas) beruht auf Mitleid, die andere (amor) auf Sexualität. „Caritas und amor, auf dieselbe Person und gegenseitig gerichtet, geben eine glückliche Ehe.“ Ich glaube, da hat Schopenhauer Recht, aber leider ist das in Wirklichkeit nur ein Glücksfall, der auf Dauer wohl eher eine Ausnahme ist. Ansonsten kann es natürlich besser sein, „doch lieber allein zu sein“.

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