Trotz Tod alle beisammen

Wohl jeder hat es schon erleben müssen, was der Tod eines geliebten Wesens, sei es Mensch oder Tier, bedeuten kann. Arthur Schopenhauer hat dazu  bewegende Worte gefunden:

“ Der tiefe Schmerz, beim Tode jedes befreundeten Wesens, entsteht aus dem Gefühle, daß in jedem Individuo etwas Unaussprechliches, ihm allein Eigenes und daher durchaus Unwiederbringliches liegt. Omne individuum ineffabile. [ Jedes Einzelwesen ist unergründlich. ] Dieses gilt selbst vom thierischen Individuo, wo es am lebhaftesten Der empfinden wird, welcher zufällig ein geliebtes Thier tödtlich verletzt hat und nun seinen Scheideblick empfängt, welches einen herzzerreißenden Schmerz verursacht.“(1)

Durchaus berechtigt ist Schopenhauers Frage; „Wie kann man nur, beim Anblick des Todes eines Menschen oder eines Thieres, vermeinen, hier werde ein Ding an sich (das Metaphysische im Menschen und im Tier] selbst zu nichts?“ (2).

Wie Schopenhauer in seiner Philosophie spirituell sehr tief begründete, ist alles Leben durch das, was er Wille nannte,  metaphysisch miteinander verbunden – eine Einheit, die auch durch den Tod nicht zerstört wird: “ Demnach können wir jeden Augenblick wohlgemuth ausrufen:  Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch Alle beisammen.„(3)

Zitatquellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977, Band X, S. 636.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IX, S. 294.
(3) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IV, S. 562.
H.B.

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Arthur Schopenhauer – ein Menschenfreund

Es ist leider ziemlich selten, dass über Arthur Schopenhauer berichtet wird und ihm dabei menschenfreundliche Charakterzüge zuerkannt werden. Deshalb sei auf zwei Berichte aus seinem Leben hingewiesen, die helfen können, Schopenhauer gerechter zu beurteilen:

In dem von Angelika Hübscher herausgegebenen Taschenbuch Arthur Schopenhauer . Leben und Werk in Texten und Bildern (1. Aufl., Frankfurt a. M. 1989, S. 344) steht zur Erläuterung eines Bildes vom Frankfurter Schopenhauer-Denkmal , dass dieses 1895 am gleichen Ort errichtet wurde, „an dem der Philosoph 1859 den jungen Julius Frank vor dem Selbstmord durch Ertrinken rettete. Bei der Feier wußte noch niemand von dieser hilfreichen Tat, über die Schopenhauer – der sich bis zu seinem Tode um den jungen Mann kümmerte – selbst nie gesprochen hat“.

Paul Deussen berichtete in seinem Buch Neuere Philosophie von Descartes bis Schopenhauer (3. Aufl., Leipzig 1922, S. 419 f.) von einer alten Dame, die als kleines Mädchen Schopenhauer noch persönlich erleben konnte und darüber in ihren Erinnerungen viel zu berichten wusste. So erzählte sie, „wie gern und oft der von den Kindern des Hauses ein wenig gefürchtete, aber noch viel mehr geliebte Philosoph sich mit ihnen beschäftigte, wie er bestrebt war, ihnen bei jeder Gelegenheit und namentlich zur Weihnachtszeit eine Freude zu machen, und wie wenig das Zerrbild eines misanthropischen Pessimisten auf den humorvollen, jovialen Kinderfreund und Tierfreund Anwendung findet, als welcher er uns aus diesen Schilderungen entgegentritt“.
H.B.

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Arthur Schopenhauer : Weisheit und Philosophie

Die Philosophie ist wesentlich Weltweisheit, schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (Band II, Kap. 17). Dem fügte er – wohl mit Blick auf Religion und Theologie, die sich nach Meinung Schopenhauers in die Philosophie einmischten – noch die Bemerkung hinzu: Ihr [der Philosophie] Problem ist die Welt: mit dieser allein hat sie es zu tun und läßt die Götter in Ruhe, erwartet aber dafür, auch von ihnen in Ruhe gelassen werden.

