Tierethik und Buddhismus

Tierethik und Buddhismus sind Themen, an denen Arthur Schopenhauer sehr interessiert war und die dementsprechend in seiner Philosophie von besonderer Bedeutung sind.  Schopenhauers tiefe Verbundenheit mit dem tierfreundlichen Buddhismus zeigte sich zum Beispiel in einem seiner Briefe, wo er schrieb:

Den Hofrath Perner bitte ich auf das herzlichste von mir zu grüßen … Er ist ein höchst verdienter und verehrenswerther Mann: wer könnte das höher schätzen, als wir Buddhaisten! (1)

Der von Schopenhauer so hoch geschätzte Ignaz Perner gründete 1842 in München einen der ersten Tierschutzvereine der Welt. Schopenhauer war von dessen tatkräftigem Einsatz für den Tierschutz tief beeindruckt. (2) Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass Schopenhauer zur Erläuterung seiner Wertschätzung Perners sich als Buddhaist bezeichnete und damit auf den Zusammenhang zwischen Tierethik und Buddhismus hindeutete.

Der Buddhaist Arthur Schopenhauer hat mehrmals in seinen Schriften die im Gegensatz zum Christentum tierfreundliche Einstellung des Buddhismus lobend hervorgehoben, und zwar mit vollem Recht:

Zum Kern der Lehre des Buddha gehören die Vier Edlen Wahrheiten. Die letzte dieser Wahrheiten ist der Edle Achtfache Pfad, der auch die Grundsätze der buddhistischen Ethik enthält. (3)  Teil dieser Ethik sind das rechte Handeln und der rechte Lebenserwerb.

Rechtes Handeln bedeutet vor allem, möglichst kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen, was sich nicht nur auf Menschen, sondern – nach der buddhistischen Lehre selbstverständlich – auch auf Tiere bezieht. Dementspechend sind Berufe, in denen dieser ethische Grundsatz von vornherein verletzt wird, kein rechter Lebenserwerb. Hierzu werden unter anderem Berufe wie Schlächter, Jäger, Fischer, Händler mit Tieren, Fleisch oder Waffen u. dgl. gezählt. Der Buddha hatte solche Tätigkeiten als „grausames Handwerk“ eindeutig abgelehnt:

Da ist einer ein Schlächter, der Schafe und Schweine schlachtet, ist ein Vogelfänger, ein Wildsteller, ein Jäger, ein Fischer, ein  Räuber, ein Henker, ein Kerkermeister, oder was man da sonst noch anderes grausames Handwerk betreibt. Den heißt man einen Menschen, der ein Nächstenquäler, der Übung der Nächstenqual eifrig ergeben ist. (4)

Im sehr bedeutsamen Lankavatara- Sutra des Mahayana-Buddhismus wird das Mitleid mit allen Wesen als Kern der buddhistischen Ethik besonders hervorgehoben und dazu – durchaus folgerichtig – das Fleischessen entschieden verworfen.(5)

Jedoch nicht alle Buddhisten sind Vegetarier oder – was noch konsequenter wäre – Veganer. Daher ist es durchaus angebracht, wenn der buddhistische Autor Hellmuth  Hecker in seinem Buch Die Ethik des Buddha einen Vers von Eugen Roth zitierte:

Es denkt der Mensch zufrieden froh:
Ich bin kein Schlächter, blutig roh;
doch ist der Mensch kein Wurstverächter,
so trägt die Mitschuld er am Schlächter. (6)

Wie in Schopenhauers Ethik, so ist auch im Buddhismus die zugrunde liegende Gesinnung entscheidend für den moralischen Wert einer Handlung. Ein Beispiel für diese Gesinnung brachte der Buddha in einer seiner Reden zum Ausdruck:

Da hat einer das Töten verworfen, vom Töten hält er sich fern: ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme, hegt er zu allen lebendigen Wesen gütiges Mitleid. (7)

Hier ist eine Brücke über Jahrtausende hinweg zu Schopenhauers Mitleidsethik. In dieser auch die Tiere einbeziehenden Ethik zeigt sich besonders deutlich Schopenhauers Gemeinsamkeit  mit dem Buddhismus. Das Gemeinsame der Philosophie Schopenhauers mit dem Buddhismus geht jedoch weit über die Tierrethik hinaus, denn, so meinte Arthur Schopenhauer, „ueberhaupt ist die Uebereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll“. (8)

H.B.

S. dazu > Schopenhauer und Buddhismus

> Tierethik und Schopenhauers Philosophie

Weiteres zur Tierethik  > Webseite und  > Blog ,

zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .


Anmerkungen

(1) Brief vom 10. Mai 1852 an Adam von Doss, zit. aus: Arthur Schopenhauer, Gesammelte Briefe, hrsg. von Arthur Hübscher, 2. Aufl., Bonn 1987, S. 281.

(2) Mehr dazu > Ignaz Perner und Arthur Schopenhauer .

(3) S. ausführlicher > Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha .

(4) Zit. aus: Hellmuth Hecker, Die Ethik des Buddha, Ein Handbuch zu besonnener Lebensführung, Hamburg 1976, S. 112.

(5) Vgl. hierzu: Die makellose Wahrheit erschauen. Die Lehre von der höchsten Bewußtheit  und absoluten Erkenntnis. Das Lankavatara-Sutra, aus dem Sanskrit von Karl-Heinz Golzio, 2. Aufl., Bern-München-Wien 2003, Kap. 8: Warum man kein Fleisch essen soll, S. 247 ff.  Im übrigen ist diese höchst bedeutsame Quelle aus dem Mahayana-Buddhismus nicht nur für das Thema Fleischessen und Buddhismus wichtig, sondern sie zeigt auch vor allem mit ihrer monistischen Grundeinstellung eine erstaunliche, geradezu wunderbare Übereinstimmung mit Schopenhauers spirituell sehr tiefen monistischen Philosophie. (Weiteres: Das Lankavatara-Sutra des Mahayana-Buddhismus und die Philosophie von Arthur Schopenhauer > hier.)

(6) Helmuth Hecker, a. a. O., S. 113.

(7) Ebd., S. 110.

(8) Arthur Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 384.

 

 

Gefühlsmoral und Schopenhauers Ethik

Ich muß den Ethikern den Rath ertheilen, sich erst ein wenig im Menschenleben umzusehn – schrieb Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral. (1) Befolgen die „Ethiker“ Schopenhauers Rat, so werden sie ihm wohl zustimmen, wenn er meinte, dass das Handeln des Menschen, seinem ethischen Gehalte nach, nach Gefühlen, nicht nach Begriffen geschehe und vom Charakter, nicht von der Vernunft ausgehe. (2).

Schopenhauer vertrat damit eine Ethik, die in der Philosophie als Gefühlsmoral bezeichnet wird. Diese sei, so erklärt das Philosophische Wörterbuch, „in der Ethik die Bezeichnung für eine Moral, die die  Motive des sittlichen Wollens und Handelns in den Gefühlen, Neigungen Affekten sieht, denen echte Liebe und Ergriffenheit vorausgehen“. (3)

Somit steht die Gefühlsmoral im Gegensatz zur  sog. Reflexionsmoral, wonach, wie es im Wörterbuch der philosophischen Begriffe heißt, „das sittliche Handeln nicht auf Gefühl, Gesinnung, Charakter oder Gewissen, sondern auf die vernünftige Einsicht zu gründen ist“, was „soviel wie ethischer Intellektualismus“ bedeute. (4)

Solcher „ethischer Intellektualismus“ wurde von Schopenhauer entschieden abgelehnt, denn für ihn war, wie er in seiner bereits erwähnten Preisschrift mehrmals hervorhob, das „Mitleid die eigentliche moralische Triebfeder“. (5) Diese „moralische Triebfeder“, so fügte er hinzu, „bewährt sich als die ächte ferner dadurch, daß sie auch die Thiere in ihren Schutz nimmt, für welche in den andern Europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist“. (6)

„Die Abwesenheit aller egoistischen Motivation“, so schrieb Schopenhauer in seiner Preisschrift, sei „das Kriterium einer Handlung von ethischem Werth“. (7)  „Soll eine Handlung moralischen Werth haben, so darf kein egoistischer Zweck, unmittelbar oder mittelbar, nahe oder fern, ihr Motiv seyn.“(8)

Dementsprechend ist auch alles, was aus Furcht vor Strafe oder in der Hoffnung auf Belohnung – sei es im Diesseits oder erst im Jenseits – geschieht, egoistisch und daher ohne moralischen Wert.(9). Wie sehr bei derartigem Handeln  menschlicher Egoismus dahinter steht, erläuterte Schopenhauer an einem Beispiel: „Wird z. B. ein Mensch fest überredet, daß jede Wohlthat ihm im künftigen Leben hundertfach vergolten wird; so gilt und wirkt eine solche Überzeugung ganz und gar wie ein sicherer Wechsel auf sehr lange Sicht, und er kann aus Egoismus geben, wie er, bei anderer Einsicht, aus Egoismus nehmen würde. Geändert hat er sich nicht …“  (10)

Demnach kann Schopenhauers  obige Feststellung durchaus auch für Religionen zutreffen, und zwar dann, wenn sich hinter den „Wohlthaten“ letztlich die Erwartung  irgendwelcher persönlicher Vorteile verbirgt. Genau genommen, geht es dann nicht um Ethik. Eher ist es eine Art kaufmännischer Kalkulation von Leistung und erhoffter Gegenleistung.  Hierbei ist die Frage naheliegend, ob und inwieweit Religionen wirklich mit Ethik verbunden sind, denn sie alle, das Christentum nicht ausgenommen, appellieren in  ihren „ethischen“ Lehren an den Egoismus des Menschen. Ob sich dadurch der Egoismus wirklich überwinden lässt, ist eine andere Frage. Schopenhauer hat sie, wie das obige Zitat zeigt, verneint.

