Schopenhauer : Wahrheit – Anschauung – Erkenntnis

Worauf beruht Wahrheit? Wie können wir sie erkennen? Wie kommt es zu einer solchen Erkenntnis?  Ganz im Sinne von Arthur Schopenhauer gab dazu  Pestalozzi die Antwort: Die Anschauung ist das Fundament aller Erkenntnis.

Schopenhauer hatte sich hierzu ausführlicher geäußert:
Es kann keine Wahrheit geben, die unbedingt allein durch Schlüsse herauszubringen wäre; sondern die Notwendigkeit, sie bloß durch Schlüsse zu begründen, ist immer nur relativ, ja subjektiv. Da alle Beweise Schlüsse sind, so ist für eine neue Wahrheit nicht zuerst ein Beweis, sondern unmittelbare Evidenz (= Augenscheinlichkeit, höchste, im Bewusstsein erlebte und zur  Gewissheit führende Einsichtigkeit) zu suchen… Durch und durch beweisbar kann keine Wissenschaft sein; so wenig als ein Gebäude in der Luft stehn kann: alle ihre Beweise müssen auf ein Anschauliches … zurückführen. Denn die ganze Welt der Reflexion (= prüfendes  und vergleichendes Nachdenken) ruht und wurzelt auf der anschaulichen Welt.
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 1. Buch, § 14, S.104)

Schopenhauers obige Darlegungen sind ziemlich einleuchtend, aber sie sind auch problematisch: Wenn die Erkennntnis der Wahrheit von der Anschauung abhängt, dann kann diese Erkenntnis nur insoweit richtig sein wie die Anschauung richtig ist. Daher ist z. B. rechte Anschauung ein sehr wichtiger Teil des Edlen Achtfachen Pfades, der im Mittelpunkt der von Arthur Schopenhauer so hoch geschätzten buddhistischen Lehre steht. “ Rechte Anschauung “ ist dort Meditation, bei Schopenhauer das kontemplative („willensfreie“) Betrachten.

Wenn in der Philosophie eine solche rechte Anschauung  fehlt und diese sich im rein Begrifflichen erschöpft, kann es leicht zu einer Denkakrobatik kommen, deren Ergebnisse kaum nachvollziehbar sind. Mir fällt dazu eine bissige Aussage Schopenhauers zu Fichte ein, nämlich eine Phrase …, welche Fichte, wann er seine dramatischen Talente auf dem Katheder produzierte, mit tiefem Ernst, imponierendem Nachdruck und überaus studentenverblüffender Miene so auszusprechen pflegte: „es ist, weil es ist; und ist wie es ist, weil es so ist.“
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Parerga und Paralipomena II, Kap. 3, S. 43)

Ehrlich gesagt, ich habe den tieferen Sinn – sollte es den überhaupt geben – von Fichtes Satz bisher nicht gefunden. Vielleicht ist dieser Satz, wie Schopenhauer meinte, nur eine „Phrase“. Dann allerdings hat sie mit  meinem Leben und mit Lebensphilosophie nichts zu tun. Lebensphilosophie ist ja keine „jämmerliche Kathederhanswurstiade“ (Schopenhauer), sondern beruht vor allem auf Lebenserfahrung, auf “ rechter Anschauung “ des Lebens. Jedoch ist für Wahrheiten, die so durch das Leben selbst gelehrt werden,  mitunter teures Lehrgeld zu zahlen. Im übrigen ist es mit der Wahrheit auch sonst nicht einfach, denn:
“ Die Wahrheit steckt tief im Brunnen“, hat Demokritos gesagt, und Jahrtausende haben es seufzend wiederholt: aber es ist kein Wunder; wenn man, sobald sie heraus will, ihr auf die Finger schlägt.“
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Über den Willen in der Natur, Physiologie und Pathologie, S. 219)

hb

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