Wenn Philosophie Weisheit ist, dann ist sie keineswegs nur eine rein theoretische Angelegenheit, denn – wie Schopenhauer in seinem Manuskriptbuch (Quartant, Bl. 81) notierte:

Arthur Schopenhauer : Weisheit
Quelle: Arthur Schopenhauers handschriftlicher Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin

Weisheit scheint mir nicht bloß theoretische, sondern auch praktische Vollkommenheit zu bezeichnen: ich würde sie erklären: die vollendete richtige Erkenntnis der Dinge im Allgemeinen, die den Menschen so durchdrungen hat, daß sie endlich in sein Handeln ausbricht und sein Thun durchgängig leitet.

Wie wenig Schopenhauer von rein theoretischer Weisheit hielt, brachte er in einem Gleichnis (Parerga II, Kap. XXXI, § 400) zum Ausdruck: Weisheit, welche in einem Menschen bloß theoretisch da ist, ohne praktisch zu werden, gleicht der gefüllten Rose, welche durch Farbe und Geruch andere ergötzt, aber abfällt, ohne Frucht angesetzt zu haben.

Dementsprechend äußerte sich Schopenhauer (in Parerga II, Kap. I, § 9) zur Philosophie: Sie müsse ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben: auch darf es dabei, so sehr auch der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, dass nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion käme und durch und durch erschüttert würde.

Im übrigen meinte Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit (Kap. V, D, 48) sehr zutreffend:

Es gibt etwas Weiseres in uns, als der Kopf ist.

H.B.

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Heroischer Lebenslauf ?

Arthur Schopenhauers Philosophie hat viele Freunde, zugleich aber auch viele Gegner. Manchen von ihnen scheint es bei ihrer Kritik an sachlichen Argumenten zu mangeln, denn sie versuchen, Schopenhauer als Person anzugreifen. Das ist nicht besonders schwierig, weil – wie bei jedem Menschen – sich auch bei Schopenhauer menschliche Schwächen finden, die sich dann in Vergrößerung herausstellen lassen. Selbst diejenigen, welche einen, wie es Schopenhauer nannte, heroischen Lebenslauf vorzuweisen haben, sind nicht ohne Fehler. Paul Deussen, Professor der Philosophie und Herausgeber von Schopenhauers Schriften, schrieb dazu in seinem Buch Neuere Philosophie von Descartes bis Schopenhauer (3. Aufl., Leipzig 1922, S. 422 ff.):

„Als Mensch war Schopenhauer, wie jeder Mensch, nicht ohne Schwächen [… er hatte] Charakterzüge, die man wegwünschen möchte und an ihm ertragen muss. Aber diese Züge verschwinden wie leichte Wolkenschatten vor der strahlenden Sonne, über der herrlichen Fülle der tiefsten Aufschlüsse über Welt und Leben, wie sie kein anderer Philosoph alter und neuer Zeit in dem Maße wie Schopenhauer zu bieten weiß, sie verschwinden vor der herrlichen Schilderung, welche Schopenhauer [in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung II, 2. Buch, Kap. 19] von dem moralischen Menschen entwirft:

Wie Fackeln und Feuerwerk vor der Sonne blass und unscheinbar werden, so wird Geist, ja Genie, und ebenfalls die Schönheit, überstrahlt und verdunkelt von der Güte des Herzens. Wo diese in hohem Grade hervortritt, kann sie den Mangel jener Eigenschaften so sehr ersetzen, dass man solche vermisst zu haben sich schämt. Sogar der beschränkteste Verstand, wie auch die groteske Hässlichkeit, werden, sobald die ungemeine Güte des Herzens sich in ihrer Begleitung kundgetan, gleichsam verklärt, umstrahlt von einer Schönheit höherer Art, indem jetzt aus ihnen eine Weisheit spricht, vor der jede andere verstummen muss. Denn die Güte des Herzens ist eine transzendente Eigenschaft, gehört einer über dieses Leben hinausreichenden Ordnung der Dinge an und ist mit jeder andern Vollkommenheit inkommensurabel [unvergleichbar].

