Menschenbild

Mancher würde erschrecken, wenn er den Andern sähe, wie er ist.

Laut Arthur Schopenhauer, von dem obiges Zitat stammt, sehen wir die Menschen nicht so, wie sie sind, sondern nur so, wie wir sie sehen wollen. Oft stellt es sich erst spät, zuweilen zu spät heraus, wie der Mensch, dem wir vertrauten, vielleicht sogar liebten, wirklich ist. Dann kann die Enttäuschung und der Schaden groß sein. Ein Beispiel, das mich sehr betroffen macht, las ich dazu in der „Berliner Zeitung“ vom 19./20. März 2011. Es geht hierbei um den Ex-Chef des Berliner Tierheims, der wegen Veruntreuung von 150.000 Euro verurteilt wurde.

Das Tierheim gehört dem Berliner Tierschutzverein, der mit etwa 15.000 Mitgliedern der größte Tierschutzverein in Deutschland ist. Da ich dort bereits seit 45 Jahren Mitglied bin und ich diesen, nunmehr verurteilten ehemaligen Leiter des Tierheims aus zahlreichen Veranstaltungen des Tierschutzvereins kenne, ist meine Enttäuschung besonders groß. Wie ist es möglich, dass jemand, dem ausgesetzte und verstoßene, oftmals mißhandelte Tiere anvertraut wurden, diese Ärmsten der Armen um ihr Geld bringt? Wie ist ein Mensch charakterlich veranlagt, wenn er Spenden, die das völlig überfüllte Tierheim dringendst benötigt, z. B. in Japan für den Kauf teurer seidener Unterwäsche verwendet?

Mitleid, ohne welches Tierschutzvereine nicht existieren würden, ist wie Habgier eine Eigenschaft des menschlichen Charakters. Im vorliegenden Fall hat sich offenbar trotz der alltäglichen Konfrontation mit dem Tierelend die Habgier durchgesetzt. Daran zeigt sich erneut, dass – wie Schopenhauer meint – der Charakter eines Menschen sich nur in Ausnahmefällen wirklich grundlegend ändert. Wer hofft, er könne durch Belehrungen oder bloßes Argumentieren den Charakter eines Menschen ändern, wird zumeist vergeblich hoffen. 

Wie dem auch sei, gerade solche Enttäuschungen, wie oben geschildert, trugen dazu bei, dass sich mein Menschenbild immer mehr dem Schopenhauers annäherte. Ein positives Menschenbild finde ich zwar gut, aber blinder Glaube an das Gute im Menschen kann bitter enttäuscht werden. Enttäuschungen jedoch, wenn man aus ihnen lernt, können auf dem Wege zur Wahrheit sehr hilfreich sein. Auch das ist eine Erkenntnis, die ich bei Arthur Schopenhauer gefunden habe und die ich im Laufe meines Lebens oft bestätigt fand.  
hb

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10 Gedanken zu “Menschenbild

  1. sowas ist mir unbegreiflich. Ich dachte immer das ich Menschen zu wenig vertraue, aber das ist wohl ganz gut so. Es gibt nur wenige (oder vielleicht sogar nur einen) denen ich vertraue und die kenne ich schon jahrelang, der hat wohl auch seine Abgründe, aber die sind mir bekannt :))

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    1. Wenn man wenigstens einem Menschen voll und ganz vertrauen kann, so sollte man sich schon glücklich schätzen.

      Oft habe ich in meinem Leben gehört „Du musst mir /ihm /ihr vertrauen“. Doch so etwas zu fordern, halte ich für unrealistisch, denn Vertrauen lässt sich (wie Liebe) nicht erzwingen. Um so schöner, wenn sich Vertrauen gleichsam wie ein Geschenk einstellt, aber um so schlimmer, wenn solches Vertrauen enttäuscht wird, dann können lebenslange Narben bleiben.

      Übrigens, Abgründe sind wohl in jedem von uns. Können wir wirklich die Abgründe eines anderen Menschen kennen?

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      1. da es ihm und mir „Spaß“ gemacht hat einfach alles zu erzählen was in uns so vorgeht und wir keine Lust hatten uns irgendwas vorzuenthalten kann ich doch wohl sagen das ich seine Abgründe kenne und er meine. Ich finde das ist doch auch was eine Beziehung ausmacht, man weiß alles vom anderen und hält trotzdem zu ihm. Wir waren vor über 10 Jahren damals zusammen, hatten aber auch danach lange Zeit oft Kontakt und redeten über alles. Inwiefern das immer noch so ist das ich ihn in allem so gut kenne weiß ich nicht, ich habe inzwischen wenig Kontakt zu ihm

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      2. Selbst bei einer längerfristigen Beziehung muss ich dem Partner nicht unbedingt alles erzählen, sondern nur das, was für ihn wichtig ist, um mich beurteilen zu können. Jedoch was ich dann erzähle, sollte ehrlich sein. Hierbei muss ich auch darauf vertrauen, dass, wenn die Beziehung zerbricht, das von mir Erzählte auch weiterhin vertraulich bleibt. Jedoch ohne Vertrauen kann ich nicht erwarten, dass mir Vertrauen entgegengebracht wird. So sind Vertrauen und Ehrlichkeit selbstverständliche Voraussetzungen jeder Beziehung, die nicht bloß auf einige Tage / Nächte beschränkt bleibt.

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      3. und wie willst du herausfiltern was für Deinen Partner wichtig ist um Dich beurteilen zu können, woher willst du denn wissen was für ihn/sie wichtig ist und woher willst du wissen ob er/sie dich wirklich so liebt wie du bist wenn du manches erzähst und manches „herausfilterst“? Ich finde sowas erschreckend und bleibe bei der Meinung das man sich ALLES sagen sollte. Eine Beziehung macht für mich sonst keinen Sinn

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      4. Wenn Du ALLES, also wirklich jede kleinste Begebenheit, aus Deinem Leben erzählen würdest, dann würdest Du nur noch erzählen und hättest immer noch nicht ALLES erzählt, denn die Zeit reicht dafür nicht aus. Somit musst auch Du notwendigerweise filtern.

        Bei einer längerfristigen Beziehung, weiß ich in etwa, was meinen Partner interessieren könnte. Interessiert es ihn wirklich, wird er Fragen stellen, die ich dann so ausführlich, wie er wünscht, beantworte. Ich finde das überhaupt nicht „erschreckend“, sondern gehe damit gezielt auf die Wünsche des Partners ein. Gerade auch dadurch macht meiner Meinung nach die Beziehung einen Sinn.

        Außerdem: Bei einer sehr langen und engen Beziehung, müssen die Partner nicht mehr viel erzählen, denn sie verstehen sich auch ohne viele Worte. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.

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