Jedenfalls ist die in  der Philosophie im Zusammenhang mit dem Thema Ethik beschriebene Reflexionsmoral im Sinne Schopenhauers keine Ethik, sondern eher Berechnung. Auch gibt es demnach keinen ethischen, sondern einen mehr oder weniger  egoistisch gegründeten Intellektualismus, der dementsprechend leider allzu oft als kaltes, bloß vernunftsmäßiges Verhalten in Erscheinung tritt. Kann es hierzu einen größeren Gegensatz geben als die alles Leben umfassende, also auch die Tiere einbeziehende, warmherzige Mitleidsethik Arthur Schopenhauers ?

H.B.

S. auch > Tierethik und Schopenhauers Philosophie .

Mehr zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1)  
Arthur Schopenhauer, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik, Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 226.
(2)
  Gustav Friedrich Wagner, Schopenhauer-Register, neu hrsg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt , S. 280 (Stichwort: Moral).
(3)   Philosophisches Wörterbuch, begr. v. Heinrich Schmidt, 21. Aufl., neu bearb. v. Georgi Schischkoff, Stuttgart 1978, S. 216 (Stichwort: Gefühlsmoral).
(4)   Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. v. Johannes Hoffmeister, 2. Aufl., Hamburg 1955, S. 519 (Stichworte: Reflexion , Reflexionsmoral).
(5)   Schopenhauer, Preisschrift, a. a. O., S. 273.
(6)   Ebd., S. 278.
(7)   Ebd.,  S 244.
(8)   Ebd., S. 245 f.
(9)   Vgl. Wagner, a. a. O., S. 32 (Stichwort: Belohnung u. Bestrafung).
(10) Schopenhauer, a. a. O., Band II: Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 371.

 

Lebensweisheit : Wahrer Charakter

Woran zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen?
Antwort auf diese durchaus bedeutsame Frage gab Arthur Schopenhauer in der Parerga, und zwar im Zusammenhang mit seinen sehr aufschlussreichen Erklärungen zur Ethik.* Sie enthalten viel tiefe Lebensweisheit und ergänzen damit nicht nur seine Preisschrift über die Grundlage der Moral, sondern auch seine berühmten Aphorismen zur Lebensweisheit.

Den Charakter einer Person zutreffend zu beurteilen, ist ein schwieriges Problem, das sich im täglichen Leben immer wieder stellt und mitunter die Zukunft eines Menschen nachhaltig beeinflussen kann:  Wer zum Beispiel eine Lebenspartnerschaft eingehen möchte, für den kann es von größter Bedeutung sein, den wahren Charakter seines künftigen Lebenspartners rechtzeitig zu erkennen. Anderenfalls könnten bittere Enttäuschungen, viel Leid und Kummer die Folge sein.

Jedoch auch im übrigen Alltag ist es sehr wichtig, sich nicht über den Charakter eines Menschen zu täuschen. Nicht selten versuchen Menschen, sich um irgendwelcher Vorteile wegen als das auszugeben, was sie in Wahrheit nicht sind und dabei ihren Charakter in einem möglichst guten Licht erscheinen zu lassen. Um zu erfahren, welcher Charakter sich hinter der Maske, die viele Menschen vor sich tragen, verbirgt, ist es hilfreich, ja notwendig auch auf Kleinigkeiten zu achten. Schopenhauer erweist sich auch bei diesem Thema als Philosoph, dessen Lebensweisheit jeden von uns betrifft:

„Wie ein Botaniker an Einem Blatte die ganze Pflanze erkennt; wie Cuvier aus Einem Knochen das ganze Thier konstruirte; so kann man aus Einer charakteristischen Handlung eines Menschen eine richtige Kenntniß seines Charakters erlangen, also ihn gewissermaaßen daraus konstruiren; sogar auch wenn diese Handlung eine Kleinigkeit betrifft; ja, dann oft am besten: denn bei wichtigeren Dingen nehmen die Leute sich in Acht; bei Kleinigkeiten folgen sie, ohne vieles Bedenken, ihrer Natur. […]

Zeigt Einer in solchen [Kleinigkeiten] durch sein absolut rücksichtsloses, egoistisches Benehmen, daß die Gerechtigkeit der Gesinnung seinem Herzen fremd ist; so soll man ihm, ohne gehörige Sicherheit, keinen Groschen anvertrauen. […]

Wer die kleinen Charakterzüge unbeachtet läßt, hat es sich selber zuzuschreiben, wenn er nachmals aus den großen den betreffenden Charakter, zu seinem Schaden, kennen lernt. –

Nach dem selben Princip soll man auch mit sogenannten guten Freunden, selbst über Kleinigkeiten, wenn sie einen boshaften, oder schlechten, oder gemeinen Charakter verrathen, sogleich brechen, um dadurch ihren großen schlechten Streichen vorzubeugen, die nur auf Gelegenheit warten, sich einzustellen.“**

Obwohl es mitunter nicht einfach ist, den Charakter eines Menschen zu beurteilen, gibt es dazu, wie Schopenhauer zu Recht meinte, ein zuverlässiges und sehr deutliches Kennzeichen, und zwar beim Umgang mit Tieren: Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein. ***

Was Schopenhauer hier als Lebensweisheit beschrieben hat, bezog er auf Menschen mit negativen Charaktereigenschaften. Andererseits gibt es nicht wenige Menschen, bei denen die positiven Charakterzüge überwiegen. Leider können sie nicht immer von vornherein deutlich erkannt werden, weil sie oft mit großer Bescheidenheit verbunden sind. Solche gutherzigen und zugleich bescheidenen Menschen neigen nicht dazu, ihr gutes Handeln in den Vordergrund zu stellen, etwa nach dem Motto Tu´ Gutes und sprich darüber!

So gilt es auch hierbei auf Kleinigkeiten zu achten. Der wahre Charakter zeigt sich zwar vor allem in der Not, aber auch bei vielen kleinen Gelegenheiten des Alltags kann sich  offenbaren, was Arthur Schopenhauer als Grundlage der Ethik besonders hoch gepriesen hat und das den Charakter eines Menschen in höchstem Grade auszeichnet: Die Güte des Herzens, jenes tief gefühlte Mitleid, mit Allem, was Leben hat.****

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band IX: Parerga und Paralipomena II,
Kap. 8. Zur Ethik, S. 219 ff.
**  Ebd., § 128, S. 250 f.
***  Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik, Teil 2: Preisschrift über die Grundlage der Moral, § 19, S. 281.
**** Ebd., § 20. Vom ethischen Unterschiede der Charaktere, S. 294.

 

 

 

 

 

Mensch und Umwelt in Schopenhauers Philosophie

Arthur Schopenhauer hat wie kaum ein anderer weltberühmter Philosoph in seiner Philosophie die Einheit allen Lebens hervorgehoben und metaphysisch tief begründet. Alles Lebendige, ja alles, was wir wahrnehmen, sind Erscheinungsformen von etwas Metaphysischem: Die Theisten nennen es Gott, in den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden heißt es Brahman, Schopenhauer nannte es Wille.

Im Hinduismus wird die Einheit allen Lebens in drei Sanskritworten zusammengefasst: Tat Twam Asi, das heißt wörtlich übersetzt, Das bist Du! Obwohl sich alle Lebewesen mehr oder weniger äußerlich unterscheiden, sind sie in ihrem innersten Wesen gleich und werden – soweit der Hinduismus theistisch ist, als göttlich aufgefasst. Schopenhauer hat sich in seinen Werken mehrmals auf diese Sanskritworte bezogen und sie als eine Kernaussage seiner Philosophie hervorgehoben. Wir alle, ob Mensch, Tier oder Pflanze, sind  Manifestationen eines metaphysischen Willens und somit – auch wenn uns das nicht immer bewusst ist  – wesensgleich.

Aus der Erkenntnis der Wesensgleichheit von Mensch und übriger Natur ergibt sich ein anderes Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Es ist kein göttlich legitimiertes Herrschaftsverhältnis, das die Menschen von vornherein berechtigt, die Natur zu beherrschen und sich untertan zu machen.

Schädigt der Mensch die Natur, in der er lebt und deren Teil er ist, so schädigt er sich letztlich selbst – eine Erkenntnis, die mehr und mehr Menschen bewusst wird.  Mensch und Umwelt sind eine Einheit. Arthur Schopenhauer hat hierfür im Rahmen seiner Willensmetaphysik eine spirituell sehr tiefe und – wie ich meine – auch überzeugende Begründung gegeben.

Ein den Menschen – nicht nur metaphysisch – besonders verbundener Teil der Natur sind die Tiere. Schopenhauer hob das vor allem in seiner Ethik hervor. So bezog er in seine Mitleidsethik die Tiere ausdrücklich mit ein. Durch das Mitleid werden die sonst im Alltag empfundenen Grenzen zwischen den Menschen, aber auch, wenngleich seltener, zwischen Mensch und Tier mehr und mehr aufgehoben.  Am Ende werden diese Grenzen nicht mehr bewusst wahrgenommen, so dass durch das Mitleid die von Schopenhauer metaphysisch begründete Einheit allen Lebens auch im Alltag in Erscheinung tritt. So steht Schopenhauers Mitleidsethik ganz im Einklang mit einem allumfassenden Schutz der Natur, was zugleich eine möglichst weitgehende Schonung der Umwelt bedeutet. In diesem Sinne  enthält Schopenhauers Philosophie, auch wenn er diesen Namen nicht verwendet hat, eine metaphysisch begründete Umweltethik.

