Arthur Schopenhauer : Geschichte – Wahrheit oder Lüge?

Würde sich Geschichte als Wissenschaft auf das beschränken, worauf die Herkunft des Wortes bereits hindeutet, nämlich auf das tatsächlich Geschehene, dann wäre Geschichte zumindest keine bewusste Lüge.  Allerdings wäre das nur ein endloses Erzählen von dem, was nach bestem Wissen des Erzählers vermeintlich geschehen ist. 

Für Arthur Schopenhauer hätte ein Fach Geschichte, bei der es lediglich um eine Kette von Geschehnissen geht, nicht den Charakter einer Wissenschaft. Die Wissenschaften, so Schopenhauer, reden von dem, was immer ist; die Geschichte hingegen von dem, was nur ein Mal  und dann nicht mehr ist. Die Geschichte sei zwar Wissen, aber keine Wissenschaft.

Seit Schopenhauers Zeit hat sich ein anderes Verständnis von Geschichte herausgebildet. Bereits der Historiker Droysen (1808-84) meinte: „Das, was war, interessiert uns nicht darum, weil es war, sondern weil es in gewissem Sinn noch ist, indem es noch wirkt…“  Das, was letztlich wirkt, glaubte Schopenhauer erkannt zu haben, nämlich ein metaphysischer „Wille“, der sich in allen Erscheinungen dieser Welt manifestiert.  

„Objektive“ Geschichtsforschung setzt voraus, dass man – wie der Historiker Leopold von Ranke forderte – gleichsam sein Selbst auslösche und lediglich die Tatsachen sprechen lasse. Das ist natürlich nur im Idealfalle möglich. Die Geschichte, so wie sie der Öffentlichkeit präsentiert wird, ist zumeist weit davon entfernt. Besonders deutlich wurde das zum Beipiel in der Geschichts“wissenschaft“ der DDR.  Diese war „Herrschaftswissenschaft“, die in erster Linie für „die Legitimierung des SED-Regimes“ zu sorgen hatte (Wolfgang Mommsen, zit. nach FU-INFO 1/91 , S. 10).

Auch ein anderes Beispiel zeigt, dass Geschichte nicht unbedingt das Geschehene darstellt, sondern andere Ziele haben kann:  So hatte der Berner Historiker Walther Hofer im Zusammenhang mit Forschungsergebnissen zum Reichstagsbrand 1933 darauf hingewiesen, daß eine These, welche die Schuld der Nationalsozialisten in Frage stellt, „volkspädagogisch gefährlich“ sei (Winfried Schulze, Einführung in die Neuere Geschichte. Stuttgart 1987, S.. 250).  Ist Geschichte allein der Wahrheit verpflichtet oder darf sie – in moralisch guter Absicht – von ihr Abstriche machen, weil es sonst „volkspädagogisch gefährlich“ werden könnte?

Arthur Schopenhauer stand eindeutig auf der Seite der Wahrheit, wobei er aber bezweifelte, dass die Geschichte ihrem Wahrheitsanspruch genügen kann:  „Der Historiker soll der individuellen Begebenheit genau nach dem Leben folgen, wie sie an den vielfach verschlungenen Ketten der Gründe und Folgen sich in der Zeit entwickelt; aber unmöglich kann er hierzu alle Data besitzen, Alles gesehen, oder Alles erkundet haben: er wird jeden Augenblick vom Original seines Bildes verlassen, oder ein falsches schiebt sich ihm unter, und dies so häufig, daß ich glaube annehmen zu dürfen, in aller Geschichte sei des Falschen mehr, als des Wahren (Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, § 51). 

An anderer Stelle (Parerga und Paralipomena II, § 238) äußerte sich Schopenhauer noch weit entschiedener: “ Zu den … wesentlichen Unvollkommenheiten der Geschichte kommt noch, daß die Geschichtsmuse Klio mit der Lüge so durch und durch inficirt ist, wie eine Gassenhure mit der Syphilis.“

Völlig anders als der von ihm zutiefst abgelehnte Philosoph Hegel maß Schopenhauer der Geschichte keine philosophische Bedeutung zu. Weisheit könne man durch das Studium der Geschichte nicht erlangen. Wer den Herodot gelesen hätte, würde, in philosophischer Absicht, schon genug Geschichte studiert haben. Man könne, so Schopenhauer (in der oben zitierten Quelle aus „Pararga“), „die Geschichte auch ansehn als eine Fortsetzung der Zoologie“. 

Lüge und Täuschung sind in der Zoologie anzutreffen, aber auch,  und zwar noch weit ausgeprägter, in der menschlichen Gesellschaft.  Die Art und Weise, wie Geschichte dargestellt wird, kann davon nicht ausgenommen werden. Inwieweit Geschichte Lüge oder Wahrheit ist, muss jeder, der sich mit ihr beschäftigt, selbst herausfinden. Hierbei ist für das Verständnis der Geschichte, so Schopenhauer,  die eigene Erfahrung eine unumgängliche Bedingung.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer  >  www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

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