Hund und Mensch

Ich muss es aufrichtig gestehen, schrieb Arthur Schopenhauer in seinen letzten Manuskripten, der Anblick   j e d e s  Tieres  erfreut mich unmittelbar, und mir geht dabei das Herz auf; am meisten der der Hunde …

Mit seiner Tierliebe, vor allem aber mit seiner großen Zuneigung zu Hunden, stand Schopenhauer einsam in der Reihe der bedeutenden Denker seiner Zeit, ja wahrscheinlich ist er in dieser Hinsicht auch heute noch unter den weltberühmten Philosophen einmalig.

Kein Zweifel, Schopenhauer liebte Hunde, insbesondere dann, wenn er an die hässlichen Eigenschaften mancher Menschen dachte: Woran sollte man, fragte er, sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann? Dieses Menschenbild wird sicher manche Leser schockieren. Andererseits dürfte Schopenhauer auch vielen aus dem Herzen gesprochen haben, und zwar vor allem denen, die mit anderen Menschen schlechte Erfahrungen machen mussten und nur noch einen einzigen Freund haben: ihren Hund.

Auf meinen Spaziergängen treffe ich oft Hunde, die mich – besonders wenn sie mich schon kennen – mit ihrem, wie es Schopenhauer beschrieb, „so eindrucksvollen, wohlwollenden grundehrlichen Wedeln“ begrüßen. Allerdings gehe ich dabei nicht ganz so weit wie Schopenhauer, der „auf das Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes“ mehr gab, „als auf hundert Demonstrationen und Gebärdenseiner Mitmenschen.

Arthur Schopenhauer war jedoch weit mehr als nur normaler Hundefreund, sondern er war wohl der erste westliche Philosoph, der Hunde und auch andere Tiere zum Thema philosophischer Betrachtungen machte. Seine damit verbundenen, sehr tiefen Erkenntnisse stehen im völligen Gegensatz etwa zur Bibel, aber auch zur Meinung des ansonsten von ihm hochverehrten Philosophen Kant, für die Tiere kaum mehr als seelenlose Gebrauchsgegenstände waren. Schopenhauer hingegen sah in den Tieren etwas ganz anderes, nämlich das hinter allen äußeren Erscheinungsformen liegende Metaphysische. Voller Verwunderung, ja Ergriffenheit rief er aus: Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Tiere!

So war für Schopenhauer auch der Hund ein Mysterium, denn aus seinen Augen leuchtet das unzerstörbare Prinzip in ihm, der  Archäus, also die Urkraft in allem Lebendigen. Es ist bezeichnend, dass Schopenhauer sich so in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ äußerte, und zwar in einem der  wichtigsten Kapitel: „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesen an sich“.

Arthur Schopenhauer und seine Hunde, die Hundebilder in seinem Zimmer, die Pudel, die ihn auf seinen einsamen Spaziergängen begleiteten – alles das sind Themen, bei denen man auch heute noch glaubt, sich über Schopenhauer lustig machen zu dürfen. Mir scheint das weniger lustig als vielmehr Ausdruck dafür zu sein, wie wenig doch manche Leute von diesem Philosophen begriffen haben. Schon der Name Atma, den Schopenhauer  seinen Hunden gab, war den meisten seiner Zeitgenossen völlig unverständlich. Gerade diese Bezeichnung weist auf den Kern der Philosophie Schopenhauers und der von ihm überaus hoch geschätzten altindischen   > Upanishaden hin: Atma, genauer Atman, bedeutet in etwa Einzelseele. Dazu fassen die Upanishaden ihre tiefste Erkenntnis in die Worte:  > Tat twam asi Das bist Du – Die Einzelseele ( Atman ) ist identisch mit der Weltseele ( Brahman )! Das gilt für den Menschen, für den Hund, ja für jedes Lebewesen. Vielleicht, meiner Meinung nach sogar sicherlich, ist das,  was Schopenhauer als „unzerstörbares Prinzip“, als „Archäus“ (Urkraft), aus den Augen eines Hundes leuchten sah, nicht verschieden von dem, was die Upanishaden als Brahman, Weltseele, bezeichnen.