Selbst wenn nicht alle Umweltschäden durch menschliches Handeln verursacht werden, so sind doch viele Umweltkatastrophen zumindest mittelbar Folgen einer skrupellosen Ausbeutung der Natur, die in unserer Zeit durch eine lediglich an Profitmaximierung ausgerichtete Wirtschaft immer noch gesteigert wird. Somit ist die von Schopenhauer angeprangerte unersättliche Gier des Menschen einer der wesentlichen Ursachen für die Zerstörung des Lebensraumes von Mensch, Tier und Pflanze.

Riesige Weltbrände, wie etwa kürzlich in Australien mit weit mehr als einer Milliarde verbrannter Tiere, sind traurige Beipiele dafür, wie sehr unsere Zeit, und zwar mit zunehmender Tendenz, bestimmt wird durch gewaltige Umweltkatastrophen. Gerade im Hinblick auf die immer katastrophaler werdende Umweltzerstörung ist Schopenhauers Philosophie von größter Aktualität.

Was einen Menschen zum Philosophen  macht, schrieb der 26-jährige Schopenhauer in eines seiner Manuskripte, sei „der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten“. (1) Dementsprechend nahm er schon vor bald 200  Jahren zu einer Frage Stellung, die, wie es scheint, heute  fast als Tabu gilt, nämlich Frage nach den Folgen der geradezu explosionsartigen Zunahme der Weltbevölkerung. Die „Übervölkerung des ganzen Planeten“ sei ein Resultat, „dessen entsetzliche Übel sich jetzt nur eine kühne Einbildungskraft zu vergegenwärtigen vermag“. (2) Die Folgen der immer weiter steigenden Übervölkerung des Erdballs für die Umwelt sind überaus beängstigend und lassen kaum Hoffnung auf nachhaltige Fortschritte im Umweltschutz.

Die weltweite Zerstörung der Umwelt, wie zum Beispiel die hemmungslose Vernichtung der für die ganze Menschheit  lebenswichtigen Urwälder am Amazonas,  zeigt leider sehr deutlich, wie Recht der Philosoph Max Horkheimer in seiner Rede zum 100. Todestag Arthur Schopenhauers hatte, wenn er meinte: „Das Denken Schopenhauer ist unendlich aktuell.“(3)

Gegen Schluss seiner Ansprache meinte Horkheimer, dass Schopenhauers Philosophie zwar angesichts der Realitäten illusionslos sei, aber dennoch nicht in Hoffnungslosigkeit endet: „Es gibt wenige Gedanken, deren die Zeit mehr bedürfte und die bei aller Hoffnungslosigkeit, wie er sie ausspricht, mehr von Hoffnung wissen als die seinen.“ (4) Worauf diese Hoffnung des vermeintlichen „Pessimisten“ Arthur Schopenhauer gegründet ist, habe ich  in meinem Beitrag Leid und Erlösung etwas näher erläutert.

H.B.

S. auch > Tierethik und Schopenhauers Philosophie

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen

(1) Arthur Schopenhauer : Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden, hrsg. v. Arthur Hübscher, München 1985, Band 1, Frühe Manuskripte (1804-1818), S. 126,

(2) Arthur Schopenhauer : Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band II, Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 436.

(3)  Max Horkheimer : Die Aktualität Schopenhauers , Vortrag, gehalten zum 100. Todestag Schopenhauers am 21. September 1960 in der Paulskirche zu Frankfurt a. M., zit. aus: Über Arthur Schopenhauer , hrsg. v. Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981, S. 159.

(4) Ebd.,  S. 164.

 

 

Tierethik und Schopenhauers Philosophie

            Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Thiere! – schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. (1) Dort und auch in anderen seiner Schriften wird deutlich, wie sehr er die Tiere, die für die meisten Philosophen zu jener Zeit kein Thema waren, in seine Philosophie einbezog. Das gilt besonders für einen zentralen Bereich seiner Philosophie, nämlich für seine Mitleidsethik :

            Mitleid mit Thieren hängt mit der Güte des Charakters  so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, könne  kein guter Mensch seyn. Dieses Mitleid mit Tieren, so fügte Schopenhauer hinzu, sei aus der selben Quelle mit der gegen Menschen zu übenden Tugend entsprungen. (2)

            In Schopenhauers Mitleidsethik hat die Tierethik besondere Bedeutung, wie Dieter Birnbacher, Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik, unter der Überschrift Mitleidsethik in seinem Buch Schopenhauer (3) darlegt:

           “ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik und die aus seinen Grundprinzipien abgeleitete Forderung nach angemessenem Schutz der leidensfähigen und insbesondere der in Gemeinschaft mit dem Menschen lebenden Tiere vor Quälerei, Ausbeutung und Überforderung. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen.

            Schopenhauer hat die Idee des Tierschutzes zwar nicht erfunden. Das erste Tierschutzgesetz, der sogenannte Martin’s Act, war bereits 1822 in England erlassen worden, Tierschutzvereine bestanden bereits in mehreren deutschen Städten (Schopenhauer gehörte 1841 zu den Mitbegründern des Frankfurter Vereins). Aber Schopenhauer hat diese Initiativen, indem er sie mit einer tragfähigen ethischen Grundlage ausstattete, entscheidend gefördert. […]

            Die Grundlage von Schopenhauers Tierethik ist dieselbe, die sich auch bereits bei Bentham und vorher ansatzweise bei Hume und Rousseau findet, nämlich dass das Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist (4). Diese entscheidende Gemeinsamkeit ist die Leidensfähigkeit. Tiere und Menschen stimmen darin überein, dass sie Schmerzen empfinden und unter der Frustration natürlicher Bedürfnisse leiden. Bereits die Gemeinsamkeiten im äußeren Ausdrucksverhalten machen es für Schopenhauer evident, dass zwischen Mensch und höheren Tieren eine enge Verwandtschaft besteht. Auch die tierische Anatomie lasse keine scharfe Grenze, sondern lediglich fließende Übergänge zwischen Mensch und Tier erkennen. (5) Diese äußeren Ähnlichkeiten lassen es jedoch unzweifelhaft erscheinen, dass sich die Formen des inneren Erlebens von Mensch und Tier ebenfalls nicht abgrundtief unterscheiden. Aufgrund ihres intelligenten Verhaltens glaubt Schopenhauer einigen hochentwickelten Tieren, insbesondere Elefanten, sogar eine rudimentäre Denk- und Vernunftfähigkeit zuschreiben zu können. (6)

            Auch hier bezieht Schopenhauer eine scharfe Gegenposition zu Kant. Kant meinte, dass der Mensch über einen nicht vollständig naturalistisch zu erklärenden Wesenskern (das intelligible, das heißt nicht empirisch aufweisbare Ich) verfügt, der ihm den Status einer Person verleiht und es anderen verbietet, ihn bloß als Mittel zu behandeln. Dieser Wesenskern manifestiere sich in der Vernunft, insbesondere in der praktischen Vernunft, der Fähigkeit, sich selbst Verhaltensnormen zu geben und sein Handeln an diesen Normen auszurichten. Für Schopenhauer stellt diese Metaphysik die wahren Verhältnisse geradewegs auf den Kopf. Sofern der Mensch über einen Wesenskern verfügt, ist dieser kein Alleinbesitz des Menschen, sondern ein Besitz aller Lebewesen; die Fähigkeit der Vernunft ist zwar für den Menschen charakteristisch, […] Die moralische Einstellung richte sich aber nicht danach, welchen Platz ein Wesen aufgrund seiner spezifischen Fähigkeiten oder Potenziale in der Rangfolge der Lebewesen einnimmt, sondern ausschließlich danach, wie sehr es leidet […]

            Eine wichtige Quelle von Schopenhauers Ausweitung seiner Mitleidsethik auf die Tiere ist zweifellos seine Bekanntschaft mit Teilen der asiatischen Philosophietradition. Schopenhauer war einer der ersten westlichen Philosophen, die sich mit dem asiatischen Denken, vor allem mit den aus Indien stammenden Richtungen des Buddhismus und Hinduismus, vertraut gemacht haben. Auch deshalb stand ihm die nur sporadische Berücksichtigung der Tiere in der Philosophie und Theologie des Westens mit besonderer Deutlichkeit vor Augen.

