ZEN und Schopenhauer

Im Mittelpunkt dieses Blogs steht Arthur Schopenhauers praxisorientierte Lebensphilosophie. Schon deshalb ist der folgende Beitrag keine wissenschaftlich-theoretische Abhandlung über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ZEN und Schopenhauer.

ZEN, entstanden im Laufe von fast zwei Jahrtausenden aus buddhistischer und taoistischer Mystik, ist Spiritualität, welche die Grenzen des in Worten Beschreibbaren überschreitet. Dennoch gibt es inzwischen derart viele Bücher über ZEN, dass ganze Bibliotheken damit gefüllt werden können. Ich möchte nun gar nicht erst versuchen, das Unbeschreibbare zu beschreiben, sondern mich darauf beschränken, hier nur etwas von meinen persönlichen Eindrücken und Begegnungen mitzuteilen: 

Auf meinem kleinen Bücherbord am Esstisch, stets im Blickfeld, ist Arthur Schopenhauer präsent. Neben ihm ist noch etwas Platz. Zwei Bücher habe ich gewählt, die diesen Platz ausfüllen. Sie erschienen mir passend zu sein, um neben Schopenhauer zu stehen. Es sind uralte spirituelleTexte: “ Shinjinmei „, eine „Gedichtsammlung vom Glauben an den Geist“. Dieser älteste überlieferte Grundtext des ZEN stammt von Meister Sosan und ist etwa 1400 Jahre alt. Daneben steht das “ Lankavatara-Sutra “ mit dem Titel „Die makellose Wahrheit erschauen“. Es ist ebenfalls einer der wichtigsten heiligen Texte des Buddhismus. Der indische Mönch Bodhidharma brachte diese Schrift aus Südindien nach China, wo sie später zum Grundstein für den ZEN – Buddhismus wurde. Je mehr ich diese Urtexte auf mich einwirken lasse, desto deutlicher wird mir die enge spirituelle Nähe zu Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ – und das, obwohl weit mehr als ein Jahrtausend dazwischen liegt und zwischen der buddhistischen und unserer zutiefst vom Christentum geprägten Kultur eine Kluft besteht, die kaum zu überbrücken ist.

Eigentlich hatte ich nicht vor, mich über ZEN in diesem lebensphilsophischen, auf den Alltag bezogenen Blog zu äußern.   Ein Artikel in der „Berliner Zeitung“ vom 14.12.2010 veranlasst mich jedoch, hier über eine persönliche  Erfahrung zu berichten, die vielleicht von allgemeinem Interesse ist. Der Zeitungsartikel trägt die Überschrift „Die Knie müssen den Boden berühren  – Bei einer Zen-Meditation ist jedes Detail festgelegt“. Da ich selbst vor vielen Jahren Vorstandsmitglied der „Buddhistischen Gesellschaft Berlin“ war und einen „Buddhistischen Arbeitskreis“ geleitet hatte, kam ich öfters auch mit Praktizierenden des ZEN zusammen. Sie erzählten mir dabei einiges von ZEN – Veranstaltungen, was weitgehend mit der zitierten Artikel-Überschrift übereinstimmt. Hierzu ist mir vor allem ein Erlebnis bis heute nachhaltig im Gedächnis geblieben:

