Lebensweisheit : Goldene Mitte

In seinen Aphorismen zur Lebensweisheit schrieb Arthur Schopenhauer, dass das „Leben nicht eigentlich da“ sei, „um genossen, sondern um überstanden, abgethan zu werden“. * Mit solcher Lebensweisheit passt Schopenhauer überhaupt nicht in unsere heutige Spaßgesellschaft, ja er wird bei denen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen und dabei nicht gestört werden wollen, oft auf Ablehnung stoßen.

Doch viele Menschen haben einen solchen Sonnenplatz im Leben vom Schicksal leider nicht zugeteilt erhalten. Gerade sie werden Schopenhauer verstehen und ihm, wenn ihre Lebenserfahrungen besonders leidvoll waren, wohl auch darin zustimmen, „daß das Beste, was die Welt zu bieten hat, eine schmerzlose, ruhige Existenz ist“.

Es ist nicht einfach und bedarf  mancher schmerzvoller Erfahrung, um zu erkennen, wieviel Wahrheit in Schopenhauers Worten sind: 

Es ist wirklich die größte Verkehrtheit, diesen Schauplatz des Jammers in einen Lustort verwandeln zu wollen und statt der möglichsten Schmerzlosikeit , Genüsse und Freuden sich zum Ziele zu stecken; wie doch so Viele thun. Viel weniger irrt wer, mit zu finsterm Blicke, diese Welt als eine Art Hölle ansieht, und demnach nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen. Der Thor läuft den Genüssen des Lebens nach und sieht sich betrogen: der Weise vermeidet die Uebel.

Demenstprechend gab Schopenhauer den durchaus weisen Rat, „seine Ansprüche auf Genuß, Besitz, Rang, Ehre u. s. f. auf ein ganz Mäßiges herabzusetzen; weil gerade das Streben und Ringen  nach Glück, Glanz und Genuß es ist, was die großen Unglücksfälle herbeizieht“. Hierzu zitiert Schopenhauer eine Lebensweisheit von Horaz, die übersetzt  lautet:

Wer die goldene Mitte liebt, geht sicher,
er meidet den Schmutz des verfallenen Hauses,
er meidet genügsam das neiderweckende Schloß.

Also nicht das „neiderweckende Schloß“ ist anzustreben, sondern jene Menschen können sich glücklich schätzen, denen es gelingt, sich eine feuerfeste Stube zu schaffen und dabei im Leben stets die goldene Mitte zu halten.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier
sowie zu Schopenhauers > Aphorismen zur Lebensweisheit .

*Alle Zitate sind aus: Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band VIII: Aphorismen zur Lebensweisheit , S. 443-446.

 

 

Tierethik und Buddhismus

Tierethik und Buddhismus sind Themen, an denen Arthur Schopenhauer sehr interessiert war und die dementsprechend in seiner Philosophie von besonderer Bedeutung sind.  Schopenhauers tiefe Verbundenheit mit dem tierfreundlichen Buddhismus zeigte sich zum Beispiel in einem seiner Briefe, wo er schrieb:

Den Hofrath Perner bitte ich auf das herzlichste von mir zu grüßen … Er ist ein höchst verdienter und verehrenswerther Mann: wer könnte das höher schätzen, als wir Buddhaisten! (1)

Der von Schopenhauer so hoch geschätzte Ignaz Perner gründete 1842 in München einen der ersten Tierschutzvereine der Welt. Schopenhauer war von dessen tatkräftigem Einsatz für den Tierschutz tief beeindruckt. (2) Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass Schopenhauer zur Erläuterung seiner Wertschätzung Perners sich als Buddhaist bezeichnete und damit auf den Zusammenhang zwischen Tierethik und Buddhismus hindeutete.

Der Buddhaist Arthur Schopenhauer hat mehrmals in seinen Schriften die im Gegensatz zum Christentum tierfreundliche Einstellung des Buddhismus lobend hervorgehoben, und zwar mit vollem Recht:

Zum Kern der Lehre des Buddha gehören die Vier Edlen Wahrheiten. Die letzte dieser Wahrheiten ist der Edle Achtfache Pfad, der auch die Grundsätze der buddhistischen Ethik enthält. (3)  Teil dieser Ethik sind das rechte Handeln und der rechte Lebenserwerb.

Rechtes Handeln bedeutet vor allem, möglichst kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen, was sich nicht nur auf Menschen, sondern – nach der buddhistischen Lehre selbstverständlich – auch auf Tiere bezieht. Dementspechend sind Berufe, in denen dieser ethische Grundsatz von vornherein verletzt wird, kein rechter Lebenserwerb. Hierzu werden unter anderem Berufe wie Schlächter, Jäger, Fischer, Händler mit Tieren, Fleisch oder Waffen u. dgl. gezählt. Der Buddha hatte solche Tätigkeiten als „grausames Handwerk“ eindeutig abgelehnt:

Da ist einer ein Schlächter, der Schafe und Schweine schlachtet, ist ein Vogelfänger, ein Wildsteller, ein Jäger, ein Fischer, ein  Räuber, ein Henker, ein Kerkermeister, oder was man da sonst noch anderes grausames Handwerk betreibt. Den heißt man einen Menschen, der ein Nächstenquäler, der Übung der Nächstenqual eifrig ergeben ist. (4)

Im sehr bedeutsamen Lankavatara- Sutra des Mahayana-Buddhismus wird das Mitleid mit allen Wesen als Kern der buddhistischen Ethik besonders hervorgehoben und dazu – durchaus folgerichtig – das Fleischessen entschieden verworfen.(5)

Jedoch nicht alle Buddhisten sind Vegetarier oder – was noch konsequenter wäre – Veganer. Daher ist es durchaus angebracht, wenn der buddhistische Autor Hellmuth  Hecker in seinem Buch Die Ethik des Buddha einen Vers von Eugen Roth zitierte:

Es denkt der Mensch zufrieden froh:
Ich bin kein Schlächter, blutig roh;
doch ist der Mensch kein Wurstverächter,
so trägt die Mitschuld er am Schlächter. (6)

Wie in Schopenhauers Ethik, so ist auch im Buddhismus die zugrunde liegende Gesinnung entscheidend für den moralischen Wert einer Handlung. Ein Beispiel für diese Gesinnung brachte der Buddha in einer seiner Reden zum Ausdruck:

Da hat einer das Töten verworfen, vom Töten hält er sich fern: ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme, hegt er zu allen lebendigen Wesen gütiges Mitleid. (7)

Hier ist eine Brücke über Jahrtausende hinweg zu Schopenhauers Mitleidsethik. In dieser auch die Tiere einbeziehenden Ethik zeigt sich besonders deutlich Schopenhauers Gemeinsamkeit  mit dem Buddhismus. Das Gemeinsame der Philosophie Schopenhauers mit dem Buddhismus geht jedoch weit über die Tierrethik hinaus, denn, so meinte Arthur Schopenhauer, „ueberhaupt ist die Uebereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll“. (8)

H.B.

S. dazu > Schopenhauer und Buddhismus

> Tierethik und Schopenhauers Philosophie

Weiteres zur Tierethik  > Webseite und  > Blog ,

zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .


Anmerkungen

(1) Brief vom 10. Mai 1852 an Adam von Doss, zit. aus: Arthur Schopenhauer, Gesammelte Briefe, hrsg. von Arthur Hübscher, 2. Aufl., Bonn 1987, S. 281.

(2) Mehr dazu > Ignaz Perner und Arthur Schopenhauer .

(3) S. ausführlicher > Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha .

(4) Zit. aus: Hellmuth Hecker, Die Ethik des Buddha, Ein Handbuch zu besonnener Lebensführung, Hamburg 1976, S. 112.

(5) Vgl. hierzu: Die makellose Wahrheit erschauen. Die Lehre von der höchsten Bewußtheit  und absoluten Erkenntnis. Das Lankavatara-Sutra, aus dem Sanskrit von Karl-Heinz Golzio, 2. Aufl., Bern-München-Wien 2003, Kap. 8: Warum man kein Fleisch essen soll, S. 247 ff.  Im übrigen ist diese höchst bedeutsame Quelle aus dem Mahayana-Buddhismus nicht nur für das Thema Fleischessen und Buddhismus wichtig, sondern sie zeigt auch vor allem mit ihrer monistischen Grundeinstellung eine erstaunliche, geradezu wunderbare Übereinstimmung mit Schopenhauers spirituell sehr tiefen monistischen Philosophie. (Weiteres: Das Lankavatara-Sutra des Mahayana-Buddhismus und die Philosophie von Arthur Schopenhauer > hier.)

(6) Helmuth Hecker, a. a. O., S. 113.

(7) Ebd., S. 110.

(8) Arthur Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 384.

 

 

Gefühlsmoral und Schopenhauers Ethik

Ich muß den Ethikern den Rath ertheilen, sich erst ein wenig im Menschenleben umzusehn – schrieb Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral. (1) Befolgen die „Ethiker“ Schopenhauers Rat, so werden sie ihm wohl zustimmen, wenn er meinte, dass das Handeln des Menschen, seinem ethischen Gehalte nach, nach Gefühlen, nicht nach Begriffen geschehe und vom Charakter, nicht von der Vernunft ausgehe. (2).

Schopenhauer vertrat damit eine Ethik, die in der Philosophie als Gefühlsmoral bezeichnet wird. Diese sei, so erklärt das Philosophische Wörterbuch, „in der Ethik die Bezeichnung für eine Moral, die die  Motive des sittlichen Wollens und Handelns in den Gefühlen, Neigungen Affekten sieht, denen echte Liebe und Ergriffenheit vorausgehen“. (3)

Somit steht die Gefühlsmoral im Gegensatz zur  sog. Reflexionsmoral, wonach, wie es im Wörterbuch der philosophischen Begriffe heißt, „das sittliche Handeln nicht auf Gefühl, Gesinnung, Charakter oder Gewissen, sondern auf die vernünftige Einsicht zu gründen ist“, was „soviel wie ethischer Intellektualismus“ bedeute. (4)

Solcher „ethischer Intellektualismus“ wurde von Schopenhauer entschieden abgelehnt, denn für ihn war, wie er in seiner bereits erwähnten Preisschrift mehrmals hervorhob, das „Mitleid die eigentliche moralische Triebfeder“. (5) Diese „moralische Triebfeder“, so fügte er hinzu, „bewährt sich als die ächte ferner dadurch, daß sie auch die Thiere in ihren Schutz nimmt, für welche in den andern Europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist“. (6)

„Die Abwesenheit aller egoistischen Motivation“, so schrieb Schopenhauer in seiner Preisschrift, sei „das Kriterium einer Handlung von ethischem Werth“. (7)  „Soll eine Handlung moralischen Werth haben, so darf kein egoistischer Zweck, unmittelbar oder mittelbar, nahe oder fern, ihr Motiv seyn.“(8)

Dementsprechend ist auch alles, was aus Furcht vor Strafe oder in der Hoffnung auf Belohnung – sei es im Diesseits oder erst im Jenseits – geschieht, egoistisch und daher ohne moralischen Wert.(9). Wie sehr bei derartigem Handeln  menschlicher Egoismus dahinter steht, erläuterte Schopenhauer an einem Beispiel: „Wird z. B. ein Mensch fest überredet, daß jede Wohlthat ihm im künftigen Leben hundertfach vergolten wird; so gilt und wirkt eine solche Überzeugung ganz und gar wie ein sicherer Wechsel auf sehr lange Sicht, und er kann aus Egoismus geben, wie er, bei anderer Einsicht, aus Egoismus nehmen würde. Geändert hat er sich nicht …“  (10)

Demnach kann Schopenhauers  obige Feststellung durchaus auch für Religionen zutreffen, und zwar dann, wenn sich hinter den „Wohlthaten“ letztlich die Erwartung  irgendwelcher persönlicher Vorteile verbirgt. Genau genommen, geht es dann nicht um Ethik. Eher ist es eine Art kaufmännischer Kalkulation von Leistung und erhoffter Gegenleistung.  Hierbei ist die Frage naheliegend, ob und inwieweit Religionen wirklich mit Ethik verbunden sind, denn sie alle, das Christentum nicht ausgenommen, appellieren in  ihren „ethischen“ Lehren an den Egoismus des Menschen. Ob sich dadurch der Egoismus wirklich überwinden lässt, ist eine andere Frage. Schopenhauer hat sie, wie das obige Zitat zeigt, verneint.

Jedenfalls ist die in  der Philosophie im Zusammenhang mit dem Thema Ethik beschriebene Reflexionsmoral im Sinne Schopenhauers keine Ethik, sondern eher Berechnung. Auch gibt es demnach keinen ethischen, sondern einen mehr oder weniger  egoistisch gegründeten Intellektualismus, der dementsprechend leider allzu oft als kaltes, bloß vernunftsmäßiges Verhalten in Erscheinung tritt. Kann es hierzu einen größeren Gegensatz geben als die alles Leben umfassende, also auch die Tiere einbeziehende, warmherzige Mitleidsethik Arthur Schopenhauers ?

H.B.

S. auch > Tierethik und Schopenhauers Philosophie .

Mehr zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1)  
Arthur Schopenhauer, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik, Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 226.
(2)
  Gustav Friedrich Wagner, Schopenhauer-Register, neu hrsg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt , S. 280 (Stichwort: Moral).
(3)   Philosophisches Wörterbuch, begr. v. Heinrich Schmidt, 21. Aufl., neu bearb. v. Georgi Schischkoff, Stuttgart 1978, S. 216 (Stichwort: Gefühlsmoral).
(4)   Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. v. Johannes Hoffmeister, 2. Aufl., Hamburg 1955, S. 519 (Stichworte: Reflexion , Reflexionsmoral).
(5)   Schopenhauer, Preisschrift, a. a. O., S. 273.
(6)   Ebd., S. 278.
(7)   Ebd.,  S 244.
(8)   Ebd., S. 245 f.
(9)   Vgl. Wagner, a. a. O., S. 32 (Stichwort: Belohnung u. Bestrafung).
(10) Schopenhauer, a. a. O., Band II: Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 371.

 

Arthur Schopenhauer : Mitleid statt Hass und Verachtung

Hass und Verachtung vergiften leider allzu oft die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie sehr das Mitleid solchen negativen Gefühlen entgegenwirken, vielleicht sogar überwinden kann, brachte Arthur Schopenhauer in eindrucksvollen Worten zum Ausdruck:

„Bei jedem Menschen, mit dem man in Berührung kommt, unternehme man nicht eine objektive Abschätzung desselben nach Werth und Würde, ziehe also nicht die Schlechtigkeit seines Willens, noch die Beschränktheit seines Verstandes und die Verkehrtheit seiner Begriffe in Betrachtung; da Ersteres leicht Haß, Letzteres Verachtung gegen ihn erwecken könnte: sondern man fasse allein seine Leiden, seine Noth, seine Angst, seine Schmerzen ins Auge: — da wird man sich stets mit ihm verwandt fühlen, mit ihm sympathisiren und, statt Haß oder Verachtung, jenes Mitleid mit ihm empfinden, welches allein die [Liebe] …  ist. Um keinen Haß, keine Verachtung gegen ihn aufkommen zu lassen, ist wahrlich nicht die Aufsuchung seiner angeblichen ´Würde`, sondern, umgekehrt, der Standpunkt des Mitleids der allein geeignete.“ *

So sind der Gedanke an das Leid des anderen Menschen und das damit verbundene Gefühl des Mitleids mitunter hilfreicher als manche gutgemeinte Moralpredigt – jedenfalls ist das eine Erfahrung, die ich in meinem Leben nicht selten bestätigt fand.

Auch hier zeigt sich, was Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral hervorhob:

Gränzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten.**

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band IX: Parerga und Paralipomena II, Kap. 8.: Zur Ethik, § 109, S. 220 f.
** Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik, II: Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 275.

 

 

Leben und Tod

Arthur Schopenhauer beschrieb das Leben wie es ist, mit seinen Höhen und Tiefen. Aber auch mit seinen Gedanken über das Ende des Lebens, den Tod,  zeigt sich Schopenhauer als wahrer Lebensphilosoph, wobei er für das uns alle „todsichere“ Ereignis durchaus trostvolle Worte fand:

„… Wie bekanntlich unser Gehen nur ein stets gehemmts Fallen ist, [so ist ] das Leben unsers Leibes nur ein fortdauernd gehemmtes Sterben, ein immer aufgeschobener Tod  … Jeder Atemzug wehrt den beständig eindringenden Tod ab, mit welchem wir auf diese Weise in jeder Sekunde kämpfen … Zuletzt muß er siegen: denn ihm sind wir schon durch die Geburt anheimgefallen, und er spielt nur eine Weile mit seiner Beute, bevor er sie verschlingt.

Wir setzen indessen unser Leben mit großem Anteil und vieler Sorgfalt fort, solange als möglich, wie man eine Seifenblase so lange und so groß als möglich aufbläst, wiewohl mit der festen Gewißheit, daß sie platzen wird …

Das Leben der allermeisten ist auch nur ein steter Kampf um die Existenz selbst, mit der Gewißheit ihn zuletzt zu verlieren. Was sie aber in diesem so mühseligen Kampfe ausdauern läßt, ist nicht sowohl die Liebe zum Leben als die Furcht vor dem Tode, der jedoch unausweichbar im Hintergrunde steht und jeden Augenblick herantreten kann. –

Das Leben selbst ist ein Meer voller Klippen und Strudel, die der Mensch mit der größten Behutsamkeit und Sorgfalt vermeidet, obwohl er weiß, daß, wenn es ihm auch gelingt, mit aller Anstrengung und Kunst sich durchzuwinden, er eben dadurch mit jedem Schritt dem größten, dem totalen, dem unvermeidlichen und unheilbaren Schiffbruch näher kommt, ja gerade auf ihn zusteuert, – dem Tode, dieser ist das endliche Ziel der mühseligen Fahrt und für ihn schlimmer als alle Klippen, denen er auswich.“ (1)

Für das, was Arthur Schopenhauer hier mit hoher Sprachkunst beschrieb, fand er auch eindrucksvolle Worte der Hoffnung, die über den Tod hinausweisen:

„Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives – das Aufhören des Lebens, allein er muß auch eine positive Seite haben, die jedoch uns verdeckt bleibt, weil unser Intellekt durchaus unfähig ist, sie zu fassen. Daher erkennen wir wohl, was wir durch den Tod verlieren, aber nicht, was wir durch ihn gewinnen …

Wir schaudern vor dem Tode vielleicht hauptsächlich, weil er dasteht als die Finsternis, aus der wir einst hervorgetreten und in die wir nun zurück sollen. Aber ich glaube, daß wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Licht stehn, von welchem das Sonnenlicht nur der Schatten ist …

Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob sie wieder aufstehn wollten; sie würden mit den Köpfen schütteln.“ (2)

Memento mori = Bedenke, dass du sterblich bist – diese Mahnung aus dem mittelalterlichen Mönchslatein, wäre wohl auch als Überschrift dieses Beitrages angebracht gewesen, denn, so meinte Schopenhauer, „ohne Zweifel ist es das Wissen um den Tod, und neben diesem die Betrachtung des Leides und der Noth des Lebens, was den stärksten Anstoß zum philosophischen Besinnen und zu metaphysischen Auslegungen der Welt giebt“. (3)

Thomas Mann nannte Arthur Schopenhauer einen „großen Kenner und Künstler des Todes“ und fügte hinzu “ … zu dem Schönsten, man möchte sagen Tiefsten (aber sein Werk ist überall gleich tief), was er geschrieben hat, gehört das große Kapitel im zweiten Bande der Welt als Wille und Vorstellung : Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich. … ´Wer sich für das Leben interessiert`, habe ich [ Thomas Mann ] im Zauberberg gesagt, ´der interessiert sich namentlich für den Tod.` Das ist die Spur Schopenhauers, tief eingedrückt, haltbar für das ganze Leben.“ (4)

H.B.

