Unsterbliche Seele in Mensch und Tier ?

Das, was  Seele genannt werde, so schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung sei „seit Sokrates´ Zeit und bis auf unsrige“ ein „Hauptgegenstand des unaufhörlichen Disputierens der Philosophen.“(1)

Auch Schopenhauer ging in seiner Philosophie auf die immer wieder beunruhigende Frage nach der Unsterblichkeit der Seele ein:

„Die sogenannte Seele“, so erklärte Schopenhauer in seiner Schrift Über den Willen in der Natur, „ist die Verbindung des Willens mit dem Intellekt.“(2)

Der Intellekt als bloße Gehirnfunktion des Denkens und Erkennens gehört dem Bereich des Physischen an. Er ist nur eine Erscheinungsform, eine Manifestation des Willens, der jedoch laut Schopenhauer metaphysisch und der eigentliche Kern jedes Lebewesens ist.

Durch den Tod wird nur das Physische und somit auch das Gehirn mit seiner Funktion, dem Intellekt, zerstört. Der metaphysische  Kern hingegen bleibt vom Tod unberührt.  Insofern ist die Seele, wenn man diesen Begriff auf den metaphysischen Kern, den Willen, beschränkt, unsterblich.

Bereits 1821 schrieb Schopenhauer in eines seiner Manuskripte zu der Frage, ob die Seele unsterblich ist: „In Folge meiner Lehre ist die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele dahin zu beantworten, daß das Ende der Person ebenso real ist, als ihr Anfang und wir nach dem Tode in eben dem Sinn nicht mehr sein werden, als wir vor der Geburt nicht waren. Aber die Person erschöpft nicht das Wesen, welches sich Ich nennt: sondern die Person ist bloß die Manifestation, eine Äußerung jenes Wesens, welches daher vom Anfang und Ende solcher Äußerung nicht berührt wird.“(3)

Somit manifestiert sich in jedem Menschen und in jedem Tier (!) das Unsterbliche – egal ob man es als Wille , als Seele oder  (wie in den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden) als Atman bzw. Brahman bezeichnet.

Im Abendland hingegen war es bis weit in die Neuzeit hinein wegen des herrschenden Christentums keineswegs üblich, auch den Tieren eine unsterbliche Seele zuzuerkennen. So heißt es hierzu in einem Beitrag zum Sammelwerk Mensch und Tier in der Geschichte Europas: „Zwar sprachen die meisten christlichen Theologen den Tieren nicht die Seele ab, qualifizierten sie aber als sterblich (so auch die heutige Dogmatik).“(4)

Es waren weniger die dogmatisch festgelegten Theologen als vielmehr Menschen, die  durch ihr Mitgefühl mit Tieren deren innere Nähe zu den Menschen erkannten. Selbstverständlich wäre da vor allem Arthur Schopenhauer zu erwähnen, aber auch Jakob Grimm, ein Zeitgenosse Schopenhauers, ist hierfür ein Beispiel, denn er erklärte:

„Es ist nicht bloß die äußere menschenähnlichkeit der thiere, der glanz ihrer augen, die fülle und schönheit ihrer gliedmaßen, was uns anzieht, auch die wahrnehmung ihrer mannigfaltigen triebe, kunstvermögen, begehrungen leidenschaften und schmerzen zwingt in ihrem innern ein analogon [ein Ähnliches] von seele anzuerkennen.“(5)

Selbst wenn man diese hier erörterte, im Grunde metaphysische Frage rational nicht eindeutig beantworten kann, so ist es doch eine Anmaßung zu behaupten, der Mensch hätte eine unsterbliche Seele, das Tier aber nicht. Arthur Schopenhauer war wohl der erste weltbedeutende Philosoph der Neuzeit, der sich sehr entschieden  gegen solche  anthropozentrische Überheblichkeit wandte. Für Schopenhauer war im „innern Kern“, den man im allgemeinen Sprachgebrauch als Seele bezeichnen könnte, zwischen Tier und Mensch kein Unterschied. Ausführlich und sehr tiefsinnig begründete er in seiner Philosophie, daß das „Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe“ sei. (6)

Hierbei geht es nicht bloß um Fragen von theoretischer Bedeutung, weil je nach ihrer Beantwortung die praktischen Konsequenzen durchaus erheblich sein können. Wer auch den Tieren eine unsterbliche Seele zuerkennt, hat ein anderes Verhältnis zu Tieren und wird deshalb wohl weniger geneigt sein, sie gleichsam als Sachen anzusehen und  dementsprechend zu behandeln.

