Schopenhauer – Vedanta – Buddhismus

Zu den ersten bedeutenden Abhandlungen über das Verhältnis der Philosophie  Arthur Schopenhauers zu den in Indien entstandenen Lehren, und zwar besonders zum Vedanta des Hinduismus und zum Buddhismus, gehörte das Buch, das  Max  Hecker 1897 unter dem Titel Schopenhauer und die indische Philosophie veröffentlichte.

Hecker kam dort zu dem Ergebnis, dass sich in seiner Untersuchung – abgesehen von kleinen Details – die “durchgängige Congruenz [Übereinstimmung] der Philosophie Schopenhauers und der Inder als eine wahrhaft überraschende herausgestellt” habe, “und zwar, ist die Schopenhauer’sche Philosophie durchweg eine Synthesis [Zusammenfügung] von Brahmanismus [aus dem der Hinduismus entstand], in Gestalt des Vedanta, und Buddhismus, deren Lehren in seinem Systeme zu höherer Einheit verbunden worden sind.

Wie Platon die Heraclit’sche Grundanschauung mit der des Parmenides in seiner Ideeenlehre verschmolzen hat, so Schopenhauer den brahmanischen und buddhistischen Idealismus. In der Lehre vom Willen als Ding-an-sich fliessen ebenfalls Vorstellungen des Brahmanismus und des Buddhismus zusammen, desgleichen in der Lehre von der Erlösung. Und wenn Schopenhauer im Jahre 1813 schrieb: ´Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in Einem sein soll` -, so sehen wir jetzt, dass diese Metaphysik wesentlich brahmanisches [und somit hinduistisches], die Ethik buddhistisches Gepräge aufweist. Seine Metaphysik ist die pantheistische Identitätslehre des Vedanta, seine Ethik die ´Vernichtung des Durstes`, die Buddha lehrt.

´Ich ordne an, ihr Jünger`, sagt Buddha, ´dass ein Jeder in seiner eigenen Sprache das Wort Buddhas lerne` (1) – das Abendland kann sie [die Lehre des Vedanta und die des Buddhismus ] in der Sprache Arthur Schopenhauers lernen.”(2)

Johannes Volkelt meinte in seinem in mehreren Auflagen erschienenen Werk über  Schopenhauer, dass Hecker in seinem “gründlichen” Buch “den Zusammenhängen Schopenhauers mit der indischen Philosophie … in ausführlicher und verdienstvoller Weise nachgegangen” sei, er habe aber dabei “nicht selten die Ähnlichkeiten übertrieben und die Abweichungen allzu sehr zurücktreten lassen”.(3)

Auf Schopenhauers Verhältnis zu den Lehren des Vedanta und des Buddhismus ging auch Helmuth von Glasenapp in Das Indienbild deutscher Denker näher ein, wobei er deutlicher als Hecker die Unterschiede hervorhob. Aber trotz dieser vom Standpunkt der späteren indologischen Forschung betonten Differenzen erkannte von Glasenapp an, dass “Schopenhauer wie kein anderer sich die größten Verdienste um die Verbreitung der Kenntnis indischer Weisheit im Abendland erworben” habe. “Niemand hat mit so edler Begeisterung wie er [Schopenhauer] immer wieder auf die geistigen Schätze des Gangeslandes hingewiesen, niemand hat ihnen durch seine Schriften so viele Freunde im Westen erworben wie er”. (4)

Zum 140. Geburtstage Schopenhauers veröffentlichte die Schopenhauer-Gesellschaft ihr fünfzehntes Jahrbuch, “dessen Philosophischer Teil” wie es im Vorwort heißt, “von einem einzigen Gedanken beherrscht wird: Europa und Indien”. Diesen Teil eröffnete Franz Mockrauer, Vorstandsmitglied der Gesellschaft, mit seinem Beitrag Schopenhauer und Indien. Gleich im ersten Absatz hob der Verfasser hervor: “Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, daß die Lehre der Upanishads, des Vedanta und des Buddhismus ein Hauptbestandteil seiner [Schopenhauers] eignen Metaphysik geworden sind und an ihrer Gesamtgestaltung mitgewirkt haben.”(5)

Somit ist es durchaus verständlich, wenn Schopenhauerianer bei der Begegnung mit dem Vedanta oder dem Buddhismus den Eindruck haben, nicht wirklich fremden, sondern vertrauten Boden zu betreten. In diesem Sinne kann Arthur Schopenhauers Philosophie mit ihrer auch die Tiere einbeziehenden Mitleidsethik eine Brücke sein zu den altindischen Lehren, insbesondere zur Metaphysik des Vedanta und der allumfassenden Ethik des Buddhismus.

