Tierethik und Buddhismus

Tierethik und Buddhismus sind Themen, an denen Arthur Schopenhauer sehr interessiert war und die dementsprechend in seiner Philosophie von besonderer Bedeutung sind.  Schopenhauers tiefe Verbundenheit mit dem tierfreundlichen Buddhismus zeigte sich zum Beispiel in einem seiner Briefe, wo er schrieb:

Den Hofrath Perner bitte ich auf das herzlichste von mir zu grüßen … Er ist ein höchst verdienter und verehrenswerther Mann: wer könnte das höher schätzen, als wir Buddhaisten! (1)

Der von Schopenhauer so hoch geschätzte Ignaz Perner gründete 1842 in München einen der ersten Tierschutzvereine der Welt. Schopenhauer war von dessen tatkräftigem Einsatz für den Tierschutz tief beeindruckt. (2) Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass Schopenhauer zur Erläuterung seiner Wertschätzung Perners sich als Buddhaist bezeichnete und damit auf den Zusammenhang zwischen Tierethik und Buddhismus hindeutete.

Der Buddhaist Arthur Schopenhauer hat mehrmals in seinen Schriften die im Gegensatz zum Christentum tierfreundliche Einstellung des Buddhismus lobend hervorgehoben, und zwar mit vollem Recht:

Zum Kern der Lehre des Buddha gehören die Vier Edlen Wahrheiten. Die letzte dieser Wahrheiten ist der Edle Achtfache Pfad, der auch die Grundsätze der buddhistischen Ethik enthält. (3)  Teil dieser Ethik sind das rechte Handeln und der rechte Lebenserwerb.

Rechtes Handeln bedeutet vor allem, möglichst kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen, was sich nicht nur auf Menschen, sondern – nach der buddhistischen Lehre selbstverständlich – auch auf Tiere bezieht. Dementspechend sind Berufe, in denen dieser ethische Grundsatz von vornherein verletzt wird, kein rechter Lebenserwerb. Hierzu werden unter anderem Berufe wie Schlächter, Jäger, Fischer, Händler mit Tieren, Fleisch oder Waffen u. dgl. gezählt. Der Buddha hatte solche Tätigkeiten als „grausames Handwerk“ eindeutig abgelehnt:

Da ist einer ein Schlächter, der Schafe und Schweine schlachtet, ist ein Vogelfänger, ein Wildsteller, ein Jäger, ein Fischer, ein  Räuber, ein Henker, ein Kerkermeister, oder was man da sonst noch anderes grausames Handwerk betreibt. Den heißt man einen Menschen, der ein Nächstenquäler, der Übung der Nächstenqual eifrig ergeben ist. (4)

Im sehr bedeutsamen Lankavatara- Sutra des Mahayana-Buddhismus wird das Mitleid mit allen Wesen als Kern der buddhistischen Ethik besonders hervorgehoben und dazu – durchaus folgerichtig – das Fleischessen entschieden verworfen.(5)

Jedoch nicht alle Buddhisten sind Vegetarier oder – was noch konsequenter wäre – Veganer. Daher ist es durchaus angebracht, wenn der buddhistische Autor Hellmuth  Hecker in seinem Buch Die Ethik des Buddha einen Vers von Eugen Roth zitierte:

Es denkt der Mensch zufrieden froh:
Ich bin kein Schlächter, blutig roh;
doch ist der Mensch kein Wurstverächter,
so trägt die Mitschuld er am Schlächter. (6)

Wie in Schopenhauers Ethik, so ist auch im Buddhismus die zugrunde liegende Gesinnung entscheidend für den moralischen Wert einer Handlung. Ein Beispiel für diese Gesinnung brachte der Buddha in einer seiner Reden zum Ausdruck:

Da hat einer das Töten verworfen, vom Töten hält er sich fern: ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme, hegt er zu allen lebendigen Wesen gütiges Mitleid. (7)

Hier ist eine Brücke über Jahrtausende hinweg zu Schopenhauers Mitleidsethik. In dieser auch die Tiere einbeziehenden Ethik zeigt sich besonders deutlich Schopenhauers Gemeinsamkeit  mit dem Buddhismus. Das Gemeinsame der Philosophie Schopenhauers mit dem Buddhismus geht jedoch weit über die Tierrethik hinaus, denn, so meinte Arthur Schopenhauer, „ueberhaupt ist die Uebereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll“. (8)

H.B.