Ich muss zugeben, mir selbst waren solche Aussagen früher ziemlich unverständlich. Ich fand sie schon auf Grund meiner naturwissenschaftlichen Orientierung eher als weltfremde Spinnerei. Doch eines Tages blickte mir ein Hauskaninchen, das ich zu betreuen hatte, in die Augen. Es war wie eine Offenbarung und damit der entscheidende Schritt zu einem völlig neuen Verständnis des im Grunde esoterischen Kerns der Upanishaden und der Philosophie Schopenhauers!  So hatte ich von einem Tier mehr gelernt als es aus bloßem Bücherstudium möglich gewesen wäre. Seitdem bin ich – wie Arthur Schopenhauer – von der Wesensgleichheit alles Lebendigen überzeugt. Deshalb sehe ich auch das Verhältnis von Mensch und Hund nicht unter dem Gesichtspunkt von Über- und Unterordnung, wie sie etwa in der Bezeichnung “ Herrchen“ für die „Besitzer“ von Hunden zum Ausdruck kommt. Einen Hund zu „besitzen“ ist kein Naturrecht des Menschen, sondern – dessen sind sich leider viele nicht bewusst – die Übernahme einer Sorgepflicht!
hb

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Zoodirektor – ein Tierfeind?

Wer sich als Tierschützer intensiv mit der Problematik von Zoos auseinandergesetzt hat, weiß, dass diese nicht unbedingt Einrichtungen des Tierschutzes sind. Als Tierrechtler wird man die Zoos ohnehin als Stätten bloßer Zurschaustellung ihrer Freiheit beraubter Tiere ablehnen. So habe ich, was Zoos angeht, schon lange keine Illusionen. Was ich aber in der heutigen „Berliner Zeitung“ unter der Überschrift „Jagd im Tierpark. Staatsanwaltschaft ermittelt wieder gegen Blaszkiewitz“ las, hat mich doch schockiert:

Zoodirektor Blaszkiewitz wurde von Tierschützern angezeigt, weil im Berliner Tierpark Füchse und Kaninchen illegal abgeschossen worden seien.  Der Zoodirektor begründete dies mit dem angeblichen Schutz von Zootieren, was jedoch nach Meinung der zuständigen Behörde auch durch dichte Umzäunung möglich gewesen wäre. Das Verhalten des Zoodirektors, meinte Edmund Haverbeck von der Tierrechtsorganisation Peta, spreche deutlich für dessen tierfeindliche Gesinnung.

Es ist nicht das erste Mal, dass gegen diesen Zoodirektor ermittelt wird. So wurde er, wie die Zeitung berichtet, bereits 2008  wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz angezeigt. Der Zoodirektor hatte im Tierpark junge Katzen durch Genickbruch getötet. Außerdem gab es Anzeigen wegen Verdachtes auf illegale Tierversuche. Auch die Art und Weise, wie er als Zoodirektor Tierhandel betrieb, stieß auf Kritik.

Für mich ist das eine erneute Bestätigung, was ich durch Arthur Schopenhauer ohnerhin schon weiß, nämlich dass Mitgefühl mit Tieren, ja Tierliebe, nicht durch Studium der Veterinärmedizin oder Zoologie erworben wird, sondern diese ethische Einstellung im Charakter des Menschen angelegt ist – oder dort, wie offenbar im obigen Beispiel, fehlt. Derartige Charaktermängel sind nicht durch gut gemeinte Appelle an das Gewissen oder irgendwelche anderen Moralpredigten aufzuheben. Gerade auf Grund solcher Beispiele und nach vielen, mitunter sehr bitteren Lebenserfahrungen muss ich mich leider immer mehr der Auffassung Schopenhauers anschliessen, dass – von Ausnahmen abgesehen – der Charakter eines Menschen im wesentlichen nicht änderbar ist. Was hingegen verändert werden kann, ist das Verhalten eines Menschen, z. B. durch Androhung rechtlicher Sanktionen. Hierzu ist es, soweit mir bekannt ist, im Fall des Zoodirektors (noch?) nicht gekommen. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die für den Berliner Zoo Verantwortlichen, dass ein solcher Mann Zoodirektor werden konnte und es immer noch bleiben darf.