S. auch > Trotz Tod alle beisammen

> Unsterbliche Seele in Mensch und Tier ?

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

 

Anmerkungen
(1) Aus: Arthur Schopenhauer , Welt und Mensch. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk von Arthur Hübscher,  Stuttgart 1960, S. 166 ff.
(2) Ebd., S. 195 und 197.
(3) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 17: Ueber das metaphysische Bedürfniß des Menschen, S. 187.
(4) Thomas Mann , Schopenhauer, zit. aus: Über Arthur Schopenhauer , hrsg. von Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981, S. 113.

 

 

 

 

Wer Gedanken mitzuteilen hat …

Ein Autor, so warnte Arthur Schopenhauer, sollte sich vor nichts mehr hüten, als vor dem sichtbaren Bestreben, mehr Geist zeigen zu wollen, als er hat. *

„Jeder wirkliche Denker“ zu denen Schopenhauer, wie er oft hervorhob, nicht unbedingt die Universitätsphilosophen zählte – sei „bemüht, seine Gedanken so rein, deutlich, sicher und kurz, wie nur möglich, auszusprechen. Demgemäß ist Simplicität stets ein Merkmal , nicht allein der Wahrheit, sondern auch des Genies gewesen. Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken; statt daß, bei jenen Scheindenkern, die Gedanken durch den Stil schön werden solle …“ *

Heraus folgte für Schopenhauer, dass jede gute Schriftstellerei gleich am Anfang „die erste, ja für sich allein beinahe ausreichende Regel des guten Stils“ beachten müsse, nämlich „die, daß man etwas zu sagen habe“ . Jedoch nicht immer wird dieses für alle Schriftstellerei selbstverständliche Gebot eingehalten. So zum Beispiel gäbe es, wie Schopenhauer sie nannte,  „Pseudophilosophen“, die, obwohl sie eigentlich nichts zu sagen haben, dennoch versuchen, mit vielen Worten auf sich aufmerkam zu machen. Schopenhauer dachte dabei wohl vor allem an manche Philosophieprofessoren, die, was er heftig anprangerte, nicht für, sondern von der Philosophie leben würden. **

Was von „solchen Schreibern“ mitgeteilt werde –  so meinte Schopenhauer –  sei gekennzeichnet durch einen „geschrobenen, vagen, zweideutigen, ja vieldeutigen“ Stil und darüber hinaus durch „unnützen Wortschwall“, durch „des Versteckens der bittersten Gedankenarmuth unter ein unermüdliches, klappermühlenhaften, betäubendes Gesaalbader, daran man stundenlang lesen kann, ohne irgend eines deutlich ausgeprägten und bestimmten Gedankens habhaft zu werden“.*

Obige Kritik äußerte Arthur Schopenhauer in dem oft zitierten  Kapitel Ueber Schriftstellerei und Stil.  Selbst wenn man seine Kritik, die er besonders scharf gegen die zu seiner Zeit in Deutschland vorherrschende akademische Philosophie richtete, zwar für grundsätzlich berechtigt, aber vielleicht doch für etwas überzogen hält, so gilt auch heute noch, was Schopenhauer 1832 in eines seiner Manuskriptbücher schrieb:

Wer Gedanken mitzutheilen hat,
wird sich  alle Mühe geben, sich deutlich zu machen,
und sogar sich nach der Unfähigkeit der Andern zu bequemen suchen.

Wer aber keine Gedanken mitzutheilen hat,
und doch gern den Schein hervorbringen möchte,
wird oft das Mittel ergreifen, sinnlosen Wischiwaschi aufzutischen,
und der Unfähigkeit des Andern die Schuld zu geben,
daß kein Sinn darin gefunden wird.

Arthur Schopenhauer : Wer Gedanken mizuteilen hat ...

Ausschnitte aus: Arthur Schopenhauer, Cholerabuch (1832), S. 144 f.,
Handschriftlicher Nachlass (Univ.-Bibl. Frankfurt a. M. / Stand: 01.05.2020)

H.B.

S. hierzu auch
> Arthur Schopenhauer : Die deutsche Sprache – ein leicht zu verderbendes Kunstwerk .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

* Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band X: Parega und Paralipomena II/2,
Kap. 22: Ueber Schriftstellerei und Stil, S. 566 f.

** Vgl. auch Arthur Schopenhauer . a. a. O.,
Band VII: Parerga und Paralipomena I/1,
Ueber die Universitätsphilosopie , S. 155 ff.

 

 

Lebensweisheit : Wahrer Charakter

Woran zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen?
Antwort auf diese durchaus bedeutsame Frage gab Arthur Schopenhauer in der Parerga, und zwar im Zusammenhang mit seinen sehr aufschlussreichen Erklärungen zur Ethik.* Sie enthalten viel tiefe Lebensweisheit und ergänzen damit nicht nur seine Preisschrift über die Grundlage der Moral, sondern auch seine berühmten Aphorismen zur Lebensweisheit.

Den Charakter einer Person zutreffend zu beurteilen, ist ein schwieriges Problem, das sich im täglichen Leben immer wieder stellt und mitunter die Zukunft eines Menschen nachhaltig beeinflussen kann:  Wer zum Beispiel eine Lebenspartnerschaft eingehen möchte, für den kann es von größter Bedeutung sein, den wahren Charakter seines künftigen Lebenspartners rechtzeitig zu erkennen. Anderenfalls könnten bittere Enttäuschungen, viel Leid und Kummer die Folge sein.

Jedoch auch im übrigen Alltag ist es sehr wichtig, sich nicht über den Charakter eines Menschen zu täuschen. Nicht selten versuchen Menschen, sich um irgendwelcher Vorteile wegen als das auszugeben, was sie in Wahrheit nicht sind und dabei ihren Charakter in einem möglichst guten Licht erscheinen zu lassen. Um zu erfahren, welcher Charakter sich hinter der Maske, die viele Menschen vor sich tragen, verbirgt, ist es hilfreich, ja notwendig auch auf Kleinigkeiten zu achten. Schopenhauer erweist sich auch bei diesem Thema als Philosoph, dessen Lebensweisheit jeden von uns betrifft:

„Wie ein Botaniker an Einem Blatte die ganze Pflanze erkennt; wie Cuvier aus Einem Knochen das ganze Thier konstruirte; so kann man aus Einer charakteristischen Handlung eines Menschen eine richtige Kenntniß seines Charakters erlangen, also ihn gewissermaaßen daraus konstruiren; sogar auch wenn diese Handlung eine Kleinigkeit betrifft; ja, dann oft am besten: denn bei wichtigeren Dingen nehmen die Leute sich in Acht; bei Kleinigkeiten folgen sie, ohne vieles Bedenken, ihrer Natur. […]

Zeigt Einer in solchen [Kleinigkeiten] durch sein absolut rücksichtsloses, egoistisches Benehmen, daß die Gerechtigkeit der Gesinnung seinem Herzen fremd ist; so soll man ihm, ohne gehörige Sicherheit, keinen Groschen anvertrauen. […]

Wer die kleinen Charakterzüge unbeachtet läßt, hat es sich selber zuzuschreiben, wenn er nachmals aus den großen den betreffenden Charakter, zu seinem Schaden, kennen lernt. –

Nach dem selben Princip soll man auch mit sogenannten guten Freunden, selbst über Kleinigkeiten, wenn sie einen boshaften, oder schlechten, oder gemeinen Charakter verrathen, sogleich brechen, um dadurch ihren großen schlechten Streichen vorzubeugen, die nur auf Gelegenheit warten, sich einzustellen.“**

Obwohl es mitunter nicht einfach ist, den Charakter eines Menschen zu beurteilen, gibt es dazu, wie Schopenhauer zu Recht meinte, ein zuverlässiges und sehr deutliches Kennzeichen, und zwar beim Umgang mit Tieren: Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein. ***

Was Schopenhauer hier als Lebensweisheit beschrieben hat, bezog er auf Menschen mit negativen Charaktereigenschaften. Andererseits gibt es nicht wenige Menschen, bei denen die positiven Charakterzüge überwiegen. Leider können sie nicht immer von vornherein deutlich erkannt werden, weil sie oft mit großer Bescheidenheit verbunden sind. Solche gutherzigen und zugleich bescheidenen Menschen neigen nicht dazu, ihr gutes Handeln in den Vordergrund zu stellen, etwa nach dem Motto Tu´ Gutes und sprich darüber!

So gilt es auch hierbei auf Kleinigkeiten zu achten. Der wahre Charakter zeigt sich zwar vor allem in der Not, aber auch bei vielen kleinen Gelegenheiten des Alltags kann sich  offenbaren, was Arthur Schopenhauer als Grundlage der Ethik besonders hoch gepriesen hat und das den Charakter eines Menschen in höchstem Grade auszeichnet: Die Güte des Herzens, jenes tief gefühlte Mitleid, mit Allem, was Leben hat.****

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band IX: Parerga und Paralipomena II,
Kap. 8. Zur Ethik, S. 219 ff.
**  Ebd., § 128, S. 250 f.
***  Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik, Teil 2: Preisschrift über die Grundlage der Moral, § 19, S. 281.
**** Ebd., § 20. Vom ethischen Unterschiede der Charaktere, S. 294.

 

 

 

 

 

Mensch und Umwelt in Schopenhauers Philosophie

Arthur Schopenhauer hat wie kaum ein anderer weltberühmter Philosoph in seiner Philosophie die Einheit allen Lebens hervorgehoben und metaphysisch tief begründet. Alles Lebendige, ja alles, was wir wahrnehmen, sind Erscheinungsformen von etwas Metaphysischem: Die Theisten nennen es Gott, in den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden heißt es Brahman, Schopenhauer nannte es Wille.

Im Hinduismus wird die Einheit allen Lebens in drei Sanskritworten zusammengefasst: Tat Twam Asi, das heißt wörtlich übersetzt, Das bist Du! Obwohl sich alle Lebewesen mehr oder weniger äußerlich unterscheiden, sind sie in ihrem innersten Wesen gleich und werden – soweit der Hinduismus theistisch ist, als göttlich aufgefasst. Schopenhauer hat sich in seinen Werken mehrmals auf diese Sanskritworte bezogen und sie als eine Kernaussage seiner Philosophie hervorgehoben. Wir alle, ob Mensch, Tier oder Pflanze, sind  Manifestationen eines metaphysischen Willens und somit – auch wenn uns das nicht immer bewusst ist  – wesensgleich.

Aus der Erkenntnis der Wesensgleichheit von Mensch und übriger Natur ergibt sich ein anderes Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Es ist kein göttlich legitimiertes Herrschaftsverhältnis, das die Menschen von vornherein berechtigt, die Natur zu beherrschen und sich untertan zu machen.

Schädigt der Mensch die Natur, in der er lebt und deren Teil er ist, so schädigt er sich letztlich selbst – eine Erkenntnis, die mehr und mehr Menschen bewusst wird.  Mensch und Umwelt sind eine Einheit. Arthur Schopenhauer hat hierfür im Rahmen seiner Willensmetaphysik eine spirituell sehr tiefe und – wie ich meine – auch überzeugende Begründung gegeben.

Ein den Menschen – nicht nur metaphysisch – besonders verbundener Teil der Natur sind die Tiere. Schopenhauer hob das vor allem in seiner Ethik hervor. So bezog er in seine Mitleidsethik die Tiere ausdrücklich mit ein. Durch das Mitleid werden die sonst im Alltag empfundenen Grenzen zwischen den Menschen, aber auch, wenngleich seltener, zwischen Mensch und Tier mehr und mehr aufgehoben.  Am Ende werden diese Grenzen nicht mehr bewusst wahrgenommen, so dass durch das Mitleid die von Schopenhauer metaphysisch begründete Einheit allen Lebens auch im Alltag in Erscheinung tritt. So steht Schopenhauers Mitleidsethik ganz im Einklang mit einem allumfassenden Schutz der Natur, was zugleich eine möglichst weitgehende Schonung der Umwelt bedeutet. In diesem Sinne  enthält Schopenhauers Philosophie, auch wenn er diesen Namen nicht verwendet hat, eine metaphysisch begründete Umweltethik.

Selbst wenn nicht alle Umweltschäden durch menschliches Handeln verursacht werden, so sind doch viele Umweltkatastrophen zumindest mittelbar Folgen einer skrupellosen Ausbeutung der Natur, die in unserer Zeit durch eine lediglich an Profitmaximierung ausgerichtete Wirtschaft immer noch gesteigert wird. Somit ist die von Schopenhauer angeprangerte unersättliche Gier des Menschen einer der wesentlichen Ursachen für die Zerstörung des Lebensraumes von Mensch, Tier und Pflanze.

Riesige Weltbrände, wie etwa kürzlich in Australien mit weit mehr als einer Milliarde verbrannter Tiere, sind traurige Beipiele dafür, wie sehr unsere Zeit, und zwar mit zunehmender Tendenz, bestimmt wird durch gewaltige Umweltkatastrophen. Gerade im Hinblick auf die immer katastrophaler werdende Umweltzerstörung ist Schopenhauers Philosophie von größter Aktualität.

Was einen Menschen zum Philosophen  macht, schrieb der 26-jährige Schopenhauer in eines seiner Manuskripte, sei „der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten“. (1) Dementsprechend nahm er schon vor bald 200  Jahren zu einer Frage Stellung, die, wie es scheint, heute  fast als Tabu gilt, nämlich Frage nach den Folgen der geradezu explosionsartigen Zunahme der Weltbevölkerung. Die „Übervölkerung des ganzen Planeten“ sei ein Resultat, „dessen entsetzliche Übel sich jetzt nur eine kühne Einbildungskraft zu vergegenwärtigen vermag“. (2) Die Folgen der immer weiter steigenden Übervölkerung des Erdballs für die Umwelt sind überaus beängstigend und lassen kaum Hoffnung auf nachhaltige Fortschritte im Umweltschutz.

Die weltweite Zerstörung der Umwelt, wie zum Beispiel die hemmungslose Vernichtung der für die ganze Menschheit  lebenswichtigen Urwälder am Amazonas,  zeigt leider sehr deutlich, wie Recht der Philosoph Max Horkheimer in seiner Rede zum 100. Todestag Arthur Schopenhauers hatte, wenn er meinte: „Das Denken Schopenhauer ist unendlich aktuell.“(3)

Gegen Schluss seiner Ansprache meinte Horkheimer, dass Schopenhauers Philosophie zwar angesichts der Realitäten illusionslos sei, aber dennoch nicht in Hoffnungslosigkeit endet: „Es gibt wenige Gedanken, deren die Zeit mehr bedürfte und die bei aller Hoffnungslosigkeit, wie er sie ausspricht, mehr von Hoffnung wissen als die seinen.“ (4) Worauf diese Hoffnung des vermeintlichen „Pessimisten“ Arthur Schopenhauer gegründet ist, habe ich  in meinem Beitrag Leid und Erlösung etwas näher erläutert.

H.B.

S. auch > Tierethik und Schopenhauers Philosophie

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen

(1) Arthur Schopenhauer : Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden, hrsg. v. Arthur Hübscher, München 1985, Band 1, Frühe Manuskripte (1804-1818), S. 126,

(2) Arthur Schopenhauer : Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band II, Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 436.

(3)  Max Horkheimer : Die Aktualität Schopenhauers , Vortrag, gehalten zum 100. Todestag Schopenhauers am 21. September 1960 in der Paulskirche zu Frankfurt a. M., zit. aus: Über Arthur Schopenhauer , hrsg. v. Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981, S. 159.

(4) Ebd.,  S. 164.

 

 

Schopenhauer – Vedanta – Buddhismus

Zu den ersten bedeutenden Abhandlungen über das Verhältnis der Philosophie  Arthur Schopenhauers zu den in Indien entstandenen Lehren, und zwar besonders zum Vedanta des Hinduismus und zum Buddhismus, gehörte das Buch, das  Max  Hecker 1897 unter dem Titel Schopenhauer und die indische Philosophie veröffentlichte.

Hecker kam dort zu dem Ergebnis, dass sich in seiner Untersuchung – abgesehen von kleinen Details – die “durchgängige Congruenz [Übereinstimmung] der Philosophie Schopenhauers und der Inder als eine wahrhaft überraschende herausgestellt” habe, “und zwar, ist die Schopenhauer’sche Philosophie durchweg eine Synthesis [Zusammenfügung] von Brahmanismus [aus dem der Hinduismus entstand], in Gestalt des Vedanta, und Buddhismus, deren Lehren in seinem Systeme zu höherer Einheit verbunden worden sind.

Wie Platon die Heraclit’sche Grundanschauung mit der des Parmenides in seiner Ideeenlehre verschmolzen hat, so Schopenhauer den brahmanischen und buddhistischen Idealismus. In der Lehre vom Willen als Ding-an-sich fliessen ebenfalls Vorstellungen des Brahmanismus und des Buddhismus zusammen, desgleichen in der Lehre von der Erlösung. Und wenn Schopenhauer im Jahre 1813 schrieb: ´Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in Einem sein soll` -, so sehen wir jetzt, dass diese Metaphysik wesentlich brahmanisches [und somit hinduistisches], die Ethik buddhistisches Gepräge aufweist. Seine Metaphysik ist die pantheistische Identitätslehre des Vedanta, seine Ethik die ´Vernichtung des Durstes`, die Buddha lehrt.