Schopenhauer hätte die Güte des Herzens nicht mit dieser tiefen Einsicht schildern können, wenn er sie nicht in sich selbst gefunden und erlebt hätte. Unter einer oft rauhen Außenseite verbarg er ein edles, wohlwollendes, stets zur Hilfe bereites Herz.

[…] Er übte, wie sein Biograph Gwinner berichtet, Mildtätigkeit in einem für seine Verhältnisse ungewöhnlichen Grade: Keine Gelegenheit zur Milderung fremder Not, insbesondere bei Unglücksfällen, das Seinige beizutragen, ließ er vorübergehen ; ja er scheute selbst größere Opfer nicht, wenn es zu helfen galt

[…] Sein ganzes Leben hindurch widerstand er den Lockungen, sich bei den sogenannten Großen der Welt, bei den Regierungen und den Stimmführern der öffentlichen Meinung zu empfehlen, und bei aller Sehnsucht nach Anerkennung ließ er sich doch nicht verleiten, den Neigungen des Zeitalters irgendwelche Konzessionen zu machen, dem Publikum zu schmeicheln und den Wünschen des Lesers in irgend etwas anderm entgegenzukommen als in der mühsam erreichten Klarheit und Schönheit seiner Darstellung.

Das Höchste, was der Mensch erlangen kann, sagt er [in Parerga II, § 172 a], ist ein heroischer Lebenslauf. Einen solchen führt der, welcher, in irgendeiner Art und Angelegenheit, für das allen irgendwie zugute Kommende, mit übergroßen Schwierigkeiten kämpft und am Ende siegt, dabei aber schlecht oder gar nicht belohnt wird.“
H.B.

Schopenhauers Lebenslauf (in 10 Teilen) > dort.

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Lebenswille – das Allerrealste!

Was Arthur Schopenhauer den Willen zum Leben nannte, wird gerade im Frühling –  jener Jahreszeit, in dem die vorher scheinbar schlafende Natur erwacht und sich nun mit aller Macht und in voller Pracht entfaltet, besonders deutlich. Dieser Lebenswille tritt überall in Erscheinung, wo Leben ist – in jedem Menschen, in jedem Tier, in jeder Pflanze. Er ist, wie Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (Band 2, Kap. 28) höchst eindruckvoll beschrieb, „das Allerrealste, was wir kennen“:

„Jeder Blick auf die Welt, welche zu erklären die Aufgabe des Philosophen ist, bestätigt und bezeugt, daß Wille zum Leben, weit entfernt eine beliebige Hypostase [Personifizierung göttlicher Eigenschaften], oder gar ein leeres Wort zu seyn, der allein wahre Ausdruck ihres innersten Wesens ist. Alles drängt und treibt zum Daseyn, wo möglich zum organischen, d. i. zum Leben, und danach zur möglichsten Steigerung desselben: an der thierischen Natur wird es dann augenscheinlich, daß Wille zum Leben der Grundton ihres Wesens, die einzige unwandelbare und unbedingte Eigenschaft desselben ist. Man betrachte diesen universellen Lebensdrang, man sehe die unendliche Bereitwilligkeit, Leichtigkeit und Ueppigkeit, mit welcher der Wille zum Leben, unter Millionen Formen, überall und jeden Augenblick, mittelst Befruchtungen und Keimen […], sich ungestüm ins Daseyn drängt, jede Gelegenheit ergreifend, jeden lebensfähigen Stoff begierig an sich reißend: und dann wieder werfe man einen Blick auf den entsetzlichen Allarm und wilden Aufruhr desselben, wann er in irgend einer einzelnen Erscheinung aus dem Daseyn weichen soll; zumal wo dieses bei deutlichem Bewußtseyn eintritt. Da ist es nicht anders, als ob in dieser einzigen Erscheinung die ganze Welt auf immer vernichtet werden sollte, und das ganze Wesen eines so bedrohten Lebenden verwandelt sich sofort in das verzweifelteste Sträuben und Wehren gegen den Tod. Man sehe z. B. die unglaubliche Angst eines Menschen in Lebensgefahr, die schnelle und so ernstliche Theilnahme jedes Zeugen derselben und den gränzenlosen Jubel nach der Rettung. Man sehe das starre Entsetzen, mit welchem ein Todesurtheil vernommen wird, das tiefe Grausen, mit welchem wir die Anstalten zu dessen Vollziehung erblicken, und das herzzerreißende Mitleid, welches uns bei dieser selbst ergreift. Da sollte man glauben, daß es sich um etwas ganz Anderes handelte, als bloß um einige Jahre weniger einer leeren, traurigen, durch Plagen jeder Art verbitterten und stets ungewissen Existenz; vielmehr müßte man denken, daß Wunder was daran gelegen sei, ob Einer etliche Jahre früher dahin gelangt, wo er, nach einer ephemeren Existenz, Billionen Jahre zu seyn hat. – An solchen Erscheinungen also wird sichtbar, daß ich mit Recht als das nicht weiter Erklärliche, sondern jeder Erklärung zum Grunde zu Legende, den Willen zum Leben gesetzt habe, und daß dieser, weit entfernt, wie das Absolutum, das Unendliche, die Idee und ähnliche Ausdrücke mehr, ein leerer Wortschall zu seyn, das Allerrealste ist, was wir kennen, ja, der Kern der Realität selbst.“
H.B.