Übrigens, nach obigem Zeitungsbericht fiel mir ein, was Gustav Friedrich Wagner in seinem “ Schopenhauer – Register“ unter Hinweis auf Schopenhauers „Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik“ geschrieben hat: „Zoolog, mancher ist nichts weiter als ein Affen-Registrator; man kann ein vollkommener Zoolog und doch ein unwissender Mensch sein.“ Ich glaube, viele Menschen, die mit einem Haustier eng zusammenleben, wissen über Tiere vielleicht weniger als studierte Zoologen, aber das, was sie wissen, ist wesentlicher, denn es betrifft das Wesen des Tieres als Lebewesen.
hb

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Menschen und andere Tiere

Zugegeben, der Titel mag etwas provozierend sein, aber er trifft genau das Problem, nämlich den Menschen, der in seinem Hochmut daran glaubt, er sei „die Krone der Schöpfung“. Ich kam auf diesen Titel, als ich in der „Berliner Zeitung“ vom 17. Juni 2010 eine Buchbesprechung las, und zwar  unter der Überschrift „Der Mensch ist auch nur ein Tier“:

Es ging dabei um ein Buch von John Gray, das in seiner deutschen Übersetzung den aufschlussreichen Titel trägt: „Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus“. Das Buch, so schrieb die Zeitung, sei ein „Frontalangriff  auf das humanistische Weltbild“. Im heutigen Humanismus würde der „Kardinalirrtum“ des Christentums, der Mensch würde anders als alle anderen Tiere sein, eine Wiederbelebung erfahren. So beruhe das Menschenbild des Humanismus auf einer Illusion. Ja, sogar der Mensch selbst „ist ein in Illusionen befangenesTier, das fortwährend versucht, dem Bild, das er von sich selbst hat, zu entfliehen“. In Wirklichkeit bleibe der homo sapiens eigentlich das, was er immer war, „der räuberische und zerstörende Mensch, ein Ausbeuter der Natur und seiner eigenen Gattung“.

Zu Recht wird am Ende dieser Buchbespechung angemerkt, dass Grays Kritik des Abendlandes und des dort vorherrschenden Menschenbildes ganz so neu nicht sei, wobei auf Arthur Schopenhauer verwiesen wird. Für Schopenhauer, auf den sich Gray oft beruft, war „das Wesentliche und Hauptsächliche im Tier und im Menschen das Selbe“. Was Mensch und Tier unterscheide,  liege „nicht im Primären, … im innern Wesen, … sondern allein im Sekundären, im Intellekt, im Grad der Erkenntniskraft“. Zu Schopenhauers Zeit war eine solche Feststellung geradezu revolutionär, denn sie stand im schärfsten Gegensatz zum herrschenden Christentum und damit zu fast zwei Jahrtausenden abendländischer Geistesgeschichte. Religion und Wissenschaft hatten alles getan, um den Menschen aus der Natur herauszuheben und ihn in seinem Größenwahn zu bestärken, dass der Mensch Alles, das Tier aber kaum mehr als ein belebtes Nichts sei.

In diesem Zusammenhang wandte sich Arthur Schopenhauer mit Empörung gegen „frömmelnde“ Zoologen, die behaupteten, es gäbe einen absoluten und radikalen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Die Ursache für die auch in der Umgangssprache zum Ausdruck kommende Diskriminierung der Tiere sei, so Schopenhauer, „jener elende Kunstgriff“, der „ohne Zweifel das Werk europäischer Pfaffenschaft (ist), die … nicht glaubt weit genug gehen zu können im Verleugnen und Lästern des ewigen Wesens, welches in allen Tieren lebt.“ Hierdurch hätten sie (die christlichen Theologen)   „den Grund gelegt zu der in Europa üblichen Härte und Grausamkeit gegen Tiere“.