H.B.

S. auch
> Aranyakas – Upanishaden – Vedanta
> Schopenhauer und Buddhismus
> Schopenhauer : Metaphysik – jenseits der Physik

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1) Hermann Oldenberg, Buddha, hrsg. von Helmuth von Glasenapp,
Stuttgart o. J. , S. 188.
(2) Max F. Hecker , Schopenhauer und die indische Philosophie, Köln 1897, S. 253 f.
(3) Johanners Volkelt, Arthur Schopenhauer , 3. Auflage, Stuttgart 1907,
S. 197 und 438 (Anm. 292).
(4) Helmuth von Glasenapp, Das Indienbild deutscher Denker, Stuttgart 1960, S. 99.
(5) 15. Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft für das Jahr 1928, Heidelberg 1928, S. 3

Die Meeresstille des Gemüts

Es ist nicht allein der Inhalt seiner genialen Philosophie, sondern auch seine hohe Sprachkunst, durch die Arthur Schopenhauer zu einem der am meisten zitierten Philosophen wurde. Seine literarische Qualität zeigt sich besonders eindrucksvoll auch in folgendem Zitat, bei dem es um ein zentrales Thema seiner Philosophie geht, nämlich um den Willen zum Leben und in diesem Zusammenhang auch um das, was sich wohl alle Menschen in ihrem Leben, wenngleich oft vergeblich, wünschen – Ruhe und Frieden, jenes Glücks, welches Schopenhauer die gänzliche Meeresstille des Gemüts nannte:

„… Das, was sich gegen dieses Zerfließen ins Nichts sträubt, unsere Natur ist ja eben nur der Wille zum Leben, der wir selbst sind, wie er unsere Welt ist. Daß wir so sehr das Nichts verabscheuen, ist nichts weiter, als ein anderer Ausdruck davon, daß wir so sehr das Leben wollen, und nichts sind, als dieser Wille, und nichts kennen, als eben ihn. –

Wenden wir aber den Blick von unserer eigenen Dürftigkeit und Befangenheit auf diejenigen, welche die Welt überwanden, in denen der Wille, zur vollen Selbsterkenntniß gelangt, sich in Allem wiederfand und dann sich selbst frei verneinte, und welche dann nur noch seine letzte Spur, mit dem Leibe, den sie belebt, verschwinden zu sehen abwarten; so zeigt sich uns, statt des rastlosen Dranges und Treibens, statt des steten Ueberganges von Wunsch zu Furcht und von Freude zu Leid, statt der nie befriedigten und nie ersterbenden Hoffnung, daraus der Lebenstraum des wollenden Menschen besteht, jener Friede, der höher ist als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des Gemüts, jene tiefe Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, deren bloßer Abglanz im Antlitz, wie ihn Rafael und Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres Evangelium ist …“*

Gerade in einer Zeit voll Hektik und Unfrieden ist jener „Friede , der höher ist als alle Vernunft“, ein dringendes Bedürfnis der Menschen. Leider ist ihnen dieser Frieden, diese „tiefe Ruhe“, wie Arthur Schopenhauer sehr treffend bemerkte, nur „selten vergönnt“. Wer aber das seltene Glück hat, in seinem Leben jene gänzliche Meeresstille des Gemüts zu erfahren, wird vielleicht verstehen, weshalb der erste Band von Schopenhauers  Hauptwerk mit der Bejahung und Verneinung des Willens endet** und warum hierin ein zutiefst spiritueller Erlösungsgedanke zum Ausdruck kommt, wie er sonst wohl nur in  den  Schriften östlicher und westlicher Mystiker zu finden ist.

H.B.

S. auch: Arthur Schopenhauer über >  Mystik  und > Erlösung .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band II: Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 507.
** Schopenhauer , a. a. O., S. 508.