Im übrigen kann der Gedanke an das Unsterbliche, und zwar unabhängig davon, ob man  hierbei an das Wort Seele denkt, sehr viel Tröstliches bieten. Offenbar hatte solchen Trost der alte Buddenbrook gesucht, als er in den letzten Stunden seines Lebens in Schopenhauers Hauptwerk das spirituell sehr tiefe und literarisch kaum zu übertreffende Kapitel Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich las. Diesen Trost dürfte er bei Arthur Schopenhauer gefunden haben, denn Thomas Mann, Autor des Romans Buddenbrooks, schrieb in einem Essay über Schopenhauers Philosophie:

Man kann damit leben und sterben, – namentlich sterben: ich wage zu behaupten, daß die Schopenhauersche Wahrheit, daß ihre Annehmbarkeit in der letzten Stunde standzuhalten, und zwar mühelos, ohne Denkanstrengung, ohne Worte standzuhalten geeignet ist.(7)

H.B.

Weiteres
zum Thema Seele > Arthur Schopenhauer : Seelenwanderung und Wiedergeburt
und zu  Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band III, S. 316.
(2) Schopenhauer , a. a. O., Band V, S. 219.
(3) Arthur Schopenhauer , Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden, hrsg. von Arthur Hübscher, Band 3, S. 85.
(4) Peter Dinzelbacher (Hg.), Mensch und Tier in der Geschichte Europas, Stuttgart 2000, S. 268.
(5) Zit. aus: Dinzelbacher, a. a. O., S. IX.
(6) Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band VI, S. 280.
(7) Thomas Mann , Schopenhauer , zit. aus: Über Arthur Schopenhauer, , hrsg. von Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981,  S. 112.

 

 

 

 

 

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Bemerkenswert

Tierethik und Schopenhauers Philosophie

            Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Thiere! – schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. (1) Dort und auch in anderen seiner Schriften wird deutlich, wie sehr er die Tiere, die für die meisten Philosophen zu jener Zeit kein Thema waren, in seine Philosophie einbezog. Das gilt besonders für einen zentralen Bereich seiner Philosophie, nämlich für seine Mitleidsethik :

            Mitleid mit Thieren hängt mit der Güte des Charakters  so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, könne  kein guter Mensch seyn. Dieses Mitleid mit Tieren, so fügte Schopenhauer hinzu, sei aus der selben Quelle mit der gegen Menschen zu übenden Tugend entsprungen. (2)

            In Schopenhauers Mitleidsethik hat die Tierethik besondere Bedeutung, wie Dieter Birnbacher, Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik, unter der Überschrift Mitleidsethik in seinem Buch Schopenhauer (3) darlegt:

           “ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik und die aus seinen Grundprinzipien abgeleitete Forderung nach angemessenem Schutz der leidensfähigen und insbesondere der in Gemeinschaft mit dem Menschen lebenden Tiere vor Quälerei, Ausbeutung und Überforderung. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen.

            Schopenhauer hat die Idee des Tierschutzes zwar nicht erfunden. Das erste Tierschutzgesetz, der sogenannte Martin’s Act, war bereits 1822 in England erlassen worden, Tierschutzvereine bestanden bereits in mehreren deutschen Städten (Schopenhauer gehörte 1841 zu den Mitbegründern des Frankfurter Vereins). Aber Schopenhauer hat diese Initiativen, indem er sie mit einer tragfähigen ethischen Grundlage ausstattete, entscheidend gefördert. […]

            Die Grundlage von Schopenhauers Tierethik ist dieselbe, die sich auch bereits bei Bentham und vorher ansatzweise bei Hume und Rousseau findet, nämlich dass das Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist (4). Diese entscheidende Gemeinsamkeit ist die Leidensfähigkeit. Tiere und Menschen stimmen darin überein, dass sie Schmerzen empfinden und unter der Frustration natürlicher Bedürfnisse leiden. Bereits die Gemeinsamkeiten im äußeren Ausdrucksverhalten machen es für Schopenhauer evident, dass zwischen Mensch und höheren Tieren eine enge Verwandtschaft besteht. Auch die tierische Anatomie lasse keine scharfe Grenze, sondern lediglich fließende Übergänge zwischen Mensch und Tier erkennen. (5) Diese äußeren Ähnlichkeiten lassen es jedoch unzweifelhaft erscheinen, dass sich die Formen des inneren Erlebens von Mensch und Tier ebenfalls nicht abgrundtief unterscheiden. Aufgrund ihres intelligenten Verhaltens glaubt Schopenhauer einigen hochentwickelten Tieren, insbesondere Elefanten, sogar eine rudimentäre Denk- und Vernunftfähigkeit zuschreiben zu können. (6)