Wer diese Aussagen Schopenhauers für zu radikal hält, dem empfehle ich die kleine Schrift des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner „Für einen Bissen Fleisch. Das schwärzeste aller Verbrechen“. Deschner beginnt  ganz im Sinne Schopenhauers mit der Feststellung: „Da die Krone der Schöpfung der Mensch, die Krone des Menschen der Pfaffe ist, lässt sich von ihm für das Tier am wenigsten erhoffen.“ Hat Deschner Recht? Andererseits möchte ich auch hier ungerechte Pauschalurteile vermeiden, denn es gibt in in dieser Hinsicht durchaus auch positive Beispiele. Ich denke dabei unter anderem an die Tierschützerin und ehemalige Pfarrerin Christa Blanke. Sie ist allerdings – wohl als Konsequenz ihrer Tierliebe –  inzwischen (2000) aus der Kirche ausgetreten.

Übrigens, ich selbst bezeichne die Menschen nicht als „andere Tiere“, sondern halte mich an Schopenhauers Ausspruch  Die Tiere sind die Brüder des Menschen . Hierdurch wird, wie mir scheint, die Nähe zu den Tieren auch gefühlsmäßig deutlich. Darauf kommt es mir an, denn Mitgefühl ist, wie Arthur Schopenhauer immer wieder hervorhob, die Grundlage der Ethik, also auch für den Tierschutz. 
hb

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Vögel haben Mitleid

Mitleid , so erklärte Arthur Schopenhauer , ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseins, ist diesem wesentlich zu eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.

Ich möchte Schopenhauers positiver Meinung zur menschlichen Natur nicht widersprechen, obgleich ich manche Menschen kennen gelernt habe, in deren Verhalten ich kaum Mitleid entdecken konnte. Seit längerer Zeit frage ich mich jedoch, ob Mitleid ein Gefühl ist, das nur in der menschlichen Natur liegt, also nur bei Menschen anzutreffen ist. Nun las ich dazu in der gestrigen Ausgabe der „Berliner Zeitung“ einen erstaunlichen Artikel, und zwar unter der Überschrift Vögel haben Mitgefühl. Dort heißt es:

„Raben gelten nicht nur als besonders intelligent, sie sind offensichtlich auch in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen. Dieser Fähigkeit zur Empathie sind Wissenschaftler der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle der Universität Wien jetzt auf der Spur. Sie fanden heraus, dass Raben ihre Freunde trösten, wenn die bei einem Konflikt eins auf den Schnabel bekommen haben. Geraten sie selbst in eine missliche Lage, dann suchen sie ebenfalls Trost bei jenen Artgenossen, die sie gut kennen. …

Über ein Jahr lang hatten die Wissenschaftler … das Verhalten von jungen Raben beobachtet. Sie hielten fest, wie die Tiere sich nach Konflikten verhalten. Vor allem bei sehr heftigen Streitereien trösteten die am Streit  unbeteiligten Raben die zerrupften Verlierer durch Berührungen – und zeigten damit ein gewisses Maß an Mitgefühl.

Diese menschliche Fähigkeit kann man auch bei Affen beobachten. Die Empathie der Raben geht nach Ansicht der Wiener Forscher jedoch noch darüber hinaus.“

Ich halte diese Feststellung für sehr aufschlussreich, weil Vögel – im Gegensatz zu Affen – entwicklungsgeschichtlich weit vom Menschen entfernt sind. Jedenfalls deuten obige Forschungsergebnisse darauf hin, dass Empathie und damit auch die Fähigkeit zum Mitleid schon ziemlich früh in der biologischen Entwicklungsgeschichte angelegt waren. Im Laufe dieser Entwicklung hat sich das Empfinden von Mitleid offenbar immer stärker herausgebildet, so dass es schließt nicht nur auf Artgenossen beschränkt bliebt. So gäbe es zum Beispiel ohne ein solches artenübergreifendes Mitleid keine Tierschutzvereine.