´Ich ordne an, ihr Jünger`, sagt Buddha, ´dass ein Jeder in seiner eigenen Sprache das Wort Buddhas lerne` (1) – das Abendland kann sie [die Lehre des Vedanta und die des Buddhismus ] in der Sprache Arthur Schopenhauers lernen.”(2)

Johannes Volkelt meinte in seinem in mehreren Auflagen erschienenen Werk über  Schopenhauer, dass Hecker in seinem “gründlichen” Buch “den Zusammenhängen Schopenhauers mit der indischen Philosophie … in ausführlicher und verdienstvoller Weise nachgegangen” sei, er habe aber dabei “nicht selten die Ähnlichkeiten übertrieben und die Abweichungen allzu sehr zurücktreten lassen”.(3)

Auf Schopenhauers Verhältnis zu den Lehren des Vedanta und des Buddhismus ging auch Helmuth von Glasenapp in Das Indienbild deutscher Denker näher ein, wobei er deutlicher als Hecker die Unterschiede hervorhob. Aber trotz dieser vom Standpunkt der späteren indologischen Forschung betonten Differenzen erkannte von Glasenapp an, dass “Schopenhauer wie kein anderer sich die größten Verdienste um die Verbreitung der Kenntnis indischer Weisheit im Abendland erworben” habe. “Niemand hat mit so edler Begeisterung wie er [Schopenhauer] immer wieder auf die geistigen Schätze des Gangeslandes hingewiesen, niemand hat ihnen durch seine Schriften so viele Freunde im Westen erworben wie er”. (4)

Zum 140. Geburtstage Schopenhauers veröffentlichte die Schopenhauer-Gesellschaft ihr fünfzehntes Jahrbuch, “dessen Philosophischer Teil” wie es im Vorwort heißt, “von einem einzigen Gedanken beherrscht wird: Europa und Indien”. Diesen Teil eröffnete Franz Mockrauer, Vorstandsmitglied der Gesellschaft, mit seinem Beitrag Schopenhauer und Indien. Gleich im ersten Absatz hob der Verfasser hervor: “Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, daß die Lehre der Upanishads, des Vedanta und des Buddhismus ein Hauptbestandteil seiner [Schopenhauers] eignen Metaphysik geworden sind und an ihrer Gesamtgestaltung mitgewirkt haben.”(5)

Somit ist es durchaus verständlich, wenn Schopenhauerianer bei der Begegnung mit dem Vedanta oder dem Buddhismus den Eindruck haben, nicht wirklich fremden, sondern vertrauten Boden zu betreten. In diesem Sinne kann Arthur Schopenhauers Philosophie mit ihrer auch die Tiere einbeziehenden Mitleidsethik eine Brücke sein zu den altindischen Lehren, insbesondere zur Metaphysik des Vedanta und der allumfassenden Ethik des Buddhismus.

H.B.

S. auch
> Aranyakas – Upanishaden – Vedanta
> Schopenhauer und Buddhismus
> Schopenhauer : Metaphysik – jenseits der Physik

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1) Hermann Oldenberg, Buddha, hrsg. von Helmuth von Glasenapp,
Stuttgart o. J. , S. 188.
(2) Max F. Hecker , Schopenhauer und die indische Philosophie, Köln 1897, S. 253 f.
(3) Johanners Volkelt, Arthur Schopenhauer , 3. Auflage, Stuttgart 1907,
S. 197 und 438 (Anm. 292).
(4) Helmuth von Glasenapp, Das Indienbild deutscher Denker, Stuttgart 1960, S. 99.
(5) 15. Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft für das Jahr 1928, Heidelberg 1928, S. 3

Die Meeresstille des Gemüts

Es ist nicht allein der Inhalt seiner genialen Philosophie, sondern auch seine hohe Sprachkunst, durch die Arthur Schopenhauer zu einem der am meisten zitierten Philosophen wurde. Seine literarische Qualität zeigt sich besonders eindrucksvoll auch in folgendem Zitat, bei dem es um ein zentrales Thema seiner Philosophie geht, nämlich um den Willen zum Leben und in diesem Zusammenhang auch um das, was sich wohl alle Menschen in ihrem Leben, wenngleich oft vergeblich, wünschen – Ruhe und Frieden, jenes Glücks, welches Schopenhauer die gänzliche Meeresstille des Gemüts nannte:

„… Das, was sich gegen dieses Zerfließen ins Nichts sträubt, unsere Natur ist ja eben nur der Wille zum Leben, der wir selbst sind, wie er unsere Welt ist. Daß wir so sehr das Nichts verabscheuen, ist nichts weiter, als ein anderer Ausdruck davon, daß wir so sehr das Leben wollen, und nichts sind, als dieser Wille, und nichts kennen, als eben ihn. –

Wenden wir aber den Blick von unserer eigenen Dürftigkeit und Befangenheit auf diejenigen, welche die Welt überwanden, in denen der Wille, zur vollen Selbsterkenntniß gelangt, sich in Allem wiederfand und dann sich selbst frei verneinte, und welche dann nur noch seine letzte Spur, mit dem Leibe, den sie belebt, verschwinden zu sehen abwarten; so zeigt sich uns, statt des rastlosen Dranges und Treibens, statt des steten Ueberganges von Wunsch zu Furcht und von Freude zu Leid, statt der nie befriedigten und nie ersterbenden Hoffnung, daraus der Lebenstraum des wollenden Menschen besteht, jener Friede, der höher ist als alle Vernunft, jene gänzliche Meeresstille des Gemüts, jene tiefe Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit, deren bloßer Abglanz im Antlitz, wie ihn Rafael und Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres Evangelium ist …“*

Gerade in einer Zeit voll Hektik und Unfrieden ist jener „Friede , der höher ist als alle Vernunft“, ein dringendes Bedürfnis der Menschen. Leider ist ihnen dieser Frieden, diese „tiefe Ruhe“, wie Arthur Schopenhauer sehr treffend bemerkte, nur „selten vergönnt“. Wer aber das seltene Glück hat, in seinem Leben jene gänzliche Meeresstille des Gemüts zu erfahren, wird vielleicht verstehen, weshalb der erste Band von Schopenhauers  Hauptwerk mit der Bejahung und Verneinung des Willens endet** und warum hierin ein zutiefst spiritueller Erlösungsgedanke zum Ausdruck kommt, wie er sonst wohl nur in  den  Schriften östlicher und westlicher Mystiker zu finden ist.

H.B.

S. auch: Arthur Schopenhauer über >  Mystik  und > Erlösung .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band II: Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 507.
** Schopenhauer , a. a. O., S. 508.

 

Ein großer Schmerz verdrängt alle kleineren …

Nicht nur Arthur Schopenhauers berühmte Aphorismen zur Lebensweisheit enthalten vieles Wertvolle, was bei der Bewältigung des Alltages hilfreich sein kann. Auch in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung finden sich nicht wenige Weisheiten, die immer wieder durch das Leben bestätigt werden.  Das gilt zum Beispiel für die täglichen Erfahrungen von Schmerz und Leid, die mit dem Leben unvermeidbar verbunden sind, dabei jedoch mitunter weniger tragisch sind als sie im Augenblick erscheinen.

Wohl jeder ist schon Menschen begegnet, die selbst bei kleineren, fast harmlosen Erkrankungen voller Klage und Jammer sind – ganz abgesehen von hypochondrisch veranlagten Menschen, die sich Krankheiten nur einbilden.  Wie werden sie wohl reagieren, wenn sie wirklich schwer erkranken und dabei kaum erträgliche Schmerzen erleiden müssen? In diesem Zusammenhang denke ich an eine Lebensweisheit aus Schopenhauers Hauptwerk:

Große Leiden machen alle kleineren unfühlbar, und umgekehrt, bei Abwesenheit großer Leiden, quälen uns die kleinsten Unannehmlichkeiten … Ein großer Schmerz verdrängt alle kleineren …*

Insofern kann Leid – wie etwa durch  schwere Erkrankungen, die überstanden wurden – helfen, manches Unangenehme und viele Störungen im Leben nunmehr als das zu erkennen, was sie in Wahrheit sind: kleine Unannehmlichkeiten.

Übrigens, auch das war für Schopenhauer eine Lebenserfahrung:

Jeder Mensch, der ein großes Leid mit Geduld und ohne Murren erträgt, flößt uns Achtung ein.  Besonders ehrwürdig erscheint der Leidende, wenn er sein eigenes Unglück nur als einen Fall des allem Lebenden wesentlichen Leides auffaßt.*

Gerade der hier von Schopenhauer zuletzt genannte Fall setzt voraus, dass man nicht nur sein eigenes Leid, sondern auch das anderer Wesen wahrnimmt, mit ihnen mitfühlt und schließlich mitleidet. Das ist keine bloß theoretische Lebensweisheit, denn jeder kann es im Alltag erfahren: Mitleid verbindet und überschreitet die ansonsten strikte Grenze zwischen dem Ich und dem Du, ja nicht selten sogar auch zwischen Mensch und Tier – eine tiefgreifende Erkenntnis, die für Arthur Schopenhauer zur Grundlage seiner auch die Tiere einbeziehenden Mitleidsethik wurde.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

* Zit. nach: Schopenhauer – Register von Gustav Friedrich Wagner, neu hrsg. von Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1960, S. 244.

 

Das Glück – wo ist es ?

Alle Menschen streben nach Glück, doch leider finden es nicht alle. Vielleicht auch deshalb, weil sie es an der falschen Stelle suchen. Doch wo ist das Glück zu finden?  Arthur Schopenhauer gab hierzu die Antwort, und zwar durch einen Ausspruch des französischen Schriftstellers Nicolas Chamfort, den er seinen berühmten Aphorismen zur Lebensweisheit als Motto voranstellte und der in deutscher Übersetzung lautet:

Das Glück ist keine leichte Sache :
es ist sehr schwer, es in uns selbst,
und unmöglich es anderswo zu finden.

Gerade weil das Glück nur selten und nicht dauerhaft ist, gilt es, jede glückliche Stunde im Leben zu schätzen. Schopenhauer wusste das wohl aus eigener Erfahrung, denn:

Kein Glück auf Erden kommt dem gleich,
welches ein schöner und fruchtbarer Geist
zur glücklichen Sunde in sich selbst findet. *

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie  > hier .

* Quelle: Gustav Friedrich Wagner, Schopenhauer-Register, 2. Auflage, neu hrsg. von Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1960, S. 120.

Die geheime Kraft – der Wille

Gibt es eine Kraft, die bewirkt, dass alle Vielfalt dieser Welt und somit auch alles Leben aus dem – wie Arthur Schopenhauer es nannte – weltenschwangeren Nichts in Erscheinung tritt? Hierauf antwortete Schopenhauer mit einem wunderbaren, sehr aufschlussreichen Gleichnis, und zwar im Kapitel Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich im zweiten Band seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung:

“ Wenn wir nun […] den Blick vorwärts, weit hinaus in die Zukunft werfen, die künftigen Generationen, mit den Millionen ihrer Individuen, in der fremden Gestalt ihrer Sitten und Trachten uns zu vergegenwärtigen suchen, dann aber mit der Frage dazwischenfahren: Woher werden diese Alle kommen? Wo sind sie jetzt? – Wo ist der reiche Schooß des weltenschwangeren Nichts, der sie noch birgt, die kommenden Geschlechter? – Wäre darauf nicht die lächelnde und wahre Antwort: Wo anders sollen sie seyn, als dort, wo allein das Reale stets war und seyn wird, in der Gegenwart und ihrem Inhalt, also bei Dir, dem bethörten Frager, der, in diesem Verkennen seines eigenen Wesens, dem Blatte am Baume gleicht, welches im Herbste welkend und im Begriff abzufallen, jammert über seinen Untergang und sich nicht trösten lassen will durch den Hinblick auf das frische Grün, welches im Frühling den Baum bekleiden wird, sondern klagend spricht: »Das bin ja Ich nicht! Das sind ganz andere Blätter!« – O thörichtes Blatt! Wohin willst du? Und woher sollen andere kommen? Wo ist das Nichts, dessen Schlund du fürchtest? – Erkenne doch dein eigenes Wesen, gerade Das, was vom Durst nach Daseyn so erfüllt ist, erkenne es wieder in der innern, geheimen, treibenden Kraft des Baumes, welche, stets eine und dieselbe in allen Generationen von Blättern, unberührt bleibt vom Entstehn und Vergehn.“

Wenn Schopenhauer hierbei von einem weltenschwangeren Nichts spricht, so wird dadurch auch an dieser Stelle deutlich, dass dieses Nichts keinesfalls im absoluten, sondern nur im relativen Sinne zu verstehen ist, und somit alle, die seiner Philosophie einen Hang zum Nihilismus unterstellen, nur an ihrer Oberfläche geblieben sind.

Die geheime Kraft, „welche das Phänomen der Welt hervorbringt, mithin die Beschaffenheit derselben bestimmt“, ist nicht irgendwo in der Welt, sondern – und das ist eine hochbedeutsame Erkenntnis Schopenhauers! – auch in uns selbst: „Ich nun aber habe gezeigt und habe es zumal in der Schrift Vom Willen in der Natur bewiesen, daß die in der Natur treibende und wirkende Kraft identisch ist mit dem Willen in uns.“(2)

Wenn die geheime innere Kraft oder, wie sie Schopenhauer nannte, der Wille in uns, identisch ist mit der, welche die Welt aus dem weltenschwangeren Nichts hervorbringt, dann besteht ein Zusammenhang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, den Schopenhauer so beschrieb: „Das Wesen an sich des Menschen kann nur im Verein mit dem Wesen an sich aller Dinge, also der Welt, verstanden werden […]. Mikrokosmos und Makrokosmos erläutern sich nämlich gegenseitig, wobei sie als im Wesentlichen das Selbe sich ergeben.“(3) Somit liegt der Schluss nahe: Wer sich selbst erkennt, hat alles Wesentliche der Welt erkannt! Die von Arthur Schopenhauer hoch verehrten Weisen des alten Giechenlands kamen wohl zum gleichen Ergebnis: Erkenne dich selbst, lautete die Inschrift am Apollotempel in Delphi – ein Spruch des Weisen Cheilon, auf dem dann Sokrates seine Philosophie der Tugend gründete. (4)

H.B.

S. dazu auch > Der metaphysische Wille

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),    Band  IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 559 f.
(2) Ebd.,  S. 691 f.
(3) Schopenhauer, a. a. O., Band IX: Parerga und Paralipomena II,
S. 26 f.
(4) Vgl. Philosophisches Wörterbuch, begr. v. Heinrich Schmidt,
21. Aufl., neu bearb. v. Georgi Schischkoff, Stuttgart 1982, S. 163.

 

 

 

Genie oder Gelehrter ?

Das Genie” – meinte Arthur Schopenhauer – “ist unter den andern Köpfen, was unter den Edelsteinen der Karfunkel: es strahlt eigenes Licht aus, während die anderen es nur reflektieren … Ein Gelehrter ist, wer viel gelernt hat; ein Genie Der, von dem die Menschheit lernt, was er von Keinem gelernt hat. – Daher sind die großen Geister, von denen auf hundert Millionen Menschen kaum einer kommt, die Leuchtthürme der Menschheit, ohne welche diese sich in das grenzenlose Meer der entsetzlichsten Irrtümer und der Verwilderung verlieren würde.” (1)

Wenn Schopenhauer nur wenigen Menschen zubilligte, ein Genie zu sein, so liegt das auch daran, dass er vielen Gelehrten, die in der Öffentlichkeit als genial gelten, dieses Prädikat nicht zugestand: “Geister ersten Ranges … werden niemals Fachgelehrte seyn”: Diese verglich Schopenhauer mit einem Manne, “der in seinem eigenen Hause wohnt, jedoch nie herauskommt. In dem Hause kennt er Alles genau, jedes Treppchen, jeden Winkel und jeden Balken, aber außerhalb derselben ist ihm alles unbekannt”. Deshalb könne nach Meinung Schopenhauers “den Namen eines Genies … nur Der verdienen, welcher das Ganze und Große, das Wesentliche und Allgemeine der Dinge zum Thema seiner Leistung nimmt”. (2)

Die Ansprüche, die Schopenhauer an ein Genie stellte, sind dementsprechend hoch und schwer zu erfüllen: Die vollkommenste Erkenntniß, also die rein objective, d. h. die geniale Auffassung der Welt, [ist] bedingt durch ein so tiefes Schweigen des Willens, daß, so lange sie anhält, sogar die Individualität aus dem Bewußtseyn verschwindet und der Mensch als reines Subjekt des Erkennens … übrig bleibt.”(3)

Somit lässt sich Genie, wenn überhaupt, nur fördern, aber nicht erlernen und auch nicht willentlich erzwingen: “Um originelle, außerordentliche, vielleicht sogar unsterbliche Gedanken zu haben, ist es hinreichend, sich der Welt und den Dingen auf einige Augenblicke so gänzlich zu entfremden, daß Einem die allergewöhnlichsten Gegenstände und Vorgänge als völlig neu und unbekannt erscheinen, als wodurch eben ihr wahres Wesen sich aufschließt. Das hier Geforderte ist aber nicht etwan schwer; sondern es steht gar nicht in unsrer Gewalt und ist eben das Walten des Genius.”(4)

So mag man es als “Gnade” auffassen, wenn sich beim Genie wenigstens auf einige Augenblicke die Erkenntnis von der Herrschaft des Willens löst. Andererseits ist aber Genie nicht selten mit einem hohen Preis verbunden, denn – so Arthur Schopenhauer – man könnte sagen: “Das Genie wohne nur ein Stockwerk höher, als der Wahnsinn”.(5) Ja mehr noch: Oft wohnt es sogar im gleichen Stockwerk! (6)

Wenn laut Schopenhauer Genie “höchster Intellekt mit vollkommener Objektivität, Wahrheitsliebe, Hingabe an die Sache und Fähigkeit zur Kontemplation” (7) ist, so muss man wohl kein “Schopenhauerianer” sein, um anzuerkennen, dass Schopenhauer diese Eigenschaften in besonders hohem Maße besaß. So stellte zum Beispiel Heinrich Hasse , Professor der Philosophie, in seiner sehr empfehlenswerten Schopenhauer-Biografie Arthur Schopenhauer als “großen Denker” vor, der “von leidenschaftlicher Wahrheitsliebe und philosophischer Ehrlichkeit zutiefst erfüllt” gewesen sei. Es seien “Eigenschaften, welche bezwingend ausstrahlen in die Gedankenwelt seines [Schopenhauers] Systems. Geniale Kühnheit und kritische Redlichkeit halten sich in der Behandlung der Kernfragen das Gleichgewicht”. Schopenhauers Leistung stelle sich dar, “als ein Gesamtzusammenhang, in welchem Kühnheit und Ernst sich verbündet haben zu tiefsinniger Beantwortung jener ersten und letzten Fragen, mit denen menschliches Denken aller Zeiten und Zonen gerungen hat”.(8)

Ob obiges Urteil zutrifft, und deshalb Arthur Schopenhauer als Genie zu bezeichnen ist, davon mag sich der ernsthafte und unvoreingenommene Leser seiner Werke selbst überzeugen. Jedenfalls für den Verfasser dieses Beitrages besteht hieran kein Zweifel.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Quellen

(1) Arthur Schopenhauer , P II, S. 82.
(2) Ebd., S. 520.
(3) Schopenhauer , W II, 245 f.
(4) Schopenhauer , P II, S. 81 f.
(5) Ebd., S. 53.
(6) S. dazu: Wilhelm Lange-Eichbaum, Genie Irrsinn und Ruhm –
Eine Pathographie des Genies, bearb. von Wolfram Kurth,
5. Aufl., München / Basel 1962, Dort wird zu dieser Thematik
auf zahlreiche Autoren verwiesen, darunter auch auf Arthur Schopenhauer.
(7) Ebd., S. 36.
(8)  Heinrich Hasse , Schopenhauer, München 1926, S. 17.