            Auch hier bezieht Schopenhauer eine scharfe Gegenposition zu Kant. Kant meinte, dass der Mensch über einen nicht vollständig naturalistisch zu erklärenden Wesenskern (das intelligible, das heißt nicht empirisch aufweisbare Ich) verfügt, der ihm den Status einer Person verleiht und es anderen verbietet, ihn bloß als Mittel zu behandeln. Dieser Wesenskern manifestiere sich in der Vernunft, insbesondere in der praktischen Vernunft, der Fähigkeit, sich selbst Verhaltensnormen zu geben und sein Handeln an diesen Normen auszurichten. Für Schopenhauer stellt diese Metaphysik die wahren Verhältnisse geradewegs auf den Kopf. Sofern der Mensch über einen Wesenskern verfügt, ist dieser kein Alleinbesitz des Menschen, sondern ein Besitz aller Lebewesen; die Fähigkeit der Vernunft ist zwar für den Menschen charakteristisch, […] Die moralische Einstellung richte sich aber nicht danach, welchen Platz ein Wesen aufgrund seiner spezifischen Fähigkeiten oder Potenziale in der Rangfolge der Lebewesen einnimmt, sondern ausschließlich danach, wie sehr es leidet […]

            Eine wichtige Quelle von Schopenhauers Ausweitung seiner Mitleidsethik auf die Tiere ist zweifellos seine Bekanntschaft mit Teilen der asiatischen Philosophietradition. Schopenhauer war einer der ersten westlichen Philosophen, die sich mit dem asiatischen Denken, vor allem mit den aus Indien stammenden Richtungen des Buddhismus und Hinduismus, vertraut gemacht haben. Auch deshalb stand ihm die nur sporadische Berücksichtigung der Tiere in der Philosophie und Theologie des Westens mit besonderer Deutlichkeit vor Augen.

            Von daher ergab sich für ihn auch eine naheliegende Erklärung des Vollzugsdefizits der westlichen Ethik: Die Quelle des Übels sei der Herrschaftsauftrag der biblischen Schöpfungsgeschichte, der zunächst im Judaismus, dann im Christentum zum Dogma wurde und von da aus das gesamte westliche Denken infizierte. Nichts anderes als der Mythos, nach dem Gott sämmtliche Thiere, ganz wie Sachen und ohne alle Empfehlung zu guter Behandlung, wie sie doch meist selbst ein Hundeverkäufer, wenn er sich von seinem Zöglinge trennt, hinzufügt, dem Menschen übergiebt, damit er über sie herrsche, also mit ihnen thue was ihm beliebt (7), habe den Wahn in die Welt gebracht, dass unser Handeln gegen [die Tiere] ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen Thiere keine Pflichten gebe (8).“

               Auf eine der Gründe, warum sich, besonders was die Tierethik betrifft,  die vom Christentum geprägte westliche Ethik von der des Hinduismus fundamental unterscheidet, hat der Religionswissenschaftler und Indologe Helmuth von Glasenapp hingewiesen: „Während der Inder in allem Lebenden, vom Grashalm bis zum Gott Brahma, […]  eine Stufenfolge von Einzelwesen sieht, die alle gleicherweise der Metempsyhose [Seelenwanderung] unterliegen und der Erlösung teilhaftig werden können, haben Pflanzen und Tiere für den Christen keine unsterblichen Seelen und sind deshalb nicht in den Heilsprozeß einbegriffen.“ (9) In diesem Sinne wären Tiere mehr als Sachen zu verstehen und nicht wie bei den Hindus als göttliche Manifestationen oder wie bei Schopenhauer eine – gleich dem Menschen – Erscheinungsform des metaphysischen „Willens“. Daher sind nach Auffassung Schopenhauers und des Hinduismus Mensch und Tier wesensgleich – was sich auch in der Einstellung zu den Tieren positiv widerspiegelt. (10)

            Tierethik war für Arthur Schopenhauer nicht bloß ein, wenngleich wichtiges  Thema seiner Philosophie, sondern weit mehr – ein Herzensanliegen. So schrieb er  in seinem Manuskript (11):

Arthur Schopenhauer : Tiere
Arthur Schopenhauer über Tiere

            Ich muß es aufrichtig gestehn: der Anblick jedes Thiers erfreut mich unmittelbar [,] und mir geht dabei das Herz auf ; …

            Die Bedeutung Arthur Schopenhauers und seiner Philosophie für die Tierethik hat Dieter Birnbacher sehr treffend am Schluss seines Buches zusammengefasst:

            „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein Rufer in der Wüste. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte.“ (12)

H.B.

