Arthur Schopenhauer : Buddhismus

Sollte ich die Resultate meiner Philosophie, schrieb Arthur Schopenhauer, zum Maaßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhaismus den Vorzug vor den andern zugestehn.(1)

Wie nah Schopenhauer seine Philosophie zum Buddhismus sah, geht aus seinem Brief  vom 27. Februar 1856 an einen seiner Anhänger, Adam von Doss, hervor, in welchem er unter Hinweis auf übereinstimmende zentrale Aussagen seiner und der buddhistischen Lehre betonte: Überhaupt ist die Übereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll, zumal ich 1814-1818 den ersten Band  [von „Die Welt als Wille und Vorstellung“] schrieb und von dem allen [d. h. vom Buddhismus] noch nichts wußte, noch wissen konnte.(2)

Wenn Schopenhauer mit obigen Worten auf die „wundervolle“ Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Buddhismus hinwies, so gilt das besonders für die Ethik. Schopenhauers Mitleidsethik entspricht weitgehend der buddhistischen Ethik, und zwar auch im Hinblick darauf, dass in ihr die Tiere voll einbezogen sind. Dazu heißt es in einem vom Buddhistischen Seminar Hamburg herausgegebenen Buch über das Leben des Buddha:

„Wie ist also die Haltung des Buddha zu den Tieren? Am kürzesten umrissen ist sie mit dem Wortlaut der vom Erwachten [dem Buddha] gegebenen Tugendregel:

Ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme
hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid.

Der westliche Mensch wird in der Regel in der Auffassung erzogen, er sei von Gott als Krone der Schöpfung erschaffen worden, ihm sei die Welt gegeben, Tiere, Wald und Feld stünden zu seiner Verfügung, er könne damit schalten und walten, wie er es für gut und richtig halte. So sagt Martin Luther: Alle Meere und Wasser sind unsere Trinkkeller; alle Wälder und Hölzer sind unsere Jägerei … Denn es ist alles um unser, der Menschen willen geschaffen. (Tischgespräche)“ (3)

Schopenhauer hatte diese im Vergleich zum Buddhismus fundamental andere Einstellung des Christentums zu den Tieren mit deutlichen Worten kritisiert und sie als Grundfehler des Christentums bezeichnet:

Ein […] nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestierender Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Tierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Tiere geradezu als Sachen betrachtend; – während Brahmanismus [Hinduismus] und Buddhismus, der Wahrheit getreu, die augenscheinliche Verwandtschaft des Menschen, wie im Allgemeinen mit der ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der tierischen, entschieden anerkennen.(4)

Wie wichtig für Schopenhauer die tierfreundliche Einstellung des Buddhismus war, lässt sich schon daran erkennen, dass er die zu seiner Zeit gerade beginnende Gründung von Tierschutzvereinen in Deutschland  förderte, wobei er zu den ersten Mitgliedern des Frankfurter Tierschutzvereins gehörte.(5)

Aber nicht nur die Tierliebe, sondern überhaupt der Buddha und seine Lehre fanden Schopenhauers höchste Wertschätzung. So sagte er in einem Gespräch:  Wenn man den Buddhaismus aus seinen Quellen studiert, da wird einem hell im Kopfe. (6)

Dementspechend bezog sich Schopenhauer in seinen Schriften oft auf den Buddhismus. Dadurch trug er wesentlich dazu bei, dass der Buddhismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa nicht nur bekannt wurde, sondern auch zunehmend Anhänger fand. Ein hervorragendes Beispiel hierfür war Georg Grimm, der Gründer der Altbuddhistischen Gemeinde. Grimm, zunächst katholischer Priesterzögling, kam vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus. Er wurde in Wort und Tat zu einem der bedeutendsten Verkünder der Lehre des Buddha in Deutschland. In seinem Hauptwerk Die Lehre des Buddho wies er zwar auf die – seiner Meinung nach – bestehenden Unterschiede zwischen der Philosophie Schopenhauers und dem Buddhismus hin, betonte aber zugleich auch die „staunenswerte Übereinstimmung zwischen den beiden Großen“, also zwischen Schopenhauer und dem Buddha.(7)

Je mehr Schopenhauer über den Buddhismus erfuhr, desto entschiedener wandte er sich  ihm zu. Schließlich nannte Schopenhauer sich und seine Anhänger in Briefen und Gesprächen sogar Buddhisten. So äußerte er sich zum Beispiel in zwei Briefen, in denen es um den Hofrat Ignaz Perner, „den berühmten Vorsteher aller Tierschutz-Gesellschaften“ ging. Er sei, wie Schopenhauer meinte, ein um den Tierschutz „höchst verdienter und verehrenswerter Mann: Wer könnte das höher schätzen als wir Buddhaisten!“(8) Auch in einem anderen Brief zeigte Schopenhauer seine besondere Zuneigung zum Buddhismus, denn dort bezeichnete er ihn als unsere allerheiligste Religion und den Buddha als den Siegreich-Vollendeten. (9)

Äußeres Zeichen von Arthur Schopenhauers Verehrung des Buddha und seiner tiefen Verbundenheit mit dem Buddhismus wurde eine Statue, die er wenige Jahre vor seinem Tode in seiner Wohnung aufstellte, und  über die er schrieb: Der Buddha […] steht auf einer schönen Konsole in der Ecke: so daß jeder beim Eintritt schon sieht, wer hier in diesen „heiligen Hallen“ herrscht.(10)

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H.B.

