Unsterbliche Seele in Mensch und Tier ?

Das, was  Seele genannt werde, so schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung sei „seit Sokrates´ Zeit und bis auf unsrige“ ein „Hauptgegenstand des unaufhörlichen Disputierens der Philosophen.“(1)

Auch Schopenhauer ging in seiner Philosophie auf die immer wieder beunruhigende Frage nach der Unsterblichkeit der Seele ein:

„Die sogenannte Seele“, so erklärte Schopenhauer in seiner Schrift Über den Willen in der Natur, „ist die Verbindung des Willens mit dem Intellekt.“(2)

Der Intellekt als bloße Gehirnfunktion des Denkens und Erkennens gehört dem Bereich des Physischen an. Er ist nur eine Erscheinungsform, eine Manifestation des Willens, der jedoch laut Schopenhauer metaphysisch und der eigentliche Kern jedes Lebewesens ist.

Durch den Tod wird nur das Physische und somit auch das Gehirn mit seiner Funktion, dem Intellekt, zerstört. Der metaphysische  Kern hingegen bleibt vom Tod unberührt.  Insofern ist die Seele, wenn man diesen Begriff auf den metaphysischen Kern, den Willen, beschränkt, unsterblich.

Bereits 1821 schrieb Schopenhauer in eines seiner Manuskripte zu der Frage, ob die Seele unsterblich ist: „In Folge meiner Lehre ist die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele dahin zu beantworten, daß das Ende der Person ebenso real ist, als ihr Anfang und wir nach dem Tode in eben dem Sinn nicht mehr sein werden, als wir vor der Geburt nicht waren. Aber die Person erschöpft nicht das Wesen, welches sich Ich nennt: sondern die Person ist bloß die Manifestation, eine Äußerung jenes Wesens, welches daher vom Anfang und Ende solcher Äußerung nicht berührt wird.“(3)

Somit manifestiert sich in jedem Menschen und in jedem Tier (!) das Unsterbliche – egal ob man es als Wille , als Seele oder  (wie in den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden) als Atman bzw. Brahman bezeichnet.

Im Abendland hingegen war es bis weit in die Neuzeit hinein wegen des herrschenden Christentums keineswegs üblich, auch den Tieren eine unsterbliche Seele zuzuerkennen. So heißt es hierzu in einem Beitrag zum Sammelwerk Mensch und Tier in der Geschichte Europas: „Zwar sprachen die meisten christlichen Theologen den Tieren nicht die Seele ab, qualifizierten sie aber als sterblich (so auch die heutige Dogmatik).“(4)

Es waren weniger die dogmatisch festgelegten Theologen als vielmehr Menschen, die  durch ihr Mitgefühl mit Tieren deren innere Nähe zu den Menschen erkannten. Selbstverständlich wäre da vor allem Arthur Schopenhauer zu erwähnen, aber auch Jakob Grimm, ein Zeitgenosse Schopenhauers, ist hierfür ein Beispiel, denn er erklärte:

„Es ist nicht bloß die äußere menschenähnlichkeit der thiere, der glanz ihrer augen, die fülle und schönheit ihrer gliedmaßen, was uns anzieht, auch die wahrnehmung ihrer mannigfaltigen triebe, kunstvermögen, begehrungen leidenschaften und schmerzen zwingt in ihrem innern ein analogon [ein Ähnliches] von seele anzuerkennen.“(5)

Selbst wenn man diese hier erörterte, im Grunde metaphysische Frage rational nicht eindeutig beantworten kann, so ist es doch eine Anmaßung zu behaupten, der Mensch hätte eine unsterbliche Seele, das Tier aber nicht. Arthur Schopenhauer war wohl der erste weltbedeutende Philosoph der Neuzeit, der sich sehr entschieden  gegen solche  anthropozentrische Überheblichkeit wandte. Für Schopenhauer war im „innern Kern“, den man im allgemeinen Sprachgebrauch als Seele bezeichnen könnte, zwischen Tier und Mensch kein Unterschied. Ausführlich und sehr tiefsinnig begründete er in seiner Philosophie, daß das „Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe“ sei. (6)

Hierbei geht es nicht bloß um Fragen von theoretischer Bedeutung, weil je nach ihrer Beantwortung die praktischen Konsequenzen durchaus erheblich sein können. Wer auch den Tieren eine unsterbliche Seele zuerkennt, hat ein anderes Verhältnis zu Tieren und wird deshalb wohl weniger geneigt sein, sie gleichsam als Sachen anzusehen und  dementsprechend zu behandeln.

Im übrigen kann der Gedanke an das Unsterbliche, und zwar unabhängig davon, ob man  hierbei an das Wort Seele denkt, sehr viel Tröstliches bieten. Offenbar hatte solchen Trost der alte Buddenbrook gesucht, als er in den letzten Stunden seines Lebens in Schopenhauers Hauptwerk das spirituell sehr tiefe und literarisch kaum zu übertreffende Kapitel Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich las. Diesen Trost dürfte er bei Arthur Schopenhauer gefunden haben, denn Thomas Mann, Autor des Romans Buddenbrooks, schrieb in einem Essay über Schopenhauers Philosophie:

Man kann damit leben und sterben, – namentlich sterben: ich wage zu behaupten, daß die Schopenhauersche Wahrheit, daß ihre Annehmbarkeit in der letzten Stunde standzuhalten, und zwar mühelos, ohne Denkanstrengung, ohne Worte standzuhalten geeignet ist.(7)

H.B.