 

Beispiele und Vorbilder

Können Beispiele, die als Vorbilder dienen, das Verhalten oder sogar den Charakter der Menschen wirklich ändern? Arthur Schopenhauer nahm zu dieser Frage in seinen Schriften mehrmals Stellung, wie etwa die folgenden Zitate aus dem Schopenhauer-Lexikon * zeigen:

Der Einfluss des Beispiels ist mächtiger, als der der Lehre. Die sehr starke Wirkung des Beispiels beruht auf der Unselbständigkeit der meisten Menschen. Die Meisten haben zu wenig Urteilskraft und zu wenig Kenntnis, um nach eigenem Ermessen zu handeln. Daher sie gern in die Fußstapfen Anderer treten. Die Scheu vor eigenem Nachdenken und das große Misstrauen gegen das eigene Urteil treibt sie zur Nachahmung. (P. II, 254.)

Das Beispiel wirkt entweder hemmend oder befördernd. Ersteres, wenn es den Menschen bestimmt, zu unterlassen was er gern täte, sei es, dass er es nicht für rätlich hält, oder gar an einem Andern, der es getan, die schlimmen Folgen wahrgenommen; dies ist das abschreckende Beispiel. Befördernd wirkt das Beispiel, indem es entweder den Menschen bewegt, zu tun was er gern unterließe, oder ihn ermutigt, zu tun, was er gern tut, jedoch bisher aus Furcht vor Gefahr oder Schande unterließ; dies ist das verführerische Beispiel. (P. II, 253 fg.)

Die Art der Wirkung des Beispiels wird durch den Charakter eines Jeden bestimmt; daher dasselbe Beispiel auf den Einen verführerisch, auf den Anderen abschreckend wirkt. Der Eine denkt: „Pfui, wie egoistisch, wie rücksichtslos ist dies; ich will mich hüten, dergleichen zu tun.“ Zwanzig Andere denken: ´Tut Der Das, darf ich’s auch.` (P. II, 254.)

Das Beispiel kann, wie die Lehre, zwar eine zivile, oder legale Besserung befördern, jedoch nicht die innerliche, eigentlich moralische. Das Beispiel wirkt nur als ein Beförderungsmittel des Hervortretens der guten und schlechten Charaktereigenschaften, aber es schafft sie nicht. (P. II, 255.)”

Aus obigen Zitaten wird deutlich, dass Beispiele die Funktion von Vorbildern haben können, und zwar nicht nur in positiver, sondern auch in negativer Hinsicht. So groß ihr Einfluss auch sein mag, ihre Wirkungen sind begrenzt, denn sie vermögen nur das Verhalten des Menschen zu beeinflussen, nicht jedoch seinen Charakter zu ändern. Gerade in dieser sehr bedeutsamen Einschränkung, die wohl von vielen heutigen Pädagogen bestritten wird, kommt eine zentrale Erkenntnis der Philosophie Schopenhauers zum Ausdruck, nämlich die Unveränderbarkeit des Charakters. Wer das aus eigener Lebenserfahrung bestätigt fand, dem bleibt wohl künftig manche Enttäuschung erspart.

H.B.

> Charakter und Motivation in Schopenhauers Lebensphilosophie

> Arthur Schopenhauer : Der angeborene Charakter

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

* Quelle
 > Schopenhauer-Lexikon  , 1. Band, S. 72 f., Stichwort: Beispiel .
Dort sind die hier abgekürzten Quellenangaben zu den betreffenden Werken Schopenhauers zu finden.

Unsterbliche Seele in Mensch und Tier ?

Das, was  Seele genannt werde, so schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung sei „seit Sokrates´ Zeit und bis auf unsrige“ ein „Hauptgegenstand des unaufhörlichen Disputierens der Philosophen.“(1)

Auch Schopenhauer ging in seiner Philosophie auf die immer wieder beunruhigende Frage nach der Unsterblichkeit der Seele ein:

„Die sogenannte Seele“, so erklärte Schopenhauer in seiner Schrift Über den Willen in der Natur, „ist die Verbindung des Willens mit dem Intellekt.“(2)

Der Intellekt als bloße Gehirnfunktion des Denkens und Erkennens gehört dem Bereich des Physischen an. Er ist nur eine Erscheinungsform, eine Manifestation des Willens, der jedoch laut Schopenhauer metaphysisch und der eigentliche Kern jedes Lebewesens ist.

Durch den Tod wird nur das Physische und somit auch das Gehirn mit seiner Funktion, dem Intellekt, zerstört. Der metaphysische  Kern hingegen bleibt vom Tod unberührt.  Insofern ist die Seele, wenn man diesen Begriff auf den metaphysischen Kern, den Willen, beschränkt, unsterblich.

Bereits 1821 schrieb Schopenhauer in eines seiner Manuskripte zu der Frage, ob die Seele unsterblich ist: „In Folge meiner Lehre ist die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele dahin zu beantworten, daß das Ende der Person ebenso real ist, als ihr Anfang und wir nach dem Tode in eben dem Sinn nicht mehr sein werden, als wir vor der Geburt nicht waren. Aber die Person erschöpft nicht das Wesen, welches sich Ich nennt: sondern die Person ist bloß die Manifestation, eine Äußerung jenes Wesens, welches daher vom Anfang und Ende solcher Äußerung nicht berührt wird.“(3)

Somit manifestiert sich in jedem Menschen und in jedem Tier (!) das Unsterbliche – egal ob man es als Wille , als Seele oder  (wie in den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden) als Atman bzw. Brahman bezeichnet.

Im Abendland hingegen war es bis weit in die Neuzeit hinein wegen des herrschenden Christentums keineswegs üblich, auch den Tieren eine unsterbliche Seele zuzuerkennen. So heißt es hierzu in einem Beitrag zum Sammelwerk Mensch und Tier in der Geschichte Europas: „Zwar sprachen die meisten christlichen Theologen den Tieren nicht die Seele ab, qualifizierten sie aber als sterblich (so auch die heutige Dogmatik).“(4)

Es waren weniger die dogmatisch festgelegten Theologen als vielmehr Menschen, die  durch ihr Mitgefühl mit Tieren deren innere Nähe zu den Menschen erkannten. Selbstverständlich wäre da vor allem Arthur Schopenhauer zu erwähnen, aber auch Jakob Grimm, ein Zeitgenosse Schopenhauers, ist hierfür ein Beispiel, denn er erklärte:

„Es ist nicht bloß die äußere menschenähnlichkeit der thiere, der glanz ihrer augen, die fülle und schönheit ihrer gliedmaßen, was uns anzieht, auch die wahrnehmung ihrer mannigfaltigen triebe, kunstvermögen, begehrungen leidenschaften und schmerzen zwingt in ihrem innern ein analogon [ein Ähnliches] von seele anzuerkennen.“(5)

Selbst wenn man diese hier erörterte, im Grunde metaphysische Frage rational nicht eindeutig beantworten kann, so ist es doch eine Anmaßung zu behaupten, der Mensch hätte eine unsterbliche Seele, das Tier aber nicht. Arthur Schopenhauer war wohl der erste weltbedeutende Philosoph der Neuzeit, der sich sehr entschieden  gegen solche  anthropozentrische Überheblichkeit wandte. Für Schopenhauer war im „innern Kern“, den man im allgemeinen Sprachgebrauch als Seele bezeichnen könnte, zwischen Tier und Mensch kein Unterschied. Ausführlich und sehr tiefsinnig begründete er in seiner Philosophie, daß das „Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe“ sei. (6)

Hierbei geht es nicht bloß um Fragen von theoretischer Bedeutung, weil je nach ihrer Beantwortung die praktischen Konsequenzen durchaus erheblich sein können. Wer auch den Tieren eine unsterbliche Seele zuerkennt, hat ein anderes Verhältnis zu Tieren und wird deshalb wohl weniger geneigt sein, sie gleichsam als Sachen anzusehen und  dementsprechend zu behandeln.

Im übrigen kann der Gedanke an das Unsterbliche, und zwar unabhängig davon, ob man  hierbei an das Wort Seele denkt, sehr viel Tröstliches bieten. Offenbar hatte solchen Trost der alte Buddenbrook gesucht, als er in den letzten Stunden seines Lebens in Schopenhauers Hauptwerk das spirituell sehr tiefe und literarisch kaum zu übertreffende Kapitel Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich las. Diesen Trost dürfte er bei Arthur Schopenhauer gefunden haben, denn Thomas Mann, Autor des Romans Buddenbrooks, schrieb in einem Essay über Schopenhauers Philosophie:

Man kann damit leben und sterben, – namentlich sterben: ich wage zu behaupten, daß die Schopenhauersche Wahrheit, daß ihre Annehmbarkeit in der letzten Stunde standzuhalten, und zwar mühelos, ohne Denkanstrengung, ohne Worte standzuhalten geeignet ist.(7)

H.B.

Weiteres
zum Thema Seele > Arthur Schopenhauer : Seelenwanderung und Wiedergeburt
und zu  Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band III, S. 316.
(2) Schopenhauer , a. a. O., Band V, S. 219.
(3) Arthur Schopenhauer , Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden, hrsg. von Arthur Hübscher, Band 3, S. 85.
(4) Peter Dinzelbacher (Hg.), Mensch und Tier in der Geschichte Europas, Stuttgart 2000, S. 268.
(5) Zit. aus: Dinzelbacher, a. a. O., S. IX.
(6) Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band VI, S. 280.
(7) Thomas Mann , Schopenhauer , zit. aus: Über Arthur Schopenhauer, , hrsg. von Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981,  S. 112.

 

 

 

 

 

Macht der Gewohnheit

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt der Volksmund und deutet damit auf etwas hin, das für das Verhalten der Menschen von kaum zu überschätzender Bedeutung ist: die Macht der Gewohnheit. Selbst in Situationen, wo es wohl vernünftiger wäre, alte Verhaltensweisen zu ändern, setzt sich oft die Macht der Gewohnheit durch.
Der Mensch ist eben nicht nur ein Vernunftswesen, sondern – wie oben erwähnt – ein Gewohnheitstier. Arthur Schopenhauer hatte sich als Lebensphilosoph auch zu diesem im Alltag wichtigen Thema geäußert:

“Gar manches, was der Macht der Gewohnheit zugeschrieben wird, beruht vielmehr auf der Konstanz und Unveränderlichkeit des ursprünglichen und angeborenen Charakters, in Folge welcher wir, unter gleichen Umständen, stets das Selbe thun, welches daher mit gleicher Nothwendigkeit das erste, wie das hundertste Mal geschah. –

Die wirkliche Macht der Gewohnheit hingegen beruht eigentlich auf der Trägheit, welche dem Intellekt und dem Willen die Arbeit, Schwierigkeit, auch die Gefahr, einer frischen Wahl ersparen will und daher uns heute thun läßt was wir schon gestern und hundert Mal gethan haben und wovon wir wissen, daß es zu seinem Zwecke führt.

Die Wahrheit dieser Sache liegt aber tiefer: denn sie ist in einem eigentlicheren Sinne zu verstehn, als es, auf den ersten Blick, scheint. Was nämlich für die Körper, sofern sie bloß durch mechanische Ursachen bewegt werden, die Kraft der Trägheit ist; eben Das ist für die Körper, welche durch Motive bewegt werden, die Macht der Gewohnheit.

Die Handlungen, welche wir aus bloßer Gewohnheit vollziehn, geschehn eigentlich ohne individuelles, einzelnes, eigens für diesen Fall wirkendes Motiv; daher wir dabei auch nicht eigentlich an sie denken. Bloß die ersten Exemplare jeder zur Gewohnheit gewordenen Handlung haben ein Motiv gehabt, dessen sekundäre Nachwirkung die jetzige Gewohnheit ist, welche hinreicht, damit jene auch ferner vor sich gehe; gerade so, wie ein durch Stoß bewegter Körper keines neuen Stoßes mehr bedarf, um seine Bewegung fortzusetzen; sondern, sobald sie nur durch nichts gehemmt wird, in alle Ewigkeit sich fortbewegt.”(1)

Das Verhalten des Menschen entsprechend seinen Gewohnheiten ist aber nicht unbedigt ein Nachteil, denn es muss sich im Verlaufe der Evolution auch als Vorteil erwiesen haben, sonst hätte die Macht der Gewohnheit nicht diese Bedeutung erlangt. “Die Hauptbedeutung der Gewohnheit”, so erklärt das Wörterbuch der philosophischen Begriffe, “liegt in der Entlastung des Bewußtseins und der Einsparung psychischer Energie überhaupt. Gedächtnis, Lernen, Automatisierung werden erst unter der Voraussetzung der Gewohnheit verstehbar.”(2) Im Sinne der Philosophie Arthur Schopenhauers lassen sich auch die den Alltag bestimmenden Gewohnheiten – wie alle Verhaltensweisen und Lebensfunktionen – deuten als Ausdruck des alles beherrschenden Willens zum Leben.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Quellen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band X: Parerga und Paralipomena II, Kap. 26: Psychologische Bemerkungen, S. 634 f.
(2) Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. von Johannes Hoffmeister, 2. Aufl.,
Hamburg 1955, S. 272, Stichwort: Gewohnheit.

Heilt die Zeit alle Wunden ?

        Das sonst ganz Unverdauliche, alle Betrübnis, Ärger, Verlust, Kränkung, verdaut allein die Zeit – meinte Arthur Schopenhauer *, und eine Volksweisheit stimmt ihm da zu: Die Zeit heilt alle Wunden. Solche und ähnliche Sprüche sind optimistisch und mögen mitunter hilfreich sein, aber sind sie auch wahr? Das Leben kann derart schwere Wunden zufügen, dass die Zeit diese Wunden vielleicht vorübergehend etwas verdecken, aber nicht dauerhaft heilen kann. Dennoch – auch das zeigt das Leben – lassen sich viele Probleme zumindest mildern, wenn mit etwas Geduld abgewartet wird, denn oft stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass sie nicht so schwerwiegend sind, wie es am Anfang den Anschein hatte. Insofern kann die Zeit durchaus hilfreich sein. Arthur Schopenhauer bezog sich wohl auf diese Lebenserfahrung, als er schrieb:

        „Wie, im Raum, die Entfernung Alles verkleinert, indem sie es zusammenzieht, wodurch dessen Fehler und Übelstände verschwinden, weshalb auch in einem Verkleinerungsspiegel, oder in der camera obscura [Lochguckkasten], sich alles viel schöner, als in der Wirklichkeit, darstellt; – eben so wirkt in der Zeit die Vergangenheit: die weit zurückliegenden Scenen und Vorgänge, nebst agirenden Personen, nehmen sich in der Erinnerung, als welche alles Unwesentliche und Störende fallen läßt, allerliebst aus. Die Gegenwart, solchen Vortheils entbehrend, steht stets mangelhaft da.

        Und wie, im Raume, kleine Gegenstände sich in der Nähe groß darstellen; wenn sehr nahe, sogar unser ganzes Gesichtsfeld einnehmen; aber, sobald wir uns etwas entfernt haben, klein und unscheinbar werden; ebenso, in der Zeit, erscheinen die in unserm täglichen Leben und Wandel sich ereignenden kleinen Vorfälle, Unfälle und Begebenheiten, so lange sie, als gegenwärtig, dicht vor uns liegen, uns groß, bedeutend, wichtig, und erregen demgemäß unsere Affekte, Sorge, Verdruß, Leidenschaft: aber sobald der unermüdliche Strom der Zeit sie nur etwas entfernt hat, sind sie unbedeutend, keiner Beachtung werth und bald vergessen, indem ihre Größe bloß auf ihrer Nähe beruht.“**

        So relativiert die Zeit zwar nicht alle, aber manche Probleme – eine Lebenserfahrung (nicht nur) Schopenhauers, die helfen kann, sich viele Aufregungen des Alltags zu ersparen. Auch das gehört zur Lebensphilosophie Arthur Schopenhauers.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Zitatquellen
*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band X, S. 454.
** Arthur Schopenhauer , a. a. O., S. 658.

Wahrheit und Zeitgeist

Arthur Schopenhauer veröffentlichte sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung 1819 im Brockhaus-Verlag, und zwar, so schrieb er an den Verleger, in der „festen Überzeugung“, dass sein Buch „nachher die Quelle und der Anlaß von hundert andern Büchern werden“ würde. Das Buch enthalte „nicht eine neue Darstellung des schon Vorhandenen: sondern eine im höchsten Grad zusammenhängende Gedankenreihe, die bisher noch  nie in irgend eines Menschen Kopf gekommen“ sei.(1) Dementsprechend hoffnungsvoll erwartete dann Schopenhauer den Verkauf seines Buches und das Echo der philosophisch interessierten Öffentlichkeit.

Etwa zehn Jahre danach erkundigte sich Schopenhauer beim Verleger nach dem Absatz seines Werkes.(2) Der antwortete ihm, dass noch 150 Exemplare des Werkes vorrätig seien, wie viele verkauft worden seien, könnte er aber nicht sagen, da er vor mehreren Jahren eine bedeutende Anzahl zu Makulatur gemacht habe. (3)  Eine wirklich niederschmetternde Antwort für Schopenhauer.

Dennoch ließ sich Schopenhauer nicht entmutigen. Er wandte sich 1843 erneut an den Brockhaus-Verlag, um diesem den zweiten Band seines Hauptwerkes zur Veröffentlichung anzubieten. Dieser Band habe  „bedeutende Vorzüge vor dem ersten und verhält sich zu diesem, wie das ausgemalte Bild zur bloßen Skizze … Jedenfalls ist es das Beste, was ich geschrieben habe“ (4).

Die Antwort des Verlegers war noch trostloser als beim ersten Band: Der Verlag könne auf Schopenhauers Antrag nicht eingehen, auch nicht wenn dieser auf sein Honorar verzichte. Der Verlag habe mit seinem Werk von 1819 „ein zu schlechtes Geschäft“ gemacht.  (Von den nach der letzten Makulierung im Jahre zurückgebliebenen 50 Exemplaren war noch immer eine „für die Nachfrage genügende“ Anzahl vorhanden.) Nur wenn Schopenhauer noch Druckkosten übernehme, wolle der Verlag die beiden Bände in Kommission nahmen.(5) Jedenfalls deutlicher konnte der Verlag kaum zum Ausdruck bringen, wie gering er den Wert von Schopenhauers Hauptwerk für die Öffentlichkeit einschätzte.

