Arthur Schopenhauer : Erziehung oder Abrichtung?

Muss nicht jeder Pädagoge die im Titel gestellte Frage als Provokation auffassen? Gehört es nicht zum Berufsethos der Pädagogen, ihre Schüler nicht nur zu bilden, sondern sie zu „besseren“ Menschen zu erziehen? Da kann natürlich Arthur Schopenhauer, der den Charakter des Menschen für nicht änderbar hielt, ja dessen Willensfreiheit sogar verneinte, bei diesen Erziehern nicht auf Zustimmung stoßen. Das hätte Schopenhauer auch nicht erwartet, denn in seiner Philosophie geht es nicht darum, was der Mensch sein soll, sondern um das, was er ist.

Schopenhauer war jedoch durchaus kein Gegner von Erziehung. Was er befürwortete, war eine „natürliche“ Erziehung, die von der Anschauung ausgeht und daraus die Begriffe bildet. Die „künstliche“ Erziehung hingegen stopfe den Kopf voller Begriffe und erst danach komme die Anschauung. Zweck aller Erziehung müsse die „Bekanntschaft mit der Welt “ sein.

Weil Irrtümer. wenn sie einmal in jungen Jahren eingeprägt wurden, später nur sehr schwer zu berichtigen sind, forderte  Schopenhauer, man solle Kinder bis zu ihrem 16. Lebensjahr, „von allen Lehren, welche große Irrtümer sein können, frei erhalten, also von aller Philosophie, Religion und allgemeinen Ansichten jeder Art, und sie bloß solche Dinge treiben lassen, wo entweder keine Irrtümer möglich sind, wie Mathematik, oder keiner sehr gefährlich ist, wie Sprachen, Naturkunde, Geschichte usw…“.  Es ist verständlich, dass alle Ideologen, die den jungen Menschen ihre Weltanschauungen oder Religionen nahe bringen (oder wohl zutreffender: aufdrängen) wollen, sich dieser Forderung Schopenhauers entschieden widersetzen. Sie müssen ja, um Erfolg zu haben, durch Religionsunterricht u. dgl. den jungen Menschen in einem Alter prägen, wo ihm eigene Erfahrungen weitgehend fehlen und er somit seine eigene Urteilsfähigkeit noch nicht hinreichend entwickeln konnte. Arthur Schopenhauer erweist sich daher auch in dieser Hinsicht als unbequemer Lebensphilosoph. 

Schopenhauers durchaus begründete Auffassung, dass der Charakter nicht änderbar und Ethik nicht lehrbar sei, setzt den Möglichkeiten der Erziehung enge Grenzen.  Die Meinung, man könne bei der Erziehung die Moralität der zu Erziehenden dadurch fördern,dass man ihnen Rechtlichkeit und Tugend als die in der Welt befolgten Maximen darstellt, sei – so Schopenhauer – falsch. Die Moral in dieser Welt ist eben anders als ihnen oft erzählt wurde.  Es wäre ein Beispiel für „Offenheit und Redlichkeit“, wenn die Lehrer sagen würden: „Die Welt liegt im Argen, die Menschen sind nicht, wie sie sein sollten, aber … sei Du besser“.

Alle Erziehung, so meinte Schopenhauer, könne sich nur auf Berichtigung und Erweiterung der Erkenntnis erstrecken, aber nicht den Charakter ändern. Der Kopf werde aufgehellt, das Herz bliebe ungebessert.

Insbesondere die schon sehr frühzeitig einsetzende Erziehung  des jungen Menschen durch die herrschenden Religionen wurde von Schopenhauer kritisch gesehen. Für Schopenhauer war das „Abrichtung“, wobei der Mensch alle Tiere an „Abrichtungsfähigkeit“ übertreffe.  Die Religion sei „das rechte Meisterstück der Abrichtung …, nämlich die Abrichtung der Denkfähigkeit; daher man bekanntlich nicht früh genug damit anfangen kann. Es gibt keine Absurdität, die so handgreiflich wäre, dass man sie nicht allen Menschen fest in den Kopf setzen könnte, wenn man nur schon vor ihrem sechsten Jahre anfinge, sie ihnen einzuprägen, indem man unablässig und mit feierlichem Ernst sie ihnen vorsagte. Denn, wie die Abrichtung der Tiere, so gelingt auch die des Menschen nur in früher Jugend vollkommen“.

Ob Erziehung zur Abrichtung wird, hängt von den Erziehern ab. Sie entscheiden durch die Art und Weise, wie sie erziehen, darüber, ob die im Titel dieses Beitrages gestellte Frage im Sinne von Erziehung und nicht von Abrichtung zu beantworten ist. Arthur Schopenhauer hat hierzu einige Hinweise gegeben, die nach wie vor ihre Berechtigung haben.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer > http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

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