Weiteres
zum Thema Seele > Arthur Schopenhauer : Seelenwanderung und Wiedergeburt
und zu  Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band III, S. 316.
(2) Schopenhauer , a. a. O., Band V, S. 219.
(3) Arthur Schopenhauer , Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden, hrsg. von Arthur Hübscher, Band 3, S. 85.
(4) Peter Dinzelbacher (Hg.), Mensch und Tier in der Geschichte Europas, Stuttgart 2000, S. 268.
(5) Zit. aus: Dinzelbacher, a. a. O., S. IX.
(6) Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band VI, S. 280.
(7) Thomas Mann , Schopenhauer , zit. aus: Über Arthur Schopenhauer, , hrsg. von Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981,  S. 112.

 

 

 

 

 

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Wahrheit und Zeitgeist

Arthur Schopenhauer veröffentlichte sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung 1819 im Brockhaus-Verlag, und zwar, so schrieb er an den Verleger, in der „festen Überzeugung“, dass sein Buch „nachher die Quelle und der Anlaß von hundert andern Büchern werden“ würde. Das Buch enthalte „nicht eine neue Darstellung des schon Vorhandenen: sondern eine im höchsten Grad zusammenhängende Gedankenreihe, die bisher noch  nie in irgend eines Menschen Kopf gekommen“ sei.(1) Dementsprechend hoffnungsvoll erwartete dann Schopenhauer den Verkauf seines Buches und das Echo der philosophisch interessierten Öffentlichkeit.

Etwa zehn Jahre danach erkundigte sich Schopenhauer beim Verleger nach dem Absatz seines Werkes.(2) Der antwortete ihm, dass noch 150 Exemplare des Werkes vorrätig seien, wie viele verkauft worden seien, könnte er aber nicht sagen, da er vor mehreren Jahren eine bedeutende Anzahl zu Makulatur gemacht habe. (3)  Eine wirklich niederschmetternde Antwort für Schopenhauer.

Dennoch ließ sich Schopenhauer nicht entmutigen. Er wandte sich 1843 erneut an den Brockhaus-Verlag, um diesem den zweiten Band seines Hauptwerkes zur Veröffentlichung anzubieten. Dieser Band habe  „bedeutende Vorzüge vor dem ersten und verhält sich zu diesem, wie das ausgemalte Bild zur bloßen Skizze … Jedenfalls ist es das Beste, was ich geschrieben habe“ (4).

Die Antwort des Verlegers war noch trostloser als beim ersten Band: Der Verlag könne auf Schopenhauers Antrag nicht eingehen, auch nicht wenn dieser auf sein Honorar verzichte. Der Verlag habe mit seinem Werk von 1819 „ein zu schlechtes Geschäft“ gemacht.  (Von den nach der letzten Makulierung im Jahre zurückgebliebenen 50 Exemplaren war noch immer eine „für die Nachfrage genügende“ Anzahl vorhanden.) Nur wenn Schopenhauer noch Druckkosten übernehme, wolle der Verlag die beiden Bände in Kommission nahmen.(5) Jedenfalls deutlicher konnte der Verlag kaum zum Ausdruck bringen, wie gering er den Wert von Schopenhauers Hauptwerk für die Öffentlichkeit einschätzte.

Es dürfte verständlich sein, wenn Schopenhauer diese fehlende Wertschätzung seiner bisherigen Lebensarbeit verbitterte und meinte: „Mein Zeitalter und ich passen nicht für einander.“ (6) Der von Hegel und anderen Fortschrittsgläubigen sowie der Theologie beherrschte philosophische Zeitgeist stand Schopenhauers Philosophie entgegen. Mochte sie noch so sehr der Wahrheit entsprechen, die akademisch etablierte „Philosophie“ nahm Schopenhauer nicht oder nur am Rande zur Kenntnis.

Die fast völlige Nichtbeachtung Schopenhauers  änderte sich grundlegend erst in dessen letztem Lebensjahrzehnt, und zwar weniger durch die Universitätsphilosophie als vielmehr durch seine 1851 veröffentlichten Aphorismen zur Lebensweisheit. „Dieser weise-gelassene und zugleich blendende Rechenschaftsbericht eines ganzen Lebens, mit dem wir dem menschlichen Bilde Schopenhauers näher sind als je“ (7) brachte – und bringt auch heute noch – Schopenhauer eine  weit über den akademischen Bereich hinaus reichende Vielzahl von Lesern. Auch für diesen Blog zu Schopenhauers Lebensphilosophie sind dessen Aphorismen eine Schatzkammer voller tiefer und dabei immer sehr lebensnah bleibender Weisheiten.

Ein Beispiel für das zunehmende Interesse der Öffentlichkeit an Schopenhauers Wahrheiten ist eine Rezension, die 1855 in einer Belletristischen Beilage einer Frankfurter Zeitung erschien:

„Schopenhauers Philosophie steht schon seit 1818 am Himmel der philosophischen Forschung, ohne daß sie wie sie es verdient beachtet wurde. Die Nebel der bisherigen Philosophien hinderten sie zu erblicken. Jetzt, da diese Nebel gefallen sind, steht sie klar am Himmel, wie die Sonne, und wird nicht untergehen. Sie ist eine Bestätigung des Wortes: die Wahrheit wird euch frei machen. Niemand hat sie bis jetzt widerlegen können. Alle Versuche, die hie und da von schwachen Händen gemacht worden, sind wie von einem Felsen abgeprallt. Wer Schopenhauers Philosophie kennt, wird dieses begreiflich finden. Was will Schopenhauer? Was gibt seiner Philosophie die unwiderstehliche Gewalt? Es ist die einfache Thatsache, daß diese Philosophie, welche aus der Erfahrung schöpft, mit der Erfahrung übereinstimmt, daß sie ihre Bestätigung aus beinahe allen empirischen Wissenschaften erhält. Dies und die seltene Wahrhaftigkeit ihres Urhebers macht sie so unwiderstehlich.“ (8)