Es dürfte verständlich sein, wenn Schopenhauer diese fehlende Wertschätzung seiner bisherigen Lebensarbeit verbitterte und meinte: „Mein Zeitalter und ich passen nicht für einander.“ (6) Der von Hegel und anderen Fortschrittsgläubigen sowie der Theologie beherrschte philosophische Zeitgeist stand Schopenhauers Philosophie entgegen. Mochte sie noch so sehr der Wahrheit entsprechen, die akademisch etablierte „Philosophie“ nahm Schopenhauer nicht oder nur am Rande zur Kenntnis.

Die fast völlige Nichtbeachtung Schopenhauers  änderte sich grundlegend erst in dessen letztem Lebensjahrzehnt, und zwar weniger durch die Universitätsphilosophie als vielmehr durch seine 1851 veröffentlichten Aphorismen zur Lebensweisheit. „Dieser weise-gelassene und zugleich blendende Rechenschaftsbericht eines ganzen Lebens, mit dem wir dem menschlichen Bilde Schopenhauers näher sind als je“ (7) brachte – und bringt auch heute noch – Schopenhauer eine  weit über den akademischen Bereich hinaus reichende Vielzahl von Lesern. Auch für diesen Blog zu Schopenhauers Lebensphilosophie sind dessen Aphorismen eine Schatzkammer voller tiefer und dabei immer sehr lebensnah bleibender Weisheiten.

Ein Beispiel für das zunehmende Interesse der Öffentlichkeit an Schopenhauers Wahrheiten ist eine Rezension, die 1855 in einer Belletristischen Beilage einer Frankfurter Zeitung erschien:

„Schopenhauers Philosophie steht schon seit 1818 am Himmel der philosophischen Forschung, ohne daß sie wie sie es verdient beachtet wurde. Die Nebel der bisherigen Philosophien hinderten sie zu erblicken. Jetzt, da diese Nebel gefallen sind, steht sie klar am Himmel, wie die Sonne, und wird nicht untergehen. Sie ist eine Bestätigung des Wortes: die Wahrheit wird euch frei machen. Niemand hat sie bis jetzt widerlegen können. Alle Versuche, die hie und da von schwachen Händen gemacht worden, sind wie von einem Felsen abgeprallt. Wer Schopenhauers Philosophie kennt, wird dieses begreiflich finden. Was will Schopenhauer? Was gibt seiner Philosophie die unwiderstehliche Gewalt? Es ist die einfache Thatsache, daß diese Philosophie, welche aus der Erfahrung schöpft, mit der Erfahrung übereinstimmt, daß sie ihre Bestätigung aus beinahe allen empirischen Wissenschaften erhält. Dies und die seltene Wahrhaftigkeit ihres Urhebers macht sie so unwiderstehlich.“ (8)

Für Schopenhauer waren solche positiven Beurteilungen eine Entschädigung für die vielen Jahren, in welchen er sich als Kaspar Hauser der Philosophie fühlen musste. So hatte er nun „den Philosophieprofessoren eine betrübte Nachricht mitzuteilen. Ihr Kaspar Hauser, den sie beinahe vierzig Jahre hindurch, von Licht und Luft so sorgfältig abgesperrt und so fest eingemauert hatten, daß kein Laut sein Daseyn der Welt verrathen konnte, – ihr Kaspar Hauser ist entsprungen!“ (9)

Nun konnte sich Schopenhauer in seiner Überzeugung bestätigt finden, dass die Wahrheit trotz aller Hindernisse, die der Zeitgeist ihr entgegenzustellen vermag, sich zwar langsam, aber letztlich durchsetzen wird:

„Die Wahrheit kann warten: denn sie hat ein langes Leben vor sich. Das Aechte und ernstlich Gemeinte geht stets langsam seinen Gang und erreicht sein Ziel, freilich fast wie durch ein Wunder … Wenn die Wahrheit, um wahr zu seyn, bei Denen um Erlaubniß zu bitten hätte, welchen ganz andere Dinge am Herzen liegen; da könnte man freilich an ihrer Sache verzweifeln.“ (10.)

Arthur Schopenhauer verzweifelte nicht. Er wusste aus eigener jahrzehntelanger Erfahrung „daß die Einsicht Einzelner sich nicht gelten machen kann, so lange der Geist der Zeit nicht reif ist, sie aufzunehmen.“ (11)  Wer die Wahrheit entgegen dem Zeitgeist den Menschen nahezubringen versucht, benötigt Geduld und nicht selten auch Mut:

Die Wahrheit steckt tief im Brunnen, – hat Demokritos gesagt, und die Jahrtausende haben es seufzend wiederholt: aber es ist kein Wunder; wenn man, sobald sie heraus will, ihr auf die Finger schlägt.“ (12)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosphie > hier.

Zitatquellen

(1) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 29 f.
(2) Ebd., S. 108.
(3) Ebd., S. 517.
(4) Ebd., S. 195.
(5) Ebd., S. 536.
(6) Aus Arthur Schopenhauer´s handschriftlichem Nachlaß,
hrsg. v. Julius Frauenstädt, Leipzig 1864, S. 477.
(7) Arthur Schopenhauer – Ein Lebensbild von Arthur Hübscher,
2. Aufl., Wiesbaden 1949, S. 96.
(8) Zit. n. Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 697.
(9) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürch 1977
(Zürcher Ausgabe), Band V: Ueber den Willen in der Natur, S. 185.
(10) Ebd., S. 207 f.
(11) Schopenhauer , Werke, a. a. O.,
Band VII:Parerga und Paralipomena I, S. 14.
(12) Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band V,  S. 219.

 

 

 

 

 

Tierethik und Schopenhauers Philosophie

            Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Thiere! – schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. (1) Dort und auch in anderen seiner Schriften wird deutlich, wie sehr er die Tiere, die für die meisten Philosophen zu jener Zeit kein Thema waren, in seine Philosophie einbezog. Das gilt besonders für einen zentralen Bereich seiner Philosophie, nämlich für seine Mitleidsethik :

            Mitleid mit Thieren hängt mit der Güte des Charakters  so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, könne  kein guter Mensch seyn. Dieses Mitleid mit Tieren, so fügte Schopenhauer hinzu, sei aus der selben Quelle mit der gegen Menschen zu übenden Tugend entsprungen. (2)

            In Schopenhauers Mitleidsethik hat die Tierethik besondere Bedeutung, wie Dieter Birnbacher, Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik, unter der Überschrift Mitleidsethik in seinem Buch Schopenhauer (3) darlegt:

           “ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik und die aus seinen Grundprinzipien abgeleitete Forderung nach angemessenem Schutz der leidensfähigen und insbesondere der in Gemeinschaft mit dem Menschen lebenden Tiere vor Quälerei, Ausbeutung und Überforderung. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen.

            Schopenhauer hat die Idee des Tierschutzes zwar nicht erfunden. Das erste Tierschutzgesetz, der sogenannte Martin’s Act, war bereits 1822 in England erlassen worden, Tierschutzvereine bestanden bereits in mehreren deutschen Städten (Schopenhauer gehörte 1841 zu den Mitbegründern des Frankfurter Vereins). Aber Schopenhauer hat diese Initiativen, indem er sie mit einer tragfähigen ethischen Grundlage ausstattete, entscheidend gefördert. […]

            Die Grundlage von Schopenhauers Tierethik ist dieselbe, die sich auch bereits bei Bentham und vorher ansatzweise bei Hume und Rousseau findet, nämlich dass das Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist (4). Diese entscheidende Gemeinsamkeit ist die Leidensfähigkeit. Tiere und Menschen stimmen darin überein, dass sie Schmerzen empfinden und unter der Frustration natürlicher Bedürfnisse leiden. Bereits die Gemeinsamkeiten im äußeren Ausdrucksverhalten machen es für Schopenhauer evident, dass zwischen Mensch und höheren Tieren eine enge Verwandtschaft besteht. Auch die tierische Anatomie lasse keine scharfe Grenze, sondern lediglich fließende Übergänge zwischen Mensch und Tier erkennen. (5) Diese äußeren Ähnlichkeiten lassen es jedoch unzweifelhaft erscheinen, dass sich die Formen des inneren Erlebens von Mensch und Tier ebenfalls nicht abgrundtief unterscheiden. Aufgrund ihres intelligenten Verhaltens glaubt Schopenhauer einigen hochentwickelten Tieren, insbesondere Elefanten, sogar eine rudimentäre Denk- und Vernunftfähigkeit zuschreiben zu können. (6)

            Auch hier bezieht Schopenhauer eine scharfe Gegenposition zu Kant. Kant meinte, dass der Mensch über einen nicht vollständig naturalistisch zu erklärenden Wesenskern (das intelligible, das heißt nicht empirisch aufweisbare Ich) verfügt, der ihm den Status einer Person verleiht und es anderen verbietet, ihn bloß als Mittel zu behandeln. Dieser Wesenskern manifestiere sich in der Vernunft, insbesondere in der praktischen Vernunft, der Fähigkeit, sich selbst Verhaltensnormen zu geben und sein Handeln an diesen Normen auszurichten. Für Schopenhauer stellt diese Metaphysik die wahren Verhältnisse geradewegs auf den Kopf. Sofern der Mensch über einen Wesenskern verfügt, ist dieser kein Alleinbesitz des Menschen, sondern ein Besitz aller Lebewesen; die Fähigkeit der Vernunft ist zwar für den Menschen charakteristisch, […] Die moralische Einstellung richte sich aber nicht danach, welchen Platz ein Wesen aufgrund seiner spezifischen Fähigkeiten oder Potenziale in der Rangfolge der Lebewesen einnimmt, sondern ausschließlich danach, wie sehr es leidet […]

            Eine wichtige Quelle von Schopenhauers Ausweitung seiner Mitleidsethik auf die Tiere ist zweifellos seine Bekanntschaft mit Teilen der asiatischen Philosophietradition. Schopenhauer war einer der ersten westlichen Philosophen, die sich mit dem asiatischen Denken, vor allem mit den aus Indien stammenden Richtungen des Buddhismus und Hinduismus, vertraut gemacht haben. Auch deshalb stand ihm die nur sporadische Berücksichtigung der Tiere in der Philosophie und Theologie des Westens mit besonderer Deutlichkeit vor Augen.

            Von daher ergab sich für ihn auch eine naheliegende Erklärung des Vollzugsdefizits der westlichen Ethik: Die Quelle des Übels sei der Herrschaftsauftrag der biblischen Schöpfungsgeschichte, der zunächst im Judaismus, dann im Christentum zum Dogma wurde und von da aus das gesamte westliche Denken infizierte. Nichts anderes als der Mythos, nach dem Gott sämmtliche Thiere, ganz wie Sachen und ohne alle Empfehlung zu guter Behandlung, wie sie doch meist selbst ein Hundeverkäufer, wenn er sich von seinem Zöglinge trennt, hinzufügt, dem Menschen übergiebt, damit er über sie herrsche, also mit ihnen thue was ihm beliebt (7), habe den Wahn in die Welt gebracht, dass unser Handeln gegen [die Tiere] ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen Thiere keine Pflichten gebe (8).“

               Auf eine der Gründe, warum sich, besonders was die Tierethik betrifft,  die vom Christentum geprägte westliche Ethik von der des Hinduismus fundamental unterscheidet, hat der Religionswissenschaftler und Indologe Helmuth von Glasenapp hingewiesen: „Während der Inder in allem Lebenden, vom Grashalm bis zum Gott Brahma, […]  eine Stufenfolge von Einzelwesen sieht, die alle gleicherweise der Metempsyhose [Seelenwanderung] unterliegen und der Erlösung teilhaftig werden können, haben Pflanzen und Tiere für den Christen keine unsterblichen Seelen und sind deshalb nicht in den Heilsprozeß einbegriffen.“ (9) In diesem Sinne wären Tiere mehr als Sachen zu verstehen und nicht wie bei den Hindus als göttliche Manifestationen oder wie bei Schopenhauer eine – gleich dem Menschen – Erscheinungsform des metaphysischen „Willens“. Daher sind nach Auffassung Schopenhauers und des Hinduismus Mensch und Tier wesensgleich – was sich auch in der Einstellung zu den Tieren positiv widerspiegelt. (10)

            Tierethik war für Arthur Schopenhauer nicht bloß ein, wenngleich wichtiges  Thema seiner Philosophie, sondern weit mehr – ein Herzensanliegen. So schrieb er  in seinem Manuskript (11):

Arthur Schopenhauer : Tiere
Arthur Schopenhauer über Tiere

            Ich muß es aufrichtig gestehn: der Anblick jedes Thiers erfreut mich unmittelbar [,] und mir geht dabei das Herz auf ; …

            Die Bedeutung Arthur Schopenhauers und seiner Philosophie für die Tierethik hat Dieter Birnbacher sehr treffend am Schluss seines Buches zusammengefasst:

            „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein Rufer in der Wüste. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte.“ (12)

H.B.

Weiteres zu > Schopenhauers Philosophie und zur > Tierethik .

S. auch   > Tierethik und Buddhimus

> Mensch und Umwelt in Schopenhauers Philosophie

Anmerkungen
(1)   Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 566.
(2)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band VI: Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 281.
(3)   Dieter Birnbacher , Schopenhauer , Stuttgart 2009, S. 125 ff.
(4)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 280.
(5)   Ebd.
(6)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 76.
(7)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band X: Parerga und Paralipomena II, S. 409.
(8)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 278.
(9)   Helmuth von Glasenapp, Die Philosophie der Inder,
3. Aufl.,Stuttgart 1974, S. 15.
(10)  Besonders positiv zeigt sich die Tierethik in den beiden
ebenfalls in Indien entstandenen, jedoch im Gegensatz
zum Hinduismus eindeutig atheistischen Religionen, nämlich
dem > Buddhismus und dem ihm verwandten > Jainismus .
Die Jaina-Religion kann, da der Schutz allen Lebens und somit
auch der Tiere sehr umfassend ist, fast als > „Tierschutz-Religion“
gelten, zumal die Jainas Vegetarier, viele sogar Veganer sind.
(11)  Arthur Schopenhauers handschritftlicher Nachlass
in der Staatsbibliothek Berlin, Senilia (1853) , Bl. 25.
(12) Dieter Birnbacher, a. a. O., S. 131.
Zum Begriff Rufer in der Wüste verweist Birnbacher auf Wolfgang Lenzen,
Liebe, Leben, Tod. Eine moralphilosophische Studie, Stuttgart 1999. S. 286.

 

 

Zorn und Mitleid

            Zorn ist ein gefährlicher Zustand! Besonders als Jähzorn kann er sehr gefährlich sein, und zwar nicht nur für den, gegen den er sich richtet, sondern sogar für den Zornigen selbst. Jeder kann das an sich erfahren:  Im Zorn verliert man mehr und mehr die Kontrolle über sein Verhalten, so dass man sich und anderen mitunter schweren Schaden zufügt. Reue kommt dann oft zu spät und die sehr negativen Folgen sind nicht immer zu beheben.  Arthur Schopenhauer hat auch zu diesem für den Alltag durchaus bedeutsamen Thema in seiner Philosophie Stellung genommen und dabei einige Hinweise gegeben, die sich als sehr hilfreich erwiesen haben.

            Um sich abzuregen, also um den Zorn zu besänftigen, war für Schopenhauer das beste Mittel – Mitleid:

            Was für das Feuer der Regen ist für den Zorn das Mitleid. … Wenn irgend Etwas, so vermag dieses den Zorn zu dämpfen. Denn Mitleid ist das rechte Gegengift des Zorns. (1)

            Jedoch mitunter ist der Zorn so stark, dass es kaum möglich ist, Mitleid in sich hervorzurufen, jedenfalls so, dass es den Zorn überwindet. Dann kommt es darauf an, wenigstens Zeit zu gewinnen. Dazu Schopenhauer, der  in seinen „Psychologischen Bemerkungen“ den Ablauf dieses Prozesses beschrieb:

            Der Zorn schafft zugleich ein Blendwerk, welches in der normalen Vergrößerung und Verzerrung seines Anlasses besteht. Dieses Blendwerk erhöht nun selbst wieder den Zorn und wird darauf durch diesen erhöhten Zorn selbst abermals vergrößert … Diesem vorzubeugen, sollten lebhafte Personen, sobald sie anfangen sich zu ärgern, es über sich zu gewinnen suchen, daß sie die Sache für jetzt sich aus dem Sinne schlügen: denn dieselbe wird, wenn sie nach einer Stunde darauf zurückkommen, ihnen schon lange nicht so arg und bald vielleicht unbedeutend erscheinen. (2)

            Dass Schopenhauer mit dieser Beobachung Recht hat, dürfte wohl jeder schon selbst erfahren haben. Es kommt deshalb darauf an, zur rechten Zeit sich an diese Erfahrung zu erinnern. So erspart man sich Ärger und schont die Gesundheit. Auch das gehört zur Lebensphilosophie Arthur Schopenhauers.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen

(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe),
Band VI: Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 277 f.

(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band X: Parerga und Paralipomena II, S. 642.

Schopenhauer : Praktische Philosophen

           Was zeichnet jene Menschen aus, welche Arthur Schopenhauer praktische Philosophen nannte? Es ist wohl vor allem der praktische Gebrauch der Vernunft. Dazu Schopenhauer :

            „Als praktisch zeigt sich endlich die Vernunft ganz eigentlich in den recht vernünftigen Charakteren, die man deswegen im gemeinen Leben praktische Philosophen nennt, und die sich auszeichnen durch einen ungemeinen Gleichmuth bei unangenehmen, wie bei erfreulichen Vorfällen, gleichmäßige Stimmung und festes Beharren bei gefaßten Entschlüssen.

            In der That ist es das Vorwalten der Vernunft in ihnen, d. h. das mehr abstrakte, als intuitive Erkennen und daher das Ueberschauen des Lebens, mittelst der Begriffe, im Allgemeinen, Ganzen und Großen, welches sie ein für alle Mal bekannt gemacht hat mit der Täuschung des momentanen Eindrucks, mit dem Unbestand aller Dinge, der Kürze des Lebens, der Leerheit der Genüsse, dem Wechsel des Glücks und den großen und kleinen Tücken des Zufalls.