 

Ein großer Schmerz verdrängt alle kleineren …

Nicht nur Arthur Schopenhauers berühmte Aphorismen zur Lebensweisheit enthalten vieles Wertvolle, was bei der Bewältigung des Alltages hilfreich sein kann. Auch in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung finden sich nicht wenige Weisheiten, die immer wieder durch das Leben bestätigt werden.  Das gilt zum Beispiel für die täglichen Erfahrungen von Schmerz und Leid, die mit dem Leben unvermeidbar verbunden sind, dabei jedoch mitunter weniger tragisch sind als sie im Augenblick erscheinen.

Wohl jeder ist schon Menschen begegnet, die selbst bei kleineren, fast harmlosen Erkrankungen voller Klage und Jammer sind – ganz abgesehen von hypochondrisch veranlagten Menschen, die sich Krankheiten nur einbilden.  Wie werden sie wohl reagieren, wenn sie wirklich schwer erkranken und dabei kaum erträgliche Schmerzen erleiden müssen? In diesem Zusammenhang denke ich an eine Lebensweisheit aus Schopenhauers Hauptwerk:

Große Leiden machen alle kleineren unfühlbar, und umgekehrt, bei Abwesenheit großer Leiden, quälen uns die kleinsten Unannehmlichkeiten … Ein großer Schmerz verdrängt alle kleineren …*

Insofern kann Leid – wie etwa durch  schwere Erkrankungen, die überstanden wurden – helfen, manches Unangenehme und viele Störungen im Leben nunmehr als das zu erkennen, was sie in Wahrheit sind: kleine Unannehmlichkeiten.

Übrigens, auch das war für Schopenhauer eine Lebenserfahrung:

Jeder Mensch, der ein großes Leid mit Geduld und ohne Murren erträgt, flößt uns Achtung ein.  Besonders ehrwürdig erscheint der Leidende, wenn er sein eigenes Unglück nur als einen Fall des allem Lebenden wesentlichen Leides auffaßt.*

Gerade der hier von Schopenhauer zuletzt genannte Fall setzt voraus, dass man nicht nur sein eigenes Leid, sondern auch das anderer Wesen wahrnimmt, mit ihnen mitfühlt und schließlich mitleidet. Das ist keine bloß theoretische Lebensweisheit, denn jeder kann es im Alltag erfahren: Mitleid verbindet und überschreitet die ansonsten strikte Grenze zwischen dem Ich und dem Du, ja nicht selten sogar auch zwischen Mensch und Tier – eine tiefgreifende Erkenntnis, die für Arthur Schopenhauer zur Grundlage seiner auch die Tiere einbeziehenden Mitleidsethik wurde.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

* Zit. nach: Schopenhauer – Register von Gustav Friedrich Wagner, neu hrsg. von Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1960, S. 244.

 

Das Glück – wo ist es ?

Alle Menschen streben nach Glück, doch leider finden es nicht alle. Vielleicht auch deshalb, weil sie es an der falschen Stelle suchen. Doch wo ist das Glück zu finden?  Arthur Schopenhauer gab hierzu die Antwort, und zwar durch einen Ausspruch des französischen Schriftstellers Nicolas Chamfort, den er seinen berühmten Aphorismen zur Lebensweisheit als Motto voranstellte und der in deutscher Übersetzung lautet:

Das Glück ist keine leichte Sache :
es ist sehr schwer, es in uns selbst,
und unmöglich es anderswo zu finden.

Gerade weil das Glück nur selten und nicht dauerhaft ist, gilt es, jede glückliche Stunde im Leben zu schätzen. Schopenhauer wusste das wohl aus eigener Erfahrung, denn:

Kein Glück auf Erden kommt dem gleich,
welches ein schöner und fruchtbarer Geist
zur glücklichen Sunde in sich selbst findet. *

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie  > hier .

* Quelle: Gustav Friedrich Wagner, Schopenhauer-Register, 2. Auflage, neu hrsg. von Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1960, S. 120.