            Von daher ergab sich für ihn auch eine naheliegende Erklärung des Vollzugsdefizits der westlichen Ethik: Die Quelle des Übels sei der Herrschaftsauftrag der biblischen Schöpfungsgeschichte, der zunächst im Judaismus, dann im Christentum zum Dogma wurde und von da aus das gesamte westliche Denken infizierte. Nichts anderes als der Mythos, nach dem Gott sämmtliche Thiere, ganz wie Sachen und ohne alle Empfehlung zu guter Behandlung, wie sie doch meist selbst ein Hundeverkäufer, wenn er sich von seinem Zöglinge trennt, hinzufügt, dem Menschen übergiebt, damit er über sie herrsche, also mit ihnen thue was ihm beliebt (7), habe den Wahn in die Welt gebracht, dass unser Handeln gegen [die Tiere] ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen Thiere keine Pflichten gebe (8).“

               Auf eine der Gründe, warum sich, besonders was die Tierethik betrifft,  die vom Christentum geprägte westliche Ethik von der des Hinduismus fundamental unterscheidet, hat der Religionswissenschaftler und Indologe Helmuth von Glasenapp hingewiesen: „Während der Inder in allem Lebenden, vom Grashalm bis zum Gott Brahma, […]  eine Stufenfolge von Einzelwesen sieht, die alle gleicherweise der Metempsyhose [Seelenwanderung] unterliegen und der Erlösung teilhaftig werden können, haben Pflanzen und Tiere für den Christen keine unsterblichen Seelen und sind deshalb nicht in den Heilsprozeß einbegriffen.“ (9) In diesem Sinne wären Tiere mehr als Sachen zu verstehen und nicht wie bei den Hindus als göttliche Manifestationen oder wie bei Schopenhauer eine – gleich dem Menschen – Erscheinungsform des metaphysischen „Willens“. Daher sind nach Auffassung Schopenhauers und des Hinduismus Mensch und Tier wesensgleich – was sich auch in der Einstellung zu den Tieren positiv widerspiegelt. (10)

            Tierethik war für Arthur Schopenhauer nicht bloß ein, wenngleich wichtiges  Thema seiner Philosophie, sondern weit mehr – ein Herzensanliegen. So schrieb er  in seinem Manuskript (11):

Arthur Schopenhauer : Tiere
Arthur Schopenhauer über Tiere

            Ich muß es aufrichtig gestehn: der Anblick jedes Thiers erfreut mich unmittelbar [,] und mir geht dabei das Herz auf ; …

            Die Bedeutung Arthur Schopenhauers und seiner Philosophie für die Tierethik hat Dieter Birnbacher sehr treffend am Schluss seines Buches zusammengefasst:

            „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein Rufer in der Wüste. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte.“ (12)

H.B.

Weiteres zu > Schopenhauers Philosophie und zur > Tierethik .

S. auch   > Tierethik und Buddhimus

> Mensch und Umwelt in Schopenhauers Philosophie

Anmerkungen
(1)   Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 566.
(2)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band VI: Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 281.
(3)   Dieter Birnbacher , Schopenhauer , Stuttgart 2009, S. 125 ff.
(4)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 280.
(5)   Ebd.
(6)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 76.
(7)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band X: Parerga und Paralipomena II, S. 409.
(8)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 278.
(9)   Helmuth von Glasenapp, Die Philosophie der Inder,
3. Aufl.,Stuttgart 1974, S. 15.
(10)  Besonders positiv zeigt sich die Tierethik in den beiden
ebenfalls in Indien entstandenen, jedoch im Gegensatz
zum Hinduismus eindeutig atheistischen Religionen, nämlich
dem > Buddhismus und dem ihm verwandten > Jainismus .
Die Jaina-Religion kann, da der Schutz allen Lebens und somit
auch der Tiere sehr umfassend ist, fast als > „Tierschutz-Religion“
gelten, zumal die Jainas Vegetarier, viele sogar Veganer sind.
(11)  Arthur Schopenhauers handschritftlicher Nachlass
in der Staatsbibliothek Berlin, Senilia (1853) , Bl. 25.
(12) Dieter Birnbacher, a. a. O., S. 131.
Zum Begriff Rufer in der Wüste verweist Birnbacher auf Wolfgang Lenzen,
Liebe, Leben, Tod. Eine moralphilosophische Studie, Stuttgart 1999. S. 286.

 

 

Schopenhauers Ethik

           Es gibt kaum eine überzeugendere Begründung für Ethik als die von Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral. Bereits das dort vorangestellte Motto, Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer, macht deutlich, dass es Schopenhauer nicht um bloße Moralpredigten ging.  Für ihn beruhte die Ethik nicht auf einem komplizierten  System von Regeln, von  Ge- und Verboten, sondern auf etwas, das, von Ausnahmen abgesehen, wohl mehr oder weniger in jedem Menschen von der Natur her angelegt ist, nämlich das Mitleid. Dass Schopenhauers Ethik im wesentlichen Mitleidsethik ist, geht eindrucksvoll aus seiner Preisschrift hervor:

        “ Man setze zum letzten Beweggrund einer Handlung, was man wolle; immer wird sich ergeben, daß, auf irgend einem Umwege, zuletzt das eigene Wohl und Wehe des Handelnden die eigentliche Triebfeder, mithin die Handlung egoistisch, folglich ohne moralischen Werth ist. Nur einen einzigen Fall giebt es, in welchem dies nicht Statt hat: nämlich wenn der letzte Beweggrund zu einer Handlung, oder Unterlassung, … ganz allein das Wohl und Wehe eines Andern im Auge hat und durchaus nichts bezweckt, als daß jener Andere unverletzt bleibe, oder gar Hülfe, Beistand und Erleichterung erhalte. Dieser Zweck allein drückt einer Handlung, oder Unterlassung, den Stempel des moralischen Werthes auf …

          Wenn nun aber meine Handlung ganz allein des Andern wegen geschehn soll; so muß sein Wohl und Wehe unmittelbar mein Motiv sein: so wie bei allen andern Handlungen das meinige es ist. Dies bringt unser Problem auf einen engern Ausdruck, nämlich diesen: wie ist es irgend möglich, daß das Wohl und Wehe eines Andern unmittelbar, d. h. ganz so wie sonst nur mein eigenes, meinen Willen bewege, also direkt mein Motiv werde …? – Offenbar nur dadurch, daß jener Andere der letzte Zweck meines Willens wird, … daß ich ganz unmittelbar sein Wohl will und sein Wehe nicht will, so unmittelbar, wie sonst nur das meinige. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mit leide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meines …

        Der hier analysirte Vorgang aber ist kein erträumter, oder aus der Luft gegriffener, sondern ein ganz wirklicher, ja keineswegs seltener: es ist das alltägliche Phänomen des Mitleids, d. h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen Theilnahme zunächst am Leiden eines Andern … Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller ächten Menschenliebe. Nur sofern eine Handlung aus ihm entsprungen ist, hat sie moralischen Werth: und jede aus irgend welchen andern Motiven hervorgehende hat keinen. Sobald dieses Mitleid rege wird, liegt mir das Wohl und Wehe des Andern unmittelbar am Herzen, ganz in der selben Art, wenn auch nicht stets in demselben Grade, wie sonst allein das meinige: also ist jetzt der Unterschied zwischen ihm und mir kein absoluter mehr.

        Allerdings ist dieser Vorgang erstaunenswürdig, ja, mysteriös. Er ist, in Wahrheit, das große Mysterium der Ethik …“(1)

          Noch erstaunlicher und ein wohl noch größeres „Mysterium der Ethik“ ist die Tatsache, dass sich das „alltägliche Phänomen des Mitleids“ nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere erstrecken kann. Mitleid mit Tieren ist – wie der Tierschutz überhaupt-  ein wichtiges Thema in Schopenhauers Ethik, denn so hob er in seiner Preisschrift hervor: „Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder [das Mitleid] bewährt sich als die ächte ferner dadurch, daß sie auch die Thiere in ihren Schutz nimmt, für welche  in den andern Europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist.“(2). Durch die Einbeziehung des Tierschutzes – und zwar nicht nur als Randthema – in seine Ethik wurde Schopenhauer einer der bedeutendesten Wegbereiter der heutigen Tierethik: „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein ´Rufer in der Wüste`. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte“.(3)

       Nur wenige Philosophen von Weltrang sind derart mit Vorurteilen belastet wie Arthur Schopenhauer. So wird ihm zum Beispiel ein zu negatives Menschenbild nachgesagt. Um so überraschender ist deshalb das folgende Zitat, weil es zeigt, wie sehr Schopenhauer auf das Gute im Menschen, das Mitleid, vertraute:

         “ Zwei Tugenden, die der Gerechtigkeit und die der Menschenliebe, … wurzeln in dem natürlichen Mitleid. Dieses Mitleid selbst aber ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseyns, ist diesem wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.“(4)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Quellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden,
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik /
Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 247 f.
(2) Schopenhauer , a. a. O., S. 278.
(3) Dieter Birnbacher , Schopenhauer ( Grundwissen Philosophie ),
Stuttgart 2009, S. 131.
* S. dazu auch > Tierethik und Schopenhauers Mitleidsethik .
(4) Schopenhauer , a. a. O., S. 252.

 

Arthur Schopenhauer : Buddhismus

Sollte ich die Resultate meiner Philosophie, schrieb Arthur Schopenhauer, zum Maaßstabe der Wahrheit nehmen, so müßte ich dem Buddhaismus den Vorzug vor den andern zugestehn.(1)

Wie nah Schopenhauer seine Philosophie zum Buddhismus sah, geht aus seinem Brief  vom 27. Februar 1856 an einen seiner Anhänger, Adam von Doss, hervor, in welchem er unter Hinweis auf übereinstimmende zentrale Aussagen seiner und der buddhistischen Lehre betonte: Überhaupt ist die Übereinstimmung mit meiner Lehre wundervoll, zumal ich 1814-1818 den ersten Band  [von „Die Welt als Wille und Vorstellung“] schrieb und von dem allen [d. h. vom Buddhismus] noch nichts wußte, noch wissen konnte.(2)

Wenn Schopenhauer mit obigen Worten auf die „wundervolle“ Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Buddhismus hinwies, so gilt das besonders für die Ethik. Schopenhauers Mitleidsethik entspricht weitgehend der buddhistischen Ethik, und zwar auch im Hinblick darauf, dass in ihr die Tiere voll einbezogen sind. Dazu heißt es in einem vom Buddhistischen Seminar Hamburg herausgegebenen Buch über das Leben des Buddha:

„Wie ist also die Haltung des Buddha zu den Tieren? Am kürzesten umrissen ist sie mit dem Wortlaut der vom Erwachten [dem Buddha] gegebenen Tugendregel:

Ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme
hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid.

