Schopenhauer : Was ist Meditation ?

Vor vielen Jahren hielt ich im Buddhistischen Haus für den Arbeitskreis Schopenhauer und Buddhismus einen Vortrag, in welchem ich auch auf das Thema Meditation einging. Da viele der Zuhörer zwar Vorkenntnisse in Schopenhauers Philosophie , aber kaum welche in der buddhistischen Lehre hatten, musste ich versuchen, dieses Thema möglichst ohne buddhistische Fachbegriffe zu erklären. Deshalb begann ich mit dem folgenden Zitat von Arthur Schopenhauer :

“ Wenn man, durch die Kraft des Geistes gehoben, die gewöhnliche Betrachtungsart der Dinge fahren läßt, aufhört […] nicht mehr das Wo, das Wann, das Warum und das Wozu an den Dingen betrachtet; sondern einzig und allein das Was; auch nicht das abstrakte Denken, die Begriffe der Vernunft, das Bewußtsein einnehmen läßt; sondern, statt alles diesen, die ganze Macht seines Geistes der Anschauung hingiebt, sich ganz in diese versenkt und das ganze Bewußtseyn ausfüllen läßt durch die ruhige Kontemplation des gerade gegenwärtigen natürlichen Gegenstandes, sei es eine Landschaft, ein Baum, ein Fels, ein Gebäude oder was auch immer; indem man, nach einer sinnvollen Deutschen Redensart, sich gänzlich in diesen Gegenstand verliert, d. h. eben sein Individuum, seinen Willen, vergißt und nur noch als reines Subjekt, als klarer Spiegel des Objekts bestehend bleibt; so daß es ist, als ob der Gegenstand allein da wäre, ohne Jemanden, der ihn wahrnimmt, und man also nicht mehr den Anschauenden von der Anschauung trennen kann, sondern beide Eines geworden sind, indem das ganze Bewußtseyn von einem einzigen anschaulichen Bilde gänzlich gefüllt und eingenommen ist; wenn also solchermaaßen das Objekt aus aller Relation zu etwas außer ihm, das Subjekt aus aller Relation zum Willen getreten ist: dann ist […] der in dieser Anschauung Begriffene nicht mehr Individuum: denn das Individuum hat sich eben in solche Anschauung verloren: sondern er ist reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntniß
(Arthur Schopenhauer , Die Welt als Wille und Vorstellung I, § 34 ).

Das obige Schopenhauer-Zitat beschreibt ziemlich genau, was im buddhistischen Sinne unter Meditation zu verstehen ist. So wurde dieses Zitat, als ich es auch in der Altbuddhistischen Gemeinde vortrug, durchaus mit Zustimmung aufgenommen. Das war anlässlich der buddhistischen Vesakh-Feier 1986/2530 . Seitdem habe ich viele Erklärungen zum Thema Meditation gelesen und gehört, aber bisher keine gefunden, die für mich so überzeugend und zugleich Teil einer allumfassenden Philosophie ist, wie die von Arthur Schopenhauer.

H. B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

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2 Gedanken zu “Schopenhauer : Was ist Meditation ?

  1. Horst Volkhammer

    Schön für den der es kann. Ist wohl auch eine Art (sich selbst) loszulassen. Mit dieser recht umfänglichen Definition müßte es autodidaktisch möglich sein, den Willen durch strikte Nichtbeachtung a.D. zu stellen, aber wohin soll es führen, wird damit nicht etwas (störendes) ausgeblendet um in Ruhe seinen Geschäften weiter nachgehen zu können? Anstatt, wenn man es denn will, ganz bewußt den Willen so zu beeinflussen, daß jederzeitiges Handeln im angestrebten Sinne ohne meditative Übung möglich ist.

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  2. Ist Meditation – wie es in vorstehendem Kommentar heißt – „wohl auch eine Art ( sich selbst) loszulassen“? Kann man das überhaupt? Auch hierbei gilt: Man kann, wenn man es will, aber kann man auch wollen, was man will? Es stellt sich somit die Frage nach der Willensfreiheit, die Schopenhauer im verneinenden Sinne beantwortet hatte.

    Leider habe ich selbst manche Meditationsveranstaltung erlebt, in der es – jedenfalls nach meinem Eindruck – mehr darum ging, „Störendes“ auszublenden, „um in Ruhe seinen Geschäften weiter nachgehen zu können“. Ein derartiger Missbrauch kann sich ergeben, wenn Meditation als bloße Technik ohne Zusammenhang mit der hinter ihr stehenden spirituellen Lehre angeboten wird. Der egoistische Wille wird durch solche „Meditationen“ nicht ausgeschaltet, weil sie ja seiner Befriedigung und nicht seiner Aufhebung dienen.

    Dennoch ist es möglich, dass es in meditativen Momenten zu einem Zustand kommen kann, in welchem sich die Erkenntnis von dem „Willen“, der sie vorher beherrscht hatte, löst. Nicht nur Schopenhauer, auch östliche und westliche Mystiker (z. B. Jakob Böhme) haben diesen Zustand beschrieben. In diesem Zusammenhang sind die Berichte Schopenhauers zum Entstehen seiner eigenen Philosophie, der offensichtlich solche Zustände des willensfreien Schauens zugrunde liegen, sehr aufschlussreich: http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de/Philosophie-Offenbarung/philosophie-offenbarung.html

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