Weiteres zu > Schopenhauers Philosophie und zur > Tierethik .

Anmerkungen
(1)   Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 566.
(2)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band VI: Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 281.
(3)   Dieter Birnbacher , Schopenhauer , Stuttgart 2009, S. 125 ff.
(4)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 280.
(5)   Ebd.
(6)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 76.
(7)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band X: Parerga und Paralipomena II, S. 409.
(8)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 278.
(9)   Helmuth von Glasenapp, Die Philosophie der Inder,
3. Aufl.,Stuttgart 1974, S. 15.
(10)  Besonders positiv zeigt sich die Tierethik in den beiden
ebenfalls in Indien entstandenen, jedoch im Gegensatz
zum Hinduismus eindeutig atheistischen Religionen, nämlich
dem > Buddhismus und dem ihm verwandten > Jainismus .
Die Jaina-Religion kann, da der Schutz allen Lebens und somit
auch der Tiere sehr umfassend ist, fast als > „Tierschutz-Religion“
gelten, zumal die Jainas Vegetarier, viele sogar Veganer sind.
(11)  Arthur Schopenhauers handschritftlicher Nachlass
in der Staatsbibliothek Berlin, Senilia (1853) , Bl. 25.
(12) Dieter Birnbacher, a. a. O., S. 131.
Zum Begriff Rufer in der Wüste verweist Birnbacher auf Wolfgang Lenzen,
Liebe, Leben, Tod. Eine moralphilosophische Studie, Stuttgart 1999. S. 286.

 

 

Schopenhauers Ethik

           Es gibt kaum eine überzeugendere Begründung für Ethik als die von Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral. Bereits das dort vorangestellte Motto, Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer, macht deutlich, dass es Schopenhauer nicht um bloße Moralpredigten ging.  Für ihn beruhte die Ethik nicht auf einem komplizierten  System von Regeln, von  Ge- und Verboten, sondern auf etwas, das, von Ausnahmen abgesehen, wohl mehr oder weniger in jedem Menschen von der Natur her angelegt ist, nämlich das Mitleid. Dass Schopenhauers Ethik im wesentlichen Mitleidsethik ist, geht eindrucksvoll aus seiner Preisschrift hervor:

        “ Man setze zum letzten Beweggrund einer Handlung, was man wolle; immer wird sich ergeben, daß, auf irgend einem Umwege, zuletzt das eigene Wohl und Wehe des Handelnden die eigentliche Triebfeder, mithin die Handlung egoistisch, folglich ohne moralischen Werth ist. Nur einen einzigen Fall giebt es, in welchem dies nicht Statt hat: nämlich wenn der letzte Beweggrund zu einer Handlung, oder Unterlassung, … ganz allein das Wohl und Wehe eines Andern im Auge hat und durchaus nichts bezweckt, als daß jener Andere unverletzt bleibe, oder gar Hülfe, Beistand und Erleichterung erhalte. Dieser Zweck allein drückt einer Handlung, oder Unterlassung, den Stempel des moralischen Werthes auf …

          Wenn nun aber meine Handlung ganz allein des Andern wegen geschehn soll; so muß sein Wohl und Wehe unmittelbar mein Motiv sein: so wie bei allen andern Handlungen das meinige es ist. Dies bringt unser Problem auf einen engern Ausdruck, nämlich diesen: wie ist es irgend möglich, daß das Wohl und Wehe eines Andern unmittelbar, d. h. ganz so wie sonst nur mein eigenes, meinen Willen bewege, also direkt mein Motiv werde …? – Offenbar nur dadurch, daß jener Andere der letzte Zweck meines Willens wird, … daß ich ganz unmittelbar sein Wohl will und sein Wehe nicht will, so unmittelbar, wie sonst nur das meinige. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mit leide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meines …