            Nichts kommt ihnen daher unerwartet, und was sie in abstracto [in Begriffen] wissen, überrascht sie nicht und bringt sie nicht aus der Fassung, wann es nun in der Wirklichkeit und im Einzelnen ihnen entgegentritt, wie dieses der Fall ist bei den nicht so vernünftigen Charakteren, auf welche die Gegenwart, das Anschauliche, das Wirkliche solche Gewalt ausübt, daß die kalten, farblosen Begriffe ganz in den Hintergrund des Bewußtseyns treten und sie, Vorsätze und Maximen vergessend, den Affekten und Leidenschaften jeder Art preisgegeben sind. […]

            Meiner Ansicht nach [war], die Stoische Ethik ursprünglich nichts, als eine Anweisung zu einem eigentlich vernünftigen Leben […] Von Tugend und Laster ist bei solcher Vernünftigkeit des Wandels eigentlich nicht die Rede, aber dieser praktische Gebrauch der Vernunft macht das eigentliche Vorrecht, welches der Mensch vor dem Thiere hat, geltend, und allein in dieser Rücksicht hat es einen Sinn und ist zulässig von einer Würde des Menschen zu reden.“ (1)

            Obgleich der praktische Gebrauch  der Vernunft laut obigem Zitat das ist, was  den praktischen Philosophen ausmacht,  war für Schopenhauer das bloße Denken in Begriffen nicht das Wichtigste in der Philosophie:

            „Eine seltsame und unwürdige Definition der Philosophie, die aber sogar Kant giebt, ist diese, daß sie eine Wissenschaft aus bloßen Begriffen wäre […] Eine wahre Philosophie  [läßt] sich nicht herausspinnen aus bloßen, abstrakten Begriffen; sondern muß begründet seyn auf Beobachtung und Erfahrung, sowohl innere, als äußere […]

            Sie [die wahre Philosophie] muß, so gut wie die Kunst und Poesie, ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben; auch darf es dabei, so sehr der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, daß nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion käme und durch und durch erschüttert würde.“ (2)

            Daher stellt sich schließlich die Frage:  Sind die bloß vernünftigen, also die sogenannten praktischen  Philosophen überhaupt Philosophen? Jedenfalls wahre Philosophen sind sie wohl kaum, denn Schopenhauer gab am Ende des Zitates dem französischen Philosophen Vauvenargues Recht, der meinte:

Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen. (3)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

Anmerkungen

(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden,
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band II:  Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 633 f.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band IX: Parerga und Paralipomena II, S. 15.
(3) Ebd.

 

Schopenhauers Ethik

           Es gibt kaum eine überzeugendere Begründung für Ethik als die von Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral. Bereits das dort vorangestellte Motto, Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer, macht deutlich, dass es Schopenhauer nicht um bloße Moralpredigten ging.  Für ihn beruhte die Ethik nicht auf einem komplizierten  System von Regeln, von  Ge- und Verboten, sondern auf etwas, das, von Ausnahmen abgesehen, wohl mehr oder weniger in jedem Menschen von der Natur her angelegt ist, nämlich das Mitleid. Dass Schopenhauers Ethik im wesentlichen Mitleidsethik ist, geht eindrucksvoll aus seiner Preisschrift hervor:

        “ Man setze zum letzten Beweggrund einer Handlung, was man wolle; immer wird sich ergeben, daß, auf irgend einem Umwege, zuletzt das eigene Wohl und Wehe des Handelnden die eigentliche Triebfeder, mithin die Handlung egoistisch, folglich ohne moralischen Werth ist. Nur einen einzigen Fall giebt es, in welchem dies nicht Statt hat: nämlich wenn der letzte Beweggrund zu einer Handlung, oder Unterlassung, … ganz allein das Wohl und Wehe eines Andern im Auge hat und durchaus nichts bezweckt, als daß jener Andere unverletzt bleibe, oder gar Hülfe, Beistand und Erleichterung erhalte. Dieser Zweck allein drückt einer Handlung, oder Unterlassung, den Stempel des moralischen Werthes auf …

          Wenn nun aber meine Handlung ganz allein des Andern wegen geschehn soll; so muß sein Wohl und Wehe unmittelbar mein Motiv sein: so wie bei allen andern Handlungen das meinige es ist. Dies bringt unser Problem auf einen engern Ausdruck, nämlich diesen: wie ist es irgend möglich, daß das Wohl und Wehe eines Andern unmittelbar, d. h. ganz so wie sonst nur mein eigenes, meinen Willen bewege, also direkt mein Motiv werde …? – Offenbar nur dadurch, daß jener Andere der letzte Zweck meines Willens wird, … daß ich ganz unmittelbar sein Wohl will und sein Wehe nicht will, so unmittelbar, wie sonst nur das meinige. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mit leide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meines …

        Der hier analysirte Vorgang aber ist kein erträumter, oder aus der Luft gegriffener, sondern ein ganz wirklicher, ja keineswegs seltener: es ist das alltägliche Phänomen des Mitleids, d. h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen Theilnahme zunächst am Leiden eines Andern … Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller ächten Menschenliebe. Nur sofern eine Handlung aus ihm entsprungen ist, hat sie moralischen Werth: und jede aus irgend welchen andern Motiven hervorgehende hat keinen. Sobald dieses Mitleid rege wird, liegt mir das Wohl und Wehe des Andern unmittelbar am Herzen, ganz in der selben Art, wenn auch nicht stets in demselben Grade, wie sonst allein das meinige: also ist jetzt der Unterschied zwischen ihm und mir kein absoluter mehr.

        Allerdings ist dieser Vorgang erstaunenswürdig, ja, mysteriös. Er ist, in Wahrheit, das große Mysterium der Ethik …“(1)

          Noch erstaunlicher und ein wohl noch größeres „Mysterium der Ethik“ ist die Tatsache, dass sich das „alltägliche Phänomen des Mitleids“ nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere erstrecken kann. Mitleid mit Tieren ist – wie der Tierschutz überhaupt-  ein wichtiges Thema in Schopenhauers Ethik, denn so hob er in seiner Preisschrift hervor: „Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder [das Mitleid] bewährt sich als die ächte ferner dadurch, daß sie auch die Thiere in ihren Schutz nimmt, für welche  in den andern Europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist.“(2). Durch die Einbeziehung des Tierschutzes – und zwar nicht nur als Randthema – in seine Ethik wurde Schopenhauer einer der bedeutendesten Wegbereiter der heutigen Tierethik: „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein ´Rufer in der Wüste`. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte“.(3)

       Nur wenige Philosophen von Weltrang sind derart mit Vorurteilen belastet wie Arthur Schopenhauer. So wird ihm zum Beispiel ein zu negatives Menschenbild nachgesagt. Um so überraschender ist deshalb das folgende Zitat, weil es zeigt, wie sehr Schopenhauer auf das Gute im Menschen, das Mitleid, vertraute:

         “ Zwei Tugenden, die der Gerechtigkeit und die der Menschenliebe, … wurzeln in dem natürlichen Mitleid. Dieses Mitleid selbst aber ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseyns, ist diesem wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.“(4)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Quellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden,
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik /
Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 247 f.
(2) Schopenhauer , a. a. O., S. 278.
(3) Dieter Birnbacher , Schopenhauer ( Grundwissen Philosophie ),
Stuttgart 2009, S. 131.
* S. dazu auch > Tierethik und Schopenhauers Mitleidsethik .
(4) Schopenhauer , a. a. O., S. 252.

 

Schopenhauer : Fortschrittsglaube und Optimismus

        Arthur Schopenhauer lebte zu einer Zeit, in der die Naturwissenschaften und Technik  gewaltige Fortschritte machten. Daher ist es verständlich, wenn im 19. Jahrhundert weithin geglaubt wurde, dass der Mensch und mit ihm die Gesellschaft  sich immer mehr zum Besseren, Höheren, Vollkommeneren entwickeln würden. Dieser Fortschrittsglaube war – wie zum Beipiel die damals in Anlehnung an Hegels Philosophie entstehende marxistische Lehre  – oft mit einem Optimismus verbunden, der kaum Grenzen kannte. Die schrecklichen Ereignisse im 20. Jahrhundert und die immer deutlicher werdenden Folgen der Naturzerstörung in diesem Jahrhundert zeigen, wie sehr Schopenhauer Recht hatte, wenn er diesen Optimismus nicht teilte und ihn im Rahmen seiner Philosophie  grundsätzlich ablehnte. Das lag jedoch nicht daran, dass Schopenhauer, wie  völlig unzutreffend behauptet wird, an einer Verbesserung der sozialen Probleme seiner Zeit kein Interesse gehabt hätte  – das Gegenteil ist der Fall! So schrieb Arthur Hübscher, ehemals langjähriger  Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft, in seinem sehr lesenswerten Buch Denker gegen den Strom. Schopenhauer: gestern – heute – morgen (2. Aufl., Bonn 1982, S. 213 f.):

          „Er [ Schopenhauer ] hat das Problem der sozialen Ungerechtigkeit so gut gekannt wie Marx. Er stellt es in den Zusammenhang der großen Abscheulichkeiten der Menschheitsgeschichte. So wie er von Religionskriegen und -metzeleien spricht, von den Kreuzzügen, einem ´zweihundertjährigen ganz unverantwortlichen Gemetzel `, von der Inquisition, den Bluthochzeiten und Ketzergerichten, von den blutigen Eroberungen der Mohammedaner in drei Weltteilen, von der Ausrottung der Urbevölkerung Amerikas, der Mauren und Juden in Spanien, so spricht er von dem trostlosen Leben der Negersklaven in Amerika, von der unerhörten, kalt berechnenden und wahrhaft teuflischen Grausamkeit, mit der die Portugiesen in Mozambique ihre Sklaven behandeln, und nicht minder von den drei Millionen europäischer Weber, die ´unter Hunger und Kummer in dumpfigen Kammern oder trostlosen Fabriksälen schwach`dahinvegetieren. Jeder Versuch, Einhalt zu gebieten, Abhilfe zu schaffen, Not zu lindern, ist seiner wärmsten Zustimmung gewiß. Mit tiefer Ergriffenheit spricht er von William Wilberforce, der die Aufhebung des Negerhandels im britischen Machtbereich durchsetzte, wie er nicht minder die segensreiche Arbeit der Tierschutzvereine rühmt und nach Kräften fördert, die seit 1840 dem maßloseıı Elend der gequälten, unterdrückten Tierwelt entgegenwirken. Aber er weiß, besser als Marx, daß alle Hilfe, aller Protest, aller Kampf gegen Not und Grausamkeit immer nur Teilerscheinungen des allgemeinen Übels beseitigen können, um sogleich wieder andern Platz zumachen. Und wenn er als das Nötigste ´Toleranz, Geduld, Schonung und Nächstenliebe` erklärt, ´deren jeder bedarf und die daher auch jeder schuldig ist`, so weiß er doch, daß er nur die Einzelnen anspricht. die für sein Wort empfänglich sind, daß im Ganzen aber, solange diese Welt besteht, auch der ewige Teufelskreis von Feindschaft, Haß und Not bestehen bleiben wird.

        Gleichgültig, wer nun einmal die Führer, wer die Geführten sind, gleichgültig auch, unter welchen Formen und Symbolen, in welchen örtlichen und zeitlichen Zusammenhängen sie erscheinen: nichts kann dem seit Jahrtausenden immer gleichen Zustand menschlichen Elends und Jammers abhelfen,kein Tyrannenmord, kein Aufstand und keine Revolution, kein Rassenkampf, kein Klassenkampf, keine soziale Reform und keine Änderung von Gesellschaftsformen und -strukturen, keine Umschichtung von Bevölkerungsmassen, nicht die Erschließung von Aufstiegs- und Bildungsmöglichkeiten für benachteiligte Volksschichten, keine neuen Formen religiösen, ethischen, wirtschaftlichen Eingreifens in das Gefüge überkommener Verhältnisse. Dies alles bringt nur einen zeitbedingten Wandel, es ist ein immer neues, zutiefst verständliches Aufbäumen gegen das Sklaventum des Menschseins, aber es birgt immer wieder auch den Keim des Scheiterns in sich. Die Formen des Menschenlebens, die Masken und Kulissen ändern sich, die Menschen selbst ändern sich nicht. Sie bleiben gleich unwandelbar, unbelehrbar, unerziehbar, dem Verhängnis und der Not ihres Alltags zugewandt und ausgeliefert. Unausweichlich bestimmen Herrschaft und Abhängigkeit die sozialen Ordnungen. Nichts kann etwas daran ändern: weder die Steigerung der produktiven Kräfte, die Bändigung und zunehmende Erschließung der Natur, noch die Versuche, die menschliche Vernunft zur Geltung zu bringen, durch Arbeitsteilung und zunehmende Aufsplitterung und organisatorische Gliederung des Wissens und seiner Anwendungsmöglichkeiten. Jede Besserung schafft neue Lasten, jeder Fortschritt ist mit Rückschritt gepaart, jede schöne Hoffnung endet in Enttäuschung, und immer liegt das Elend als Kehrseite des Wohlstandes drohend im Hinterhalt.

        Kants Frage also, ´ob das menschliche Geschlecht in ständigem Fortschreiten zum Besseren sei`, beantwortete Schopenhauer mit einem klaren Nein.“

        Schopenhauers Antwort konnte nur ein eindeutiges Nein sein, denn – wie  er in seiner Philosophie tief und ausführlich begründete – bleibt das Wesen des Menschen, sein eigentliches Innere, sein Charakter, trotz aller Wandlungen der äußeren Formen und der Umwelt unverändert. Ausnahmen hiervon waren für Schopenhauer nur die „Heiligen“, womit er zum Beispiel den von ihm hochverehrten Buddha meinte. Von Arthur Schopenhauer wie vom Buddha wurde das Mitleid als eine überaus wertvolle Charaktereigenschaft hervorgehoben. Menschen mit Mitgefühl werden einem leidenden Wesen – sei es Mensch oder Tier – helfen, und zwar unabhängig davon, ob sie damit die Gesellschaft insgesamt zum Besseren verändern.

        Mitleid kann laut Schopenhauer den ansonsten fast grenzenlos vorherrschenden Egoismus überwinden.  Dass die Natur im Laufe der Evolution Wesen hervorbrachte, die Mitleid empfinden können, ist deshalb, jedenfalls nach meiner Überzeugung, ein Fortschritt. Warum sollte das nicht auch weiterhin geschehen? Zumindest in dieser Hinsicht bin ich nicht ohne Optimismus.

H.B.

S. dazu auch

> Schopenhauer – ein Reaktionär ?

> Schopenhauer und die Soziale Frage

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Schopenhauer : Erkenntnis durch Anschauung

        Zu einer Erkenntnis kann man auf verschiedene Weise kommen;  oft geschieht es durch  Bücher. Für Arthur Schopenhauer waren es jedoch weniger die Bücher als vielmehr die unmittelbare Anschauung, die tiefere Erkenntnisse ermöglicht:

        „Bücher theilen nur sekundäre Vorstellungen mit. Bloße Begriffe von einer Sache, ohne Anschauung, geben eine bloß allgemeine Kenntniß derselben. Ein durchaus gründliches Verständniß von Dingen und deren Verhältnissen hat man nur, sofern man fähig ist, sie in lauter deutlichen Anschauungen, ohne Hülfe der Worte, sich vorstellig zu machen. Worte durch Worte erklären, Begriffe mit Begriffen vergleichen, worin das meiste Philosophiren besteht, ist im Grunde ein spielendes Hin- und Herschieben der Begriffssphären; um zu sehen, welche in die andere geht und welche nicht. Im glücklichsten Fall wird man dadurch zu Schlüssen gelangen: aber auch Schlüsse geben keine durchaus neue Erkenntniß, sondern zeigen uns nur, was Alles in der schon vorhandenen lag und was davon etwan auf den jedesmaligen Fall anwendbar wäre. Hingegen anschauen, die Dinge selbst zu uns reden lassen, neue Verhältnisse derselben auffassen, dann aber dies Alles in Begriffe absetzen und niederlegen, um es sicher zu besitzen: das giebt neue Erkenntnisse. Allein, während Begriffe mit Begriffen zu vergleichen so ziemlich Jeder die Fähigkeit hat, ist Begriff mit Anschauungen zu vergleichen eine Gabe der Auserwählten: sie bedingt, je nach dem Grade der Vollkommenheit, Witz, Urtheilskraft, Scharfsinn, Genie. Bei jener erstern Fähigkeit hingegen kommt nie viel mehr heraus, als etwan vernünftige Betrachtungen. 

        Der innerste Kern jeder ächten und wirklichen Erkenntniß ist eine Anschauung; auch ist jede neue Wahrheit die Ausbeute aus einer solchen. Alles Urdenken geschieht in Bildern: darum ist die Phantasie ein so nothwendiges Werkzeug desselben, und werden phantasielose Köpfe nie etwas Großes leisten, […]  – Hingegen bloß abstrakte Gedanken, die keinen anschaulichen Kern haben, gleichen Wolkengebilden ohne Realität. Selbst Schrift und Rede, sei sie Lehre oder Gedicht, hat zum letzten Zweck, den Leser zu derselben anschaulichen Erkenntniß hinzuleiten, von welcher der Verfasser ausging: hat sie den nicht, so ist sie eben schlecht. Eben darum ist Betrachtung und Beobachtung jedes Wirklichen, sobald es irgend etwas dem Beobachter Neues darbietet, belehrender als alles Lesen und Hören. Denn sogar ist, wenn wir auf den Grund gehen, in jedem Wirklichen alle Wahrheit und Weisheit, ja, das letzte Geheimniß der Dinge enthalten, freilich eben nur in concreto, und so wie das Gold im Erze steckt: es kommt darauf an, es herauszuziehen. Aus einem Buche hingegen erhält man, im besten Fall, die Wahrheit doch nur aus zweiter Hand, öfter aber gar nicht.

      Bei den meisten Büchern, von eigentlich schlechten ganz abgesehn, hat … der Verfasser zwar gedacht, aber nicht geschaut.“*

H.B.

* Arthur Schopenhauer : Werke in zehn Bänden , Zürcher Ausgabe, Zürich 1977, Band III : Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 7: Vom Verhältniß der anschauenden zur abstrakten Erkenntniß,  S. 86 f.)

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Warum Schopenhauer lesen ?

        Warum lohnt es sich, nicht nur einige Zitate von Arthur Schopenhauer mehr oder weniger – vielleicht sogar etwas amüsiert – zur Kenntnis zu nehmen, sondern die Werke dieses großen, leider oft mit Vorurteilen belasteten Lebensphilosophen gründlicher zu lesen? Die Anwort auf diese Frage geht, wie ich hoffe, schon aus den bisherigen Beiträgen in diesem Blog hervor. Dennoch möchte ich hierzu ein kleines Buch vorstellen, das unter dem Titel Arthur Schopenhauer. Lichtstrahlen aus seinen Werken 1888 bereits in 6. Auflage  erschienen war. Sein Verfasser ist Julius Frauenstädt, einer der wichtigsten Anhänger Schopenhauers, der sich um die Verbreitung von dessen Philosophie besonders verdient gemacht hatte.