Trotz aller äußeren Unterschiede zeigt das Verhalten der Raben, dass sie uns sehr viel näher stehen, als es manche Menschen wahrhaben wollen. Inzwischen hat die Forschung eine kaum noch zu überblickende Zahl von Beweisen vorgelegt, die darauf hindeuten, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht – wie vor allem von den bei uns herrschenden Religionen behauptet wird – absolut, sondern nur ralativ ist. Arthur Schopenhauer wußte das schon vor mehr als 200 Jahren, und zwar durch bloße Anschauung, etwa in dem er einem Hund in die Augen blickte. Es war deshalb durchaus konsequent, dass Schopenhauer die Tiere in seine Mitleidsethik voll einbezog und forderte, das Lebensrecht der Tiere zu achten. Verständnis dafür fand er zu seiner Zeit jedoch kaum. Zutreffend schrieb hierzu einer der bedeutendsten Vorkämpfer für den Tierschutz in Deutschland, > Magnus Schwantje : Mit seinen Ansichten vom Recht der Tiere eilte Schopenhauer seinen Zeitgenossen weit voraus. Wenn ich daran denke, wie es heute um den Tierschutz steht, dann muss ich leider hinzufügen, auch den meisten Menschen unserer Zeit ist Schopenhauer immer noch weit, ja, viel zu weit voraus!
hb

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Ein Schopenhauerianer zur Tierschutzpartei

Wenn man sich im Sinne von Arthur Schopenhauer dafür einsetzt, dass Tiere geschützt und geachtet werden, dann ist natürlich eine Partei, bei welcher – im Gegensatz zu anderen Parteien – der Tierschutz ein wesentlicher Programmpunkt ist, von besonderem Interesse. Dementsprechend hatte ich mich schon mal über die Tierschutzpartei in diesem Blog geäußert. Nun besteht wieder Anlass dazu, und zwar durch die Landtagswahl in NRW am 9. Mai 2010.

Bereits im Vorfeld finden dazu in Blogs Diskussionen statt, an denen ich mich beteilige. Ich hoffte dort auf einen sachlich orientierten Meinungsaustausch, bei dem selbstverständlich auch Kritik an der Tierschutzpartei nicht ausgeklammert wird. Meine Hoffnung wurde schwer enttäuscht, denn in den Blogs begegnete ich zum Thema “ Tierschutzpartei “ nicht nur sehr viel Unverständnis, sondern ein Maß an Verunglimpfung, ja Bösartigkeit, dass es schwer wird, bei einem positiven Menschenbild zu bleiben.

Andererseits hat Enttäuschung ja auch etwas Positives, nämlich sie hilft, durch Überwindung der Täuschung der Wahrheit näher zu kommen.

Sich über Menschen zu täuschen, kann zu den bittersten Erfahrungen des Lebens gehören. Bitter ist es aber auch erleben zu müssen, wie manche Menschen glauben, sich über die Tierschutzpartei, ja schlimmer noch, über deren Anliegen, nämlich den Tierschutz, lustig machen zu können. Sie dürfen es auch, denn Tiere haben (wie Sachen) in unserer Rechtsordnung keine Würde. Arthur Schopenhauer war der erste bedeutende westliche Philosoph, der diesen im wahrsten Sinne des  Wortes würdelosen Zustand anprangerte. Diesen Zustand endlich auf politischem Wege (und nur so ist es möglich!) zu ändern, ist Ziel der Tierschutzpartei. Es dürfte daher verständlich sein, wenn ich als Schopenhauerianer dieser Partei zur NRW-Wahl die Daumen drücke.
hb

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Schopenhauer : Mitleid und Kampf ums Dasein