Der westliche Mensch wird in der Regel in der Auffassung erzogen, er sei von Gott als Krone der Schöpfung erschaffen worden, ihm sei die Welt gegeben, Tiere, Wald und Feld stünden zu seiner Verfügung, er könne damit schalten und walten, wie er es für gut und richtig halte. So sagt Martin Luther: Alle Meere und Wasser sind unsere Trinkkeller; alle Wälder und Hölzer sind unsere Jägerei … Denn es ist alles um unser, der Menschen willen geschaffen. (Tischgespräche)“ (3)

Schopenhauer hatte diese im Vergleich zum Buddhismus fundamental andere Einstellung des Christentums zu den Tieren mit deutlichen Worten kritisiert und sie als Grundfehler des Christentums bezeichnet:

Ein […] nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestierender Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Tierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Tiere geradezu als Sachen betrachtend; – während Brahmanismus [Hinduismus] und Buddhismus, der Wahrheit getreu, die augenscheinliche Verwandtschaft des Menschen, wie im Allgemeinen mit der ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der tierischen, entschieden anerkennen.(4)

Wie wichtig für Schopenhauer die tierfreundliche Einstellung des Buddhismus war, lässt sich schon daran erkennen, dass er die zu seiner Zeit gerade beginnende Gründung von Tierschutzvereinen in Deutschland  förderte, wobei er zu den ersten Mitgliedern des Frankfurter Tierschutzvereins gehörte.(5)

Aber nicht nur die Tierliebe, sondern überhaupt der Buddha und seine Lehre fanden Schopenhauers höchste Wertschätzung. So sagte er in einem Gespräch:  Wenn man den Buddhaismus aus seinen Quellen studiert, da wird einem hell im Kopfe. (6)

Dementspechend bezog sich Schopenhauer in seinen Schriften oft auf den Buddhismus. Dadurch trug er wesentlich dazu bei, dass der Buddhismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa nicht nur bekannt wurde, sondern auch zunehmend Anhänger fand. Ein hervorragendes Beispiel hierfür war Georg Grimm, der Gründer der Altbuddhistischen Gemeinde. Grimm, zunächst katholischer Priesterzögling, kam vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus. Er wurde in Wort und Tat zu einem der bedeutendsten Verkünder der Lehre des Buddha in Deutschland. In seinem Hauptwerk Die Lehre des Buddho wies er zwar auf die – seiner Meinung nach – bestehenden Unterschiede zwischen der Philosophie Schopenhauers und dem Buddhismus hin, betonte aber zugleich auch die „staunenswerte Übereinstimmung zwischen den beiden Großen“, also zwischen Schopenhauer und dem Buddha.(7)

Je mehr Schopenhauer über den Buddhismus erfuhr, desto entschiedener wandte er sich  ihm zu. Schließlich nannte Schopenhauer sich und seine Anhänger in Briefen und Gesprächen sogar Buddhisten. So äußerte er sich zum Beispiel in zwei Briefen, in denen es um den Hofrat Ignaz Perner, „den berühmten Vorsteher aller Tierschutz-Gesellschaften“ ging. Er sei, wie Schopenhauer meinte, ein um den Tierschutz „höchst verdienter und verehrenswerter Mann: Wer könnte das höher schätzen als wir Buddhaisten!“(8) Auch in einem anderen Brief zeigte Schopenhauer seine besondere Zuneigung zum Buddhismus, denn dort bezeichnete er ihn als unsere allerheiligste Religion und den Buddha als den Siegreich-Vollendeten. (9)

Äußeres Zeichen von Arthur Schopenhauers Verehrung des Buddha und seiner tiefen Verbundenheit mit dem Buddhismus wurde eine Statue, die er wenige Jahre vor seinem Tode in seiner Wohnung aufstellte, und  über die er schrieb: Der Buddha […] steht auf einer schönen Konsole in der Ecke: so daß jeder beim Eintritt schon sieht, wer hier in diesen „heiligen Hallen“ herrscht.(10)

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H.B.

Weiteres

zu > Schopenhauer und seiner Philosophie  sowie zum > Buddhismus

Die  Vier Edlen Wahrheiten des Buddha

Vom Christentum zum Buddhismus   (Blogbeitrag)

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden,
Band III, Die Welt als Wille und Vorstellung II (Kap.17), Zürich 1977, S. 197.
(2) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 384.
(3) Hellmuth Hecker, Das Leben des Buddha, Hamburg 1973, S. 393.
(4) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band X, Parerga und Paralipomena II
(Kap. 15, § 177 Ueber das Christenthum), S. 408.
(5) S. dazu Arthur Schopenhauer : Tierschutz und Tierschutzvereine > hier.
(6) Arthur Schopenhauer , Gespräche, neue stark erw. Ausg.,
hrsg. v. Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1971, S. 104.
(7) Vgl. > Georg Grimm – ein Lebensweg vom Christentum über Schopenhauer zum Buddhismus (dort Quellenangabe in Anm. 8).
(8) Brief v. 16. Sept. 1850 an J. Frauenstädt und v. 10. Mai 1852 an A. von Doss, in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 247 und 281.
(9) Brief v. 2. Jan. 1852 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 273.
(10) Brief v. 13. Mai 1856 an J. Frauenstädt,
in: Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 391.

Trotz Tod alle beisammen

Wohl jeder hat es schon erleben müssen, was der Tod eines geliebten Wesens, sei es Mensch oder Tier, bedeuten kann. Arthur Schopenhauer hat dazu  bewegende Worte gefunden:

“ Der tiefe Schmerz, beim Tode jedes befreundeten Wesens, entsteht aus dem Gefühle, daß in jedem Individuo etwas Unaussprechliches, ihm allein Eigenes und daher durchaus Unwiederbringliches liegt. Omne individuum ineffabile. [ Jedes Einzelwesen ist unergründlich. ] Dieses gilt selbst vom thierischen Individuo, wo es am lebhaftesten Der empfinden wird, welcher zufällig ein geliebtes Thier tödtlich verletzt hat und nun seinen Scheideblick empfängt, welches einen herzzerreißenden Schmerz verursacht.“(1)

Durchaus berechtigt ist Schopenhauers Frage; „Wie kann man nur, beim Anblick des Todes eines Menschen oder eines Thieres, vermeinen, hier werde ein Ding an sich (das Metaphysische im Menschen und im Tier] selbst zu nichts?“ (2).

Wie Schopenhauer in seiner Philosophie spirituell sehr tief begründete, ist alles Leben durch das, was er Wille nannte,  metaphysisch miteinander verbunden – eine Einheit, die auch durch den Tod nicht zerstört wird: “ Demnach können wir jeden Augenblick wohlgemuth ausrufen:  Trotz Zeit, Tod und Verwesung sind wir noch Alle beisammen.“(3)

Zitatquellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Zürich 1977, Band X, S. 636.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IX, S. 294.
(3) Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band IV, S. 562.
H.B.

Weiteres zu Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

 

Schopenhauer : Treue Hunde

Der Hund ist mit Recht das Symbol der Treue – meinte Arthur Schopenhauer, und viele Menschen, die nicht nur oberflächliche Erfahrungen mit Hunden haben, sondern mit ihnen zusammen leben, werden das bestätigen können. Hunde bleiben dem Menschen treu, aber bleibt der Mensch auch dem Hund treu? Diese Frage ist durchaus berechtigt, wenn man an die mit Hunden oft überfüllten Tierheime oder die schlimmen Schicksale der Hunde, die als lästig „entsorgt“ wurden, denkt.

Für Schopenhauer war der Hund ein höchst intelligentes und fein fühlendes Wesen. Da der Hund, so beklagte Schopenhauer, ein sehr entwickeltes Nervensystem habe, das ihn für den Schmerz empfänglicher mache, werde er leider oft fürTierversuche verwendet.  Das war nicht nur zu Schopenhauers Zeit so, sondern auch heute noch werden Hunde in nicht selten schrecklichen Tierversuchen gebraucht, ja missbaucht. So sterben allein in deutschen Laboren jährlich etwa 4.000 Hunde: > https://www.tierrechte.de/themen/haustiere/hunde/der-hund-im-tierversuch

Überhaupt war Schopenhauer ein Gegner der oft grauenvollen Tierversuche, die er  in seinen Schriften mit eindrucksvollen Worten anprangerte: > http://www.tierrechte-tv.de/Themen/Schopenhauer-Tierversuchsgegne/schopenhauer-tierversuchsgegne.html
Auch das zeigt, dass es Schopenhauer nicht allein um Hunde ging, sondern um einen besseren Schutz aller Tiere. So gehörte er zu den ersten Mitgliedern des 1841 gegründeten Frankfurter Tierschutzvereins: > http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de/Tierschutz/tierschutz.html

Der Tierschutz war Schopenhauer ein besonderes Anliegen. Dementsprechend war er wohl der erste weltbedeutende westliche Philosoph, der die Tiere in seine Philosophie voll einbezog und dort auch eine sehr tiefe Begründung für die Tierethik gab. Dazu schrieb Dieter Birnbacher, Professor für Philosophie, in seinem Buch Schopenhauer (Stuttgart 2009, S. 125 f.):

“ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik und die aus seinen Grundprinzipien abgeleitete Forderung nach angemessenem Schutz der leidensfähigen und insbesondere der in Gemeinschaft mit dem Menschen lebenden Tiere vor Quälerei, Ausbeutung und Überforderung. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen … Die Grundlage von Schopenhauers Tierethik ist dieselbe, die sich auch bereits bei Bentham … findet, nämlich dass das  Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist …“

Treue Hunde begleiteten Schopenhauer bis zuletzt durch sein Leben. So konnte er wohl aus eigener Erfahrung die Worte des spanischen Schriftstellers Larra bestätigen, die er in seinem Werk Parerga und Paralipomena I (§12. Philosophie des Neueren) zitierte:

Wer nie einen Hund gehalten hat, weiß nicht was lieben und geliebt sein ist.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

Zum  Thema > Tierethik – Tierrechte – Schopenhauer

Hund und Mensch

Ich muss es aufrichtig gestehen, schrieb Arthur Schopenhauer in seinen letzten Manuskripten, der Anblick   j e d e s  Tieres  erfreut mich unmittelbar, und mir geht dabei das Herz auf; am meisten der der Hunde …

Mit seiner Tierliebe, vor allem aber mit seiner großen Zuneigung zu Hunden, stand Schopenhauer einsam in der Reihe der bedeutenden Denker seiner Zeit, ja wahrscheinlich ist er in dieser Hinsicht auch heute noch unter den weltberühmten Philosophen einmalig.