S. dazu > Schopenhauer und Buddhismus

> Tierethik und Schopenhauers Philosophie

Weiteres zur Tierethik  > Webseite und  > Blog ,

zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .


Anmerkungen

(1) Brief vom 10. Mai 1852 an Adam von Doss, zit. aus: Arthur Schopenhauer, Gesammelte Briefe, hrsg. von Arthur Hübscher, 2. Aufl., Bonn 1987, S. 281.

(2) Mehr dazu > Ignaz Perner und Arthur Schopenhauer .

(3) S. ausführlicher > Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha .

(4) Zit. aus: Hellmuth Hecker, Die Ethik des Buddha, Ein Handbuch zu besonnener Lebensführung, Hamburg 1976, S. 112.

(5) Vgl. hierzu: Die makellose Wahrheit erschauen. Die Lehre von der höchsten Bewußtheit  und absoluten Erkenntnis. Das Lankavatara-Sutra, aus dem Sanskrit von Karl-Heinz Golzio, 2. Aufl., Bern-München-Wien 2003, Kap. 8: Warum man kein Fleisch essen soll, S. 247 ff.  Im übrigen ist diese höchst bedeutsame Quelle aus dem Mahayana-Buddhismus nicht nur für das Thema Fleischessen und Buddhismus wichtig, sondern sie zeigt auch vor allem mit ihrer monistischen Grundeinstellung eine erstaunliche, geradezu wunderbare Übereinstimmung mit Schopenhauers spirituell sehr tiefen monistischen Philosophie. (Weiteres: Das Lankavatara-Sutra des Mahayana-Buddhismus und die Philosophie von Arthur Schopenhauer > hier.)

(6) Helmuth Hecker, a. a. O., S. 113.

(7) Ebd., S. 110.

(8) Arthur Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 384.

 

 

ZEN und Schopenhauer

Im Mittelpunkt dieses Blogs steht Arthur Schopenhauers praxisorientierte Lebensphilosophie. Schon deshalb ist der folgende Beitrag keine wissenschaftlich-theoretische Abhandlung über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ZEN und Schopenhauer.

ZEN, entstanden im Laufe von fast zwei Jahrtausenden aus buddhistischer und taoistischer Mystik, ist Spiritualität, welche die Grenzen des in Worten Beschreibbaren überschreitet. Dennoch gibt es inzwischen derart viele Bücher über ZEN, dass ganze Bibliotheken damit gefüllt werden können. Ich möchte nun gar nicht erst versuchen, das Unbeschreibbare zu beschreiben, sondern mich darauf beschränken, hier nur etwas von meinen persönlichen Eindrücken und Begegnungen mitzuteilen: 

Auf meinem kleinen Bücherbord am Esstisch, stets im Blickfeld, ist Arthur Schopenhauer präsent. Neben ihm ist noch etwas Platz. Zwei Bücher habe ich gewählt, die diesen Platz ausfüllen. Sie erschienen mir passend zu sein, um neben Schopenhauer zu stehen. Es sind uralte spirituelleTexte: “ Shinjinmei „, eine „Gedichtsammlung vom Glauben an den Geist“. Dieser älteste überlieferte Grundtext des ZEN stammt von Meister Sosan und ist etwa 1400 Jahre alt. Daneben steht das “ Lankavatara-Sutra “ mit dem Titel „Die makellose Wahrheit erschauen“. Es ist ebenfalls einer der wichtigsten heiligen Texte des Buddhismus. Der indische Mönch Bodhidharma brachte diese Schrift aus Südindien nach China, wo sie später zum Grundstein für den ZEN – Buddhismus wurde. Je mehr ich diese Urtexte auf mich einwirken lasse, desto deutlicher wird mir die enge spirituelle Nähe zu Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ – und das, obwohl weit mehr als ein Jahrtausend dazwischen liegt und zwischen der buddhistischen und unserer zutiefst vom Christentum geprägten Kultur eine Kluft besteht, die kaum zu überbrücken ist.