Für Arthur Schopenhauer war das Mitleid die „allein echte moralische Triebfeder“ und damit Grundlage der Ethik. An diese Aussage Schopenhauers erinnerte ich mich, als ich in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ (1/2009, Dossier, S. 94 ff.) las, dass nicht nur Menschen, sondern auch Primaten, ja sogar Nagetiere Mitleid empfinden können. Das ist eine für die Wissenschaft vielleicht sogar bahnbrechende Erkenntnis, denn lange Zeit wurde von Zoologen bezweifelt, dass Tiere so etwas wie Einfühlungsvermögen besitzen. Bereits das Erwähnen von Gefühlen bei Tieren galt als Ketzerei. Inzwischen belegen jedoch immer mehr Studien die empathischen Fähigkeiten von Tieren. Allerdings Tierschützer sind – vielleicht im Gegensatz zu vielen Wissenschaftlern – schon seit geraumer Zeit davon überzeugt, dass zumindest hochentwickelte Tiere ein dem Menschen durchaus vergleichbares Gefühlsleben haben.Sie stehen uns darin sehr nahe, jedenfalls viel näher, als es menschlicher Hochmut und Bibel wahrhaben wollen.

Wenn wir uns in der Natur umschauen, dann sehen wir ein Geschehen, was unsere Gesellschaft möglichst verdrängt und schon gar nicht auf das menschliche Miteinander übertragen will, nämlich den Kampf ums Dasein. “ Kampf ums Dasein „-  ist ein Begriff, der besonders im letzten Jahr durch die Medien neue Aktualität gewann, denn 2009 war das Darwin-Jahr: 150 Jahre vorher, also 1859, veröffentlichte Charles Darwin sein Buch „Über den Urprung der Arten“. In Darwins epochalem Werk ist der Kampf ums Dasein  (struggle of life) von zentraler Bedeutung. Arthur Schopenhauer lernte es noch in seinem letzten Lebensjahr (1860) durch einen ausführlichen Artikel in der Times kennen. Gerade Schopenhauer hatte sehr anschaulich beschrieben, wie sich der Kampf ums Dasein in allen Bereichen der Natur bis hin zum Menschen jeden Tag abspielt:

„Die deutlichste Sichtbarkeit erreicht dieser allgemeine Kampf in der Tierwelt, welche die Pflanzenwelt zu ihrer Nahrung hat, und in welcher selbst wieder jedes Tier die Beute und Nahrung eines anderen wird …indem jedes Tier sein Dasein nur durch die beständige Aufhebung eines fremden erhalten kann.“  (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, § 26)

Im Kampf ums Dasein geht es um die Selbsterhaltung, und zwar oft um Leben und Tod. Wie kann es da zum Mitleid kommen?  Ein Raubtier in freier Wildbahn kann sich kein Mitleid mit seinen Beutetieren erlauben, wenn  es nicht verhungern will. Gilt das aber auch für Menschen? Nein, zumindest nicht überall und nicht in dieser unerbittlichen Konsequenz. Wenigstens bei uns und in anderen Wohlstandsländern gibt es durchaus Möglichkeiten, auf andere Wesen Rücksicht zu nehmen. So leben zum Beispiel zunehmend mehr Menschen vegan, d. h., sie vermeiden alle Produkte, die vom Tier stammen und zwangsläufig mit Tierleid verbunden sind. Auch das ist Ausdruck von Mitleid und ein Beweis für die Möglichkeit, den Daseinskampf nicht mit voller Härte und Erbarmungslosigkeit zu führen.

Selbst wer davon überzeugt ist, dass der Kampf ums Dasein untrennbar mit der Existenz unserer Welt verbunden ist oder, wie  der altgriechische Philosoph Heraklit meinte, „der Vater von allem““ sei, kann dennoch bemüht sein, fremdes Leben zu achten und zu schonen. Allein die Tatsache, dass dazu viele Menschen bereit sind, gibt Grund zur Hoffnung. Jedenfalls was mich persönlich betrifft, fühle ich mich hierbei durch Arthur Schopenhauer und seine Lebensphilosophie bestärkt.
hb

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Schopenhauer : Recht und Gerechtigkeit