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Schopenhauer : Das Unbewusste

Arthur Schopenhauer war wohl weltweit einer der ersten Philosophen, der auf die kaum zu überschätzende Bedeutung des Unbewussten für alle Lebensbereiche hinwies:

Alles Ursprüngliche, und daher alles Echte im Menschen wirkt, als solches, wie die Naturkräfte, unbewusst. Was durch das Bewusstsein hindurchgegangen ist, wurde eben damit zu einer Vorstellung: folglich ist die Äußerung desselben gewissermaßen Mittheilung einer Vorstellung. Demnach nun sind alle echten […] Eigenschaften des Charakters und des Geistes ursprünglich unbewusste, und nur als solche machen sie tiefen Eindruck. Alles Bewusste der Art ist schon nachgebessert und ist absichtlich, geht daher schon über in Affektation [Getue],  d. i. Trug. Was der Mensch unbewusst leistet, kostet ihm keine Mühe, lässt aber auch durch keine Mühe sich ersetzen: diese Art ist das Entstehen ursprünglicher Konzeptionen [schöpferische Einfälle], wie sie allen echten Leistungen zum Grunde liegen und den Kern derselben ausmachen. Darum ist nur das Angeborene echt und stichhaltig, und jeder, der etwas leisten will, muss in jeder Sache, im Handeln, im Schreiben, im Bilden, die Regeln befolgen, ohne sie zu kennen.
( Arthur Schopenhauer , Parerga II, § 340. )

Wenn ein großer, wahrscheinlich sogar der größte Teil des menschlichen Verhaltens unbewusst ist und somit der Mensch Regeln befolgt, die in seiner Natur liegen, ihm aber nicht bewusst sind, wo ist dann die Freiheit des Handelns? Abgesehen von dem in Schopenhauers Philosophie zentralen Problem der Willensfreiheit, stellt sich auch hier die Frage: Wie frei ist der Mensch?

Übrigens, Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, schrieb mit Bezug auf Schopenhauer:

Die wenigsten Menschen dürften sich klar gemacht haben, einen wie folgenschweren Schritt die Annahme unbewusster seelischer Vorgänge für Wissenschaft und Leben bedeuten würde. Beeilen wir uns aber hinzuzufügen, dass nicht die Psychoanalyse diesen Schritt zuerst gemacht hat. Es sind namhafte Philosophen als Vorgänger anzuführen, vor allem der große Denker Schopenhauer, dessen unbewusster “ Wille “ den seelischen Trieben der Psychoanalyse gleichzusetzen ist.
(Zit. aus „Über Arthur Schopenhauer“. Hrsg. von Gerd Haffmanns, Zürich 1977, S. 219.)

Daher kann Schopenhauer mit seiner sehr tiefgründigen Philosophie als Wegbereiter für die moderne Psychologie gelten. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass einer der einflussreichsten amerikanischen Psycho-analytiker, Irvin D. Yalom, vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel The Schopenhauer-Cure geschrieben hatte, das ein Bestseller wurde und als Übersetzung (Die Schopenhauer-Kur) auf dem deutschsprachigen Markt ebenfalls großen Erfolg hatte. Auch das zeigt, wie aktuell Arthur Schopenhauer geblieben ist.
H.B.
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Arthur Schopenhauer : Lebenswertes Leben ?