Eigentlich hatte ich nicht vor, mich über ZEN in diesem lebensphilsophischen, auf den Alltag bezogenen Blog zu äußern.   Ein Artikel in der „Berliner Zeitung“ vom 14.12.2010 veranlasst mich jedoch, hier über eine persönliche  Erfahrung zu berichten, die vielleicht von allgemeinem Interesse ist. Der Zeitungsartikel trägt die Überschrift „Die Knie müssen den Boden berühren  – Bei einer Zen-Meditation ist jedes Detail festgelegt“. Da ich selbst vor vielen Jahren Vorstandsmitglied der „Buddhistischen Gesellschaft Berlin“ war und einen „Buddhistischen Arbeitskreis“ geleitet hatte, kam ich öfters auch mit Praktizierenden des ZEN zusammen. Sie erzählten mir dabei einiges von ZEN – Veranstaltungen, was weitgehend mit der zitierten Artikel-Überschrift übereinstimmt. Hierzu ist mir vor allem ein Erlebnis bis heute nachhaltig im Gedächnis geblieben:

In meinem Arbeitskreis war ein Teilnehmer, der vom ZEN kam und mir durch sein besonderes Interesse auffiel. Er nahm auch an unseren Meditationen teil. Eines Tages bat er mich um ein Gespräch unter vier Augen. Was er mir mitzuteilen hatte, war erschütternd: Er könne nicht mehr an unseren Treffen und den Meditationen teilnehmen. Heftige Hustenanfälle und andere Beschwerden würden es ihm unmöglich machen. Auch bei ZEN – Sitzungen wäre er deshalb schon seit einiger Zeit nicht dabei, weil, wie er meinte, er dort wohl als störend empfunden werde. Er hätte eine Krankheit, die (jedenfalls zur damaligen Zeit)  unheilbar zum Tode führe: Aids! Ihm wäre es aber sehr wichtig, mit mir allein zusammenzukommen und über Schopenhauer zu sprechen. So trafen wir uns dann öfters an einem ruhigen Ort, und Schopenhauer war unser zentrales Thema. Dann näherte sich das Ende. Bei unserem letzten Treffen lasen wir gemeinsam, und zwar auf seinen Wunsch hin, Schopenhauer. Es war das Kapitel, das auch der Lübecker Ratsherr Buddenbrook in Thomas Manns gleichnamigen Roman während der letzten Stunden seines Lebens gelesen hatte: „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich“. Am nächsten Tag rief mein ZEN -Freund mich an, um sich zu bedanken – und  sich von meiner Frau und mir zu verabschieden …

Auf Wunsch seiner Schwester und seines Freundes hatte ich, als sich alle, die ihm nahestanden, zu seinem Gedenken versammelten, Worte des Abschieds gesprochen. Übrigens, von seinen ZEN – „Freunden“, die sicherlich von seinem Tod informiert waren, hatten wir dort niemand gesehen. Vielleicht war er für sie nicht mehr von Interesse, denn bei den letzten ZEN – Sitzungen konnte er nicht mehr ruhig sitzen und vom „richtigen Sitzen“ solle ja, wie manche Anhänger des ZEN behaupten, alles abhängen. Dementsprechend heißt es im bereits erwähnten Zeitungsbericht über eine ZEN – Veranstaltung: „Die Haltung ist das Glaubensbekenntnis“. Sollte es dabei wirklich nur um „Haltung“ gehen und dabei der Mitmensch, die Mitwesen vergessen werden, dann allerdings sehe ich einen Abgrund zwischen ZEN und Schopenhauer.