Die geheime Kraft – der Wille

Gibt es eine Kraft, die bewirkt, dass alle Vielfalt dieser Welt und somit auch alles Leben aus dem – wie Arthur Schopenhauer es nannte – weltenschwangeren Nichts in Erscheinung tritt? Hierauf antwortete Schopenhauer mit einem wunderbaren, sehr aufschlussreichen Gleichnis, und zwar im Kapitel Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich im zweiten Band seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung:

“ Wenn wir nun […] den Blick vorwärts, weit hinaus in die Zukunft werfen, die künftigen Generationen, mit den Millionen ihrer Individuen, in der fremden Gestalt ihrer Sitten und Trachten uns zu vergegenwärtigen suchen, dann aber mit der Frage dazwischenfahren: Woher werden diese Alle kommen? Wo sind sie jetzt? – Wo ist der reiche Schooß des weltenschwangeren Nichts, der sie noch birgt, die kommenden Geschlechter? – Wäre darauf nicht die lächelnde und wahre Antwort: Wo anders sollen sie seyn, als dort, wo allein das Reale stets war und seyn wird, in der Gegenwart und ihrem Inhalt, also bei Dir, dem bethörten Frager, der, in diesem Verkennen seines eigenen Wesens, dem Blatte am Baume gleicht, welches im Herbste welkend und im Begriff abzufallen, jammert über seinen Untergang und sich nicht trösten lassen will durch den Hinblick auf das frische Grün, welches im Frühling den Baum bekleiden wird, sondern klagend spricht: »Das bin ja Ich nicht! Das sind ganz andere Blätter!« – O thörichtes Blatt! Wohin willst du? Und woher sollen andere kommen? Wo ist das Nichts, dessen Schlund du fürchtest? – Erkenne doch dein eigenes Wesen, gerade Das, was vom Durst nach Daseyn so erfüllt ist, erkenne es wieder in der innern, geheimen, treibenden Kraft des Baumes, welche, stets eine und dieselbe in allen Generationen von Blättern, unberührt bleibt vom Entstehn und Vergehn.“

Wenn Schopenhauer hierbei von einem weltenschwangeren Nichts spricht, so wird dadurch auch an dieser Stelle deutlich, dass dieses Nichts keinesfalls im absoluten, sondern nur im relativen Sinne zu verstehen ist, und somit alle, die seiner Philosophie einen Hang zum Nihilismus unterstellen, nur an ihrer Oberfläche geblieben sind.

Die geheime Kraft, „welche das Phänomen der Welt hervorbringt, mithin die Beschaffenheit derselben bestimmt“, ist nicht irgendwo in der Welt, sondern – und das ist eine hochbedeutsame Erkenntnis Schopenhauers! – auch in uns selbst: „Ich nun aber habe gezeigt und habe es zumal in der Schrift Vom Willen in der Natur bewiesen, daß die in der Natur treibende und wirkende Kraft identisch ist mit dem Willen in uns.“(2)

Wenn die geheime innere Kraft oder, wie sie Schopenhauer nannte, der Wille in uns, identisch ist mit der, welche die Welt aus dem weltenschwangeren Nichts hervorbringt, dann besteht ein Zusammenhang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, den Schopenhauer so beschrieb: „Das Wesen an sich des Menschen kann nur im Verein mit dem Wesen an sich aller Dinge, also der Welt, verstanden werden […]. Mikrokosmos und Makrokosmos erläutern sich nämlich gegenseitig, wobei sie als im Wesentlichen das Selbe sich ergeben.“(3) Somit liegt der Schluss nahe: Wer sich selbst erkennt, hat alles Wesentliche der Welt erkannt! Die von Arthur Schopenhauer hoch verehrten Weisen des alten Giechenlands kamen wohl zum gleichen Ergebnis: Erkenne dich selbst, lautete die Inschrift am Apollotempel in Delphi – ein Spruch des Weisen Cheilon, auf dem dann Sokrates seine Philosophie der Tugend gründete. (4)

H.B.

S. dazu auch > Der metaphysische Wille

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),    Band  IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 559 f.
(2) Ebd.,  S. 691 f.
(3) Schopenhauer, a. a. O., Band IX: Parerga und Paralipomena II,
S. 26 f.
(4) Vgl. Philosophisches Wörterbuch, begr. v. Heinrich Schmidt,
21. Aufl., neu bearb. v. Georgi Schischkoff, Stuttgart 1982, S. 163.

 

 

 

Genie oder Gelehrter ?