        Arthur Schopenhauer beschrieb in seiner Philosophie das Leben nicht wie es sein soll, sondern wie es in Wirklichkeit ist, also ohne jede Beschönigung. Schopenhauer ging es dabei nicht um den Beifall der „Menge“, sondern nur um eins: die Wahrheit, jedenfalls soweit sie menschlicher Erkenntnis zugänglich ist.

     Das gilt auch für seine Antworten auf die existentiellen Fragen der Menschen wie etwa die nach dem Wert des Lebens. Diese Frage stellt sich vor allem denen, die unter schweren Schicksalsschlägen leiden müssen und weniger jenen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen und dabei ängstlich bemüht sind, das Leid dieser Welt – sei es von Mensch oder Tier – aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen.

        Wer jedoch die Fähigkeit zur Empathie, zum Mitgefühl mit fremdem Leid, nicht in sich abgetötet hat, wird, wie ich hoffe, die folgenden Auszüge  aus Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille als Vorstellung verstehen und dessen sprachlich meisterhafte und daher besonders eindrucksvolle Begründung nachvollziehen können.

        Um die originale Fassung beizubehalten, wurde die Rechtschreibung im nachstehenden Zitat nicht korrigiert. Es beginnt mit dem Hinweis auf den wahren Urheber allen Leides, nämlich dem (metaphysischen) Willen, der, wie in Schopenhauers Philosophie ausführlich dargelegt , sich in allen Erschei-nungsformen dieser Welt, also auch in allem, was lebt, manifestiert:

        “ Aus der Nacht der Bewußtlosigkeit zum Leben erwacht findet der Wille sich als Individuum, in einer end- und gränzenlosen Welt, unter zahllosen Individuen, alle strebend, leidend, irrend; und wie durch einen bangen Traum eilt er zurück zur alten Bewußtlosigkeit. –

        Bis dahin jedoch sind seine Wünsche gränzenlos, seine Ansprüche uner-schöpflich, und jeder befriedigte Wunsch gebiert einen neuen. Keine auf der Welt mögliche Befriedigung könnte hinreichen, sein Verlangen zu stillen, seinem Begehren ein endliches Ziel zu setzen und den bodenlosen Abgrund seines Herzens auszufüllen.

        Daneben nun betrachte man, was dem Menschen, an Befriedigungen jeder Art, in der Regel, wird: es ist meistens nicht mehr, als die, mit unablässiger Mühe und steter Sorge, im Kampf mit der Noth, täglich errungene, kärgliche Erhaltung dieses Daseyns selbst, den Tod im Prospekt [als Aussicht]. –

        Alles im Leben giebt kund, daß das irdische Glück bestimmt ist, vereitelt oder als eine Illusion erkannt zu werden. Hiezu liegen tief im Wesen der Dinge die Anlagen. Demgemäß fällt das Leben der meisten Menschen trübsälig und kurz aus. Die […] Glücklichen sind es meistens nur scheinbar, oder aber sie sind, wie die Langlebenden, seltene Ausnahmen, zu denen eine Möglichkeit übrig bleiben mußte, – als Lockvogel.

        Das Leben stellt sich dar als ein fortgesetzter Betrug, im Kleinen, wie im Großen. Hat es versprochen, so hält es nicht; es sei denn, um zu zeigen, wie wenig wünschenswerth das Gewünschte war: so täuscht uns also bald die Hoffnung, bald das Gehoffte. Hat es gegeben: so war es, um zu nehmen.

        Der Zauber der Entfernung zeigt uns Paradiese, welche wie optische Täuschungen verschwinden, […] Das Glück liegt demgemäß stets in der Zukunft, oder auch in der Vergangenheit, und die Gegenwart ist einer kleinen dunkeln Wolke zu vergleichen, welche der Wind über die besonnte Fläche treibt: vor ihr und hinter ihr ist Alles hell, nur sie selbst wirft stets einen Schatten. Sie ist demnach allezeit ungenügend, die Zukunft aber ungewiß, die Vergangenheit unwiederbringlich.