Für Schopenhauer waren solche positiven Beurteilungen eine Entschädigung für die vielen Jahren, in welchen er sich als Kaspar Hauser der Philosophie fühlen musste. So hatte er nun „den Philosophieprofessoren eine betrübte Nachricht mitzuteilen. Ihr Kaspar Hauser, den sie beinahe vierzig Jahre hindurch, von Licht und Luft so sorgfältig abgesperrt und so fest eingemauert hatten, daß kein Laut sein Daseyn der Welt verrathen konnte, – ihr Kaspar Hauser ist entsprungen!“ (9)

Nun konnte sich Schopenhauer in seiner Überzeugung bestätigt finden, dass die Wahrheit trotz aller Hindernisse, die der Zeitgeist ihr entgegenzustellen vermag, sich zwar langsam, aber letztlich durchsetzen wird:

„Die Wahrheit kann warten: denn sie hat ein langes Leben vor sich. Das Aechte und ernstlich Gemeinte geht stets langsam seinen Gang und erreicht sein Ziel, freilich fast wie durch ein Wunder … Wenn die Wahrheit, um wahr zu seyn, bei Denen um Erlaubniß zu bitten hätte, welchen ganz andere Dinge am Herzen liegen; da könnte man freilich an ihrer Sache verzweifeln.“ (10.)

Arthur Schopenhauer verzweifelte nicht. Er wusste aus eigener jahrzehntelanger Erfahrung „daß die Einsicht Einzelner sich nicht gelten machen kann, so lange der Geist der Zeit nicht reif ist, sie aufzunehmen.“ (11)  Wer die Wahrheit entgegen dem Zeitgeist den Menschen nahezubringen versucht, benötigt Geduld und nicht selten auch Mut:

Die Wahrheit steckt tief im Brunnen, – hat Demokritos gesagt, und die Jahrtausende haben es seufzend wiederholt: aber es ist kein Wunder; wenn man, sobald sie heraus will, ihr auf die Finger schlägt.“ (12)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosphie > hier.

Zitatquellen

(1) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 29 f.
(2) Ebd., S. 108.
(3) Ebd., S. 517.
(4) Ebd., S. 195.
(5) Ebd., S. 536.
(6) Aus Arthur Schopenhauer´s handschriftlichem Nachlaß,
hrsg. v. Julius Frauenstädt, Leipzig 1864, S. 477.
(7) Arthur Schopenhauer – Ein Lebensbild von Arthur Hübscher,
2. Aufl., Wiesbaden 1949, S. 96.
(8) Zit. n. Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 697.
(9) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürch 1977
(Zürcher Ausgabe), Band V: Ueber den Willen in der Natur, S. 185.
(10) Ebd., S. 207 f.
(11) Schopenhauer , Werke, a. a. O.,
Band VII:Parerga und Paralipomena I, S. 14.
(12) Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band V,  S. 219.

 

 

 

 

 

Bemerkenswert

Tierethik und Schopenhauers Philosophie

            Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Thiere! – schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. (1) Dort und auch in anderen seiner Schriften wird deutlich, wie sehr er die Tiere, die für die meisten Philosophen zu jener Zeit kein Thema waren, in seine Philosophie einbezog. Das gilt besonders für einen zentralen Bereich seiner Philosophie, nämlich für seine Mitleidsethik :

            Mitleid mit Thieren hängt mit der Güte des Charakters  so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, könne  kein guter Mensch seyn. Dieses Mitleid mit Tieren, so fügte Schopenhauer hinzu, sei aus der selben Quelle mit der gegen Menschen zu übenden Tugend entsprungen. (2)

            In Schopenhauers Mitleidsethik hat die Tierethik besondere Bedeutung, wie Dieter Birnbacher, Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik, unter der Überschrift Mitleidsethik in seinem Buch Schopenhauer (3) darlegt:

           “ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik und die aus seinen Grundprinzipien abgeleitete Forderung nach angemessenem Schutz der leidensfähigen und insbesondere der in Gemeinschaft mit dem Menschen lebenden Tiere vor Quälerei, Ausbeutung und Überforderung. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen.

            Schopenhauer hat die Idee des Tierschutzes zwar nicht erfunden. Das erste Tierschutzgesetz, der sogenannte Martin’s Act, war bereits 1822 in England erlassen worden, Tierschutzvereine bestanden bereits in mehreren deutschen Städten (Schopenhauer gehörte 1841 zu den Mitbegründern des Frankfurter Vereins). Aber Schopenhauer hat diese Initiativen, indem er sie mit einer tragfähigen ethischen Grundlage ausstattete, entscheidend gefördert. […]

            Die Grundlage von Schopenhauers Tierethik ist dieselbe, die sich auch bereits bei Bentham und vorher ansatzweise bei Hume und Rousseau findet, nämlich dass das Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist (4). Diese entscheidende Gemeinsamkeit ist die Leidensfähigkeit. Tiere und Menschen stimmen darin überein, dass sie Schmerzen empfinden und unter der Frustration natürlicher Bedürfnisse leiden. Bereits die Gemeinsamkeiten im äußeren Ausdrucksverhalten machen es für Schopenhauer evident, dass zwischen Mensch und höheren Tieren eine enge Verwandtschaft besteht. Auch die tierische Anatomie lasse keine scharfe Grenze, sondern lediglich fließende Übergänge zwischen Mensch und Tier erkennen. (5) Diese äußeren Ähnlichkeiten lassen es jedoch unzweifelhaft erscheinen, dass sich die Formen des inneren Erlebens von Mensch und Tier ebenfalls nicht abgrundtief unterscheiden. Aufgrund ihres intelligenten Verhaltens glaubt Schopenhauer einigen hochentwickelten Tieren, insbesondere Elefanten, sogar eine rudimentäre Denk- und Vernunftfähigkeit zuschreiben zu können. (6)