Das Genie” – meinte Arthur Schopenhauer – “ist unter den andern Köpfen, was unter den Edelsteinen der Karfunkel: es strahlt eigenes Licht aus, während die anderen es nur reflektieren … Ein Gelehrter ist, wer viel gelernt hat; ein Genie Der, von dem die Menschheit lernt, was er von Keinem gelernt hat. – Daher sind die großen Geister, von denen auf hundert Millionen Menschen kaum einer kommt, die Leuchtthürme der Menschheit, ohne welche diese sich in das grenzenlose Meer der entsetzlichsten Irrtümer und der Verwilderung verlieren würde.” (1)

Wenn Schopenhauer nur wenigen Menschen zubilligte, ein Genie zu sein, so liegt das auch daran, dass er vielen Gelehrten, die in der Öffentlichkeit als genial gelten, dieses Prädikat nicht zugestand: “Geister ersten Ranges … werden niemals Fachgelehrte seyn”: Diese verglich Schopenhauer mit einem Manne, “der in seinem eigenen Hause wohnt, jedoch nie herauskommt. In dem Hause kennt er Alles genau, jedes Treppchen, jeden Winkel und jeden Balken, aber außerhalb derselben ist ihm alles unbekannt”. Deshalb könne nach Meinung Schopenhauers “den Namen eines Genies … nur Der verdienen, welcher das Ganze und Große, das Wesentliche und Allgemeine der Dinge zum Thema seiner Leistung nimmt”. (2)

Die Ansprüche, die Schopenhauer an ein Genie stellte, sind dementsprechend hoch und schwer zu erfüllen: Die vollkommenste Erkenntniß, also die rein objective, d. h. die geniale Auffassung der Welt, [ist] bedingt durch ein so tiefes Schweigen des Willens, daß, so lange sie anhält, sogar die Individualität aus dem Bewußtseyn verschwindet und der Mensch als reines Subjekt des Erkennens … übrig bleibt.”(3)

Somit lässt sich Genie, wenn überhaupt, nur fördern, aber nicht erlernen und auch nicht willentlich erzwingen: “Um originelle, außerordentliche, vielleicht sogar unsterbliche Gedanken zu haben, ist es hinreichend, sich der Welt und den Dingen auf einige Augenblicke so gänzlich zu entfremden, daß Einem die allergewöhnlichsten Gegenstände und Vorgänge als völlig neu und unbekannt erscheinen, als wodurch eben ihr wahres Wesen sich aufschließt. Das hier Geforderte ist aber nicht etwan schwer; sondern es steht gar nicht in unsrer Gewalt und ist eben das Walten des Genius.”(4)

So mag man es als “Gnade” auffassen, wenn sich beim Genie wenigstens auf einige Augenblicke die Erkenntnis von der Herrschaft des Willens löst. Andererseits ist aber Genie nicht selten mit einem hohen Preis verbunden, denn – so Arthur Schopenhauer – man könnte sagen: “Das Genie wohne nur ein Stockwerk höher, als der Wahnsinn”.(5) Ja mehr noch: Oft wohnt es sogar im gleichen Stockwerk! (6)

Wenn laut Schopenhauer Genie “höchster Intellekt mit vollkommener Objektivität, Wahrheitsliebe, Hingabe an die Sache und Fähigkeit zur Kontemplation” (7) ist, so muss man wohl kein “Schopenhauerianer” sein, um anzuerkennen, dass Schopenhauer diese Eigenschaften in besonders hohem Maße besaß. So stellte zum Beispiel Heinrich Hasse , Professor der Philosophie, in seiner sehr empfehlenswerten Schopenhauer-Biografie Arthur Schopenhauer als “großen Denker” vor, der “von leidenschaftlicher Wahrheitsliebe und philosophischer Ehrlichkeit zutiefst erfüllt” gewesen sei. Es seien “Eigenschaften, welche bezwingend ausstrahlen in die Gedankenwelt seines [Schopenhauers] Systems. Geniale Kühnheit und kritische Redlichkeit halten sich in der Behandlung der Kernfragen das Gleichgewicht”. Schopenhauers Leistung stelle sich dar, “als ein Gesamtzusammenhang, in welchem Kühnheit und Ernst sich verbündet haben zu tiefsinniger Beantwortung jener ersten und letzten Fragen, mit denen menschliches Denken aller Zeiten und Zonen gerungen hat”.(8)

Ob obiges Urteil zutrifft, und deshalb Arthur Schopenhauer als Genie zu bezeichnen ist, davon mag sich der ernsthafte und unvoreingenommene Leser seiner Werke selbst überzeugen. Jedenfalls für den Verfasser dieses Beitrages besteht hieran kein Zweifel.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Quellen