        Das Leben, mit seinen stündlichen, täglichen, wöchentlichen und jähr-lichen, kleinen, größern und großen Widerwärtigkeiten, mit seinen getäuschten Hoffnungen und seinen alle Berechnung vereitelnden Unfällen, trägt so deutlich das Gepräge von etwas, das uns verleidet werden soll, daß es schwer zu begreifen ist, wie man dies hat verkennen können und sich überreden lassen, es sei da, um dankbar genossen zu werden, und der Mensch, um glücklich zu seyn.

        Stellt doch vielmehr jene fortwährende Täuschung und Enttäuschung, wie auch die durchgängige Beschaffenheit des Lebens, sich dar, als darauf abgese-hen und berechnet, die Ueberzeugung zu erwecken, daß gar nichts unsers Strebens, Treibens und Ringens werth sei, daß alle Güter nichtig seien, die Welt an allen Enden bankrott, und das Leben ein Geschäft, das nicht die Kosten deckt; – auf daß unser Wille sich davon abwende.[…]

        Zuletzt verkündigt die Zeit den Urtheilsspruch der Natur über den Werth aller in ihr erscheinenden Wesen, indem sie sie vernichtet:

Und das mit Recht: denn Alles was entsteht,

Ist werth, daß es zu Grunde geht.

Drum besser wär’s, daß nichts entstünde.

[Goethe, Faust I, 1339]

        So sind denn Alter und Tod, zu denen jedes Leben nothwendig hineilt, das aus den Händen der Natur selbst erfolgende Verdammungsurtheil über den Willen zum Leben, welches aussagt, daß dieser Wille ein Streben ist, das sich selbst vereiteln muß. ´Was du gewollt hast`, spricht es, endigt so: ´wolle etwas Besseres.`–

        Also die Belehrung, welche Jedem sein Leben giebt, besteht im Ganzen darin, daß die Gegenstände seiner Wünsche beständig täuschen, wanken und fallen, sonach mehr Quaal als Freude bringen, bis endlich sogar der ganze Grund und Boden, auf dem sie sämmtlich stehen, einstürzt, indem sein Leben selbst vernichtet wird und er so die letzte Bekräftigung erhält, daß all sein Streben und Wollen eine Verkehrtheit, ein Irrweg war […]

        Wir fühlen den Schmerz, aber nicht die Schmerzlosigkeit; wir fühlen die Sorge, aber nicht die Sorglosigkeit; die Furcht, aber nicht die Sicherheit. Wir fühlen den Wunsch, wie wir Hunger und Durst fühlen; sobald er aber erfüllt worden, ist es damit, wie mit dem genossenen Bissen, der in dem Augenblick, da er verschluckt wird, für unser Gefühl dazuseyn aufhört.

        Genüsse und Freuden vermissen wir schmerzlich, sobald sie ausbleiben: aber Schmerzen, selbst wenn sie nach langer Anwesenheit ausbleiben, werden nicht unmittelbar vermißt, sondern höchstens wird absichtlich, mittelst der Reflexion, ihrer gedacht. Denn nur Schmerz und Mangel können positiv empfunden werden und kündigen daher sich selbst an: das Wohlseyn hin-gegen ist bloß negativ.

        Daher eben werden wir der drei größten Güter des Lebens, Gesundheit, Jugend und Freiheit, nicht als solcher inne, so lange wir sie besitzen; sondern erst nachdem wir sie verloren haben: denn auch sie sind Negationen. Daß Tage unsers Lebens glücklich waren, merken wir erst, nachdem sie unglücklichen Platz gemacht haben. –

        In dem Maaße, als die Genüsse zunehmen, nimmt die Empfänglichkeit für sie ab: das Gewohnte wird nicht mehr als Genuß empfunden. Eben dadurch aber nimmt die Empfänglichkeit für das Leiden zu: denn das Wegfallen des Gewohnten wird schmerzlich gefühlt. Also wächst durch den Besitz das Maaß des Nothwendigen, und dadurch die Fähigkeit Schmerz zu empfinden. –