In meinem Arbeitskreis war ein Teilnehmer, der vom ZEN kam und mir durch sein besonderes Interesse auffiel. Er nahm auch an unseren Meditationen teil. Eines Tages bat er mich um ein Gespräch unter vier Augen. Was er mir mitzuteilen hatte, war erschütternd: Er könne nicht mehr an unseren Treffen und den Meditationen teilnehmen. Heftige Hustenanfälle und andere Beschwerden würden es ihm unmöglich machen. Auch bei ZEN – Sitzungen wäre er deshalb schon seit einiger Zeit nicht dabei, weil, wie er meinte, er dort wohl als störend empfunden werde. Er hätte eine Krankheit, die (jedenfalls zur damaligen Zeit)  unheilbar zum Tode führe: Aids! Ihm wäre es aber sehr wichtig, mit mir allein zusammenzukommen und über Schopenhauer zu sprechen. So trafen wir uns dann öfters an einem ruhigen Ort, und Schopenhauer war unser zentrales Thema. Dann näherte sich das Ende. Bei unserem letzten Treffen lasen wir gemeinsam, und zwar auf seinen Wunsch hin, Schopenhauer. Es war das Kapitel, das auch der Lübecker Ratsherr Buddenbrook in Thomas Manns gleichnamigen Roman während der letzten Stunden seines Lebens gelesen hatte: „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich“. Am nächsten Tag rief mein ZEN -Freund mich an, um sich zu bedanken – und  sich von meiner Frau und mir zu verabschieden …

Auf Wunsch seiner Schwester und seines Freundes hatte ich, als sich alle, die ihm nahestanden, zu seinem Gedenken versammelten, Worte des Abschieds gesprochen. Übrigens, von seinen ZEN – „Freunden“, die sicherlich von seinem Tod informiert waren, hatten wir dort niemand gesehen. Vielleicht war er für sie nicht mehr von Interesse, denn bei den letzten ZEN – Sitzungen konnte er nicht mehr ruhig sitzen und vom „richtigen Sitzen“ solle ja, wie manche Anhänger des ZEN behaupten, alles abhängen. Dementsprechend heißt es im bereits erwähnten Zeitungsbericht über eine ZEN – Veranstaltung: „Die Haltung ist das Glaubensbekenntnis“. Sollte es dabei wirklich nur um „Haltung“ gehen und dabei der Mitmensch, die Mitwesen vergessen werden, dann allerdings sehe ich einen Abgrund zwischen ZEN und Schopenhauer.

Vielleicht ist vieles, was sich bei uns als “ ZEN “ ausgibt, gar nicht ZEN, sondern cleveres Ausnutzen eines menschlichen Bedürfnisses, nämlich des Suchens nach Sinn und Wahrheit im Leben. Wundern würde mich das in unserer vom Kommerz beherrschten Zeit nicht. Inzwischen hat ja das Gewinnstreben alle Bereiche unserer Gesellschaft erfasst. Wenn möglich, versuche ich, solchem Zeitgeist auszuweichen. Deshalb  meide ich Veranstaltungen, die zwar einen spirituellen Anstrich haben, aber auf mich einen ziemlich geschäftigen Eindruck machen.  Ich denke dabei an die Worte des ZEN – Meisters Sosan:  „Der Weise ist frei von Geschäftigkeit“. Das Zitat habe ich einem kleinen Büchlein entnommen, das den Titel trägt: „Augenblicke der Stille“. Solche Augenblicke wünsche ich für die Weihnachtstage und das bald beginnende neue Jahr allen Freunden und Lesern dieses Blogs!
hb

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Schopenhauer : Lebensweisheit in uns

Als ich wieder einmal in Arthur Schopenhauers  “ Aphorismen zur Lebensweisheit “ las und dabei auf mein bisheriges Leben zurückschaute, stieß ich auf ein Schopenhauer – Zitat, das mich sehr nachdenklich stimmte:

Übrigens gibt es in unserem Lebenslaufe noch etwas, welches über alles hinausliegt. Es ist nämlich eine triviale und nur zu häufig bestätigte Wahrheit, dass wir oft törrichter sind, als wir glauben: hingegen ist, dass wir oft weiser sind, als wir selbst vermeinen … Es gibt etwas Weiseres in uns, als der Kopf ist. Wir handeln nämlich, bei den großen Zügen, den Hauptschritten unsers Lebenslaufes, nicht sowohl nach deutlicher Erkenntnis des Rechten, als nach einem innern Impuls, man möchte sagen Instinkt, der aus dem tiefsten Grunde unsers Wesens kommt …