        Der hier analysirte Vorgang aber ist kein erträumter, oder aus der Luft gegriffener, sondern ein ganz wirklicher, ja keineswegs seltener: es ist das alltägliche Phänomen des Mitleids, d. h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen Theilnahme zunächst am Leiden eines Andern … Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller ächten Menschenliebe. Nur sofern eine Handlung aus ihm entsprungen ist, hat sie moralischen Werth: und jede aus irgend welchen andern Motiven hervorgehende hat keinen. Sobald dieses Mitleid rege wird, liegt mir das Wohl und Wehe des Andern unmittelbar am Herzen, ganz in der selben Art, wenn auch nicht stets in demselben Grade, wie sonst allein das meinige: also ist jetzt der Unterschied zwischen ihm und mir kein absoluter mehr.

        Allerdings ist dieser Vorgang erstaunenswürdig, ja, mysteriös. Er ist, in Wahrheit, das große Mysterium der Ethik …“(1)

          Noch erstaunlicher und ein wohl noch größeres „Mysterium der Ethik“ ist die Tatsache, dass sich das „alltägliche Phänomen des Mitleids“ nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere erstrecken kann. Mitleid mit Tieren ist – wie der Tierschutz überhaupt-  ein wichtiges Thema in Schopenhauers Ethik, denn so hob er in seiner Preisschrift hervor: „Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder [das Mitleid] bewährt sich als die ächte ferner dadurch, daß sie auch die Thiere in ihren Schutz nimmt, für welche  in den andern Europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist.“(2). Durch die Einbeziehung des Tierschutzes – und zwar nicht nur als Randthema – in seine Ethik wurde Schopenhauer einer der bedeutendesten Wegbereiter der heutigen Tierethik: „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein ´Rufer in der Wüste`. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte“.(3)

       Nur wenige Philosophen von Weltrang sind derart mit Vorurteilen belastet wie Arthur Schopenhauer. So wird ihm zum Beispiel ein zu negatives Menschenbild nachgesagt. Um so überraschender ist deshalb das folgende Zitat, weil es zeigt, wie sehr Schopenhauer auf das Gute im Menschen, das Mitleid, vertraute:

         “ Zwei Tugenden, die der Gerechtigkeit und die der Menschenliebe, … wurzeln in dem natürlichen Mitleid. Dieses Mitleid selbst aber ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseyns, ist diesem wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.“(4)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Quellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden,
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik /
Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 247 f.
(2) Schopenhauer , a. a. O., S. 278.
(3) Dieter Birnbacher , Schopenhauer ( Grundwissen Philosophie ),
Stuttgart 2009, S. 131.
* S. dazu auch > Tierethik und Schopenhauers Mitleidsethik .
(4) Schopenhauer , a. a. O., S. 252.

 

Arthur Schopenhauer : Buddhismus

Sollte ich die Resultate meiner Philosophie, schrieb Arthur Schopenhauer, zum Maaßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhaismus den Vorzug vor den andern zugestehn.(1)

Wie nah Schopenhauer seine Philosophie zum Buddhismus sah, geht aus seinem Brief  vom 27. Februar 1856 an einen seiner Anhänger, Adam von Doss, hervor, in welchem er unter Hinweis auf übereinstimmende zentrale Aussagen seiner und der buddhistischen Lehre betonte: Überhaupt ist die Übereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll, zumal ich 1814-1818 den ersten Band  [von „Die Welt als Wille und Vorstellung“] schrieb und von dem allen [d. h. vom Buddhismus] noch nichts wußte, noch wissen konnte.(2)

Wenn Schopenhauer mit obigen Worten auf die „wundervolle“ Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Buddhismus hinwies, so gilt das besonders für die Ethik. Schopenhauers Mitleidsethik entspricht weitgehend der buddhistischen Ethik, und zwar auch im Hinblick darauf, dass in ihr die Tiere voll einbezogen sind. Dazu heißt es in einem vom Buddhistischen Seminar Hamburg herausgegebenen Buch über das Leben des Buddha:

„Wie ist also die Haltung des Buddha zu den Tieren? Am kürzesten umrissen ist sie mit dem Wortlaut der vom Erwachten [dem Buddha] gegebenen Tugendregel:

Ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme
hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid.