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Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band III, Die Welt als Wille und Vorstellung II (Kap.17), Zürich 1977, S. 197.
(2) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 384.
(3) Hellmuth Hecker, Das Leben des Buddha, Hamburg 1973, S. 393.
(4) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X, Parerga und Paralipomena II
(Kap. 15, § 177 Ueber das Christenthum), S. 408.
(5) S. dazu Arthur Schopenhauer : Tierschutz und Tierschutzvereine > hier.
(6) Arthur Schopenhauer , Gespräche, neue stark erw. Ausg.,
hrsg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 104.
(7) Vgl. > Georg Grimm – ein Lebensweg vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus (dort Quellenangabe in Anm. 8).
(8) Brief v. 16. Sept. 1850 an J. Frauenstädt und v. 10. Mai 1852 an A. von Doss, in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 247 und 281.
(9) Brief v. 2. Jan. 1852 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 273.
(10) Brief v. 13. Mai 1856 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 391.

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Trotz Tod alle beisammen

Wohl jeder hat es schon erleben müssen, was der Tod eines geliebten Wesens, sei es Mensch oder Tier, bedeuten kann. Arthur Schopenhauer hat dazu  bewegende Worte gefunden:

“ Der tiefe Schmerz, beim Tode jedes befreundeten Wesens, entsteht aus dem Gefühle, daß in jedem Individuo etwas Unaussprechliches, ihm allein Eigenes und daher durchaus Unwiederbringliches liegt. Omne individuum ineffabile. [ Jedes Einzelwesen ist unergründlich. ] Dieses gilt selbst vom thierischen Individuo, wo es am lebhaftesten Der empfinden wird, welcher zufällig ein geliebtes Thier tödtlich verletzt hat und nun seinen Scheideblick empfängt, welches einen herzzerreißenden Schmerz verursacht.“(1)

Durchaus berechtigt ist Schopenhauers Frage; „Wie kann man nur, beim Anblick des Todes eines Menschen oder eines Thieres, vermeinen, hier werde ein Ding an sich (das Metaphysische im Menschen und im Tier] selbst zu nichts?“ (2).

Wie Schopenhauer in seiner Philosophie spirituell sehr tief begründete, ist alles Leben durch das, was er Wille nannte,  metaphysisch miteinander verbunden – eine Einheit, die auch durch den Tod nicht zerstört wird: “ Demnach können wir jeden Augenblick wohlgemuth ausrufen:  Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch Alle beisammen.“(3)

Zitatquellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977, Band X, S. 636.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IX, S. 294.
(3) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IV, S. 562.
H.B.

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Arthur Schopenhauer: Tierrechte

        Zu Arthur Schopenhauers Zeit wurde (wie zuweilen auch heute noch) der Tierschutz von manchen Tierschutzvereinen mit dem Bibelspruch begründet: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes. Dazu Schopenhauer:

        “Erbarmt” – welch´ ein Ausdruck! Man erbarmt sich eines Sünders, eines Missetäters , nicht aber eines unschuldigen treuen Tieres, welches oft der Ernährer seines Herren ist und nichts davon hat als spärliches Futter. “Erbarmt!” Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man dem Tiere schuldig, – und bleibt sie meistens schuldig.

          Die von Arthur Schopenhauer geforderte Gerechtigkeit gegenüber Tieren hilft ihnen leider wenig, wenn sie nicht gesetzlich verankert wird, d. h. solange nicht den Tieren eigene, ihrer jeweiligen Art gemäße Rechte auf Leben und Gesundheit zuerkannt werden, bleibt diese Gerechtigkeit nur ein Ideal, das weit, weit von der Wirklichkeit entfernt ist.

      Es gibt zwar inzwischen Tierschutzgesetze, aber sie enthalten keine den Tieren unmittelbar zustehenden Rechte und können sie deshalb nur sehr unzureichend schützen. Massentierhaltung, Tierversuche und andere Quälereien bleiben  weiterhin möglich, ja sie sind zum Teil sogar gesetzlich legitimiert. Nach wie vor sind Tiere, gleichsam wie Sachen, rechtlos, weil – so Schopenhauer:

        Erst wenn jene einfache und über allen Zweifel erhabene Wahrheit, dass die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz das Selbe sind, was wir, ins Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehn.

Obige Worte schrieb Arthur Schopenhauer vor mehr als 160 Jahren. Sie sind höchst aktuell geblieben, denn bis heute sind Tierrechte  weder für die etablierten politischen Parteien, noch für die großen Kirchen und anderen gesellschaftlich relevanten Kräfte ein Thema. Damit sich dieser für unsere Gesellschaft überaus beschämende Zustand ändert, ist noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich. Vielleicht kann hierzu – wie ich hoffe – auch Schopenhauers Philosophie, in deren Ethik die Tiere voll einbezogen sind, einen Beitrag leisten.

H.B.

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