Beispiele und Vorbilder

Können Beispiele, die als Vorbilder dienen, das Verhalten oder sogar den Charakter der Menschen wirklich ändern? Arthur Schopenhauer nahm zu dieser Frage in seinen Schriften mehrmals Stellung, wie etwa die folgenden Zitate aus dem Schopenhauer-Lexikon * zeigen:

Der Einfluss des Beispiels ist mächtiger, als der der Lehre. Die sehr starke Wirkung des Beispiels beruht auf der Unselbständigkeit der meisten Menschen. Die Meisten haben zu wenig Urteilskraft und zu wenig Kenntnis, um nach eigenem Ermessen zu handeln. Daher sie gern in die Fußstapfen Anderer treten. Die Scheu vor eigenem Nachdenken und das große Misstrauen gegen das eigene Urteil treibt sie zur Nachahmung. (P. II, 254.)

Das Beispiel wirkt entweder hemmend oder befördernd. Ersteres, wenn es den Menschen bestimmt, zu unterlassen was er gern täte, sei es, dass er es nicht für rätlich hält, oder gar an einem Andern, der es getan, die schlimmen Folgen wahrgenommen; dies ist das abschreckende Beispiel. Befördernd wirkt das Beispiel, indem es entweder den Menschen bewegt, zu tun was er gern unterließe, oder ihn ermutigt, zu tun, was er gern tut, jedoch bisher aus Furcht vor Gefahr oder Schande unterließ; dies ist das verführerische Beispiel. (P. II, 253 fg.)

Die Art der Wirkung des Beispiels wird durch den Charakter eines Jeden bestimmt; daher dasselbe Beispiel auf den Einen verführerisch, auf den Anderen abschreckend wirkt. Der Eine denkt: „Pfui, wie egoistisch, wie rücksichtslos ist dies; ich will mich hüten, dergleichen zu tun.“ Zwanzig Andere denken: ´Tut Der Das, darf ich’s auch.` (P. II, 254.)

Das Beispiel kann, wie die Lehre, zwar eine zivile, oder legale Besserung befördern, jedoch nicht die innerliche, eigentlich moralische. Das Beispiel wirkt nur als ein Beförderungsmittel des Hervortretens der guten und schlechten Charaktereigenschaften, aber es schafft sie nicht. (P. II, 255.)”

Aus obigen Zitaten wird deutlich, dass Beispiele die Funktion von Vorbildern haben können, und zwar nicht nur in positiver, sondern auch in negativer Hinsicht. So groß ihr Einfluss auch sein mag, ihre Wirkungen sind begrenzt, denn sie vermögen nur das Verhalten des Menschen zu beeinflussen, nicht jedoch seinen Charakter zu ändern. Gerade in dieser sehr bedeutsamen Einschränkung, die wohl von vielen heutigen Pädagogen bestritten wird, kommt eine zentrale Erkenntnis der Philosophie Schopenhauers zum Ausdruck, nämlich die Unveränderbarkeit des Charakters. Wer das aus eigener Lebenserfahrung bestätigt fand, dem bleibt wohl künftig manche Enttäuschung erspart.

H.B.

> Charakter und Motivation in Schopenhauers Lebensphilosophie

> Arthur Schopenhauer : Der angeborene Charakter

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

* Quelle
 > Schopenhauer-Lexikon  , 1. Band, S. 72 f., Stichwort: Beispiel .
Dort sind die hier abgekürzten Quellenangaben zu den betreffenden Werken Schopenhauers zu finden.

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