Der westliche Mensch wird in der Regel in der Auffassung erzogen, er sei von Gott als Krone der Schöpfung erschaffen worden, ihm sei die Welt gegeben, Tiere, Wald und Feld stünden zu seiner Verfügung, er könne damit schalten und walten, wie er es für gut und richtig halte. So sagt Martin Luther: Alle Meere und Wasser sind unsere Trinkkeller; alle Wälder und Hölzer sind unsere Jägerei … Denn es ist alles um unser, der Menschen willen geschaffen. (Tischgespräche)“ (3)

Schopenhauer hatte diese im Vergleich zum Buddhismus fundamental andere Einstellung des Christentums zu den Tieren mit deutlichen Worten kritisiert und sie als Grundfehler des Christentums bezeichnet:

Ein […] nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestierender Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Tierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Tiere geradezu als Sachen betrachtend; – während Brahmanismus [Hinduismus] und Buddhismus, der Wahrheit getreu, die augenscheinliche Verwandtschaft des Menschen, wie im Allgemeinen mit der ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der tierischen, entschieden anerkennen.(4)

Wie wichtig für Schopenhauer die tierfreundliche Einstellung des Buddhismus war, lässt sich schon daran erkennen, dass er die zu seiner Zeit gerade beginnende Gründung von Tierschutzvereinen in Deutschland  förderte, wobei er zu den ersten Mitgliedern des Frankfurter Tierschutzvereins gehörte.(5)

Aber nicht nur die Tierliebe, sondern überhaupt der Buddha und seine Lehre fanden Schopenhauers höchste Wertschätzung. So sagte er in einem Gespräch:  Wenn man den Buddhaismus aus seinen Quellen studiert, da wird einem hell im Kopfe. (6)

Dementspechend bezog sich Schopenhauer in seinen Schriften oft auf den Buddhismus. Dadurch trug er wesentlich dazu bei, dass der Buddhismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa nicht nur bekannt wurde, sondern auch zunehmend Anhänger fand. Ein hervorragendes Beispiel hierfür war Georg Grimm, der Gründer der Altbuddhistischen Gemeinde. Grimm, zunächst katholischer Priesterzögling, kam vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus. Er wurde in Wort und Tat zu einem der bedeutendsten Verkünder der Lehre des Buddha in Deutschland. In seinem Hauptwerk Die Lehre des Buddho wies er zwar auf die – seiner Meinung nach – bestehenden Unterschiede zwischen der Philosophie Schopenhauers und dem Buddhismus hin, betonte aber zugleich auch die „staunenswerte Übereinstimmung zwischen den beiden Großen“, also zwischen Schopenhauer und dem Buddha.(7)

Je mehr Schopenhauer über den Buddhismus erfuhr, desto entschiedener wandte er sich  ihm zu. Schließlich nannte Schopenhauer sich und seine Anhänger in Briefen und Gesprächen sogar Buddhisten. So äußerte er sich zum Beispiel in zwei Briefen, in denen es um den Hofrat Ignaz Perner, „den berühmten Vorsteher aller Tierschutz-Gesellschaften“ ging. Er sei, wie Schopenhauer meinte, ein um den Tierschutz „höchst verdienter und verehrenswerter Mann: Wer könnte das höher schätzen als wir Buddhaisten!“(8) Auch in einem anderen Brief zeigte Schopenhauer seine besondere Zuneigung zum Buddhismus, denn dort bezeichnete er ihn als unsere allerheiligste Religion und den Buddha als den Siegreich-Vollendeten. (9)

Äußeres Zeichen von Arthur Schopenhauers Verehrung des Buddha und seiner tiefen Verbundenheit mit dem Buddhismus wurde eine Statue, die er wenige Jahre vor seinem Tode in seiner Wohnung aufstellte, und  über die er schrieb: Der Buddha […] steht auf einer schönen Konsole in der Ecke: so daß jeder beim Eintritt schon sieht, wer hier in diesen „heiligen Hallen“ herrscht.(10)

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H.B.

Weiteres

zu > Schopenhauer und seiner Philosophie  sowie zum > Buddhismus

Die  Vier Edlen Wahrheiten des Buddha

Vom Christentum zum Buddhismus   (Blogbeitrag)

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band III, Die Welt als Wille und Vorstellung II (Kap.17), Zürich 1977, S. 197.
(2) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 384.
(3) Hellmuth Hecker, Das Leben des Buddha, Hamburg 1973, S. 393.
(4) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X, Parerga und Paralipomena II
(Kap. 15, § 177 Ueber das Christenthum), S. 408.
(5) S. dazu Arthur Schopenhauer : Tierschutz und Tierschutzvereine > hier.
(6) Arthur Schopenhauer , Gespräche, neue stark erw. Ausg.,
hrsg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 104.
(7) Vgl. > Georg Grimm – ein Lebensweg vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus (dort Quellenangabe in Anm. 8).
(8) Brief v. 16. Sept. 1850 an J. Frauenstädt und v. 10. Mai 1852 an A. von Doss, in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 247 und 281.
(9) Brief v. 2. Jan. 1852 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 273.
(10) Brief v. 13. Mai 1856 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 391.