Inzwischen hat auch die moderne Verhaltensforschung immer mehr Hinweise, dass Entscheidungen „aus dem Bauchgefühl“ durchaus richtiger sein können als lang durchdachte Entschlüsse. So wurden dazu in „GEO Wissen“ (Heft 45/2010) mehrere Artikel veröffentlicht. Einer hat die Überschrift  „Der sechste Sinn. Die Macht der Intuition „. Hiernach steuert uns das Unbewusste „wie ein Autopilot durch weite Teile des Lebens“. Bewusstes Denken kann dabei jedoch die Kommunikation mit dem Unterbewusstsein stören, ja das Bewusstsein kann sogar „die emotionalen – oft weit genaueren – Signale aus dem Unbewussten“ übertönen.

Oft beruhen Ahnungen auf Hinweisen, die wir bewusst kaum wahrnehmen, aber für unser Leben von entscheidender Bedeutung sein können. So erklärte der Züricher Neurobiologe, Peter Brugger, dass die Fähigkeit des Unbewussten intuitiv zu handeln und blitzschnell zu urteilen, bereits unseren Vorfahren geholfen hätte. Schon damals wäre es manchmal besser gewesen, falsch zu liegen, als langsam und akkurat zu entscheiden:

Wer den gut getarnten Tiger im Gras nicht erkennt, ist tot. Wer Tiger sieht, wo keine sind, läuft häufiger weg, aber bleibt am Leben.

Auch bei diesem Thema zeigt sich erneut, wie aktuell Arthur Schopenhauer geblieben ist. Seine Philosophie ist eben nicht bloß Teil der Philosophiegeschichte für akademische Seminare, sondern sie ist eine Lebensphilosophie für hier und heute, ja für morgen und übermorgen.
hb

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Schopenhauer : Entsagung – Loslassen

Keine Angst, das soll hier keine Predigt werden, obwohl Entsagung und Loslassen besonders in den Religionen von zentraler Bedeutung sind. Hier geht es im Sinne der Lebensphilosophie von Arthur Schopenhauer weniger um ein forderndes „Du sollst!“, sondern vielmehr um „Was ist möglich?“

Es ist eine mitunter ziemlich bittere Lebenserfahrung, dass man vieles von dem, was man haben will, nicht erhält und von dem, was man bereits hat, vieles wieder verliert. Von dieser Erfahrung ausgehend, verweist Schopenhauer auf ein Wort des altgriechischen Philosophen Epiktet: Nicht die Armut bereitet Schmerz, sondern die Begehrlichkeit. Daher wussten, wie Schopenhauer erläuterte, schon die Philosophen des Altertums, „dass die Entbehrung, das Leiden, nicht unmittelbar und notwendig hervorging aus dem Nicht-haben; sondern erst aus dem Haben-Wollen und doch nicht haben; dass also dieses Haben-wollen die notwendige Bedingung ist, unter der allein das Nicht-haben zur Entbehrung wird, und den Schmerz erzeugt“. Dennoch kann uns „jede einzelne Entbehrung für den Augenblick ziemlich leicht, aber jede Entsagung entsetzlich schwer sein“.
( Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 1. Buch, § 16, S. 129 f. und 4. Buch, § 55, S. 375.)

Entsagung ist „das Ablassen von Wünschen und Hoffnungen, das Aufgeben der Sehnsucht, ein Gefühlszustand, in dem die Unmöglichkeit der Verwirklichung erstrebter Werte erlebt wird“. (Wörterbuch der philosophischen Begriffe) Wie „entsetzlich schwer“ es sein kann, sich von Wünschen und Hoffnungen, ja von Lebenszielen zu verabschieden, haben wohl die meisten von uns bereits erfahren müssen. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele, und manche von uns haben es vielleicht schon selbst erlebt, wie Religions- und Weltanschauungsapostel von ihren Gläubigen Entsagung forderten, aber diese nicht vorlebten, d. h., dass sie zwar Wasser predigten, jedoch selbst Wein tranken. Auch hieran zeigt sich, dass zwischen Theorie und Praxis Welten liegen können. Mir persönlich ist das im Laufe der Jahre immer deutlicher geworden. Dementsprechend ist auch meine Skepsis gegenüber den Heilsbotschaften mancher Prediger gewachsen.