Kein Zweifel, Schopenhauer liebte Hunde, insbesondere dann, wenn er an die hässlichen Eigenschaften mancher Menschen dachte: Woran sollte man, fragte er, sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann? Dieses Menschenbild wird sicher manche Leser schockieren. Andererseits dürfte Schopenhauer auch vielen aus dem Herzen gesprochen haben, und zwar vor allem denen, die mit anderen Menschen schlechte Erfahrungen machen mussten und nur noch einen einzigen Freund haben: ihren Hund.

Auf meinen Spaziergängen treffe ich oft Hunde, die mich – besonders wenn sie mich schon kennen – mit ihrem, wie es Schopenhauer beschrieb, „so eindrucksvollen, wohlwollenden grundehrlichen Wedeln“ begrüßen. Allerdings gehe ich dabei nicht ganz so weit wie Schopenhauer, der „auf das Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes“ mehr gab, „als auf hundert Demonstrationen und Gebärdenseiner Mitmenschen.

Arthur Schopenhauer war jedoch weit mehr als nur normaler Hundefreund, sondern er war wohl der erste westliche Philosoph, der Hunde und auch andere Tiere zum Thema philosophischer Betrachtungen machte. Seine damit verbundenen, sehr tiefen Erkenntnisse stehen im völligen Gegensatz etwa zur Bibel, aber auch zur Meinung des ansonsten von ihm hochverehrten Philosophen Kant, für die Tiere kaum mehr als seelenlose Gebrauchsgegenstände waren. Schopenhauer hingegen sah in den Tieren etwas ganz anderes, nämlich das hinter allen äußeren Erscheinungsformen liegende Metaphysische. Voller Verwunderung, ja Ergriffenheit rief er aus: Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Tiere!

So war für Schopenhauer auch der Hund ein Mysterium, denn aus seinen Augen leuchtet das unzerstörbare Prinzip in ihm, der  Archäus, also die Urkraft in allem Lebendigen. Es ist bezeichnend, dass Schopenhauer sich so in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ äußerte, und zwar in einem der  wichtigsten Kapitel: „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesen an sich“.

Arthur Schopenhauer und seine Hunde, die Hundebilder in seinem Zimmer, die Pudel, die ihn auf seinen einsamen Spaziergängen begleiteten – alles das sind Themen, bei denen man auch heute noch glaubt, sich über Schopenhauer lustig machen zu dürfen. Mir scheint das weniger lustig als vielmehr Ausdruck dafür zu sein, wie wenig doch manche Leute von diesem Philosophen begriffen haben. Schon der Name Atma, den Schopenhauer  seinen Hunden gab, war den meisten seiner Zeitgenossen völlig unverständlich. Gerade diese Bezeichnung weist auf den Kern der Philosophie Schopenhauers und der von ihm überaus hoch geschätzten altindischen   > Upanishaden hin: Atma, genauer Atman, bedeutet in etwa Einzelseele. Dazu fassen die Upanishaden ihre tiefste Erkenntnis in die Worte:  > Tat twam asi Das bist Du – Die Einzelseele ( Atman ) ist identisch mit der Weltseele ( Brahman )! Das gilt für den Menschen, für den Hund, ja für jedes Lebewesen. Vielleicht, meiner Meinung nach sogar sicherlich, ist das,  was Schopenhauer als „unzerstörbares Prinzip“, als „Archäus“ (Urkraft), aus den Augen eines Hundes leuchten sah, nicht verschieden von dem, was die Upanishaden als Brahman, Weltseele, bezeichnen.

Ich muss zugeben, mir selbst waren solche Aussagen früher ziemlich unverständlich. Ich fand sie schon auf Grund meiner naturwissenschaftlichen Orientierung eher als weltfremde Spinnerei. Doch eines Tages blickte mir ein Hauskaninchen, das ich zu betreuen hatte, in die Augen. Es war wie eine Offenbarung und damit der entscheidende Schritt zu einem völlig neuen Verständnis des im Grunde esoterischen Kerns der Upanishaden und der Philosophie Schopenhauers!  So hatte ich von einem Tier mehr gelernt als es aus bloßem Bücherstudium möglich gewesen wäre. Seitdem bin ich – wie Arthur Schopenhauer – von der Wesensgleichheit alles Lebendigen überzeugt. Deshalb sehe ich auch das Verhältnis von Mensch und Hund nicht unter dem Gesichtspunkt von Über- und Unterordnung, wie sie etwa in der Bezeichnung “ Herrchen“ für die „Besitzer“ von Hunden zum Ausdruck kommt. Einen Hund zu „besitzen“ ist kein Naturrecht des Menschen, sondern – dessen sind sich leider viele nicht bewusst – die Übernahme einer Sorgepflicht!
hb

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Zoodirektor – ein Tierfeind?

Wer sich als Tierschützer intensiv mit der Problematik von Zoos auseinandergesetzt hat, weiß, dass diese nicht unbedingt Einrichtungen des Tierschutzes sind. Als Tierrechtler wird man die Zoos ohnehin als Stätten bloßer Zurschaustellung ihrer Freiheit beraubter Tiere ablehnen. So habe ich, was Zoos angeht, schon lange keine Illusionen. Was ich aber in der heutigen „Berliner Zeitung“ unter der Überschrift „Jagd im Tierpark. Staatsanwaltschaft ermittelt wieder gegen Blaszkiewitz“ las, hat mich doch schockiert:

Zoodirektor Blaszkiewitz wurde von Tierschützern angezeigt, weil im Berliner Tierpark Füchse und Kaninchen illegal abgeschossen worden seien.  Der Zoodirektor begründete dies mit dem angeblichen Schutz von Zootieren, was jedoch nach Meinung der zuständigen Behörde auch durch dichte Umzäunung möglich gewesen wäre. Das Verhalten des Zoodirektors, meinte Edmund Haverbeck von der Tierrechtsorganisation Peta, spreche deutlich für dessen tierfeindliche Gesinnung.

Es ist nicht das erste Mal, dass gegen diesen Zoodirektor ermittelt wird. So wurde er, wie die Zeitung berichtet, bereits 2008  wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz angezeigt. Der Zoodirektor hatte im Tierpark junge Katzen durch Genickbruch getötet. Außerdem gab es Anzeigen wegen Verdachtes auf illegale Tierversuche. Auch die Art und Weise, wie er als Zoodirektor Tierhandel betrieb, stieß auf Kritik.

Für mich ist das eine erneute Bestätigung, was ich durch Arthur Schopenhauer ohnerhin schon weiß, nämlich dass Mitgefühl mit Tieren, ja Tierliebe, nicht durch Studium der Veterinärmedizin oder Zoologie erworben wird, sondern diese ethische Einstellung im Charakter des Menschen angelegt ist – oder dort, wie offenbar im obigen Beispiel, fehlt. Derartige Charaktermängel sind nicht durch gut gemeinte Appelle an das Gewissen oder irgendwelche anderen Moralpredigten aufzuheben. Gerade auf Grund solcher Beispiele und nach vielen, mitunter sehr bitteren Lebenserfahrungen muss ich mich leider immer mehr der Auffassung Schopenhauers anschliessen, dass – von Ausnahmen abgesehen – der Charakter eines Menschen im wesentlichen nicht änderbar ist. Was hingegen verändert werden kann, ist das Verhalten eines Menschen, z. B. durch Androhung rechtlicher Sanktionen. Hierzu ist es, soweit mir bekannt ist, im Fall des Zoodirektors (noch?) nicht gekommen. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die für den Berliner Zoo Verantwortlichen, dass ein solcher Mann Zoodirektor werden konnte und es immer noch bleiben darf.