Trotz Tod alle beisammen

Wohl jeder hat es schon erleben müssen, was der Tod eines geliebten Wesens, sei es Mensch oder Tier, bedeuten kann. Arthur Schopenhauer hat dazu  bewegende Worte gefunden:

“ Der tiefe Schmerz, beim Tode jedes befreundeten Wesens, entsteht aus dem Gefühle, daß in jedem Individuo etwas Unaussprechliches, ihm allein Eigenes und daher durchaus Unwiederbringliches liegt. Omne individuum ineffabile. [ Jedes Einzelwesen ist unergründlich. ] Dieses gilt selbst vom thierischen Individuo, wo es am lebhaftesten Der empfinden wird, welcher zufällig ein geliebtes Thier tödtlich verletzt hat und nun seinen Scheideblick empfängt, welches einen herzzerreißenden Schmerz verursacht.“(1)

Durchaus berechtigt ist Schopenhauers Frage; „Wie kann man nur, beim Anblick des Todes eines Menschen oder eines Thieres, vermeinen, hier werde ein Ding an sich (das Metaphysische im Menschen und im Tier] selbst zu nichts?“ (2).

Wie Schopenhauer in seiner Philosophie spirituell sehr tief begründete, ist alles Leben durch das, was er Wille nannte,  metaphysisch miteinander verbunden – eine Einheit, die auch durch den Tod nicht zerstört wird: “ Demnach können wir jeden Augenblick wohlgemuth ausrufen:  Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch Alle beisammen.“(3)

Zitatquellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977, Band X, S. 636.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IX, S. 294.
(3) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IV, S. 562.
H.B.

Weiteres zu Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

 

Arthur Schopenhauer: Tierrechte

        Zu Arthur Schopenhauers Zeit wurde (wie zuweilen auch heute noch) der Tierschutz von manchen Tierschutzvereinen mit dem Bibelspruch begründet: Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes. Dazu Schopenhauer:

        “Erbarmt” – welch´ ein Ausdruck! Man erbarmt sich eines Sünders, eines Missetäters , nicht aber eines unschuldigen treuen Tieres, welches oft der Ernährer seines Herren ist und nichts davon hat als spärliches Futter. “Erbarmt!” Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man dem Tiere schuldig, – und bleibt sie meistens schuldig.

          Die von Arthur Schopenhauer geforderte Gerechtigkeit gegenüber Tieren hilft ihnen leider wenig, wenn sie nicht gesetzlich verankert wird, d. h. solange nicht den Tieren eigene, ihrer jeweiligen Art gemäße Rechte auf Leben und Gesundheit zuerkannt werden, bleibt diese Gerechtigkeit nur ein Ideal, das weit, weit von der Wirklichkeit entfernt ist.

      Es gibt zwar inzwischen Tierschutzgesetze, aber sie enthalten keine den Tieren unmittelbar zustehenden Rechte und können sie deshalb nur sehr unzureichend schützen. Massentierhaltung, Tierversuche und andere Quälereien bleiben  weiterhin möglich, ja sie sind zum Teil sogar gesetzlich legitimiert. Nach wie vor sind Tiere, gleichsam wie Sachen, rechtlos, weil – so Schopenhauer:

        Erst wenn jene einfache und über allen Zweifel erhabene Wahrheit, dass die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz das Selbe sind, was wir, ins Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehn.

Obige Worte schrieb Arthur Schopenhauer vor mehr als 160 Jahren. Sie sind höchst aktuell geblieben, denn bis heute sind Tierrechte  weder für die etablierten politischen Parteien, noch für die großen Kirchen und anderen gesellschaftlich relevanten Kräfte ein Thema. Damit sich dieser für unsere Gesellschaft überaus beschämende Zustand ändert, ist noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich. Vielleicht kann hierzu – wie ich hoffe – auch Schopenhauers Philosophie, in deren Ethik die Tiere voll einbezogen sind, einen Beitrag leisten.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie  > hier.