            Auch hier bezieht Schopenhauer eine scharfe Gegenposition zu Kant. Kant meinte, dass der Mensch über einen nicht vollständig naturalistisch zu erklärenden Wesenskern (das intelligible, das heißt nicht empirisch aufweisbare Ich) verfügt, der ihm den Status einer Person verleiht und es anderen verbietet, ihn bloß als Mittel zu behandeln. Dieser Wesenskern manifestiere sich in der Vernunft, insbesondere in der praktischen Vernunft, der Fähigkeit, sich selbst Verhaltensnormen zu geben und sein Handeln an diesen Normen auszurichten. Für Schopenhauer stellt diese Metaphysik die wahren Verhältnisse geradewegs auf den Kopf. Sofern der Mensch über einen Wesenskern verfügt, ist dieser kein Alleinbesitz des Menschen, sondern ein Besitz aller Lebewesen; die Fähigkeit der Vernunft ist zwar für den Menschen charakteristisch, […] Die moralische Einstellung richte sich aber nicht danach, welchen Platz ein Wesen aufgrund seiner spezifischen Fähigkeiten oder Potenziale in der Rangfolge der Lebewesen einnimmt, sondern ausschließlich danach, wie sehr es leidet […]

            Eine wichtige Quelle von Schopenhauers Ausweitung seiner Mitleidsethik auf die Tiere ist zweifellos seine Bekanntschaft mit Teilen der asiatischen Philosophietradition. Schopenhauer war einer der ersten westlichen Philosophen, die sich mit dem asiatischen Denken, vor allem mit den aus Indien stammenden Richtungen des Buddhismus und Hinduismus, vertraut gemacht haben. Auch deshalb stand ihm die nur sporadische Berücksichtigung der Tiere in der Philosophie und Theologie des Westens mit besonderer Deutlichkeit vor Augen.

            Von daher ergab sich für ihn auch eine naheliegende Erklärung des Vollzugsdefizits der westlichen Ethik: Die Quelle des Übels sei der Herrschaftsauftrag der biblischen Schöpfungsgeschichte, der zunächst im Judaismus, dann im Christentum zum Dogma wurde und von da aus das gesamte westliche Denken infizierte. Nichts anderes als der Mythos, nach dem Gott sämmtliche Thiere, ganz wie Sachen und ohne alle Empfehlung zu guter Behandlung, wie sie doch meist selbst ein Hundeverkäufer, wenn er sich von seinem Zöglinge trennt, hinzufügt, dem Menschen übergiebt, damit er über sie herrsche, also mit ihnen thue was ihm beliebt (7), habe den Wahn in die Welt gebracht, dass unser Handeln gegen [die Tiere] ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen Thiere keine Pflichten gebe (8).“

               Auf eine der Gründe, warum sich, besonders was die Tierethik betrifft,  die vom Christentum geprägte westliche Ethik von der des Hinduismus fundamental unterscheidet, hat der Religionswissenschaftler und Indologe Helmuth von Glasenapp hingewiesen: „Während der Inder in allem Lebenden, vom Grashalm bis zum Gott Brahma, […]  eine Stufenfolge von Einzelwesen sieht, die alle gleicherweise der Metempsyhose [Seelenwanderung] unterliegen und der Erlösung teilhaftig werden können, haben Pflanzen und Tiere für den Christen keine unsterblichen Seelen und sind deshalb nicht in den Heilsprozeß einbegriffen.“ (9) In diesem Sinne wären Tiere mehr als Sachen zu verstehen und nicht wie bei den Hindus als göttliche Manifestationen oder wie bei Schopenhauer eine – gleich dem Menschen – Erscheinungsform des metaphysischen „Willens“. Daher sind nach Auffassung Schopenhauers und des Hinduismus Mensch und Tier wesensgleich – was sich auch in der Einstellung zu den Tieren positiv widerspiegelt. (10)

            Tierethik war für Arthur Schopenhauer nicht bloß ein, wenngleich wichtiges  Thema seiner Philosophie, sondern weit mehr – ein Herzensanliegen. So schrieb er  in seinem Manuskript (11):

Arthur Schopenhauer : Tiere
Arthur Schopenhauer über Tiere

            Ich muß es aufrichtig gestehn: der Anblick jedes Thiers erfreut mich unmittelbar [,] und mir geht dabei das Herz auf ; …

            Die Bedeutung Arthur Schopenhauers und seiner Philosophie für die Tierethik hat Dieter Birnbacher sehr treffend am Schluss seines Buches zusammengefasst:

            „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein Rufer in der Wüste. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte.“ (12)

H.B.

Weiteres zu > Schopenhauers Philosophie und zur > Tierethik .

Anmerkungen
(1)   Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 566.
(2)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band VI: Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 281.
(3)   Dieter Birnbacher , Schopenhauer , Stuttgart 2009, S. 125 ff.
(4)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 280.
(5)   Ebd.
(6)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 76.
(7)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band X: Parerga und Paralipomena II, S. 409.
(8)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 278.
(9)   Helmuth von Glasenapp, Die Philosophie der Inder,
3. Aufl.,Stuttgart 1974, S. 15.
(10)  Besonders positiv zeigt sich die Tierethik in den beiden
ebenfalls in Indien entstandenen, jedoch im Gegensatz
zum Hinduismus eindeutig atheistischen Religionen, nämlich
dem > Buddhismus und dem ihm verwandten > Jainismus .
Die Jaina-Religion kann, da der Schutz allen Lebens und somit
auch der Tiere sehr umfassend ist, fast als > „Tierschutz-Religion“
gelten, zumal die Jainas Vegetarier, viele sogar Veganer sind.
(11)  Arthur Schopenhauers handschritftlicher Nachlass
in der Staatsbibliothek Berlin, Senilia (1853) , Bl. 25.
(12) Dieter Birnbacher, a. a. O., S. 131.
Zum Begriff Rufer in der Wüste verweist Birnbacher auf Wolfgang Lenzen,
Liebe, Leben, Tod. Eine moralphilosophische Studie, Stuttgart 1999. S. 286.