Übrigens, nach obigem Zeitungsbericht fiel mir ein, was Gustav Friedrich Wagner in seinem “ Schopenhauer – Register“ unter Hinweis auf Schopenhauers „Schriften zur Naturphilosophie und zur Ethik“ geschrieben hat: „Zoolog, mancher ist nichts weiter als ein Affen-Registrator; man kann ein vollkommener Zoolog und doch ein unwissender Mensch sein.“ Ich glaube, viele Menschen, die mit einem Haustier eng zusammenleben, wissen über Tiere vielleicht weniger als studierte Zoologen, aber das, was sie wissen, ist wesentlicher, denn es betrifft das Wesen des Tieres als Lebewesen.
hb

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Menschen und andere Tiere

Zugegeben, der Titel mag etwas provozierend sein, aber er trifft genau das Problem, nämlich den Menschen, der in seinem Hochmut daran glaubt, er sei „die Krone der Schöpfung“. Ich kam auf diesen Titel, als ich in der „Berliner Zeitung“ vom 17. Juni 2010 eine Buchbesprechung las, und zwar  unter der Überschrift „Der Mensch ist auch nur ein Tier“:

Es ging dabei um ein Buch von John Gray, das in seiner deutschen Übersetzung den aufschlussreichen Titel trägt: „Von Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus“. Das Buch, so schrieb die Zeitung, sei ein „Frontalangriff  auf das humanistische Weltbild“. Im heutigen Humanismus würde der „Kardinalirrtum“ des Christentums, der Mensch würde anders als alle anderen Tiere sein, eine Wiederbelebung erfahren. So beruhe das Menschenbild des Humanismus auf einer Illusion. Ja, sogar der Mensch selbst „ist ein in Illusionen befangenesTier, das fortwährend versucht, dem Bild, das er von sich selbst hat, zu entfliehen“. In Wirklichkeit bleibe der homo sapiens eigentlich das, was er immer war, „der räuberische und zerstörende Mensch, ein Ausbeuter der Natur und seiner eigenen Gattung“.

Zu Recht wird am Ende dieser Buchbespechung angemerkt, dass Grays Kritik des Abendlandes und des dort vorherrschenden Menschenbildes ganz so neu nicht sei, wobei auf Arthur Schopenhauer verwiesen wird. Für Schopenhauer, auf den sich Gray oft beruft, war „das Wesentliche und Hauptsächliche im Tier und im Menschen das Selbe“. Was Mensch und Tier unterscheide,  liege „nicht im Primären, … im innern Wesen, … sondern allein im Sekundären, im Intellekt, im Grad der Erkenntniskraft“. Zu Schopenhauers Zeit war eine solche Feststellung geradezu revolutionär, denn sie stand im schärfsten Gegensatz zum herrschenden Christentum und damit zu fast zwei Jahrtausenden abendländischer Geistesgeschichte. Religion und Wissenschaft hatten alles getan, um den Menschen aus der Natur herauszuheben und ihn in seinem Größenwahn zu bestärken, dass der Mensch Alles, das Tier aber kaum mehr als ein belebtes Nichts sei.

In diesem Zusammenhang wandte sich Arthur Schopenhauer mit Empörung gegen „frömmelnde“ Zoologen, die behaupteten, es gäbe einen absoluten und radikalen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Die Ursache für die auch in der Umgangssprache zum Ausdruck kommende Diskriminierung der Tiere sei, so Schopenhauer, „jener elende Kunstgriff“, der „ohne Zweifel das Werk europäischer Pfaffenschaft (ist), die … nicht glaubt weit genug gehen zu können im Verleugnen und Lästern des ewigen Wesens, welches in allen Tieren lebt.“ Hierdurch hätten sie (die christlichen Theologen)   „den Grund gelegt zu der in Europa üblichen Härte und Grausamkeit gegen Tiere“.

Wer diese Aussagen Schopenhauers für zu radikal hält, dem empfehle ich die kleine Schrift des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner „Für einen Bissen Fleisch. Das schwärzeste aller Verbrechen“. Deschner beginnt  ganz im Sinne Schopenhauers mit der Feststellung: „Da die Krone der Schöpfung der Mensch, die Krone des Menschen der Pfaffe ist, lässt sich von ihm für das Tier am wenigsten erhoffen.“ Hat Deschner Recht? Andererseits möchte ich auch hier ungerechte Pauschalurteile vermeiden, denn es gibt in in dieser Hinsicht durchaus auch positive Beispiele. Ich denke dabei unter anderem an die Tierschützerin und ehemalige Pfarrerin Christa Blanke. Sie ist allerdings – wohl als Konsequenz ihrer Tierliebe –  inzwischen (2000) aus der Kirche ausgetreten.

Übrigens, ich selbst bezeichne die Menschen nicht als „andere Tiere“, sondern halte mich an Schopenhauers Ausspruch  Die Tiere sind die Brüder des Menschen . Hierdurch wird, wie mir scheint, die Nähe zu den Tieren auch gefühlsmäßig deutlich. Darauf kommt es mir an, denn Mitgefühl ist, wie Arthur Schopenhauer immer wieder hervorhob, die Grundlage der Ethik, also auch für den Tierschutz. 
hb

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Vögel haben Mitleid

Mitleid , so erklärte Arthur Schopenhauer , ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseins, ist diesem wesentlich zu eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.

Ich möchte Schopenhauers positiver Meinung zur menschlichen Natur nicht widersprechen, obgleich ich manche Menschen kennen gelernt habe, in deren Verhalten ich kaum Mitleid entdecken konnte. Seit längerer Zeit frage ich mich jedoch, ob Mitleid ein Gefühl ist, das nur in der menschlichen Natur liegt, also nur bei Menschen anzutreffen ist. Nun las ich dazu in der gestrigen Ausgabe der „Berliner Zeitung“ einen erstaunlichen Artikel, und zwar unter der Überschrift Vögel haben Mitgefühl. Dort heißt es:

„Raben gelten nicht nur als besonders intelligent, sie sind offensichtlich auch in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen. Dieser Fähigkeit zur Empathie sind Wissenschaftler der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle der Universität Wien jetzt auf der Spur. Sie fanden heraus, dass Raben ihre Freunde trösten, wenn die bei einem Konflikt eins auf den Schnabel bekommen haben. Geraten sie selbst in eine missliche Lage, dann suchen sie ebenfalls Trost bei jenen Artgenossen, die sie gut kennen. …

Über ein Jahr lang hatten die Wissenschaftler … das Verhalten von jungen Raben beobachtet. Sie hielten fest, wie die Tiere sich nach Konflikten verhalten. Vor allem bei sehr heftigen Streitereien trösteten die am Streit  unbeteiligten Raben die zerrupften Verlierer durch Berührungen – und zeigten damit ein gewisses Maß an Mitgefühl.

Diese menschliche Fähigkeit kann man auch bei Affen beobachten. Die Empathie der Raben geht nach Ansicht der Wiener Forscher jedoch noch darüber hinaus.“

Ich halte diese Feststellung für sehr aufschlussreich, weil Vögel – im Gegensatz zu Affen – entwicklungsgeschichtlich weit vom Menschen entfernt sind. Jedenfalls deuten obige Forschungsergebnisse darauf hin, dass Empathie und damit auch die Fähigkeit zum Mitleid schon ziemlich früh in der biologischen Entwicklungsgeschichte angelegt waren. Im Laufe dieser Entwicklung hat sich das Empfinden von Mitleid offenbar immer stärker herausgebildet, so dass es schließt nicht nur auf Artgenossen beschränkt bliebt. So gäbe es zum Beispiel ohne ein solches artenübergreifendes Mitleid keine Tierschutzvereine.

Trotz aller äußeren Unterschiede zeigt das Verhalten der Raben, dass sie uns sehr viel näher stehen, als es manche Menschen wahrhaben wollen. Inzwischen hat die Forschung eine kaum noch zu überblickende Zahl von Beweisen vorgelegt, die darauf hindeuten, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht – wie vor allem von den bei uns herrschenden Religionen behauptet wird – absolut, sondern nur ralativ ist. Arthur Schopenhauer wußte das schon vor mehr als 200 Jahren, und zwar durch bloße Anschauung, etwa in dem er einem Hund in die Augen blickte. Es war deshalb durchaus konsequent, dass Schopenhauer die Tiere in seine Mitleidsethik voll einbezog und forderte, das Lebensrecht der Tiere zu achten. Verständnis dafür fand er zu seiner Zeit jedoch kaum. Zutreffend schrieb hierzu einer der bedeutendsten Vorkämpfer für den Tierschutz in Deutschland, > Magnus Schwantje : Mit seinen Ansichten vom Recht der Tiere eilte Schopenhauer seinen Zeitgenossen weit voraus. Wenn ich daran denke, wie es heute um den Tierschutz steht, dann muss ich leider hinzufügen, auch den meisten Menschen unserer Zeit ist Schopenhauer immer noch weit, ja, viel zu weit voraus!
hb

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Ein Schopenhauerianer zur Tierschutzpartei

Wenn man sich im Sinne von Arthur Schopenhauer dafür einsetzt, dass Tiere geschützt und geachtet werden, dann ist natürlich eine Partei, bei welcher – im Gegensatz zu anderen Parteien – der Tierschutz ein wesentlicher Programmpunkt ist, von besonderem Interesse. Dementsprechend hatte ich mich schon mal über die Tierschutzpartei in diesem Blog geäußert. Nun besteht wieder Anlass dazu, und zwar durch die Landtagswahl in NRW am 9. Mai 2010.

Bereits im Vorfeld finden dazu in Blogs Diskussionen statt, an denen ich mich beteilige. Ich hoffte dort auf einen sachlich orientierten Meinungsaustausch, bei dem selbstverständlich auch Kritik an der Tierschutzpartei nicht ausgeklammert wird. Meine Hoffnung wurde schwer enttäuscht, denn in den Blogs begegnete ich zum Thema “ Tierschutzpartei “ nicht nur sehr viel Unverständnis, sondern ein Maß an Verunglimpfung, ja Bösartigkeit, dass es schwer wird, bei einem positiven Menschenbild zu bleiben.

