Lebensorientierung und Trost im Alter

   Es ist eine oft bestätigte Tatsache: Arthur Schopenhauers Philosophie mit ihren Aphorismen zur Lebensweisheit bietet Lebensorientierung und Trost, und zwar gerade auch in schwierigen Lebensphasen – wie etwa im Alter. Zu den Lebensabschnitten, die sich deutlich voneinander unterscheiden, meinte Schopenhauer in  seinen Aphorismen:

    Die ersten vierzig Jahre unsers Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu.

    Ein solcher „Kommentar“ sind wohl die Lebenserinnerungen des „Schopenhauerianers“ Arthur Hübscher. Er war nicht nur viele Jahre Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft sowie Autor zahlreicher Schriften über Schopenhauer und dessen Philosophie, sondern mehr noch: er lebte, wie es in seinen Memoiren heißt,  „mit und für Schopenhauer“.

  Besonders bemerkenswert ist auch, dass Hübscher seine Lebenserinnerungen, die er unter dem Titel erlebt – gedacht – vollbracht. Erinnerungen an ein Jahrhundert veröffentlichte, erst in seinem 87. Lebensjahr beendete. Daher konnte er auf  eine sehr lange Lebensspanne zurückblicken und gegen Ende seines Lebens (er starb im 89. Lebensjahr) auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen im letzten Kapitel seines Buches über Schopenhauer schreiben:

    Ich habe auf meiner Lebensreise viele Menschen und viel unnützes Gepäck zurückgelassen. Schopenhauer habe ich mitgenommen, – er hat mich nie im Stich gelassen. Er wird auch da sein, wenn es an der Zeit ist, abzutreten.

    Eines der letzten Kapitel des Buches hat die Überschrift Einübung auf das Alter. Dort berichtete Hübscher über die Ergebnisse seiner Erfahrungen und Einsichten, die er im Laufe seines langen ereignisreichen Lebens gesammelt hatte:

      „Ich möchte, was Erfahrung und Beispiele mich über die Einübung ins Alter gelehrt haben, in ein paar Sätze zusammenfassen, die man beifällig aufnehmen mag, auch wenn man sie in Wirklichkeit außer Acht zu lassen gedenkt:

     Das Unabänderliche willig hinnehmen. Sich der Vorteile bewußt werden, die auch physische Behinderungen mit sich bringen: Schwerhörigkeit schützt uns vor lästigem Lärm, zunehmende Vergeßlichkeit räumt manchen Schutt zerstörter Illusionen fort.

     Im Alltäglichen noch das Besondere finden, die einfachsten Handlungen, einen Spaziergang, ein Gespräch, eine stille Stunde im Garten in innerer Teilnahme erhöhen, und immer wieder im einzelnen Ereignis die philosophische Verwunderung über die Welt und unser eigenes Dasein erleben.

     Nicht dem Vergangenen nachtrauern, nichts Verlorenes zurückholen wollen, nichts Hinschwindendes gewaltsam aufhalten, aber fördern und nutzen, was sich immer noch bietet oder neu eröffnet und sich unserm Sinne fügt.

     Die reizvolle Vielheit der Horizonte und Aufgaben sorglich eingrenzen, die Kräfte sammeln und sich immer klarer werden über unser Selbst, in der Beschränkung, die den Meister macht.

     Aber immer auch in der Vorbereitung auf etwas Kommendes, Erwünschtes,
Erstrebtes, zu Verwirklichendes leben, und immer noch den Blick über sich hinaus erheben, in Höhen, die uns kaum jemals erreichbar sind und von denen doch der Trost herabkommt …“

    Inwieweit  diese auf Erfahrungen und Einsichten gegründete „Einübung auf das Alter“  ernst genommen wird, hängt wohl auch vom jeweiligen Lebensalter ab, denn – wie Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen schrieb – mit dem Älterwerden ändert sich die Perspektive:

      Die Heiterkeit und der Lebensmuth unserer Jugend beruht zum Theil darauf, daß wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehen; weil er am Fuße der andern Seite des Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel überschritten, dann werden wir den Tod, welchen wir bis dahin nur vom Hörensagen kannten, ansichtig.