Vielleicht ist vieles, was sich bei uns als “ ZEN “ ausgibt, gar nicht ZEN, sondern cleveres Ausnutzen eines menschlichen Bedürfnisses, nämlich des Suchens nach Sinn und Wahrheit im Leben. Wundern würde mich das in unserer vom Kommerz beherrschten Zeit nicht. Inzwischen hat ja das Gewinnstreben alle Bereiche unserer Gesellschaft erfasst. Wenn möglich, versuche ich, solchem Zeitgeist auszuweichen. Deshalb  meide ich Veranstaltungen, die zwar einen spirituellen Anstrich haben, aber auf mich einen ziemlich geschäftigen Eindruck machen.  Ich denke dabei an die Worte des ZEN – Meisters Sosan:  „Der Weise ist frei von Geschäftigkeit“. Das Zitat habe ich einem kleinen Büchlein entnommen, das den Titel trägt: „Augenblicke der Stille“. Solche Augenblicke wünsche ich für die Weihnachtstage und das bald beginnende neue Jahr allen Freunden und Lesern dieses Blogs!
hb

Zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

Übersicht (alphabet. in Stichworten) zu den Themen der Arthur Schopenhauer Blogs > hier

Buddhismus , ZEN und Schopenhauer

Gegen Ende seines Lebens notierte Arthur Schopenhauer in seinem Manuskript: “ Buddha, Eckhard und ich lehren im Wesentlichen das Selbe, Eckhard in den Fessel seiner christlichen Mythologie. Im Buddhaismus liegen die selben Gedanken, unverkümmert durch solche Mythologie, daher einfach und klar, soweit eine Religion klar seyn kann.“   Da ist es verständlich, wenn Schopenhauer mehrfach sich und seine Anhänger „Buddhisten“ nannte und dazu feststellte: „Wollte ich die Resultate meiner Philosophie zum Maßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhismus den Vorzug vor den andern (Religionen) zugestehn. Jedenfalls muß es mich freuen, meine Lehre in so großer Übereinstimmung mit einer Religion (dem Buddhismus) zu sehn…“

An obige Worte Schopenhauers mußte ich denken, als ich mich etwas näher mit dem buddhistischen Lankavatara-Sutra befasste. Dieses Sutra ist eine grundlegende Schrift, ein heiliger Text des  späteren Buddhismus, des sog. Mahayana. Etwa im 6. Jahrhundert n. u. Ztr. brachte Boddhidharma, einer der bedeutendsten buddhistischen Lehrer und 1. Partriarch des chinesischen ZEN, das Lankavatara-Sutra von Indien nach China, wo es dann zum Grundstein des chinesischen Ch’an-Buddhismus wurde. Aus dieser buddhistischen Richtung und Elementen taoistischer Mystik hatte sich erst in China, später in Japan eine Lehre herausgebildet, die heute als ZEN bekannt ist.

Die Übereinstimmung einiger Richtungen des Buddhismus, insbesondere des Mahayana, mit Schopenhauers Philosophie, finde ich geradezu  unglaublich,  vor allem wenn man bedenkt, daß diese durch einen Zeitraum von mehr als 1500 Jahren und durch völlig verschiedene Kulturen von einander getrennt sind. Vielleicht ist diese Nähe Schopenhauers zum Buddhismus, insbesondere zum ZEN, eine der Gründe, warum in Japan – neben Indien – besonderes Interesse an Schopenhauers Philosophie besteht.

Schopenhauer gab seinen Anhängern  immer wieder den Rat, außer den altindischen Upanishaden auch die damals im Westen noch wenig verbreitete  buddhistische Literatur zu studieren.  Heute stehen uns dazu viele Quellen in guten Übersetzungen zur Verfügung, die Schopenhauer damals noch nicht zugänglich waren. Sie bieten eine wertvolle Ergänzung zu Schopenhauers Philosophie. Ja, nach meiner Erfahrung kann eine kurz gefasste ZEN-Weisheit  mitunter den Kern der Philosophie Schopenhauers besser treffen als manche akademische Abhandlung . So zum Beispiel diese:
„Ein und derselbe Mond spiegelt sich in allen Wassern. Alle Monde im Wasser sind EINS in ein und dem selben Mond.“
hb

Weiteres
zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie
> www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de
sowie zum Buddhismus und ZEN
> www.schopenhauer-buddhismus.de
> www.schopenhauer-indische-religionen.de

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