Tierschutz nur zweitrangig?

In seinem Leben und in seiner Philosophie hatte sich Arthur Schopenhauer nachdrücklich für den Tierschutz eingesetzt. Zahlreiche Belege aus Schopenhauers Leben und Werken zeigen, dass Tierschutz für ihn kein nebensächliches Thema war. Schopenhauer stand damit im Gegensatz nicht nur zu fast allen anderen bedeutenden Philosophen, sondern auch zu den   vorherrschenden, im Grunde tierverachtenden Auffassungen seiner Zeit.

Heute werden tierabwertende Meinungen vielleicht nicht so offen zum Ausdruck gebracht, aber dennoch ist der Tierschutz kein vordringliches Thema unserer Gesellschaft. Zwar steht inzwischen der Tierschutz als Staatsziel im deutschen Grundgesetz, jedoch in der Praxis, also dann, wenn es wirklich darauf ankommt, hat der Tierschutz zumeist das Nachsehen. Andererseits gibt es zahlreiche Organisationen, von denen man annehmen darf, dass sie sich vorrrangig für den Schutz der Tiere einsetzen. Ist das aber wirklich der Fall? Hierzu einige Beispiele, die mich nachdenklich stimmen:

Ich habe mich viele Jahre aktiv für die Tierschutzpartei (Partei Mensch Umwelt Tierschutz) eingesetzt und unterstütze diese Partei auch heute noch, weil ich hoffe, dadurch den Tierschutz in Deutschland politisch voranzubringen. Inzwischen muss ich aber feststellen, dass diese Partei sich immer weniger Tierschutzpartei nennt, sondern stattdessen immer mehr die Langbezeichnung in der Formulierung “ Partei ergreifen für Mensch Umwelt Tierschutz “ verwendet. Offenbar meinen die Verantwortlichen, dass Tierschutz nicht genügend attraktiv ist und man deutlicher – und zwar vorrangig – Mensch und Umwelt betonen muss. Ob die Partei damit bei den Wählern mehr Erfolg haben wird, dürfte sich bereits bei der nähsten Wahl (Landtagswahl in Baden-Württemberg) erweisen. Wie dem auch sei, oben genannte, von der Partei gewählte Formulierung lässt in ihrer Reihenfolge den Schluss zu, dass Tierschutz für die Partei nicht erst- , ja auch nicht zweit-, sondern drittrangig geworden ist.  Ich hoffe, dass ich mich mit dieser Einschätzung täusche, fürchte aber, dass ich damit Recht habe.

Ein weiteres Beispiel – für mich als Veganer von besonderem Interesse –  ist die kürzlich gegründete Vegane Gesellschaft Deutschland e.V.. Laut ihrer Satzung fördert sie die vegane Lebensweise, vor allem um die menschliche Ernährungssituation zu verbessern und den Welthunger zu überwinden. Erst an zweiter Stelle und damit als zweitrangiges Ziel steht die „Förderung der Überwindung des Leidens und Tötens der Tiere durch Menschen“.

Um nicht mißverstanden zu werden: Ich halte es durchaus für sehr wichtig und notwendig, sich für hungernde und leidende Menschen sowie für den Umweltschutz einzusetzen. Doch erscheint es mir angebracht, darauf hinzuweisen, dass auch die obigen Organisationen den Tierschutz nicht als erstrangiges Ziel ansehen und somit auch dort der von Tierrechtlern kritisierte Anthropozentrismus (Der Mennsch ist das Maß aller Dinge), wenngleich in sehr abgemilderter Form, fortbesteht.

Selbst bei Tierschutzvereinen, deren Vereinszweck schon aus dem Namen eindeutig hervorgeht, ist der Anthropozentrismus zu erkennen, denn von ihnen wird, wie schon zu Schopenhauers Zeit, oft der Tierschutz mit Menschenschutz begründet. Dazu schrieb Arthur Schopenhauer :

Die Tierschutzgesellschaften, in ihren Ermahnungen, brauchen  noch immer das schlechte Argument, daß Grausamkeit gegen Tiere zu Grausamkeit gegen Menschen führe; – als ob bloß der Mensch ein unmittelbarer Gegenstand der moralischen Pflicht wäre, daß Tier bloß ein mittelbarer, an sich eine bloße Sache! Pfui!
( Arthur Schopenhauer , Parerga und Paralipomena II, Hrsg. v. Julius Frauenstädt, 2. Aufl., Neue Ausg. Leipzig 1919, S. 404.)

Als Tierrechtler kann ich den Standpunkt Schopenhauers gut verstehen. Dennoch: Die Argumente mögen anthropozentrisch sein und der Tierschutz nicht an erster Stelle stehen, wichtig ist, dass dabei den Tieren überhaupt geholfen wird!
hb

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