 

 

Schopenhauer : Praktische Philosophen

           Was zeichnet jene Menschen aus, welche Arthur Schopenhauer praktische Philosophen nannte? Es ist wohl vor allem der praktische Gebrauch der Vernunft. Dazu Schopenhauer :

            „Als praktisch zeigt sich endlich die Vernunft ganz eigentlich in den recht vernünftigen Charakteren, die man deswegen im gemeinen Leben praktische Philosophen nennt, und die sich auszeichnen durch einen ungemeinen Gleichmuth bei unangenehmen, wie bei erfreulichen Vorfällen, gleichmäßige Stimmung und festes Beharren bei gefaßten Entschlüssen.

            In der That ist es das Vorwalten der Vernunft in ihnen, d. h. das mehr abstrakte, als intuitive Erkennen und daher das Ueberschauen des Lebens, mittelst der Begriffe, im Allgemeinen, Ganzen und Großen, welches sie ein für alle Mal bekannt gemacht hat mit der Täuschung des momentanen Eindrucks, mit dem Unbestand aller Dinge, der Kürze des Lebens, der Leerheit der Genüsse, dem Wechsel des Glücks und den großen und kleinen Tücken des Zufalls.

            Nichts kommt ihnen daher unerwartet, und was sie in abstracto [in Begriffen] wissen, überrascht sie nicht und bringt sie nicht aus der Fassung, wann es nun in der Wirklichkeit und im Einzelnen ihnen entgegentritt, wie dieses der Fall ist bei den nicht so vernünftigen Charakteren, auf welche die Gegenwart, das Anschauliche, das Wirkliche solche Gewalt ausübt, daß die kalten, farblosen Begriffe ganz in den Hintergrund des Bewußtseyns treten und sie, Vorsätze und Maximen vergessend, den Affekten und Leidenschaften jeder Art preisgegeben sind. […]

            Meiner Ansicht nach [war], die Stoische Ethik ursprünglich nichts, als eine Anweisung zu einem eigentlich vernünftigen Leben […] Von Tugend und Laster ist bei solcher Vernünftigkeit des Wandels eigentlich nicht die Rede, aber dieser praktische Gebrauch der Vernunft macht das eigentliche Vorrecht, welches der Mensch vor dem Thiere hat, geltend, und allein in dieser Rücksicht hat es einen Sinn und ist zulässig von einer Würde des Menschen zu reden.“ (1)

            Obgleich der praktische Gebrauch  der Vernunft laut obigem Zitat das ist, was  den praktischen Philosophen ausmacht,  war für Schopenhauer das bloße Denken in Begriffen nicht das Wichtigste in der Philosophie:

            „Eine seltsame und unwürdige Definition der Philosophie, die aber sogar Kant giebt, ist diese, daß sie eine Wissenschaft aus bloßen Begriffen wäre […] Eine wahre Philosophie  [läßt] sich nicht herausspinnen aus bloßen, abstrakten Begriffen; sondern muß begründet seyn auf Beobachtung und Erfahrung, sowohl innere, als äußere […]

            Sie [die wahre Philosophie] muß, so gut wie die Kunst und Poesie, ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben; auch darf es dabei, so sehr der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, daß nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion käme und durch und durch erschüttert würde.“ (2)

            Daher stellt sich schließlich die Frage:  Sind die bloß vernünftigen, also die sogenannten praktischen  Philosophen überhaupt Philosophen? Jedenfalls wahre Philosophen sind sie wohl kaum, denn Schopenhauer gab am Ende des Zitates dem französischen Philosophen Vauvenargues Recht, der meinte:

Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen. (3)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

Anmerkungen

(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden,
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band II:  Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 633 f.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band IX: Parerga und Paralipomena II, S. 15.
(3) Ebd.

 

Schopenhauer : Fortschrittsglaube und Optimismus

        Arthur Schopenhauer lebte zu einer Zeit, in der die Naturwissenschaften und Technik  gewaltige Fortschritte machten. Daher ist es verständlich, wenn im 19. Jahrhundert weithin geglaubt wurde, dass der Mensch und mit ihm die Gesellschaft  sich immer mehr zum Besseren, Höheren, Vollkommeneren entwickeln würden. Dieser Fortschrittsglaube war – wie zum Beipiel die damals in Anlehnung an Hegels Philosophie entstehende marxistische Lehre  – oft mit einem Optimismus verbunden, der kaum Grenzen kannte. Die schrecklichen Ereignisse im 20. Jahrhundert und die immer deutlicher werdenden Folgen der Naturzerstörung in diesem Jahrhundert zeigen, wie sehr Schopenhauer Recht hatte, wenn er diesen Optimismus nicht teilte und ihn im Rahmen seiner Philosophie  grundsätzlich ablehnte. Das lag jedoch nicht daran, dass Schopenhauer, wie  völlig unzutreffend behauptet wird, an einer Verbesserung der sozialen Probleme seiner Zeit kein Interesse gehabt hätte  – das Gegenteil ist der Fall! So schrieb Arthur Hübscher, ehemals langjähriger  Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft, in seinem sehr lesenswerten Buch Denker gegen den Strom. Schopenhauer: gestern – heute – morgen (2. Aufl., Bonn 1982, S. 213 f.):