    Ob jung oder alt, ganz ohne Lebensmut ist das Leben kaum zu meistern. Jedoch hat der Gedanke an den Tod, der sich gerade im  Alter aufdrängt, auch seinen Wert, weil er uns mahnt, die noch verbleibende kostbare Zeit des Lebens möglichst sinnvoll zu nutzen.

    Besonders im fortgeschrittenen Alter wird die Nähe des Todes immer deutlicher empfunden. Das kann mitunter für manche Menschen ziemlich bedrückend sein. Schopenhauer äußerte sich dazu in seinem berühmten Kapitel Zur Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens durch den Tod mit Worten, die nicht beschönigen, aber dennoch Hoffnung und Trost enthalten:

    Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives, – das Aufhören des Lebens; allein er muß auch eine positive Seite haben, die jedoch uns nur verdeckt bleibt, weil unser Intellekt durchaus unfähig ist, sie zu fassen. Daher erkennen wir wohl, was wir durch den Tod verlieren, aber nicht, was wir durch ihn gewinnen.

     Übrigens, der Verfasser dieses Beitrages ist im 80. Lebensjahr.

H.B.

S. auch Blogbeitrag Arthur Schopenhauer : Tod und Trost > hier .

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Arthur Schopenhauer : Tod und Trost

Worte von Arthur Schopenhauer, die mir in trüben Stunden schon sehr geholfen haben, und die ich einem Freund mit auf den Weg gab, von dem ich wusste, dass er bald sterben würde:

Wenn das beängstigte Herz sein altes Klagelied anstimmt: „Ich sehe alle Wesen aus dem Nichts entstehn und diesem nach kurzer Frist wieder anheimfallen: auch mein Dasein, jetzt in der Gegenwart, wird bald in ferner Vergangenheit  liegen, und ich werde Nichts sein!“ – so ist die richtige Antwort:

„Bist du nicht da? Hast du sie nicht inne, die kostbare Gegenwart , nach der ihr Kinder der Zeit alle so gierig trachtet, jetzt inne, wirklich inne? Und verstehst du, wie du zu ihr gelangt bist? Kennst du die Wege, die dich zu ihr geführt haben, dass du einsehn könntest, sie würden dir durch den Tod versperrt? 

Ein Dasein deines Selbst, nach der Zerstörung deines Leibes, ist dir seiner Möglichkeit nach unbegreiflich: aber kann es dir unbegreiflicher sein, als dir dein jetziges Dasein ist, und wie du dazu gelangtest? Warum solltest du zweifeln, dass dir die geheimen Wege, die dir zu dieser Gegenwart offenstanden, dir nicht auch zu jeder künftigen offenstehn werden?“  

An diese trostreichen Worte Schopenhauers musste ich denken, als ich kürzlich den von Arthur Schopenhauer hoch verehrten Platon las, und zwar dessen “ Apologie „. Es geht dort um die berühmte Rede, die Sokrates zu seiner Verteidigung vor dem Gerichtshof in Athen hielt. Sokrates sprach dabei in Erwartung seines Todesurteils über den Tod:

Denn den Tod fürchten ist nichts anderes, als sich weise dünken und es doch nicht sein, denn es heißt, sich ein Wissen einzubilden, das man nicht hat. Weiß doch niemand vom Tode, ob er nicht vielleicht für den Menschen das größte aller Güter ist, aber man fürchtet ihn, als ob man wüßte, dass er das größte der Übel sei. Wie aber, wäre dies nicht jene ganz schmähliche Torheit, jener Glaube, zu wissen, was man nicht weiß. 
( Platon, Apologie, Erste Rede. Übertragen von Kurt Hildebrandt)
hb

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