Das Nicht-haben-wollen hat – wie das Wort besagt – mit dem Willen zu tun, also mit der für die Philosophie Schopenhauers zentralen Frage nach dem  “ Willen “ und der Willensfreiheit. Entsagung ist nach Schopenhauer ein Anzeichen dafür, dass der für alles Leid verantwortliche “ Wille “  sich in positiver Richtung zu wandeln beginnt. Das ist auch eine Erklärung dafür, dass wohl in allen Religionen und Erlösungslehren, zu denen auch Schopenhauers Philosophie gehört, Entsagung in Form von Askese als spirituell heilsam bewertet wird.

Wie sehr es sich bei der Entsagung vor allem um ein geistiges LOSLASSEN handelt, mag folgende Geschichte aus dem ZEN verdeutlichen:

Tanzan und Ekido wanderten einmal eine schmutzige Straße entlang. Zudem fiel auch noch heftiger Regen.

Als sie an eine Wegbiegung kamen, trafen sie ein hübsches Mädchen in einem Seidenkimono, welches die Kreuzung überqueren wollte, aber nicht konnte. „Komm her, Mädchen“, sagte Tanzan sogleich.  Er nahm sie auf die Arme und trug sie über den Morast der Straße.

Ekido sprach kein Wort, bis sie des Nachts einen Tempel erreichten, in dem sie Rast machten. Da konnte er nicht länger an sich halten. „Wir Mönche dürfen Frauen nicht in die Nähe kommen“, sagte er zu Tanzan, „vor allem nicht den jungen und hübschen. Es ist gefährlich. Warum tatest du das?“ „Ich ließ das Mädchen dort stehen“, antwortete Tanzan, „trägst du sie noch immer?“ (Paul Reps, Ohne Worte – ohne Schweigen, 4. Aufl. 1982, S. 35.)
hb

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Schopenhauer : Wahrheit – Anschauung – Erkenntnis

Worauf beruht Wahrheit? Wie können wir sie erkennen? Wie kommt es zu einer solchen Erkenntnis?  Ganz im Sinne von Arthur Schopenhauer gab dazu  Pestalozzi die Antwort: Die Anschauung ist das Fundament aller Erkenntnis.

Schopenhauer hatte sich hierzu ausführlicher geäußert:
Es kann keine Wahrheit geben, die unbedingt allein durch Schlüsse herauszubringen wäre; sondern die Notwendigkeit, sie bloß durch Schlüsse zu begründen, ist immer nur relativ, ja subjektiv. Da alle Beweise Schlüsse sind, so ist für eine neue Wahrheit nicht zuerst ein Beweis, sondern unmittelbare Evidenz (= Augenscheinlichkeit, höchste, im Bewusstsein erlebte und zur  Gewissheit führende Einsichtigkeit) zu suchen… Durch und durch beweisbar kann keine Wissenschaft sein; so wenig als ein Gebäude in der Luft stehn kann: alle ihre Beweise müssen auf ein Anschauliches … zurückführen. Denn die ganze Welt der Reflexion (= prüfendes  und vergleichendes Nachdenken) ruht und wurzelt auf der anschaulichen Welt.
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Die Welt als Wille und Vorstellung I, 1. Buch, § 14, S.104)

Schopenhauers obige Darlegungen sind ziemlich einleuchtend, aber sie sind auch problematisch: Wenn die Erkennntnis der Wahrheit von der Anschauung abhängt, dann kann diese Erkenntnis nur insoweit richtig sein wie die Anschauung richtig ist. Daher ist z. B. rechte Anschauung ein sehr wichtiger Teil des Edlen Achtfachen Pfades, der im Mittelpunkt der von Arthur Schopenhauer so hoch geschätzten buddhistischen Lehre steht. “ Rechte Anschauung “ ist dort Meditation, bei Schopenhauer das kontemplative („willensfreie“) Betrachten.

