Wer Gedanken mitzuteilen hat …

Ein Autor, so warnte Arthur Schopenhauer, sollte sich vor nichts mehr hüten, als vor dem sichtbaren Bestreben, mehr Geist zeigen zu wollen, als er hat. *

„Jeder wirkliche Denker“ zu denen Schopenhauer, wie er oft hervorhob, nicht unbedingt die Universitätsphilosophen zählte – sei „bemüht, seine Gedanken so rein, deutlich, sicher und kurz, wie nur möglich, auszusprechen. Demgemäß ist Simplicität stets ein Merkmal , nicht allein der Wahrheit, sondern auch des Genies gewesen. Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken; statt daß, bei jenen Scheindenkern, die Gedanken durch den Stil schön werden solle …“ *

Heraus folgte für Schopenhauer, dass jede gute Schriftstellerei gleich am Anfang „die erste, ja für sich allein beinahe ausreichende Regel des guten Stils“ beachten müsse, nämlich „die, daß man etwas zu sagen habe“ . Jedoch nicht immer wird dieses für alle Schriftstellerei selbstverständliche Gebot eingehalten. So zum Beispiel gäbe es, wie Schopenhauer sie nannte,  „Pseudophilosophen“, die, obwohl sie eigentlich nichts zu sagen haben, dennoch versuchen, mit vielen Worten auf sich aufmerkam zu machen. Schopenhauer dachte dabei wohl vor allem an manche Philosophieprofessoren, die, was er heftig anprangerte, nicht für, sondern von der Philosophie leben würden. **

Was von „solchen Schreibern“ mitgeteilt werde –  so meinte Schopenhauer –  sei gekennzeichnet durch einen „geschrobenen, vagen, zweideutigen, ja vieldeutigen“ Stil und darüber hinaus durch „unnützen Wortschwall“, durch „des Versteckens der bittersten Gedankenarmuth unter ein unermüdliches, klappermühlenhaften, betäubendes Gesaalbader, daran man stundenlang lesen kann, ohne irgend eines deutlich ausgeprägten und bestimmten Gedankens habhaft zu werden“.*

Obige Kritik äußerte Arthur Schopenhauer in dem oft zitierten  Kapitel Ueber Schriftstellerei und Stil.  Selbst wenn man seine Kritik, die er besonders scharf gegen die zu seiner Zeit in Deutschland vorherrschende akademische Philosophie richtete, zwar für grundsätzlich berechtigt, aber vielleicht doch für etwas überzogen hält, so gilt auch heute noch, was Schopenhauer 1832 in eines seiner Manuskriptbücher schrieb:

Wer Gedanken mitzutheilen hat,
wird sich  alle Mühe geben, sich deutlich zu machen,
und sogar sich nach der Unfähigkeit der Andern zu bequemen suchen.

Wer aber keine Gedanken mitzutheilen hat,
und doch gern den Schein hervorbringen möchte,
wird oft das Mittel ergreifen, sinnlosen Wischiwaschi aufzutischen,
und der Unfähigkeit des Andern die Schuld zu geben,
daß kein Sinn darin gefunden wird.

Arthur Schopenhauer : Wer Gedanken mizuteilen hat ...

Ausschnitte aus: Arthur Schopenhauer, Cholerabuch (1832), S. 144 f.,
Handschriftlicher Nachlass (Univ.-Bibl. Frankfurt a. M. / Stand: 01.05.2020)

H.B.

S. hierzu auch
> Arthur Schopenhauer : Die deutsche Sprache – ein leicht zu verderbendes Kunstwerk .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

* Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band X: Parega und Paralipomena II/2,
Kap. 22: Ueber Schriftstellerei und Stil, S. 566 f.

** Vgl. auch Arthur Schopenhauer . a. a. O.,
Band VII: Parerga und Paralipomena I/1,
Ueber die Universitätsphilosopie , S. 155 ff.

 

 

Arthur Schopenhauer : Gute Gedanken

Gute und tiefe Gedanken hängen nicht allein vom Zufall ab. Wir können auch etwas dazu tun. Arthur Schopenhauer schrieb hierzu aus eigener Erfahrung:

Gute, ernste Gedanken über würdige Gegenstände, lassen sich jedoch nicht zu jeder Zeit willkürlich heraufbeschwören: Alles was wir tun können ist, ihnen den Weg frei zu halten, durch … Abwendung von allen Flausen und Possen. Man kann daher sagen, daß, um etwas Gescheutes zu denken, das nächste Mittel sei, nichts Abgeschmacktes zu denken. Man lasse den guten Gedanken nur den Plan frei: sie werden kommen. Eben deshalb soll man auch nicht, in jedem unbeschäftigten Augenblick, sogleich nach einem Buche greifen, sondern lasse es doch einmal stille werden im Kopf: dann kann sich leicht etwas Gutes darin erheben.

Es muss stille werden im Kopf, aber wie soll es in uns stille werden, wenn um uns Lärm und Betriebsamkeit sind?  Vielleicht ist es von Zeit zu Zeit angebracht, etwas innezuhalten, mitunter sogar sich etwas zurückzuziehen. Dann haben gute Gedanken ein Chance, in uns zu reifen und schließlich wirksam zu werden. Das kann uns und allen um uns herum mehr helfen als geschäftige Betriebsamkeit, die oft genug nur Hast und Aufgeregtheit ist. Besinnliche Ruhe ist die Quelle guter und tiefer Gedanken. Das wussten alle spirituellen Meister, und so entstand auch Arthur Schopenhauers Philosophie.
hb

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