Andererseits hat Enttäuschung ja auch etwas Positives, nämlich sie hilft, durch Überwindung der Täuschung der Wahrheit näher zu kommen.

Sich über Menschen zu täuschen, kann zu den bittersten Erfahrungen des Lebens gehören. Bitter ist es aber auch erleben zu müssen, wie manche Menschen glauben, sich über die Tierschutzpartei, ja schlimmer noch, über deren Anliegen, nämlich den Tierschutz, lustig machen zu können. Sie dürfen es auch, denn Tiere haben (wie Sachen) in unserer Rechtsordnung keine Würde. Arthur Schopenhauer war der erste bedeutende westliche Philosoph, der diesen im wahrsten Sinne des  Wortes würdelosen Zustand anprangerte. Diesen Zustand endlich auf politischem Wege (und nur so ist es möglich!) zu ändern, ist Ziel der Tierschutzpartei. Es dürfte daher verständlich sein, wenn ich als Schopenhauerianer dieser Partei zur NRW-Wahl die Daumen drücke.
hb

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Schopenhauer : Mitleid und Kampf ums Dasein

Für Arthur Schopenhauer war das Mitleid die „allein echte moralische Triebfeder“ und damit Grundlage der Ethik. An diese Aussage Schopenhauers erinnerte ich mich, als ich in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ (1/2009, Dossier, S. 94 ff.) las, dass nicht nur Menschen, sondern auch Primaten, ja sogar Nagetiere Mitleid empfinden können. Das ist eine für die Wissenschaft vielleicht sogar bahnbrechende Erkenntnis, denn lange Zeit wurde von Zoologen bezweifelt, dass Tiere so etwas wie Einfühlungsvermögen besitzen. Bereits das Erwähnen von Gefühlen bei Tieren galt als Ketzerei. Inzwischen belegen jedoch immer mehr Studien die empathischen Fähigkeiten von Tieren. Allerdings Tierschützer sind – vielleicht im Gegensatz zu vielen Wissenschaftlern – schon seit geraumer Zeit davon überzeugt, dass zumindest hochentwickelte Tiere ein dem Menschen durchaus vergleichbares Gefühlsleben haben.Sie stehen uns darin sehr nahe, jedenfalls viel näher, als es menschlicher Hochmut und Bibel wahrhaben wollen.

Wenn wir uns in der Natur umschauen, dann sehen wir ein Geschehen, was unsere Gesellschaft möglichst verdrängt und schon gar nicht auf das menschliche Miteinander übertragen will, nämlich den Kampf ums Dasein. “ Kampf ums Dasein „-  ist ein Begriff, der besonders im letzten Jahr durch die Medien neue Aktualität gewann, denn 2009 war das Darwin-Jahr: 150 Jahre vorher, also 1859, veröffentlichte Charles Darwin sein Buch „Über den Urprung der Arten“. In Darwins epochalem Werk ist der Kampf ums Dasein  (struggle of life) von zentraler Bedeutung. Arthur Schopenhauer lernte es noch in seinem letzten Lebensjahr (1860) durch einen ausführlichen Artikel in der Times kennen. Gerade Schopenhauer hatte sehr anschaulich beschrieben, wie sich der Kampf ums Dasein in allen Bereichen der Natur bis hin zum Menschen jeden Tag abspielt:

„Die deutlichste Sichtbarkeit erreicht dieser allgemeine Kampf in der Tierwelt, welche die Pflanzenwelt zu ihrer Nahrung hat, und in welcher selbst wieder jedes Tier die Beute und Nahrung eines anderen wird …indem jedes Tier sein Dasein nur durch die beständige Aufhebung eines fremden erhalten kann.“  (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, § 26)

Im Kampf ums Dasein geht es um die Selbsterhaltung, und zwar oft um Leben und Tod. Wie kann es da zum Mitleid kommen?  Ein Raubtier in freier Wildbahn kann sich kein Mitleid mit seinen Beutetieren erlauben, wenn  es nicht verhungern will. Gilt das aber auch für Menschen? Nein, zumindest nicht überall und nicht in dieser unerbittlichen Konsequenz. Wenigstens bei uns und in anderen Wohlstandsländern gibt es durchaus Möglichkeiten, auf andere Wesen Rücksicht zu nehmen. So leben zum Beispiel zunehmend mehr Menschen vegan, d. h., sie vermeiden alle Produkte, die vom Tier stammen und zwangsläufig mit Tierleid verbunden sind. Auch das ist Ausdruck von Mitleid und ein Beweis für die Möglichkeit, den Daseinskampf nicht mit voller Härte und Erbarmungslosigkeit zu führen.

Selbst wer davon überzeugt ist, dass der Kampf ums Dasein untrennbar mit der Existenz unserer Welt verbunden ist oder, wie  der altgriechische Philosoph Heraklit meinte, „der Vater von allem““ sei, kann dennoch bemüht sein, fremdes Leben zu achten und zu schonen. Allein die Tatsache, dass dazu viele Menschen bereit sind, gibt Grund zur Hoffnung. Jedenfalls was mich persönlich betrifft, fühle ich mich hierbei durch Arthur Schopenhauer und seine Lebensphilosophie bestärkt.
hb

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Schopenhauer : Recht und Gerechtigkeit

Recht und Unrecht, so betonte Arthur Schopenhauer, seien keineswegs nur konventionelle Begriffe, sondern hätten darüber hinaus moralische Bedeutung. Unabhängig von allen staatlichen Gesetzen gäbe es ein Naturrecht, also ein Recht, das auch gültig und anerkannt wäre, wenn die Menschen ohne irgendeine staatliche Rechtsordnung im „Naturzustande“ leben würden. Diese Auffassung Schopenhauers bekommt gerade durch neuere Forschungen Unterstützung, denn deren Ergebnisse deuten z. B. darauf hin, dass bereits Kleinkinder, ja auch Menschenaffen ein mehr oder minder ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit besitzen. Demnach ist uns bereits von der Natur her ein bestimmtes Rechtsempfinden angeboren. Jeder von uns kann das an sich selbst überprüfen: Ohne jegliche juristische Kenntnisse wissen wir ziemlich genau, wenn wir ungerecht beurteilt oder behandelt wurden. Verletzungen des Gerechtigkeitsgefühls werden oft als derartig schwerwiegend empfunden, dass sie ein Leben lang im Gedächtnis haften bleiben.

Gerechtigkeit war schon für den von Schopenhauer hochgeschätzten altgriechischen Philosophen Platon die Tugend des rechten Verhaltens, ja sie war für ihn die höchste Tugend. Platon hatte bereits am Beginn seines Hauptwerkes „Der Staat“ die sokratische Frage nach dem Wesen der Gerechtigkeit  und die sophistische These, das Gerechte sei nichts anderes als das dem Stärkeren Nützliche, gestellt (s. Lexikon der philosophischen Werke). Dieses von Platon im einzelnen erörterte Thema ist auch heute noch von höchster Aktualität. Wir alle erwarten vom Staat und seinen Gesetzen vor allem eins, nämlich dass diese gerecht seien. Leider werden wir in dieser Erwartung nicht selten bitter enttäuscht. Oft haben wir das (mitunter durchaus berechtigte) Gefühl, dass nicht Gerechtigkeit, sondern Machtinteressen herrschender Personen und Gruppen die Gesetzgebung entscheidend beeinflussen. Dementsprechend können “ Recht „, wie es die Juristen verstehen, und Gerechtigkeit erheblich voneinander abweichen. 

Obwohl die Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit zuweilen unerträglich groß sein kann, war Schopenhauer durchaus nicht dafür, den Staat und mit ihm alle Gesetze abzuschaffen und sich nur auf Vernunft und Einsicht der Menschen zu verlassen. Im Staat sah Schopenhauer trotz aller seiner Unvollkommenheiten eine Schutzanstalt gegen Angriffe des Egoismus, der sonst als Recht des Stärkeren schrankenlos herrschen würde. Allerdings müsse man Politik und Ethik voneinander unterscheiden: Der Staat und das Moralische seien so verschieden wie „eine Krücke statt des Beines, ein Automat statt eines Menschen“ (s. Arthur Hübscher; Denker gegen den Strom, Schopenhauer: Gestern – Heute – Morgen, 2. Aufl., 1982, S. 117).

Arthur Schopenhauer war wohl der erste bedeutende Philosoph des Abendlandes, der die Forderung nach Gerechtigkeit auch auf Tiere ausdehnte. Alle oder zumindest fast alle westlichen Philosophen vor ihm hatten das Prinzip der Gerechtigkeit allein auf Menschen bezogen. So war Schopenhauer die große Ausnahme, als er voller Empörung schrieb:
Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man dem Tier schuldig und bleibt sie meistens schuldig…
Wir haben zwar in Deutschland ein Tierschutzgesetz und der Tierschutz ist inzwischen als Staatsziel in das Grundgesetz aufgenommen worden, aber dennoch kenne ich keinen Bereich, in welchem unsere Rechtsordnung so vom moralischen Grundsatz der Gerechtigkeit abweicht, wie es Tieren gegenüber der Fall ist. Staatliches Recht und Gerechtigkeit, und zwar auch in Bezug auf die Tiere, miteinander in Einklang zu bringen, ist das Ziel einer Bewegung die zunehmend an Bedeutung gewinnt – die Tierrechtsbewegung, deren geistiger Vorkämpfer vor mehr als 150 Jahren Arthur Schopenhauer war.
hb

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