Wenn in der Philosophie eine solche rechte Anschauung  fehlt und diese sich im rein Begrifflichen erschöpft, kann es leicht zu einer Denkakrobatik kommen, deren Ergebnisse kaum nachvollziehbar sind. Mir fällt dazu eine bissige Aussage Schopenhauers zu Fichte ein, nämlich eine Phrase …, welche Fichte, wann er seine dramatischen Talente auf dem Katheder produzierte, mit tiefem Ernst, imponierendem Nachdruck und überaus studentenverblüffender Miene so auszusprechen pflegte: „es ist, weil es ist; und ist wie es ist, weil es so ist.“
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Parerga und Paralipomena II, Kap. 3, S. 43)

Ehrlich gesagt, ich habe den tieferen Sinn – sollte es den überhaupt geben – von Fichtes Satz bisher nicht gefunden. Vielleicht ist dieser Satz, wie Schopenhauer meinte, nur eine „Phrase“. Dann allerdings hat sie mit  meinem Leben und mit Lebensphilosophie nichts zu tun. Lebensphilosophie ist ja keine „jämmerliche Kathederhanswurstiade“ (Schopenhauer), sondern beruht vor allem auf Lebenserfahrung, auf “ rechter Anschauung “ des Lebens. Jedoch ist für Wahrheiten, die so durch das Leben selbst gelehrt werden,  mitunter teures Lehrgeld zu zahlen. Im übrigen ist es mit der Wahrheit auch sonst nicht einfach, denn:
“ Die Wahrheit steckt tief im Brunnen“, hat Demokritos gesagt, und Jahrtausende haben es seufzend wiederholt: aber es ist kein Wunder; wenn man, sobald sie heraus will, ihr auf die Finger schlägt.“
(Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Über den Willen in der Natur, Physiologie und Pathologie, S. 219)

hb

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Ein Schopenhauerianer und Veganer freut sich!

Noch vor dem Frühstück hatte ich Grund zur Freude, nämlich als ich die Überschrift meiner Tageszeitung las. Nicht immer sind deren Überschriften erfreulich, aber heute morgen konnte ich mich wirklich freuen:

„Schöner leben: Berlin wird Hauptstadt der Veganer“ – heißt die erste Nachricht auf Seite 1 der „Berliner Zeitung“. Diese in Berlin und Brandenburg viel gelesene Zeitung widmet dem Thema “ Veganismus “  ihre gesamte Seite 3! Bereits die Überschrift stimmte mich sehr optimistisch: „Das gute Leben. Gemüse ist das neue Fleisch: Immer mehr Menschen ernähren sich vegan – um die Tiere zu schonen. Und weil es schick ist“.

Jedoch nicht nur seine Überschrift, sondern auch sonst vermittelt dieser Artikel ein durchaus positives Bild der veganen Lebensweise. Ich finde, das ist ein sehr wichtiger Beitrag, weil er breite Bevölkerungsschichten erreicht und objektiv aufklärt über den Veganismus, der im Gegensatz zum Vegetarismus leider immer noch zu wenig in der Öffentlichkeit bekannt ist. An meiner veganen Lebensweise ändert der Artikel nichts, aber er beweist mir, dass das Thema “ Veganismus “ zunehmend in unserer Gesellschaft, und zwar besonders unter jungen Menschen, auf Verständnis stößt.