          „Er [ Schopenhauer ] hat das Problem der sozialen Ungerechtigkeit so gut gekannt wie Marx. Er stellt es in den Zusammenhang der großen Abscheulichkeiten der Menschheitsgeschichte. So wie er von Religionskriegen und -metzeleien spricht, von den Kreuzzügen, einem ´zweihundertjährigen ganz unverantwortlichen Gemetzel `, von der Inquisition, den Bluthochzeiten und Ketzergerichten, von den blutigen Eroberungen der Mohammedaner in drei Weltteilen, von der Ausrottung der Urbevölkerung Amerikas, der Mauren und Juden in Spanien, so spricht er von dem trostlosen Leben der Negersklaven in Amerika, von der unerhörten, kalt berechnenden und wahrhaft teuflischen Grausamkeit, mit der die Portugiesen in Mozambique ihre Sklaven behandeln, und nicht minder von den drei Millionen europäischer Weber, die ´unter Hunger und Kummer in dumpfigen Kammern oder trostlosen Fabriksälen schwach`dahinvegetieren. Jeder Versuch, Einhalt zu gebieten, Abhilfe zu schaffen, Not zu lindern, ist seiner wärmsten Zustimmung gewiß. Mit tiefer Ergriffenheit spricht er von William Wilberforce, der die Aufhebung des Negerhandels im britischen Machtbereich durchsetzte, wie er nicht minder die segensreiche Arbeit der Tierschutzvereine rühmt und nach Kräften fördert, die seit 1840 dem maßloseıı Elend der gequälten, unterdrückten Tierwelt entgegenwirken. Aber er weiß, besser als Marx, daß alle Hilfe, aller Protest, aller Kampf gegen Not und Grausamkeit immer nur Teilerscheinungen des allgemeinen Übels beseitigen können, um sogleich wieder andern Platz zumachen. Und wenn er als das Nötigste ´Toleranz, Geduld, Schonung und Nächstenliebe` erklärt, ´deren jeder bedarf und die daher auch jeder schuldig ist`, so weiß er doch, daß er nur die Einzelnen anspricht. die für sein Wort empfänglich sind, daß im Ganzen aber, solange diese Welt besteht, auch der ewige Teufelskreis von Feindschaft, Haß und Not bestehen bleiben wird.

        Gleichgültig, wer nun einmal die Führer, wer die Geführten sind, gleichgültig auch, unter welchen Formen und Symbolen, in welchen örtlichen und zeitlichen Zusammenhängen sie erscheinen: nichts kann dem seit Jahrtausenden immer gleichen Zustand menschlichen Elends und Jammers abhelfen,kein Tyrannenmord, kein Aufstand und keine Revolution, kein Rassenkampf, kein Klassenkampf, keine soziale Reform und keine Änderung von Gesellschaftsformen und -strukturen, keine Umschichtung von Bevölkerungsmassen, nicht die Erschließung von Aufstiegs- und Bildungsmöglichkeiten für benachteiligte Volksschichten, keine neuen Formen religiösen, ethischen, wirtschaftlichen Eingreifens in das Gefüge überkommener Verhältnisse. Dies alles bringt nur einen zeitbedingten Wandel, es ist ein immer neues, zutiefst verständliches Aufbäumen gegen das Sklaventum des Menschseins, aber es birgt immer wieder auch den Keim des Scheiterns in sich. Die Formen des Menschenlebens, die Masken und Kulissen ändern sich, die Menschen selbst ändern sich nicht. Sie bleiben gleich unwandelbar, unbelehrbar, unerziehbar, dem Verhängnis und der Not ihres Alltags zugewandt und ausgeliefert. Unausweichlich bestimmen Herrschaft und Abhängigkeit die sozialen Ordnungen. Nichts kann etwas daran ändern: weder die Steigerung der produktiven Kräfte, die Bändigung und zunehmende Erschließung der Natur, noch die Versuche, die menschliche Vernunft zur Geltung zu bringen, durch Arbeitsteilung und zunehmende Aufsplitterung und organisatorische Gliederung des Wissens und seiner Anwendungsmöglichkeiten. Jede Besserung schafft neue Lasten, jeder Fortschritt ist mit Rückschritt gepaart, jede schöne Hoffnung endet in Enttäuschung, und immer liegt das Elend als Kehrseite des Wohlstandes drohend im Hinterhalt.

        Kants Frage also, ´ob das menschliche Geschlecht in ständigem Fortschreiten zum Besseren sei`, beantwortete Schopenhauer mit einem klaren Nein.“

        Schopenhauers Antwort konnte nur ein eindeutiges Nein sein, denn – wie  er in seiner Philosophie tief und ausführlich begründete – bleibt das Wesen des Menschen, sein eigentliches Innere, sein Charakter, trotz aller Wandlungen der äußeren Formen und der Umwelt unverändert. Ausnahmen hiervon waren für Schopenhauer nur die „Heiligen“, womit er zum Beispiel den von ihm hochverehrten Buddha meinte. Von Arthur Schopenhauer wie vom Buddha wurde das Mitleid als eine überaus wertvolle Charaktereigenschaft hervorgehoben. Menschen mit Mitgefühl werden einem leidenden Wesen – sei es Mensch oder Tier – helfen, und zwar unabhängig davon, ob sie damit die Gesellschaft insgesamt zum Besseren verändern.

        Mitleid kann laut Schopenhauer den ansonsten fast grenzenlos vorherrschenden Egoismus überwinden.  Dass die Natur im Laufe der Evolution Wesen hervorbrachte, die Mitleid empfinden können, ist deshalb, jedenfalls nach meiner Überzeugung, ein Fortschritt. Warum sollte das nicht auch weiterhin geschehen? Zumindest in dieser Hinsicht bin ich nicht ohne Optimismus.

H.B.

S. dazu auch

> Schopenhauer – ein Reaktionär ?