Recht und Unrecht, so betonte Arthur Schopenhauer, seien keineswegs nur konventionelle Begriffe, sondern hätten darüber hinaus moralische Bedeutung. Unabhängig von allen staatlichen Gesetzen gäbe es ein Naturrecht, also ein Recht, das auch gültig und anerkannt wäre, wenn die Menschen ohne irgendeine staatliche Rechtsordnung im „Naturzustande“ leben würden. Diese Auffassung Schopenhauers bekommt gerade durch neuere Forschungen Unterstützung, denn deren Ergebnisse deuten z. B. darauf hin, dass bereits Kleinkinder, ja auch Menschenaffen ein mehr oder minder ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit besitzen. Demnach ist uns bereits von der Natur her ein bestimmtes Rechtsempfinden angeboren. Jeder von uns kann das an sich selbst überprüfen: Ohne jegliche juristische Kenntnisse wissen wir ziemlich genau, wenn wir ungerecht beurteilt oder behandelt wurden. Verletzungen des Gerechtigkeitsgefühls werden oft als derartig schwerwiegend empfunden, dass sie ein Leben lang im Gedächtnis haften bleiben.

Gerechtigkeit war schon für den von Schopenhauer hochgeschätzten altgriechischen Philosophen Platon die Tugend des rechten Verhaltens, ja sie war für ihn die höchste Tugend. Platon hatte bereits am Beginn seines Hauptwerkes „Der Staat“ die sokratische Frage nach dem Wesen der Gerechtigkeit  und die sophistische These, das Gerechte sei nichts anderes als das dem Stärkeren Nützliche, gestellt (s. Lexikon der philosophischen Werke). Dieses von Platon im einzelnen erörterte Thema ist auch heute noch von höchster Aktualität. Wir alle erwarten vom Staat und seinen Gesetzen vor allem eins, nämlich dass diese gerecht seien. Leider werden wir in dieser Erwartung nicht selten bitter enttäuscht. Oft haben wir das (mitunter durchaus berechtigte) Gefühl, dass nicht Gerechtigkeit, sondern Machtinteressen herrschender Personen und Gruppen die Gesetzgebung entscheidend beeinflussen. Dementsprechend können “ Recht „, wie es die Juristen verstehen, und Gerechtigkeit erheblich voneinander abweichen. 

Obwohl die Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit zuweilen unerträglich groß sein kann, war Schopenhauer durchaus nicht dafür, den Staat und mit ihm alle Gesetze abzuschaffen und sich nur auf Vernunft und Einsicht der Menschen zu verlassen. Im Staat sah Schopenhauer trotz aller seiner Unvollkommenheiten eine Schutzanstalt gegen Angriffe des Egoismus, der sonst als Recht des Stärkeren schrankenlos herrschen würde. Allerdings müsse man Politik und Ethik voneinander unterscheiden: Der Staat und das Moralische seien so verschieden wie „eine Krücke statt des Beines, ein Automat statt eines Menschen“ (s. Arthur Hübscher; Denker gegen den Strom, Schopenhauer: Gestern – Heute – Morgen, 2. Aufl., 1982, S. 117).

Arthur Schopenhauer war wohl der erste bedeutende Philosoph des Abendlandes, der die Forderung nach Gerechtigkeit auch auf Tiere ausdehnte. Alle oder zumindest fast alle westlichen Philosophen vor ihm hatten das Prinzip der Gerechtigkeit allein auf Menschen bezogen. So war Schopenhauer die große Ausnahme, als er voller Empörung schrieb:
Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man dem Tier schuldig und bleibt sie meistens schuldig…
Wir haben zwar in Deutschland ein Tierschutzgesetz und der Tierschutz ist inzwischen als Staatsziel in das Grundgesetz aufgenommen worden, aber dennoch kenne ich keinen Bereich, in welchem unsere Rechtsordnung so vom moralischen Grundsatz der Gerechtigkeit abweicht, wie es Tieren gegenüber der Fall ist. Staatliches Recht und Gerechtigkeit, und zwar auch in Bezug auf die Tiere, miteinander in Einklang zu bringen, ist das Ziel einer Bewegung die zunehmend an Bedeutung gewinnt – die Tierrechtsbewegung, deren geistiger Vorkämpfer vor mehr als 150 Jahren Arthur Schopenhauer war.
hb

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