Auch als Schopenhauerianer, der sonst nicht gerade vom Fortschrittsglauben durchdrungen ist, bin ich zuweilen, wenn dazu Grund besteht, optimistisch. Man kann sich über Fortschritte, selbst wenn sie nur gering sind, freuen, ohne dabei in bloßes Wunschdenken zu verfallen. Für mich gehört das zu Arthur Schopenhauers Lebensphilosophie, die ich sehr gut mit meinem Leben als Veganer und Tierrechtler verbinden kann. 
hb

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Arthur Schopenhauer : Weisheit und Lebenspraxis

Weisheit, schrieb Arthur Schopenhauer, scheint mir nicht bloß theoretische, sondern auch praktische Vollkommenheit, zu bezeichnen. Ich würde sie definieren als die vollendete, richtige Erkenntnis der Dinge, im Ganzen und Allgemeinen, die den Menschen so völlig durchdrungen hat, daß sie nun auch in seinem Handeln hervortritt, indem sie sein Tun überall leitet.

Auch hier zeigt sich, wie sehr Arthur Schopenhauer ein Lebensphilosoph war, der immer wieder über das Begrifflich-Theoretische hinaus auf die Bedeutung der Anschauung und Lebenspraxis hinwies. Theoretische Erkenntnisse mögen von Wert sein, sie bleiben aber unzureichend, wenn sie nicht mit einer entsprechenden Lebenspraxis verbunden sind.

Damit im wesentlichen übereinstimmend, erklärt das „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“:
Weisheit istdie aus der richtigen Einschätzung der Dinge und Menschen entspringende Lebenshaltung und Handlungsweise . Weisheit  ist nicht gleichbedeutend mit Wissenschaft im Sinne exakter Forschung und organisatorischer Einheit des Wissens…  Weisheit ist auch verschieden von der Klugheit, die zwar eine richtige Einschätzung der Dinge und Menschen sein kann, aber – da sie wesentlich nur am jeweils Nützlichen interessiert ist – nicht einmal zur Begründung einer Lebenshaltung ausreicht . So bestätigt  auch ein ansonsten mehr theoretisch ausgerichtes philosophisches Standardwerk den engen Zusammenhang zwischen Weisheit und Lebenspraxis.

Ein Beispiel hierfür ist Schopenhauers Mitleidsethik, die für seine Lebensphilosophie von zentraler Bedeutung ist. Sie bezieht sich – wodurch sich Schopenhauer von fast allen anderen bedeutenden Philosophen unterscheidet (!) – auch auf Tiere. Wahrer Tierschutz, bei dem Tiere nicht um der Menschen, sondern um ihrer selbst willen geschützt werden, beruht auf dem Mitleid, das nach Schopenhauer die Grundlage der Ethik ist. Tief mitempfundenes Tierleid kann sich ganz erheblich und nachhaltig auf die persönliche Lebenspraxis auswirken, ja letztlich kann  es als notwendige Konsequenz zu einer veganen Lebensweise führen, die das „alte“ Leben durch und durch verändert. Auch das gehört – jedenfalls nach meinem Verständnis – zur Weisheit im Sinne der Lebensphilosophie von Arthur Schopenhauer.

Es ist natürlich viel einfacher und bequemer, sich darauf zu beschränken, über Weisheit zu reden und, wenn es geistreich sein soll, darüber noch „kluge Worte“ von sich zu geben. Mir fällt dann dazu Schopenhauers Gleichnis ein:

Die Weisheit, welche in einem Menschen bloß theoretisch da ist, ohne praktisch zu werden, gleicht der gefüllten Rose, welche durch Farbe und Geruch, Andere ergötzt, aber abfällt, ohne Frucht angesetzt zu haben.
hb

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Arthur Schopenhauer : Pessimismus als Lebensphilosophie ?

Positiv denken!  – so lautet der heute übliche Standardratschlag für Menschen, die niedergeschlagen oder sogar verzweifelt sind. Kann ein solcher Rat wirklich Menschen helfen, die sich durch unheilbare Krankheiten oder andere nicht änderbare Umstände in ausweglosen Situationen befinden? Abgesehen davon, dass oft diejenigen, die derartige Ratschläge geben, selbst nicht in solcher Lage sind, glaube ich nicht, dass man mit oberflächlichem Optimismus tatsächlich auf Dauer wirksam helfen  kann. Meine persönlichen Erfahrungen sprechen eindeutig dagegen!

