Arthur Schopenhauer : Spiegelneuronen und Mitleidsethik

Spiegelneuronen – was hat dieser Begriff aus der Neurophysiologie mit Arthur Schopenhauer zu tun? Sehr viel, denn er berührt zentrale Aussagen von Schopenhauers Philosophie, nämlich der Mitleidsethik. So stellte Schopenhauer im Zusammenhang mit seiner Mitleidsethik die Frage:  Wie ist es möglich, dass ein Leiden, welches nicht meines ist, nicht mich trifft, doch ebenso unmittelbar wie sonst nur mein eigenes, … mich zum Handeln bewegen soll?

Schopenhauer gab darauf selbst die Antwort:  Es ist möglich nur dadurch, dass ich es … mitempfinde, es als meines fühle, und doch nicht in mir, sondern in einem anderen …  dann erblicke ich ihn nicht mehr … als ein mir Fremdes, mir Gleichgültiges, von mir gänzlich Verschiedenes, sondern in ihm leide ich mit, trotzdem dass seine Haut meine Nerven nicht einschliesst… Dieser Vorgang ist mysteriös; denn er ist etwas, wovon die Vernunft keine Rechenschaft geben kann, …und  doch ist er alltäglich.

Für diesem Vorgang, den Schopenhauer für mysteriös hielt, glauben Neurophysiologen seit Anfang der 1990er Jahre eine Erklärung gefunden zu haben: bestimmte Nervenzellen, Spiegelneuronen genannt, die sich in einigen Gehirnregionen befinden. Diese Spiegelneuronen entdeckten italienische Wissenschaftler durch Experimente an Affen, also durch Tierversuche, die Arthur Schopenhauer sicherlich entschieden abgelehnt hätte (> Arthur Schopenhauer – ein früher Tierversuchsgegener). Weitere Untersuchungen zeigten, wie gewisse Nervenzellen das Wahrgenomme spiegeln (deshalb als Spiegelzellen bezeichnet). So sorgen sie dafür, dass wir eine Handlung, die wir bei anderen sehen, in unserem Kopf miterleben. Das gilt auch, was in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist, für Gefühle. Durch bildgebende Verfahren wurde erkennbar, dass unsere Spiegelneuronen aktiv werden, wenn wir andere Menschen lachen oder weinen sehen. Ja, wir können es oft selbst erleben, dass, wenn unser Gegenüber gähnt, wir unmittelbar danach selbst gähnen müssen, und zwar ohne das wir das wollen!

Dementsprechend reagieren die Spiegelneuronen auch, wenn wir beochbachten müssen, wie ein anderer verletzt wird. Deshalb nehmen wir nicht nur die eigenen, sondern auch die fremden Schmerzen wahr, das bedeutet: Wir leiden mit! Der Zeitungsartikel (Berliner Zeitung vom 11.11.09), dem ich diese Informationen entnommen habe  enthält noch eine andere höchst bedeutsame Feststellung: Spiegelneuronen sind nicht willentlich beeinflussbar (!!!)  Damit wird, wie mir scheint, eine andere fundamentale Aussage der Philosophie Schopenhauers angesprochen, die ich schon in anderen Einträgen zu diesem Blog erwähnt habe:  die (fehlende) Willensfreiheit. Es ist verständlich, dass gerade auch im Hinblick auf die Konsequenzen derartige Aussagen heftig umstritten sind. Für mich jedenfalls sind ( in Übereinstimmung mit Schopenhauer ) Appelle an das Mitleid dort zwecklos, wo das Mitleid fehlt. Man kann es nicht „erzeugen“. Ist es aber vorhanden, dann kann man es durch Aufklärung gleichsam erwecken, so dass es wirksam wird. Nach Schopenhauer bedeutet das, man verdeutlicht die Motive , die den anderen auf Grund seines mitleidigen Charakters zum Handeln veranlassen. Ich habe das während  meiner jahrelangen Öffentlichkeitsarbeit für den Tierschutz immer wieder bestätigt gefunden, so dass ich nun diese Aussagen Schopenhauers nicht für eine bloße Vermutung, sondern für eine Tatsache halte.  

Dass Mitleid (laut obigem Zeitungsbericht) nicht willentlich beeinflussbar ist, mag betrüblich sein. Eine andere Tatsache hingegen finde ich durchaus ermutigend: Ich habe in diesem Blog und in meinen Webseiten viele Themen im Zusammenhang mit Schopenhauer und seiner Philosophie angesprochen. Dabei zeigte in meiner ziemlich detaillierten Webstatistik sehr deutlich, dass ein Thema besonders viele Besucher fand, nämlich Schopenhauers Mitleidsethik. Hieraus schliesse ich, dass alles, was mit Mitleid zusammenhängt, mehr Menschen interessiert, ja bewegt, als wir es in unserer oft kaltherzig erscheinenden Gesellschaft vermuten können. Für mich ist das ein Zeichen der Hoffnung – oder täusche ich mich?
hb

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