   Der Titel des genannten Buches ist durchaus passend, denn es sind sehr helle Lichtstrahlen, mit denen Schopenhauer das Dunkel des menschlichen Daseins durchdringt und das Leben in seinen vielen Erscheinungsformen beleuchtet. Schon im Vorwort zu den von Frauenstädt dort ausgewählten Textauszügen aus Schopenhauers Werken kommt das deutlich zum Ausdruck:

        „Mit einem großen Geiste Bekanntschaft zu machen, ist immer fördernd, wirkt befreiend und erhebend, auch wenn wir ihm nicht in allewege folgen können. Nun war aber Schopenhauer einer der größten Geister, die je gewesen sind; in seinem Kopfe spiegelte sich das Wesen der Welt klarer, als sonst in Menschenköpfen; er war ein solcher ächter Philosoph, wie er selbst ihn bescheibt:

        Ueberall wird der ächte Philosoph Helle und Deutlichkeit suchen und stets bestrebt seyn, nicht einem trüben, reißenden Regenbache zu gleichen, sondern vielmehr einem Schweizer See, der, durch seine Ruhe, bei großer Tiefe große Klarheit hat, welche aber erst die Tiefe sichtbar macht.

        Tief und lichtvoll ist Alles, was Schopenhauer geschrieben hat.

        Ich [Frauenstädt] glaube daher nichts Undankenswerthes zu thun, indem ich dem großen gebildeten Publikum durch nachfolgende Auswahl aus Schopenhauer´s Werken Gelegenheit biete, diesen großen Geist näher kennen zu lernen und sich mit ihm zu befreunden. Zwar mit dem Befreunden wird es in einigen Punkten schwer halten, zumal in unserer lebenslustigen und genußsüchtigen, bis über die Ohren im Materialismus steckenden Zeit … Gerade wegen ihres tief sittlichen Kerns halte ich die Schopenhauer´sche Lehre für sehr zeitgemäß. Sie bildet einen heilsamen Dämpfer auf die Lebensgier und auf das Rennen und Jagen nach irdischer Glückseligkeit, das unsere Zeit charakterisirt.“

        Obige Worte, obwohl vor weit mehr als einem Jahrhundert geschrieben, treffen wohl ohne jede Einschränkung auch heute noch zu. Frauenstädt hatte zwar in einigen Punkten eine von Schopenhauer abweichende Ansicht, aber dennoch hielt er Schopenhauer „für denjenigen Denker, der unter den nachkantischen am meisten verdient studirt zu werden. Man kann von Keinem so viel lernen, als von ihm. Keiner bringt so viel Licht und Klarheit in unsere  eigenen Gedanken …“

          Licht und Klarheit in eine Welt zu bringen, die immer verworrener und immer weniger durchschaubar wird, ist notwendiger denn je. Wie gut, dass  Schopenhauers Lichtstrahlen hierbei Orientierung bieten können – und zwar eine, die sich im Leben schon oftmals bewährt hat!

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

 

Schopenhauer : Getrübter Geist

        Die Lebenserfahrung zeigt: Starke Gefühle wie Liebe und Hass trüben den Geist, vermindern das Urteilsvermögen und führen so zu falschen, ja mitunter sogar zu ungerechten Urteilen. Zu diesem für alle Lebensbereiche äußerst wichtigen Thema schrieb Arthur Schopenhauer:

        “ Liebe und Haß verfälschen unser Urtheil gänzlich: an unsern Feinden sehen wir nichts, als Fehler, an unsern Lieblingen lauter Vorzüge, und selbst ihre Fehler scheinen uns liebenswürdig. Eine ähnliche geheime Macht übt unser Vortheil, welcher Art er auch sei, über unser Urtheil aus: was ihm gemäß ist, erscheint uns alsbald billig, gerecht, vernünftig; was ihm zuwider läuft, stellt sich uns, im vollen Ernst, als ungerecht und abscheulich, oder zweckwidrig und absurd dar. Daher so viele Vorurtheile des Standes, des Gewerbes, der Nation, der Sekte, der Religion. Eine gefaßte Hypothese giebt uns Luchsaugen für alles sie Bestätigende, und macht uns blind für alles ihr Wider-sprechende. Was unserer Partei, unserm Plane, unserm Wunsche, unserer Hoffnung entgegensteht, können wir oft gar nicht fassen und begreifen, während es allen Andern klar vorliegt: das jenen Günstige hingegen springt uns von ferne in die Augen. Was dem Herzen widerstrebt, läßt der Kopf nicht ein. Manche Irrthümer halten wir unser Leben hindurch fest, und hüten uns, jemals ihren Grund zu prüfen, bloß aus einer uns selber unbewußten Furcht, die Entdeckung machen zu können, daß wir so lange und so oft das Falsche geglaubt und behauptet haben. – So wird denn täglich unser Intellekt durch die Gaukeleien der Neigung bethört und bestochen.“
(Aus: Arthur Schopenhauer , Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 19)

       Daher ist es eine Illusion anzunehmen,  Anschauung und Logik würden stets ausreichen, um Menschen von falschen Meinungen abzubringen. Das gilt besonders für einen von Liebe oder Haß, von tief verwurzelten Vorurteilen getrübten Geist, denn dieser ist  für alle ihm entgegenstehenden Argumente, mögen sie noch so vernüftig sein, kaum zugänglich. Der Mensch ist eben nicht bloß ein rationales Wesen – er hat auch ein Herz, und was dem Herzem widerspricht, lässt der Kopf nicht ein.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

Lebensorientierung und Trost im Alter

   Es ist eine oft bestätigte Tatsache: Arthur Schopenhauers Philosophie mit ihren Aphorismen zur Lebensweisheit bietet Lebensorientierung und Trost, und zwar gerade auch in schwierigen Lebensphasen – wie etwa im Alter. Zu den Lebensabschnitten, die sich deutlich voneinander unterscheiden, meinte Schopenhauer in  seinen Aphorismen:

    Die ersten vierzig Jahre unsers Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu.

    Ein solcher „Kommentar“ sind wohl die Lebenserinnerungen des „Schopenhauerianers“ Arthur Hübscher. Er war nicht nur viele Jahre Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft sowie Autor zahlreicher Schriften über Schopenhauer und dessen Philosophie, sondern mehr noch: er lebte, wie es in seinen Memoiren heißt,  „mit und für Schopenhauer“.

  Besonders bemerkenswert ist auch, dass Hübscher seine Lebenserinnerungen, die er unter dem Titel erlebt – gedacht – vollbracht. Erinnerungen an ein Jahrhundert veröffentlichte, erst in seinem 87. Lebensjahr beendete. Daher konnte er auf  eine sehr lange Lebensspanne zurückblicken und gegen Ende seines Lebens (er starb im 89. Lebensjahr) auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen im letzten Kapitel seines Buches über Schopenhauer schreiben:

    Ich habe auf meiner Lebensreise viele Menschen und viel unnützes Gepäck zurückgelassen. Schopenhauer habe ich mitgenommen, – er hat mich nie im Stich gelassen. Er wird auch da sein, wenn es an der Zeit ist, abzutreten.

    Eines der letzten Kapitel des Buches hat die Überschrift Einübung auf das Alter. Dort berichtete Hübscher über die Ergebnisse seiner Erfahrungen und Einsichten, die er im Laufe seines langen ereignisreichen Lebens gesammelt hatte:

      „Ich möchte, was Erfahrung und Beispiele mich über die Einübung ins Alter gelehrt haben, in ein paar Sätze zusammenfassen, die man beifällig aufnehmen mag, auch wenn man sie in Wirklichkeit außer Acht zu lassen gedenkt:

     Das Unabänderliche willig hinnehmen. Sich der Vorteile bewußt werden, die auch physische Behinderungen mit sich bringen: Schwerhörigkeit schützt uns vor lästigem Lärm, zunehmende Vergeßlichkeit räumt manchen Schutt zerstörter Illusionen fort.

     Im Alltäglichen noch das Besondere finden, die einfachsten Handlungen, einen Spaziergang, ein Gespräch, eine stille Stunde im Garten in innerer Teilnahme erhöhen, und immer wieder im einzelnen Ereignis die philosophische Verwunderung über die Welt und unser eigenes Dasein erleben.

     Nicht dem Vergangenen nachtrauern, nichts Verlorenes zurückholen wollen, nichts Hinschwindendes gewaltsam aufhalten, aber fördern und nutzen, was sich immer noch bietet oder neu eröffnet und sich unserm Sinne fügt.

     Die reizvolle Vielheit der Horizonte und Aufgaben sorglich eingrenzen, die Kräfte sammeln und sich immer klarer werden über unser Selbst, in der Beschränkung, die den Meister macht.

     Aber immer auch in der Vorbereitung auf etwas Kommendes, Erwünschtes,
Erstrebtes, zu Verwirklichendes leben, und immer noch den Blick über sich hinaus erheben, in Höhen, die uns kaum jemals erreichbar sind und von denen doch der Trost herabkommt …“

    Inwieweit  diese auf Erfahrungen und Einsichten gegründete „Einübung auf das Alter“  ernst genommen wird, hängt wohl auch vom jeweiligen Lebensalter ab, denn – wie Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen schrieb – mit dem Älterwerden ändert sich die Perspektive:

      Die Heiterkeit und der Lebensmuth unserer Jugend beruht zum Theil darauf, daß wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehen; weil er am Fuße der andern Seite des Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel überschritten, dann werden wir den Tod, welchen wir bis dahin nur vom Hörensagen kannten, ansichtig.

    Ob jung oder alt, ganz ohne Lebensmut ist das Leben kaum zu meistern. Jedoch hat der Gedanke an den Tod, der sich gerade im  Alter aufdrängt, auch seinen Wert, weil er uns mahnt, die noch verbleibende kostbare Zeit des Lebens möglichst sinnvoll zu nutzen.

    Besonders im fortgeschrittenen Alter wird die Nähe des Todes immer deutlicher empfunden. Das kann mitunter für manche Menschen ziemlich bedrückend sein. Schopenhauer äußerte sich dazu in seinem berühmten Kapitel Zur Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens durch den Tod mit Worten, die nicht beschönigen, aber dennoch Hoffnung und Trost enthalten:

    Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives, – das Aufhören des Lebens; allein er muß auch eine positive Seite haben, die jedoch uns nur verdeckt bleibt, weil unser Intellekt durchaus unfähig ist, sie zu fassen. Daher erkennen wir wohl, was wir durch den Tod verlieren, aber nicht, was wir durch ihn gewinnen.

     Übrigens, der Verfasser dieses Beitrages ist im 80. Lebensjahr.

H.B.

S. auch Blogbeitrag Arthur Schopenhauer : Tod und Trost > hier .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

 

Lob der Melancholie

Der Melancholikus sieht das Leben als eine Trauerspielszene an, schrieb Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit.(1) Dementsprechend ist auch die Lebenseinstellung des zur Melancholie, also des zur Schwermut neigenden Menschen. Ihm ist es nur sehr begrenzt möglich, sich über glückliche Begebenheiten und Umstände, wozu nicht zuletzt auch die Gesundheit gehört, wirklich freuen zu können.  In seinen Aphorismen bemerkte dazu  Schopenhauer:

„So viel nun aber auch zu der für unser Glück so wesentlichen Heiterkeit die Gesundheit  beiträgt, so hängt jene doch nicht von dieser allein ab: denn auch bei vollkommener Gesundheit kann ein melancholisches Temperament und eine vorherrschend trübe Stimmung bestehn. Der letzte Grund davon liegt ohne Zweifel in der ursprünglichen und daher unabänderlichen Beschaffenheit des Organismus […] Abnormes Übergewicht der Sensibilität wird […] vorwaltende Melancholie herbeiführen.“(2)

Schopenhauer hatte hiermit auf einen Zusammenhang hingewiesen, der durch viele Beispiele  bestätigt wird: Es sind vor allem die  sensiblen Menschen, die unter Melancholie leiden. Das gilt nach Meinung Schopenhauers besonders für das Genie, das „durch ein Übermaß der Nervenkraft, also der Sensibilität, bedingt ist; so hat Aristoteles ganz richtig bemerkt, daß alle ausgezeichnete und überlegene Menschen melancholisch seien: Alle Menschen, die sich ausgezeichnet haben – in der Philosophie, der Politik,  der Dichtkunst oder in den bildenden Künsten – scheinen Melancholiker zu sein.“(3)

Dieser Tradition  folgend,   wurde im 18. Jahrhundert sogar die Auffassung vertreten, die Melancholie sei „die Mutter des Genies“.(4)  So schrieb der von Schopenhauer hoch verehrte Goethe in seinem Spruchgedicht:

Meine Dichterglut war sehr gering,
Solang ich dem Guten entgegen ging;
Dagegen brannte sie lichterloh,
Wenn ich vor drohendem Übel floh.

Zart Gedicht, wie Regenbogen,
Wird auf dunklen Grund gezogen;
Darum behagt dem Dichtergenie
Das Element der Melancholie. (5)

In diesem Sinne ist Melancholie positiv zu werten, wobei sie, wie Schopenhauer hervorhob, von Verdrießlichkeit und Hypochondrie (z. B. Einbildung von Krankheiten) unterschieden werden muss:

„Verdrießlichkeit und Melancholie liegen weit auseinander: von der Lustigkeit zur Melancholie ist der Weg viel näher als von der Verdrießlichkeit.

Melancholie zieht an; Verdrießlichkeit stößt ab.

Hypochondrie quält nicht nur mit Verdruß und Ärger ohne Anlaß über gegenwärtige Dinge; nicht nur mit grundloser Angst vor künstlich ausstudierten Unglücksfällen der Zukunft; sondern auch noch mit unverdienten Vorwürfen über unsere eigenen Handlungen in der Vergangenheit.

Die unmittelbarste Wirkung der Hypochondrie ist ein beständiges Suchen und Grübeln, worüber wohl man sich zu ärgern oder zu ängstigen hätte. Die Ursache ist ein innerer krankhafter Unmut, dazu oft eine aus dem Temperament hervorgehende innere Unruhe: wenn beide den höchsten Grad erreichen, führen sie zum Selbstmord.“(6)

Übrigens, Schopenhauer wusste aus eigener Erfahrung, worüber er hier voller Verständnis schrieb, denn er war wohl selbst – wahrscheinlich als Erbe seines Vaters – ein „Melancholikus“. Jedoch gerade diese Veranlagung zur Melancholie ermöglichte es Arthur Schopenhauer zum Schöpfer einer einzigartigen, genialen Philosophie zu werden, die, wie oftmals bezeugt, viel Trost zu bieten vermag, ja in ihr ist – nach den Worten Thomas Manns – „ein Gefühlskern, ein Wahrheitserlebnis … so annehmbar, so hieb- und stichfest, so richtig, wie ich es sonst in der Philosophie nicht gefunden habe.“ (7)

H.B.

Weiteres  zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

Quellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band VIII, Aphorismen zur Lebensweisheit, Zürich 1977, S. 346.
(2) Ebd., S. 356 f.
(3) Ebd.
(4)  Komm, heilige Melancholie .
Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte,
Hrsg. v. Ludwig Völker, Suttgart 1983, S. 24.
(5) Ebd., S. 49.
(6) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X,
Parerga und Paralipomena II, S. 641.
(7) Über Arthur Schopenhauer . Hrsg. v. Gerd Haffmans,
3. Aufl., Zürich 1981, S. 112.

Arthur Schopenhauer : Buddhismus

Sollte ich die Resultate meiner Philosophie, schrieb Arthur Schopenhauer, zum Maaßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhaismus den Vorzug vor den andern zugestehn.(1)

Wie nah Schopenhauer seine Philosophie zum Buddhismus sah, geht aus seinem Brief  vom 27. Februar 1856 an einen seiner Anhänger, Adam von Doss, hervor, in welchem er unter Hinweis auf übereinstimmende zentrale Aussagen seiner und der buddhistischen Lehre betonte: Überhaupt ist die Übereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll, zumal ich 1814-1818 den ersten Band  [von „Die Welt als Wille und Vorstellung“] schrieb und von dem allen [d. h. vom Buddhismus] noch nichts wußte, noch wissen konnte.(2)

Wenn Schopenhauer mit obigen Worten auf die „wundervolle“ Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Buddhismus hinwies, so gilt das besonders für die Ethik. Schopenhauers Mitleidsethik entspricht weitgehend der buddhistischen Ethik, und zwar auch im Hinblick darauf, dass in ihr die Tiere voll einbezogen sind. Dazu heißt es in einem vom Buddhistischen Seminar Hamburg herausgegebenen Buch über das Leben des Buddha:

„Wie ist also die Haltung des Buddha zu den Tieren? Am kürzesten umrissen ist sie mit dem Wortlaut der vom Erwachten [dem Buddha] gegebenen Tugendregel:

Ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme
hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid.

Der westliche Mensch wird in der Regel in der Auffassung erzogen, er sei von Gott als Krone der Schöpfung erschaffen worden, ihm sei die Welt gegeben, Tiere, Wald und Feld stünden zu seiner Verfügung, er könne damit schalten und walten, wie er es für gut und richtig halte. So sagt Martin Luther: Alle Meere und Wasser sind unsere Trinkkeller; alle Wälder und Hölzer sind unsere Jägerei … Denn es ist alles um unser, der Menschen willen geschaffen. (Tischgespräche)“ (3)

Schopenhauer hatte diese im Vergleich zum Buddhismus fundamental andere Einstellung des Christentums zu den Tieren mit deutlichen Worten kritisiert und sie als Grundfehler des Christentums bezeichnet:

Ein […] nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestierender Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Tierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Tiere geradezu als Sachen betrachtend; – während Brahmanismus [Hinduismus] und Buddhismus, der Wahrheit getreu, die augenscheinliche Verwandtschaft des Menschen, wie im Allgemeinen mit der ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der tierischen, entschieden anerkennen.(4)

Wie wichtig für Schopenhauer die tierfreundliche Einstellung des Buddhismus war, lässt sich schon daran erkennen, dass er die zu seiner Zeit gerade beginnende Gründung von Tierschutzvereinen in Deutschland  förderte, wobei er zu den ersten Mitgliedern des Frankfurter Tierschutzvereins gehörte.(5)

Aber nicht nur die Tierliebe, sondern überhaupt der Buddha und seine Lehre fanden Schopenhauers höchste Wertschätzung. So sagte er in einem Gespräch:  Wenn man den Buddhaismus aus seinen Quellen studiert, da wird einem hell im Kopfe. (6)

Dementspechend bezog sich Schopenhauer in seinen Schriften oft auf den Buddhismus. Dadurch trug er wesentlich dazu bei, dass der Buddhismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa nicht nur bekannt wurde, sondern auch zunehmend Anhänger fand. Ein hervorragendes Beispiel hierfür war Georg Grimm, der Gründer der Altbuddhistischen Gemeinde. Grimm, zunächst katholischer Priesterzögling, kam vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus. Er wurde in Wort und Tat zu einem der bedeutendsten Verkünder der Lehre des Buddha in Deutschland. In seinem Hauptwerk Die Lehre des Buddho wies er zwar auf die – seiner Meinung nach – bestehenden Unterschiede zwischen der Philosophie Schopenhauers und dem Buddhismus hin, betonte aber zugleich auch die „staunenswerte Übereinstimmung zwischen den beiden Großen“, also zwischen Schopenhauer und dem Buddha.(7)

Je mehr Schopenhauer über den Buddhismus erfuhr, desto entschiedener wandte er sich  ihm zu. Schließlich nannte Schopenhauer sich und seine Anhänger in Briefen und Gesprächen sogar Buddhisten. So äußerte er sich zum Beispiel in zwei Briefen, in denen es um den Hofrat Ignaz Perner, „den berühmten Vorsteher aller Tierschutz-Gesellschaften“ ging. Er sei, wie Schopenhauer meinte, ein um den Tierschutz „höchst verdienter und verehrenswerter Mann: Wer könnte das höher schätzen als wir Buddhaisten!“(8) Auch in einem anderen Brief zeigte Schopenhauer seine besondere Zuneigung zum Buddhismus, denn dort bezeichnete er ihn als unsere allerheiligste Religion und den Buddha als den Siegreich-Vollendeten. (9)

Äußeres Zeichen von Arthur Schopenhauers Verehrung des Buddha und seiner tiefen Verbundenheit mit dem Buddhismus wurde eine Statue, die er wenige Jahre vor seinem Tode in seiner Wohnung aufstellte, und  über die er schrieb: Der Buddha […] steht auf einer schönen Konsole in der Ecke: so daß jeder beim Eintritt schon sieht, wer hier in diesen „heiligen Hallen“ herrscht.(10)

buddha3klein2schw-2

H.B.