> Schopenhauer und die Soziale Frage

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Lob der Melancholie

Der Melancholikus sieht das Leben als eine Trauerspielszene an, schrieb Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit.(1) Dementsprechend ist auch die Lebenseinstellung des zur Melancholie, also des zur Schwermut neigenden Menschen. Ihm ist es nur sehr begrenzt möglich, sich über glückliche Begebenheiten und Umstände, wozu nicht zuletzt auch die Gesundheit gehört, wirklich freuen zu können.  In seinen Aphorismen bemerkte dazu  Schopenhauer:

„So viel nun aber auch zu der für unser Glück so wesentlichen Heiterkeit die Gesundheit  beiträgt, so hängt jene doch nicht von dieser allein ab: denn auch bei vollkommener Gesundheit kann ein melancholisches Temperament und eine vorherrschend trübe Stimmung bestehn. Der letzte Grund davon liegt ohne Zweifel in der ursprünglichen und daher unabänderlichen Beschaffenheit des Organismus […] Abnormes Übergewicht der Sensibilität wird […] vorwaltende Melancholie herbeiführen.“(2)

Schopenhauer hatte hiermit auf einen Zusammenhang hingewiesen, der durch viele Beispiele  bestätigt wird: Es sind vor allem die  sensiblen Menschen, die unter Melancholie leiden. Das gilt nach Meinung Schopenhauers besonders für das Genie, das „durch ein Übermaß der Nervenkraft, also der Sensibilität, bedingt ist; so hat Aristoteles ganz richtig bemerkt, daß alle ausgezeichnete und überlegene Menschen melancholisch seien: Alle Menschen, die sich ausgezeichnet haben – in der Philosophie, der Politik,  der Dichtkunst oder in den bildenden Künsten – scheinen Melancholiker zu sein.“(3)

Dieser Tradition  folgend,   wurde im 18. Jahrhundert sogar die Auffassung vertreten, die Melancholie sei „die Mutter des Genies“.(4)  So schrieb der von Schopenhauer hoch verehrte Goethe in seinem Spruchgedicht:

Meine Dichterglut war sehr gering,
Solang ich dem Guten entgegen ging;
Dagegen brannte sie lichterloh,
Wenn ich vor drohendem Übel floh.

Zart Gedicht, wie Regenbogen,
Wird auf dunklen Grund gezogen;
Darum behagt dem Dichtergenie
Das Element der Melancholie. (5)

In diesem Sinne ist Melancholie positiv zu werten, wobei sie, wie Schopenhauer hervorhob, von Verdrießlichkeit und Hypochondrie (z. B. Einbildung von Krankheiten) unterschieden werden muss:

„Verdrießlichkeit und Melancholie liegen weit auseinander: von der Lustigkeit zur Melancholie ist der Weg viel näher als von der Verdrießlichkeit.

Melancholie zieht an; Verdrießlichkeit stößt ab.

Hypochondrie quält nicht nur mit Verdruß und Ärger ohne Anlaß über gegenwärtige Dinge; nicht nur mit grundloser Angst vor künstlich ausstudierten Unglücksfällen der Zukunft; sondern auch noch mit unverdienten Vorwürfen über unsere eigenen Handlungen in der Vergangenheit.

Die unmittelbarste Wirkung der Hypochondrie ist ein beständiges Suchen und Grübeln, worüber wohl man sich zu ärgern oder zu ängstigen hätte. Die Ursache ist ein innerer krankhafter Unmut, dazu oft eine aus dem Temperament hervorgehende innere Unruhe: wenn beide den höchsten Grad erreichen, führen sie zum Selbstmord.“(6)

Übrigens, Schopenhauer wusste aus eigener Erfahrung, worüber er hier voller Verständnis schrieb, denn er war wohl selbst – wahrscheinlich als Erbe seines Vaters – ein „Melancholikus“. Jedoch gerade diese Veranlagung zur Melancholie ermöglichte es Arthur Schopenhauer zum Schöpfer einer einzigartigen, genialen Philosophie zu werden, die, wie oftmals bezeugt, viel Trost zu bieten vermag, ja in ihr ist – nach den Worten Thomas Manns – „ein Gefühlskern, ein Wahrheitserlebnis … so annehmbar, so hieb- und stichfest, so richtig, wie ich es sonst in der Philosophie nicht gefunden habe.“ (7)

H.B.

Weiteres  zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

Quellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band VIII, Aphorismen zur Lebensweisheit, Zürich 1977, S. 346.
(2) Ebd., S. 356 f.
(3) Ebd.
(4)  Komm, heilige Melancholie .
Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte,
Hrsg. v. Ludwig Völker, Suttgart 1983, S. 24.
(5) Ebd., S. 49.
(6) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X,
Parerga und Paralipomena II, S. 641.
(7) Über Arthur Schopenhauer . Hrsg. v. Gerd Haffmans,
3. Aufl., Zürich 1981, S. 112.

Arthur Schopenhauer : Buddhismus

Sollte ich die Resultate meiner Philosophie, schrieb Arthur Schopenhauer, zum Maaßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhaismus den Vorzug vor den andern zugestehn.(1)

Wie nah Schopenhauer seine Philosophie zum Buddhismus sah, geht aus seinem Brief  vom 27. Februar 1856 an einen seiner Anhänger, Adam von Doss, hervor, in welchem er unter Hinweis auf übereinstimmende zentrale Aussagen seiner und der buddhistischen Lehre betonte: Überhaupt ist die Übereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll, zumal ich 1814-1818 den ersten Band  [von „Die Welt als Wille und Vorstellung“] schrieb und von dem allen [d. h. vom Buddhismus] noch nichts wußte, noch wissen konnte.(2)

Wenn Schopenhauer mit obigen Worten auf die „wundervolle“ Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Buddhismus hinwies, so gilt das besonders für die Ethik. Schopenhauers Mitleidsethik entspricht weitgehend der buddhistischen Ethik, und zwar auch im Hinblick darauf, dass in ihr die Tiere voll einbezogen sind. Dazu heißt es in einem vom Buddhistischen Seminar Hamburg herausgegebenen Buch über das Leben des Buddha:

„Wie ist also die Haltung des Buddha zu den Tieren? Am kürzesten umrissen ist sie mit dem Wortlaut der vom Erwachten [dem Buddha] gegebenen Tugendregel:

Ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme
hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid.

