Glück – ein Lebensgefühl

Sich glücklich zu fühlen, gehört wohl zu den schönsten Augenblicken im Leben eines Menschen. Dieses Glück als Lebensgefühl hängt jedoch nicht nur davon ab, wie die Lebensumstände objektiv sind, sondern auch davon – und das ist vielleicht noch wichtiger – wie sie einem erscheinen, also wie sie subjektiv wahrgenommen werden. Diese Wahrnehmung ist ein innerer Vorgang im Kopf und bei jedem Menschen verschieden. Arthur Schopenhauer hat das in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit sehr anschaulich beschrieben:

„Für das Wohlsein des Menschen, ja, für die ganze Weise seines Daseins, [ist] die Hauptsache offenbar Das, was in ihm selbst besteht, oder vergeht. Hier nämlich liegt unmittelbar sein inneres Behagen, oder Unbehagen, als welches zunächst das Resultat seines Empfindens, Wollens und Denkens ist; während alles außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf Einfluß hat.

Daher affiziren [beeinflussen] die selben äußern Vorgänge, oder Verhältnisse, Jeden ganz anders, und bei gleicher Umgebung lebt doch Jeder in einer andern Welt. Denn nur mit seinen eigenen Vorstellungen, Gefühlen und Willensbewegungen hat er es unmittelbar zu thun: die Außendinge haben nur, sofern sie diese veranlassen, Einfluß auf ihn.

Die Welt, in der Jeder lebt, hängt zunächst ab von seiner Auffassung derselben, richtet sich daher nach der Verschiedenheit der Köpfe: dieser gemäß wird sie arm, schaal und flach, oder reich, interessant und bedeutungsvoll ausfallen. Während z. B. Mancher den Andern beneidet um die interessanten Begebenheiten, die ihm in seinem Leben aufgestoßen sind, sollte er ihn vielmehr um die Auffassungsgabe beneiden, welche jenen Begebenheiten die Bedeutsamkeit verlieh, die sie in seiner Beschreibung haben: denn die selbe Begebenheit, welche in einem geistreichen Kopfe sich so interessant darstellt, würde, von einem flachen Alltagskopf aufgefaßt, auch nur eine schaale Scene aus der Alltagswelt sein. …

Jeder steckt in seinem Bewußtsein, wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen.“ (1)

Selbst wenn der Mensch aus seiner Haut nicht herauskommt und ihm, wie Schopenhauer meinte, „von außen nicht sehr zu helfen“ ist, so muss das noch kein Grund zum Verzweifeln sein. Vielmehr gilt es, das Beste, was mit den gegebenen persönlichen Anlagen und Fähigkeiten sowie der gegebenen Umwelt möglich ist, zu versuchen, denn oft wachsen die Kräfte mit den Widerständen, die das Leben dem Streben nach Glück entgegensetzt.

Leben und Leid sind mehr oder weniger untrennbar miteinder verbunden. Ein Leben ohne Leid gibt es nicht. Deshalb kann auch das Glück als Lebensgefühl nicht von Dauer, sondern nur ein flüchtiger Begleiter des Lebens sein. Somit ist es durchaus kein übertriebener Pessimismus, wenn Arthur Schopenhauer aufgrund seiner Lebenserfahrungen zur Erkenntnis kam:

Ein glückliches Leben ist unmöglich: das höchste, was der Mensch erlangen kann, ist ein heroischer Lebenslauf. Einen solchen führt Der, welcher in irgend einer Art und Angelegenheit, für das Allen irgendwie zu Gute Kommende, mit übergroßen Schwierigkeiten kämpft und am Ende siegt, dabei aber schlecht oder gar nicht belohnt wird. (2)

„Für das Allen irgendwie zu Gute Kommende“ zu kämpfen, kann dem Leben durchaus einen Sinn geben und mitunter sogar dazu führen, dass es als glücklich empfunden wird. In diesem Sinne bleibt das Glück zwar ein individuelles Lebensgefühl, ist aber, wenn es mit dem Allgemeinwohl verbunden ist, mehr als nur eine egoistische Angelegenheit.

H.B.

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Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), BandVIII: Parerga und Paralipomena I/ Aphorismen zur Lebensweisheit , S. 346 f.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a.O., Band IX: Parerga II, § 172 a, S. 350.