Weiteres

zu > Schopenhauer und seiner Philosophie  sowie zum > Buddhismus

Die  Vier Edlen Wahrheiten des Buddha

Vom Christentum zum Buddhismus   (Blogbeitrag)

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band III, Die Welt als Wille und Vorstellung II (Kap.17), Zürich 1977, S. 197.
(2) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 384.
(3) Hellmuth Hecker, Das Leben des Buddha, Hamburg 1973, S. 393.
(4) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X, Parerga und Paralipomena II
(Kap. 15, § 177 Ueber das Christenthum), S. 408.
(5) S. dazu Arthur Schopenhauer : Tierschutz und Tierschutzvereine > hier.
(6) Arthur Schopenhauer , Gespräche, neue stark erw. Ausg.,
hrsg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 104.
(7) Vgl. > Georg Grimm – ein Lebensweg vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus (dort Quellenangabe in Anm. 8).
(8) Brief v. 16. Sept. 1850 an J. Frauenstädt und v. 10. Mai 1852 an A. von Doss, in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 247 und 281.
(9) Brief v. 2. Jan. 1852 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 273.
(10) Brief v. 13. Mai 1856 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 391.

Schopenhauer : Wahre Philosophie

Philosophie , schrieb Arthur Schopenhauer , ist eine Erkenntniß vom eigentlichen Wesen dieser Welt, in der wir sind und die in uns ist; eine Erkenntniß davon im Ganzen und Allgemeinen, deren Licht, wenn sie gefaßt ist, nachher auch alles Einzelne, das Jedem im Leben vorkommen mag, beleuchtet und ihm dessen innere Bedeutung aufschließt.(1)

Schon aus diesem Zitat wird deutlich, dass Schopenhauers Philosophie vor allem eine Lebensphilosophie ist. Dementsprechend war für Schopenhauer die Philosophie mehr als eine Wissenschaft, die nur aus bloßen Begriffen besteht.  Sie müsse, so meinte  Schopenhauer, von der anschaulichen Erkenntnis ausgehen, weil diese sei die wirkliche und unerschöpfliche Quelle aller Einsicht. Daher läßt eine wahre Philosophie sich nicht herausspinnen aus bloßen, abstrakten Begriffen; sondern muß gegründet seyn auf Beobachtung und Erfahrung, sowohl innere, als äußere. Auch nicht durch Kombinationsversuche mit Begriffen, […] wird je etwas Rechtes in der Philosophie geleistet werden. Sie muß, so gut wie Kunst und Poesie, ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben: auch darf es dabei, so sehr auch der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, daß nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion käme und durch und durch erschüttert würde. Philosophie ist kein Algebra-Exempel.(2)

Seine obige, sehr ansprechende Beschreibung dessen, was Philosophie sei, ergänzte Schopenhauer durch ein Zitat des französischen Philosophen Vauvenargues, das in deutscher Übersetzung lautet: Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen.

Deshalb könnte man wohl mit Arthur Schopenhauer sagen:

Wahre Philosophie kommt aus dem Herzen!

In einem Gespräch mit dem französischen Philosophen Frédéric Morin äußerte sich Schopenhauer 1858, also gegen Ende seines Lebens, was weder wahre noch unwahre, sondern überhaupt keine Philosophie sei:

Eine Philosophie, in der man zwischen den Seiten nicht die Tränen, das Heulen und Zähneklappern und das furchtbare Getöse des gegenseitigen allgemeinen Mordes hört, ist keine Philosophie.(3)

Ja, an Tränen und Heulen über das  Furchtbare in dieser Welt kommt keine Philosophie vorbei, wenn sie wahr ist und somit aus dem Herzen kommt.

H.B.

Zitatquellen:
(1) Arthur Schopenhauer´s Nachlaß. Hrsg. von Eduard Grisebach, 2. Band: Vorlesungen und Abhandlungen. 3. Abdruck, Leipzig o. J. , S. 10.
(2) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Band IX: Parerga und Paralipomena II ( Kap. 1, § 9), Zürich 1977, S. 15.
(3) Zit. n. Rüdiger Safranski, Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 453.

Weitere > Schopenhauer-Zitate zum Begriff Philosophie.

Arthur  Schopenhauers Philosophie > Überblick

arthur-schopenhauer-unterschrift
Arthur Schopenhauer : Unterschrift

 

Schopenhauer : Lebensweisheit

        Genieße die von Schmerzen freie Stunde – ist eine von Arthur Schopenhauers Lebensweisheiten. Sie gilt besonders für jene Menschen, die weit mehr an die Vergangenheit als an die Gegenwart denken oder sich  allzu sehr um die Zukunft sorgen, indem sie sich übermäßig vor dem ängstigen, was alles kommen könnte, aber nicht unbedingt kommen muss:

“ Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht in dem richtigen Verhältnis, in welchem wir unsere Aufmerksamkeit teils der Gegenwart, teils der Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere verderbe. Viele leben zu sehr in der Gegenwart: die Leichtsinnigen; –  Andere zu sehr in der Zukunft: die Ängstlichen und Besorglichen. Selten wird einer genau das rechte Maß halten. Die, welche, mittelst Streben und Hoffen, nur in der Zukunft leben, immer vorwärts sehen und mit Ungeduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche allererst das wahre Glück bringen sollen, inzwischen aber die Gegenwart unbeachtet und ungenossen vorbeiziehen lassen, sind, trotz ihrer altklugen Mienen, jenen Eseln in Italien zu vergleichen, deren Schritt dadurch beschleunigt wird, daß an einem, ihrem Kopf angehefteten Stock ein Bündel Heu hängt, welches sie daher stets dicht vor sich sehen und zu erreichen hoffen. Denn sie betrügen sich selbst um ihr ganzes Dasein, indem sie stets nur ad interim [vorläufig] leben, – bis sie tot sind.

        – Statt also mit den Plänen und Sorgen für die Zukunft ausschließlich und immerdar beschäftigt zu sein, oder aber uns die Sehnsucht nach der Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie vergessen, daß die Gegenwart allein real und allein gewiß ist; hingegen die Zukunft fast immer anders ausfällt, als wir sie denken; ja, auch die Vergangenheit anders war; und zwar so, daß es mit beiden, im ganzen, weniger auf sich hat, als es uns scheint. Denn die Ferne, welche dem Auge die Gegenstände verkleinert, vergrößert sie den Gedanken.

        Die Gegenwart allein ist wahr und wirklich: sie ist die real erfüllte Zeit, und ausschließlich in ihr liegt unser Dasein. Daher sollten wir sie stets einer heitern Aufnahme würdigen, folglich jede erträgliche und von unmittelbaren Widerwärtigkeiten oder Schmerzen freie Stunde mit Bewußtsein als solche genießen, d. h. sie nicht trüben durch verdrießliche Gesichter über verfehlte Hoffnungen in der Vergangenheit, oder Besorgnisse für die Zukunft. Denn es ist durchaus töricht, eine gute gegenwärtige Stunde von sich zu stoßen, oder sie sich mutwillig zu verderben, aus Verdruß über das Vergangene, oder Besorgnis wegen des Kommenden. Der Sorge, ja, selbst der Reue, sei ihre bestimmte Zeit gewidmet: danach aber soll man […] diese allein reale Zeit sich so angenehm wie möglich machen.“
(Aus: Arthur Schopenhauer , Aphorismen zur Lebensweisheit , Kap. V., B., 5)

H.B.

Zur Bedeutung der Aphorismen im Gesamtwerk Arthur Schopenhauers > hier

Weiteres >  Arthur-Schopenhauer-Studienkreis


Trotz Tod alle beisammen

Wohl jeder hat es schon erleben müssen, was der Tod eines geliebten Wesens, sei es Mensch oder Tier, bedeuten kann. Arthur Schopenhauer hat dazu  bewegende Worte gefunden:

“ Der tiefe Schmerz, beim Tode jedes befreundeten Wesens, entsteht aus dem Gefühle, daß in jedem Individuo etwas Unaussprechliches, ihm allein Eigenes und daher durchaus Unwiederbringliches liegt. Omne individuum ineffabile. [ Jedes Einzelwesen ist unergründlich. ] Dieses gilt selbst vom thierischen Individuo, wo es am lebhaftesten Der empfinden wird, welcher zufällig ein geliebtes Thier tödtlich verletzt hat und nun seinen Scheideblick empfängt, welches einen herzzerreißenden Schmerz verursacht.“(1)

Durchaus berechtigt ist Schopenhauers Frage; „Wie kann man nur, beim Anblick des Todes eines Menschen oder eines Thieres, vermeinen, hier werde ein Ding an sich (das Metaphysische im Menschen und im Tier] selbst zu nichts?“ (2).

Wie Schopenhauer in seiner Philosophie spirituell sehr tief begründete, ist alles Leben durch das, was er Wille nannte,  metaphysisch miteinander verbunden – eine Einheit, die auch durch den Tod nicht zerstört wird: “ Demnach können wir jeden Augenblick wohlgemuth ausrufen:  Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch Alle beisammen.“(3)

Zitatquellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977, Band X, S. 636.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IX, S. 294.
(3) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IV, S. 562.
H.B.

Weiteres zu Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

 

Arthur Schopenhauer – ein Menschenfreund

Es ist leider ziemlich selten, dass über Arthur Schopenhauer berichtet wird und ihm dabei menschenfreundliche Charakterzüge zuerkannt werden. Deshalb sei auf zwei Berichte aus seinem Leben hingewiesen, die helfen können, Schopenhauer gerechter zu beurteilen:

In dem von Angelika Hübscher herausgegebenen Taschenbuch Arthur Schopenhauer . Leben und Werk in Texten und Bildern (1. Aufl., Frankfurt a. M. 1989, S. 344) steht zur Erläuterung eines Bildes vom Frankfurter Schopenhauer-Denkmal , dass dieses 1895 am gleichen Ort errichtet wurde, „an dem der Philosoph 1859 den jungen Julius Frank vor dem Selbstmord durch Ertrinken rettete. Bei der Feier wußte noch niemand von dieser hilfreichen Tat, über die Schopenhauer – der sich bis zu seinem Tode um den jungen Mann kümmerte – selbst nie gesprochen hat“.

Paul Deussen berichtete in seinem Buch Neuere Philosophie von Descartes bis Schopenhauer (3. Aufl., Leipzig 1922, S. 419 f.) von einer alten Dame, die als kleines Mädchen Schopenhauer noch persönlich erleben konnte und darüber in ihren Erinnerungen viel zu berichten wusste. So erzählte sie, „wie gern und oft der von den Kindern des Hauses ein wenig gefürchtete, aber noch viel mehr geliebte Philosoph sich mit ihnen beschäftigte, wie er bestrebt war, ihnen bei jeder Gelegenheit und namentlich zur Weihnachtszeit eine Freude zu machen, und wie wenig das Zerrbild eines misanthropischen Pessimisten auf den humorvollen, jovialen Kinderfreund und Tierfreund Anwendung findet, als welcher er uns aus diesen Schilderungen entgegentritt“.
H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

Arthur Schopenhauer : Weisheit und Philosophie

Die Philosophie ist wesentlich Weltweisheit, schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (Band II, Kap. 17). Dem fügte er – wohl mit Blick auf Religion und Theologie, die sich nach Meinung Schopenhauers in die Philosophie einmischten – noch die Bemerkung hinzu: Ihr [der Philosophie] Problem ist die Welt: mit dieser allein hat sie es zu tun und läßt die Götter in Ruhe, erwartet aber dafür, auch von ihnen in Ruhe gelassen werden.

Wenn Philosophie Weisheit ist, dann ist sie keineswegs nur eine rein theoretische Angelegenheit, denn – wie Schopenhauer in seinem Manuskriptbuch (Quartant, Bl. 81) notierte:

Arthur Schopenhauer : Weisheit
Quelle: Arthur Schopenhauers handschriftlicher Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin

Weisheit scheint mir nicht bloß theoretische, sondern auch praktische Vollkommenheit zu bezeichnen: ich würde sie erklären: die vollendete richtige Erkenntnis der Dinge im Allgemeinen, die den Menschen so durchdrungen hat, daß sie endlich in sein Handeln ausbricht und sein Thun durchgängig leitet.

Wie wenig Schopenhauer von rein theoretischer Weisheit hielt, brachte er in einem Gleichnis (Parerga II, Kap. XXXI, § 400) zum Ausdruck: Weisheit, welche in einem Menschen bloß theoretisch da ist, ohne praktisch zu werden, gleicht der gefüllten Rose, welche durch Farbe und Geruch andere ergötzt, aber abfällt, ohne Frucht angesetzt zu haben.

Dementsprechend äußerte sich Schopenhauer (in Parerga II, Kap. I, § 9) zur Philosophie: Sie müsse ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben: auch darf es dabei, so sehr auch der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, dass nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion käme und durch und durch erschüttert würde.

Im übrigen meinte Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit (Kap. V, D, 48) sehr zutreffend:

Es gibt etwas Weiseres in uns, als der Kopf ist.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

Heroischer Lebenslauf ?

Arthur Schopenhauers Philosophie hat viele Freunde, zugleich aber auch viele Gegner. Manchen von ihnen scheint es bei ihrer Kritik an sachlichen Argumenten zu mangeln, denn sie versuchen, Schopenhauer als Person anzugreifen. Das ist nicht besonders schwierig, weil – wie bei jedem Menschen – sich auch bei Schopenhauer menschliche Schwächen finden, die sich dann in Vergrößerung herausstellen lassen. Selbst diejenigen, welche einen, wie es Schopenhauer nannte, heroischen Lebenslauf vorzuweisen haben, sind nicht ohne Fehler. Paul Deussen, Professor der Philosophie und Herausgeber von Schopenhauers Schriften, schrieb dazu in seinem Buch Neuere Philosophie von Descartes bis Schopenhauer (3. Aufl., Leipzig 1922, S. 422 ff.):

„Als Mensch war Schopenhauer, wie jeder Mensch, nicht ohne Schwächen [… er hatte] Charakterzüge, die man wegwünschen möchte und an ihm ertragen muss. Aber diese Züge verschwinden wie leichte Wolkenschatten vor der strahlenden Sonne, über der herrlichen Fülle der tiefsten Aufschlüsse über Welt und Leben, wie sie kein anderer Philosoph alter und neuer Zeit in dem Maße wie Schopenhauer zu bieten weiß, sie verschwinden vor der herrlichen Schilderung, welche Schopenhauer [in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung II, 2. Buch, Kap. 19] von dem moralischen Menschen entwirft:

Wie Fackeln und Feuerwerk vor der Sonne blass und unscheinbar werden, so wird Geist, ja Genie, und ebenfalls die Schönheit, überstrahlt und verdunkelt von der Güte des Herzens. Wo diese in hohem Grade hervortritt, kann sie den Mangel jener Eigenschaften so sehr ersetzen, dass man solche vermisst zu haben sich schämt. Sogar der beschränkteste Verstand, wie auch die groteske Hässlichkeit, werden, sobald die ungemeine Güte des Herzens sich in ihrer Begleitung kundgetan, gleichsam verklärt, umstrahlt von einer Schönheit höherer Art, indem jetzt aus ihnen eine Weisheit spricht, vor der jede andere verstummen muss. Denn die Güte des Herzens ist eine transzendente Eigenschaft, gehört einer über dieses Leben hinausreichenden Ordnung der Dinge an und ist mit jeder andern Vollkommenheit inkommensurabel [unvergleichbar].

Schopenhauer hätte die Güte des Herzens nicht mit dieser tiefen Einsicht schildern können, wenn er sie nicht in sich selbst gefunden und erlebt hätte. Unter einer oft rauhen Außenseite verbarg er ein edles, wohlwollendes, stets zur Hilfe bereites Herz.

[…] Er übte, wie sein Biograph Gwinner berichtet, Mildtätigkeit in einem für seine Verhältnisse ungewöhnlichen Grade: Keine Gelegenheit zur Milderung fremder Not, insbesondere bei Unglücksfällen, das Seinige beizutragen, ließ er vorübergehen ; ja er scheute selbst größere Opfer nicht, wenn es zu helfen galt

[…] Sein ganzes Leben hindurch widerstand er den Lockungen, sich bei den sogenannten Großen der Welt, bei den Regierungen und den Stimmführern der öffentlichen Meinung zu empfehlen, und bei aller Sehnsucht nach Anerkennung ließ er sich doch nicht verleiten, den Neigungen des Zeitalters irgendwelche Konzessionen zu machen, dem Publikum zu schmeicheln und den Wünschen des Lesers in irgend etwas anderm entgegenzukommen als in der mühsam erreichten Klarheit und Schönheit seiner Darstellung.

Das Höchste, was der Mensch erlangen kann, sagt er [in Parerga II, § 172 a], ist ein heroischer Lebenslauf. Einen solchen führt der, welcher, in irgendeiner Art und Angelegenheit, für das allen irgendwie zugute Kommende, mit übergroßen Schwierigkeiten kämpft und am Ende siegt, dabei aber schlecht oder gar nicht belohnt wird.“
H.B.

Schopenhauers Lebenslauf (in 10 Teilen) > dort.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.