Arthur Schopenhauer : Zum Charakter des Menschen

Arthur Schopenhauer hatte so tiefgründig wie  kaum ein anderer bedeutender Philosoph das Böse und das Gute im Charakter des Menschen zum Thema seiner Philosophie gemacht. Was Schopenhauer dazu schrieb, hat, jedenfalls nach meinen Lebenserfahrungen, auch nach mehr 150 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt: Der Punkt, an welchem die moralischen Tugenden und Laster des Menschen zuerst auseinandergehn, ist jener Gegensatz der Grundgesinnung gegen andere, welche nämlich entweder den Charakter des Neides oder aber den des Mitleides annimmt. Denn diese zwei einander diametral entgegengesetzten Eigenschaften trägt jeder Mensch in sich, indem sie entspringen aus der ihm unvermeidlichenVergleichung des eigenen Zustandes mit dem der andern: je nachdem nun das Resultat dieser auf seinen individuellen Charakter wirkt, wird die eine oder die andere Eigenschaft seine Grundgesinnung und die Quelle seines Handelns.

Der schlechteste Zug in der menschlichen Natur bleibt aber die  Schadenfreude, da sie der Grausamkeit enge verwandt ist, ja eigentlich von dieser sich wie Theorie und Praxis unterscheidet, überhaupt da eintritt, wo das Mitleid seine Stelle finden sollte … Der Neid (ist), wenngleich verwerflich, doch noch einer Entschuldigung fähig und überhaupt menschlich; während die Schadenfreude teuflisch und ihr Hohn das Gelächter der Hölle ist. … Denn daß der Mensch  beim Anblick fremden Genusses und Besitzes  den eigenen Mangel bitterer fühle, ist natürlich, ja unvermeidlich: nur sollte dies nicht seinen Haß gegen den Beglückteren erregen: gerade hierin aber besteht der eigentliche Neid.

Dem Bösen im Menschen, das sich in Neid, Schadenfreude und Grausamkeit äußert, steht jedoch etwas gegenüber, das für Schopenhauer die wahre Quelle aller echten Gerechtigkeit und Menschenliebe ist : MITLEID. Diese Aussage ist für die Ethik in Schopenhauers Philosophie von zentraler Bedeutung, denn, so Schopenhauer:  Neid nämlich baut die Mauer zwischen Du und Ich fester auf: dem Mitleid wird sie dünn und durchsichtig; ja bisweilen reißt es sie ganz ein, wo dann der Unterschied zwischen Ich und Nicht-Ich verschwindet.

Die Philosophie Schopenhauers enthält eine den „indischen“ Religionen (Buddhismus, Hinduismus, Jainismus) erstaunlich ähnliche Erlösungslehre. In ihrem Kern geht es darum, die Grenze zwischen dem Ich und dem Du (Nicht-Ich) zu überwinden. Deshalb ist es von größter Bedeutung, inwieweit Neid und Mitleid unseren Charakter kennzeichnen.
 hb

Übersicht (alphabet. in Stichwörtern) zu den Themen der Arthur Schopenhauer – Blogs ist
> hier

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie
> www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

Advertisements