Schopenhauer : Erkenntnis durch Anschauung

        Zu einer Erkenntnis kann man auf verschiedene Weise kommen;  oft geschieht es durch  Bücher. Für Arthur Schopenhauer waren es jedoch weniger die Bücher als vielmehr die unmittelbare Anschauung, die tiefere Erkenntnisse ermöglicht:

        „Bücher theilen nur sekundäre Vorstellungen mit. Bloße Begriffe von einer Sache, ohne Anschauung, geben eine bloß allgemeine Kenntniß derselben. Ein durchaus gründliches Verständniß von Dingen und deren Verhältnissen hat man nur, sofern man fähig ist, sie in lauter deutlichen Anschauungen, ohne Hülfe der Worte, sich vorstellig zu machen. Worte durch Worte erklären, Begriffe mit Begriffen vergleichen, worin das meiste Philosophiren besteht, ist im Grunde ein spielendes Hin- und Herschieben der Begriffssphären; um zu sehen, welche in die andere geht und welche nicht. Im glücklichsten Fall wird man dadurch zu Schlüssen gelangen: aber auch Schlüsse geben keine durchaus neue Erkenntniß, sondern zeigen uns nur, was Alles in der schon vorhandenen lag und was davon etwan auf den jedesmaligen Fall anwendbar wäre. Hingegen anschauen, die Dinge selbst zu uns reden lassen, neue Verhältnisse derselben auffassen, dann aber dies Alles in Begriffe absetzen und niederlegen, um es sicher zu besitzen: das giebt neue Erkenntnisse. Allein, während Begriffe mit Begriffen zu vergleichen so ziemlich Jeder die Fähigkeit hat, ist Begriff mit Anschauungen zu vergleichen eine Gabe der Auserwählten: sie bedingt, je nach dem Grade der Vollkommenheit, Witz, Urtheilskraft, Scharfsinn, Genie. Bei jener erstern Fähigkeit hingegen kommt nie viel mehr heraus, als etwan vernünftige Betrachtungen. 

        Der innerste Kern jeder ächten und wirklichen Erkenntniß ist eine Anschauung; auch ist jede neue Wahrheit die Ausbeute aus einer solchen. Alles Urdenken geschieht in Bildern: darum ist die Phantasie ein so nothwendiges Werkzeug desselben, und werden phantasielose Köpfe nie etwas Großes leisten, […]  – Hingegen bloß abstrakte Gedanken, die keinen anschaulichen Kern haben, gleichen Wolkengebilden ohne Realität. Selbst Schrift und Rede, sei sie Lehre oder Gedicht, hat zum letzten Zweck, den Leser zu derselben anschaulichen Erkenntniß hinzuleiten, von welcher der Verfasser ausging: hat sie den nicht, so ist sie eben schlecht. Eben darum ist Betrachtung und Beobachtung jedes Wirklichen, sobald es irgend etwas dem Beobachter Neues darbietet, belehrender als alles Lesen und Hören. Denn sogar ist, wenn wir auf den Grund gehen, in jedem Wirklichen alle Wahrheit und Weisheit, ja, das letzte Geheimniß der Dinge enthalten, freilich eben nur in concreto, und so wie das Gold im Erze steckt: es kommt darauf an, es herauszuziehen. Aus einem Buche hingegen erhält man, im besten Fall, die Wahrheit doch nur aus zweiter Hand, öfter aber gar nicht.

      Bei den meisten Büchern, von eigentlich schlechten ganz abgesehn, hat … der Verfasser zwar gedacht, aber nicht geschaut.“*

H.B.

* Arthur Schopenhauer : Werke in zehn Bänden , Zürcher Ausgabe, Zürich 1977, Band III : Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 7: Vom Verhältniß der anschauenden zur abstrakten Erkenntniß,  S. 86 f.)

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Schopenhauer : Wahrheit – Anschauung – Erkenntnis

Worauf beruht Wahrheit? Wie können wir sie erkennen? Wie kommt es zu einer solchen Erkenntnis?  Ganz im Sinne von Arthur Schopenhauer gab dazu  Pestalozzi die Antwort: Die Anschauung ist das Fundament aller Erkenntnis.

Schopenhauer hatte sich hierzu ausführlicher geäußert:
Es kann keine Wahrheit geben, die unbedingt allein durch Schlüsse herauszubringen wäre; sondern die Notwendigkeit, sie bloß durch Schlüsse zu begründen, ist immer nur relativ, ja subjektiv. Da alle Beweise Schlüsse sind, so ist für eine neue Wahrheit nicht zuerst ein Beweis, sondern unmittelbare Evidenz (= Augenscheinlichkeit, höchste, im Bewusstsein erlebte und zur  Gewissheit führende Einsichtigkeit) zu suchen… Durch und durch beweisbar kann keine Wissenschaft sein; so wenig als ein Gebäude in der Luft stehn kann: alle ihre Beweise müssen auf ein Anschauliches … zurückführen. Denn die ganze Welt der Reflexion (= prüfendes  und vergleichendes Nachdenken) ruht und wurzelt auf der anschaulichen Welt.
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 1. Buch, § 14, S.104)

Schopenhauers obige Darlegungen sind ziemlich einleuchtend, aber sie sind auch problematisch: Wenn die Erkennntnis der Wahrheit von der Anschauung abhängt, dann kann diese Erkenntnis nur insoweit richtig sein wie die Anschauung richtig ist. Daher ist z. B. rechte Anschauung ein sehr wichtiger Teil des Edlen Achtfachen Pfades, der im Mittelpunkt der von Arthur Schopenhauer so hoch geschätzten buddhistischen Lehre steht. “ Rechte Anschauung “ ist dort Meditation, bei Schopenhauer das kontemplative („willensfreie“) Betrachten.

Wenn in der Philosophie eine solche rechte Anschauung  fehlt und diese sich im rein Begrifflichen erschöpft, kann es leicht zu einer Denkakrobatik kommen, deren Ergebnisse kaum nachvollziehbar sind. Mir fällt dazu eine bissige Aussage Schopenhauers zu Fichte ein, nämlich eine Phrase …, welche Fichte, wann er seine dramatischen Talente auf dem Katheder produzierte, mit tiefem Ernst, imponierendem Nachdruck und überaus studentenverblüffender Miene so auszusprechen pflegte: „es ist, weil es ist; und ist wie es ist, weil es so ist.“
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Parerga und Paralipomena II, Kap. 3, S. 43)

Ehrlich gesagt, ich habe den tieferen Sinn – sollte es den überhaupt geben – von Fichtes Satz bisher nicht gefunden. Vielleicht ist dieser Satz, wie Schopenhauer meinte, nur eine „Phrase“. Dann allerdings hat sie mit  meinem Leben und mit Lebensphilosophie nichts zu tun. Lebensphilosophie ist ja keine „jämmerliche Kathederhanswurstiade“ (Schopenhauer), sondern beruht vor allem auf Lebenserfahrung, auf “ rechter Anschauung “ des Lebens. Jedoch ist für Wahrheiten, die so durch das Leben selbst gelehrt werden,  mitunter teures Lehrgeld zu zahlen. Im übrigen ist es mit der Wahrheit auch sonst nicht einfach, denn:
“ Die Wahrheit steckt tief im Brunnen“, hat Demokritos gesagt, und Jahrtausende haben es seufzend wiederholt: aber es ist kein Wunder; wenn man, sobald sie heraus will, ihr auf die Finger schlägt.“
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Über den Willen in der Natur, Physiologie und Pathologie, S. 219)

hb

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