(1) Arthur Schopenhauer , P II, S. 82.
(2) Ebd., S. 520.
(3) Schopenhauer , W II, 245 f.
(4) Schopenhauer , P II, S. 81 f.
(5) Ebd., S. 53.
(6) S. dazu: Wilhelm Lange-Eichbaum, Genie Irrsinn und Ruhm –
Eine Pathographie des Genies, bearb. von Wolfram Kurth,
5. Aufl., München / Basel 1962, Dort wird zu dieser Thematik
auf zahlreiche Autoren verwiesen, darunter auch auf Arthur Schopenhauer.
(7) Ebd., S. 36.
(8)  Heinrich Hasse , Schopenhauer, München 1926, S. 17.

 

Beispiele und Vorbilder

Können Beispiele, die als Vorbilder dienen, das Verhalten oder sogar den Charakter der Menschen wirklich ändern? Arthur Schopenhauer nahm zu dieser Frage in seinen Schriften mehrmals Stellung, wie etwa die folgenden Zitate aus dem Schopenhauer-Lexikon * zeigen:

Der Einfluss des Beispiels ist mächtiger, als der der Lehre. Die sehr starke Wirkung des Beispiels beruht auf der Unselbständigkeit der meisten Menschen. Die Meisten haben zu wenig Urteilskraft und zu wenig Kenntnis, um nach eigenem Ermessen zu handeln. Daher sie gern in die Fußstapfen Anderer treten. Die Scheu vor eigenem Nachdenken und das große Misstrauen gegen das eigene Urteil treibt sie zur Nachahmung. (P. II, 254.)

Das Beispiel wirkt entweder hemmend oder befördernd. Ersteres, wenn es den Menschen bestimmt, zu unterlassen was er gern täte, sei es, dass er es nicht für rätlich hält, oder gar an einem Andern, der es getan, die schlimmen Folgen wahrgenommen; dies ist das abschreckende Beispiel. Befördernd wirkt das Beispiel, indem es entweder den Menschen bewegt, zu tun was er gern unterließe, oder ihn ermutigt, zu tun, was er gern tut, jedoch bisher aus Furcht vor Gefahr oder Schande unterließ; dies ist das verführerische Beispiel. (P. II, 253 fg.)

Die Art der Wirkung des Beispiels wird durch den Charakter eines Jeden bestimmt; daher dasselbe Beispiel auf den Einen verführerisch, auf den Anderen abschreckend wirkt. Der Eine denkt: „Pfui, wie egoistisch, wie rücksichtslos ist dies; ich will mich hüten, dergleichen zu tun.“ Zwanzig Andere denken: ´Tut Der Das, darf ich’s auch.` (P. II, 254.)

Das Beispiel kann, wie die Lehre, zwar eine zivile, oder legale Besserung befördern, jedoch nicht die innerliche, eigentlich moralische. Das Beispiel wirkt nur als ein Beförderungsmittel des Hervortretens der guten und schlechten Charaktereigenschaften, aber es schafft sie nicht. (P. II, 255.)”

Aus obigen Zitaten wird deutlich, dass Beispiele die Funktion von Vorbildern haben können, und zwar nicht nur in positiver, sondern auch in negativer Hinsicht. So groß ihr Einfluss auch sein mag, ihre Wirkungen sind begrenzt, denn sie vermögen nur das Verhalten des Menschen zu beeinflussen, nicht jedoch seinen Charakter zu ändern. Gerade in dieser sehr bedeutsamen Einschränkung, die wohl von vielen heutigen Pädagogen bestritten wird, kommt eine zentrale Erkenntnis der Philosophie Schopenhauers zum Ausdruck, nämlich die Unveränderbarkeit des Charakters. Wer das aus eigener Lebenserfahrung bestätigt fand, dem bleibt wohl künftig manche Enttäuschung erspart.

H.B.

> Charakter und Motivation in Schopenhauers Lebensphilosophie

> Arthur Schopenhauer : Der angeborene Charakter

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

* Quelle
 > Schopenhauer-Lexikon  , 1. Band, S. 72 f., Stichwort: Beispiel .
Dort sind die hier abgekürzten Quellenangaben zu den betreffenden Werken Schopenhauers zu finden.