Der westliche Mensch wird in der Regel in der Auffassung erzogen, er sei von Gott als Krone der Schöpfung erschaffen worden, ihm sei die Welt gegeben, Tiere, Wald und Feld stünden zu seiner Verfügung, er könne damit schalten und walten, wie er es für gut und richtig halte. So sagt Martin Luther: Alle Meere und Wasser sind unsere Trinkkeller; alle Wälder und Hölzer sind unsere Jägerei … Denn es ist alles um unser, der Menschen willen geschaffen. (Tischgespräche)“ (3)

Schopenhauer hatte diese im Vergleich zum Buddhismus fundamental andere Einstellung des Christentums zu den Tieren mit deutlichen Worten kritisiert und sie als Grundfehler des Christentums bezeichnet:

Ein […] nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestierender Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Tierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Tiere geradezu als Sachen betrachtend; – während Brahmanismus [Hinduismus] und Buddhismus, der Wahrheit getreu, die augenscheinliche Verwandtschaft des Menschen, wie im Allgemeinen mit der ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der tierischen, entschieden anerkennen.(4)

Wie wichtig für Schopenhauer die tierfreundliche Einstellung des Buddhismus war, lässt sich schon daran erkennen, dass er die zu seiner Zeit gerade beginnende Gründung von Tierschutzvereinen in Deutschland  förderte, wobei er zu den ersten Mitgliedern des Frankfurter Tierschutzvereins gehörte.(5)

Aber nicht nur die Tierliebe, sondern überhaupt der Buddha und seine Lehre fanden Schopenhauers höchste Wertschätzung. So sagte er in einem Gespräch:  Wenn man den Buddhaismus aus seinen Quellen studiert, da wird einem hell im Kopfe. (6)

Dementspechend bezog sich Schopenhauer in seinen Schriften oft auf den Buddhismus. Dadurch trug er wesentlich dazu bei, dass der Buddhismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa nicht nur bekannt wurde, sondern auch zunehmend Anhänger fand. Ein hervorragendes Beispiel hierfür war Georg Grimm, der Gründer der Altbuddhistischen Gemeinde. Grimm, zunächst katholischer Priesterzögling, kam vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus. Er wurde in Wort und Tat zu einem der bedeutendsten Verkünder der Lehre des Buddha in Deutschland. In seinem Hauptwerk Die Lehre des Buddho wies er zwar auf die – seiner Meinung nach – bestehenden Unterschiede zwischen der Philosophie Schopenhauers und dem Buddhismus hin, betonte aber zugleich auch die „staunenswerte Übereinstimmung zwischen den beiden Großen“, also zwischen Schopenhauer und dem Buddha.(7)

Je mehr Schopenhauer über den Buddhismus erfuhr, desto entschiedener wandte er sich  ihm zu. Schließlich nannte Schopenhauer sich und seine Anhänger in Briefen und Gesprächen sogar Buddhisten. So äußerte er sich zum Beispiel in zwei Briefen, in denen es um den Hofrat Ignaz Perner, „den berühmten Vorsteher aller Tierschutz-Gesellschaften“ ging. Er sei, wie Schopenhauer meinte, ein um den Tierschutz „höchst verdienter und verehrenswerter Mann: Wer könnte das höher schätzen als wir Buddhaisten!“(8) Auch in einem anderen Brief zeigte Schopenhauer seine besondere Zuneigung zum Buddhismus, denn dort bezeichnete er ihn als unsere allerheiligste Religion und den Buddha als den Siegreich-Vollendeten. (9)

Äußeres Zeichen von Arthur Schopenhauers Verehrung des Buddha und seiner tiefen Verbundenheit mit dem Buddhismus wurde eine Statue, die er wenige Jahre vor seinem Tode in seiner Wohnung aufstellte, und  über die er schrieb: Der Buddha […] steht auf einer schönen Konsole in der Ecke: so daß jeder beim Eintritt schon sieht, wer hier in diesen „heiligen Hallen“ herrscht.(10)

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H.B.

Weiteres

zu > Schopenhauer und seiner Philosophie  sowie zum > Buddhismus

Die  Vier Edlen Wahrheiten des Buddha

Vom Christentum zum Buddhismus   (Blogbeitrag)

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band III, Die Welt als Wille und Vorstellung II (Kap.17), Zürich 1977, S. 197.
(2) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 384.
(3) Hellmuth Hecker, Das Leben des Buddha, Hamburg 1973, S. 393.
(4) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X, Parerga und Paralipomena II
(Kap. 15, § 177 Ueber das Christenthum), S. 408.
(5) S. dazu Arthur Schopenhauer : Tierschutz und Tierschutzvereine > hier.
(6) Arthur Schopenhauer , Gespräche, neue stark erw. Ausg.,
hrsg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 104.
(7) Vgl. > Georg Grimm – ein Lebensweg vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus (dort Quellenangabe in Anm. 8).
(8) Brief v. 16. Sept. 1850 an J. Frauenstädt und v. 10. Mai 1852 an A. von Doss, in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 247 und 281.
(9) Brief v. 2. Jan. 1852 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 273.
(10) Brief v. 13. Mai 1856 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 391.