Schopenhauer : Positive Gedanken

                  Positive Gedanken sind wohl das beste Heilmittel für eine kranke Seele. In einer Welt voller Leid sind sie aber durchaus keine Selbstverständlichkeit. Was können wir deshalb tun, um solche Gedanken in uns zu erwecken? Damit wir überhaupt auf neue Gedanken kommen, gab Arthur Schopenhauer aus eigener Erfahrung zunächst einen praktischen Hinweis: „Jeder irgend selbstdenkende Kopf [wird] bemerkt haben, daß das Gehn in freier Luft dem Aufsteigen eigener Gedanken ungemein günstig ist.“

            Doch nicht immer wird das ausreichen, denn, so meinte Schopenhauer, „Gedanken kommen nicht, wann wir, sondern wann sie wollen“. Das gilt natürlich für alle und somit auch für positive Gedanken. Sie „lassen sich nicht zu jeder Zeit willkürlich heraufbeschwören: Alles was wir tun können, ist ihnen den Weg frei zu halten … Man lasse den guten Gedanken nur den Plan frei: sie werden kommen“.

Selbst wenn, wie Schopenhauer zuversichtlich annahm, gute Gedanken irgendwann kommen, so bedeutet das noch nicht, dass sie gerade dann kommen, wenn sie besonders nötig sind, nämlich zum Beispiel in einem Stimmungstief. In solchen schweren Stunden des Lebens kann es helfen, sich an Erlebnisse oder etwa an eine Melodie zu erinnern, die mit positiven Gefühlen verbunden waren. Dieses mitunter hilfreiche Mittel, um gute Gedanken herbeizuführen, beruht auf „Gedankenassoziation“, die Schopenhauer so erklärte:

„So wenig ein Körper ohne Ursache in Bewegung geraten kann, ist es möglich, daß ein Gedanke ohne Anlaß ins Bewußtsein trete. Dieser Anlaß ist entweder ein äußerer, also ein Eindruck auf die Sinne; oder ein innerer, also selbst wieder ein Gedanke, der einen anderen herbeiführt, vermöge der Assoziation.“

In diesem Zusammenhang wies Schopenhauer jedoch darauf hin, dass „in der Wirklichkeit der Gedankenprozess unsers Innern nicht so einfach [ist], wie die Theorie desselben; da hier vielerlei ineinandergreift. Vergleichen wir, um uns die Sache zu veranschaulichen, unser Bewußtsein mit einem Wasser von einiger Tiefe; so sind die deutlich bewußten Gedanken bloß die Oberfäche: die Masse hingegen das Undeutliche, die Gefühle, die Nachempfindung der Anschauungen und des Erfahrenen überhaupt, versetzt mit der eigenen Stimmung unsers Willens, welcher der Kern unsers Wesens ist.“

Selbst, wenn sich positive Gedanken entfalten, sind sie damit noch nicht im Innern fest verankert, denn, wie das obige Schopenhauer-Zitat besagt, „die deutlich bewussten“ Gedanken, sind „bloß die Oberfläche“. Ob und inwieweit solche Gedanken entstehen und tiefer dringen, hängt – worauf der Schluß des Zitats hinweist – vom „Kern unsers Wesens“, dem „Willen“ ab. Das wiederum wirft die für alle Lebensbereiche höchst bedeutsame zentrale Frage nach der Willensfreiheit auf, zu der in diesem Blog bereits Stellung genommen wurde.

Jedenfalls ist die heutzutage übliche Empfehlung, man solle „positiv denken“, leichter gesagt als getan. Oft ist ein solcher Rat kaum mehr als bloßes Wunschdenken. Schopenhauer hingegen bleibt auf dem Boden der Realitäten, indem er neben den Möglichkeiten auch die Grenzen für das Entstehen guter Gedanken aufzeigt. Somit erweist sich auch bei diesem Thema, dass Schopenhauers Lebensphilosophie an der Wirklichkeit orientiert ist, wobei sie aber andererseits durchaus viel Trost in dieser nicht selten trostlos erscheinenden Welt zu bieten vermag.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort

H.B.

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