        Die Stunden gehen desto schneller hin, je angenehmer; desto langsamer, je peinlicher sie zugebracht werden: weil der Schmerz, nicht der Genuß das Positive ist, dessen Gegenwart sich fühlbar macht. Eben so werden wir bei der Langenweile der Zeit inne, bei der Kurzweil nicht. Beides beweist, daß unser Daseyn dann am glücklichsten ist, wann wir es am wenigsten spüren: woraus folgt, daß es besser wäre, es nicht zu haben. […]

        Ehe man so zuversichtlich ausspricht, daß das Leben ein wünschenswer- tes, oder dankenswertes Gut sei, vergleiche man ein Mal gelassen die Summe der nur irgend möglichen Freuden, welche ein Mensch in seinem Leben genießen kann, mit der Summe der nur irgend möglichen Leiden, die ihn in seinem Leben treffen können. Ich glaube, die Bilanz wird nicht schwer zu ziehen seyn.

        Im Grunde aber ist es ganz überflüssig, zu streiten, ob des Guten oder des Uebeln mehr auf der Welt sei: denn schon das bloße Daseyn des Uebels entscheidet die Sache; da dasselbe nie durch das daneben oder danach vorhandene Gut getilgt, mithin auch nicht ausgeglichen werden kann […]

        Denn, daß Tausende in Glück und Wonne gelebt hätten, höbe ja nie die Angst und Todesmarter eines Einzigen auf: und eben so wenig macht mein gegenwärtiges Wohlseyn meine frühern Leiden ungeschehen. Wenn daher des Uebeln auch hundert Mal weniger auf der Welt wäre, als der Fall ist; so wäre dennoch das bloße Daseyn desselben hinreichend, eine Wahrheit zu begründen, welche sich auf verschiedene Weise, wiewohl immer nur etwas indirekt ausdrücken läßt, nämlich, daß wir über das Daseyn der Welt uns nicht zu freuen, vielmehr zu betrüben haben: – daß ihr Nichtseyn ihrem Daseyn vorzuziehen wäre; daß sie etwas ist, das im Grunde nicht seyn sollte […]

        Wenn das Leben an sich selbst ein schätzbares Gut und dem Nichtseyn entschieden vorzuziehen wäre; so brauchte die Ausgangspforte nicht von so entsetzlichen Wächtern, wie der Tod mit seinen Schrecken ist, besetzt zu seyn. Aber wer würde im Leben, wie es ist, ausharren, wenn der Tod minder schrecklich wäre? –

        Und wer könnte auch nur den Gedanken des Todes ertragen, wenn das Leben eine Freude wäre! So aber hat jener immer noch das Gute, das Ende des Lebens zu seyn, und wir trösten uns über die Leiden des Lebens mit dem Tode, und über den Tod mit den Leiden des Lebens. Die Wahrheit ist, daß Beide unzertrennlich zusammengehören, indem sie ein Irrsal ausmachen, von welchem zurückzukommen so schwer, wie wünschenswerth ist. […]

        Und dieser Welt, diesem Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, daß eines das andere verzehrt, wo daher jedes reißende Thier das lebendige Grab tausend anderer und seine Selbsterhaltung eine Kette von Martertoden ist, […] dieser Welt hat man das System des Optimismus anpassen und sie uns als die beste unter den möglichen andemonstriren wollen. Die Absurdität ist schreiend. –


Inzwischen heißt ein Optimist mich die Augen öffnen und hineinsehen in die Welt, wie sie so schön sei, im Sonnenschein, mit ihren Bergen, Thälern, Strömen, Pflanzen, Thieren u. s. f. – Aber ist denn die Welt ein Guckkasten?
Zu sehen sind diese Dinge freilich schön; aber sie zu seyn ist ganz etwas Anderes. –”

[Aus: Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band IV, Zürich 1977, Die Welt als Wille und Vorstellung II/2, Kap. 46, S. 670 ff.]

Weiteres
Schopenhauers Erlösungslehre und Lebensphilosophie > hier
Arthur Schopenhauers Philosophie : Überblick > hier

H.B.