Wie sind da die Erfahrungen anderer Menschen?  Mit besonderem Interesse habe ich daher Berichte von Menschen zur Kenntnis genommen, denen Schopenhauers Lebensphilosophie nachhaltig geholfen hatte. Das klingt unglaublich, denn gerade Arthur Schopenhauer gilt als Philosoph des Pessimismus.

Geht man der Sache auf den Grund, wird jedoch verständlich, warum Schopenhauers vermeintlich pessimistische Lebensphilosophie durchaus hilfreich sein kann.:

Pessimismus ist (laut „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“, hrsg. von J. Hoffmeister, 2. Aufl.) die Ansicht, nach der Leben und Welt vom Schlechten und Bösen beherrscht werden. Sie kann eine in körperlichen und seelischen Störungen und Mängeln wurzelnde Stimmung sein …, sie kann sich aber auch zur philosophischen Lehre verhärten… Der Pessimismus bildet den Grundzug aller Erlösungsreligionen, besonders des Buddhismus, tritt in der griechischen Orphik, Mystik und Schicksalstragödie hervor, verbindet sich mit Motiven Des Alten Testaments  … im Christentum … (Welt als „Jammertal“) und wird von einzelnen Gnostikern , z. B. besonders von Marcion, für den „diese“ Welt keine Schöpfung Gottes, sondern die des Teufels ist, besonders scharf ausgeprägt. Eine allseitige Begründung des Pessimismus gab Schopenhauer. Er bezeichnete den Optimismus (im Zusammenhang mit Leibnitz und Hegel) als eine „ruchlose Denkungsart“, indem er sich darauf berief, dass sich in dieser Welt alle lebendigen Wesen nur dadurch erhalten könnten, dass sie sich gegenseitig auffressen.

Bereits der Buddha hatte mehr als 2000 Jahre vor Schopenhauer erkannt, dass  Welt und Leid untrennbar miteinander verbunden sind und dieses solange wir noch in dieser Welt sind, nicht aufgehoben werden kann:

Wahrlich ich sage euch: Ohne das Ende der Welt erreicht zu haben, ist dem Leiden kein Ende zu machen. Das aber verkünde ich: In diesem sechs Fuß hohen, mit Wahrnehmung und Bewußtsein versehenen Körper, da ist die Welt enthalten, ihr Entstehen und Vergehen, wie auch der zu der Welt Ende führende Pfad.

Aus dieser Aussage des Buddha wird deutlich, dass hier zunächst eine pessimistische Weltsicht zu Grunde liegt. Der vom Buddha gelehrte „Pfad“, der aus dieser Welt des Leides hinausführt, also die buddhistische Lebensphilosophie, ist jedoch überaus optimistisch, denn er verheißt das Ende allen Leides. Die Philosophie Schopenhauers ist wie die des Buddha, und zwar mit erstaunlicher Übereinstimmung, zutiefst eine Erlösungslehre. Sie geht zunächst von einer pessimistischen Weltauffassung aus, endet dann aber mit der begründeten Aussicht, aus dieser Welt des Leides erlöst zu werden.

So bietet Schopenhauers Lebensphilosophie allen denen Trost, welche die Welt sehen, wie sie ist, nämlich leidvoll, und sich dabei nicht durch einen oberfächlichen Optimismusglauben betäuben lassen. Ist nicht eine zunächst pessimistisch erscheinende Lebensphilosophie, die über dieses leidvolle Leben hinausblickt  und den Erlösungsgedanken  beinhaltet,  letztlich positives Denken? In diesem Sinne ist für mich Arthur Schopenhauer Optimist und wahrer Lebenshelfer.
hb

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Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie sowie zum Buddhismus
> www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de
> www.schopenhauer-buddhismus.de