Warum Schopenhauer lesen ?

        Warum lohnt es sich, nicht nur einige Zitate von Arthur Schopenhauer mehr oder weniger – vielleicht sogar etwas amüsiert – zur Kenntnis zu nehmen, sondern die Werke dieses großen, leider oft mit Vorurteilen belasteten Lebensphilosophen gründlicher zu lesen? Die Anwort auf diese Frage geht, wie ich hoffe, schon aus den bisherigen Beiträgen in diesem Blog hervor. Dennoch möchte ich hierzu ein kleines Buch vorstellen, das unter dem Titel Arthur Schopenhauer. Lichtstrahlen aus seinen Werken 1888 bereits in 6. Auflage  erschienen war. Sein Verfasser ist Julius Frauenstädt, einer der wichtigsten Anhänger Schopenhauers, der sich um die Verbreitung von dessen Philosophie besonders verdient gemacht hatte.

   Der Titel des genannten Buches ist durchaus passend, denn es sind sehr helle Lichtstrahlen, mit denen Schopenhauer das Dunkel des menschlichen Daseins durchdringt und das Leben in seinen vielen Erscheinungsformen beleuchtet. Schon im Vorwort zu den von Frauenstädt dort ausgewählten Textauszügen aus Schopenhauers Werken kommt das deutlich zum Ausdruck:

        „Mit einem großen Geiste Bekanntschaft zu machen, ist immer fördernd, wirkt befreiend und erhebend, auch wenn wir ihm nicht in allewege folgen können. Nun war aber Schopenhauer einer der größten Geister, die je gewesen sind; in seinem Kopfe spiegelte sich das Wesen der Welt klarer, als sonst in Menschenköpfen; er war ein solcher ächter Philosoph, wie er selbst ihn bescheibt:

        Ueberall wird der ächte Philosoph Helle und Deutlichkeit suchen und stets bestrebt seyn, nicht einem trüben, reißenden Regenbache zu gleichen, sondern vielmehr einem Schweizer See, der, durch seine Ruhe, bei großer Tiefe große Klarheit hat, welche aber erst die Tiefe sichtbar macht.

        Tief und lichtvoll ist Alles, was Schopenhauer geschrieben hat.

        Ich [Frauenstädt] glaube daher nichts Undankenswerthes zu thun, indem ich dem großen gebildeten Publikum durch nachfolgende Auswahl aus Schopenhauer´s Werken Gelegenheit biete, diesen großen Geist näher kennen zu lernen und sich mit ihm zu befreunden. Zwar mit dem Befreunden wird es in einigen Punkten schwer halten, zumal in unserer lebenslustigen und genußsüchtigen, bis über die Ohren im Materialismus steckenden Zeit … Gerade wegen ihres tief sittlichen Kerns halte ich die Schopenhauer´sche Lehre für sehr zeitgemäß. Sie bildet einen heilsamen Dämpfer auf die Lebensgier und auf das Rennen und Jagen nach irdischer Glückseligkeit, das unsere Zeit charakterisirt.“

        Obige Worte, obwohl vor weit mehr als einem Jahrhundert geschrieben, treffen wohl ohne jede Einschränkung auch heute noch zu. Frauenstädt hatte zwar in einigen Punkten eine von Schopenhauer abweichende Ansicht, aber dennoch hielt er Schopenhauer „für denjenigen Denker, der unter den nachkantischen am meisten verdient studirt zu werden. Man kann von Keinem so viel lernen, als von ihm. Keiner bringt so viel Licht und Klarheit in unsere  eigenen Gedanken …“

          Licht und Klarheit in eine Welt zu bringen, die immer verworrener und immer weniger durchschaubar wird, ist notwendiger denn je. Wie gut, dass  Schopenhauers Lichtstrahlen hierbei Orientierung bieten können – und zwar eine, die sich im Leben schon oftmals bewährt hat!

H.B.

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Arthur Schopenhauer : Wirklichkeit oder Einbildung ?

Sehen wir die Welt, wie sie wirklich ist, oder ist das Bild, das wir uns von ihr machen, nur ein Konstrukt unseres Gehirns, also unsere Einbildung?

“ Wirklichkeit,“ so Schopenhauer,  sei im Deutschen eine gute, tiefsinnige Bezeichnung für alles Wirkende. Zu dem hierbei  oft verwendeten  Begriff  „Realität“ meinte Schopenhauer, dass die Quelle aller Realität in unserem Inneren liege. Das, was dort liegt, das letztlich Wirkende, ist nach Schopenhauer ein metaphysischer Wille. Alles in dieser Welt, also auch wir, sind „Objektivationen“ dieses Willens.

Was wir als Wirklichkeit wahrnehmen, bezeichnete Schopenhauer als  „empirische Realität“. Wie kommt diese zustande? Unsere Sinne nehmen in jedem Augenblick eine gewaltige Fülle von Eindrücken auf. Aus dieser Vielzahl filtert unser Gehirn nur eine kleine Auswahl heraus, nämlich soweit sie für unsere Lebenserhaltung notwendig ist. Das Herausgefilterte wird im Gehirn bewertet und mit Informationen angereichert, die dort bereits (z. B. aus früheren Erfahrungen) gespeichert sind. Somit ergibt sich für uns ein Bild, das heißt, so stellen wir uns diese Welt vor. Daher ist unsere Welt nach Schopenhauer unsere „Vorstellung“.

Inzwischen hat die moderne Hirnforschung in weitgehender Übereinstimmung mit Schopenhauer erwiesen, dass das, was wir für die “ Wirklichkeit “ halten, ein Konstrukt unseres Gehirns ist. Arthur Schopenhauer kam zu diesem Ergebnis nicht durch irgendwelche Experimente, sondern über Kant.  Dieser hatte in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ unter anderem dargelegt, dass die Vorstellung von Raum und Zeit  “ a priori“ , d. h. vor aller Erfahrung,  in unserem Gehirn verankert ist. Unsere Sinneseindrücke werden durch die Denkformen von Zeit und Raum eingeordnet und so in ihrer Vielheit wahrgenommen. Was wir von der Welt wahrnehmen, sind demnach Erscheinungen und nicht das, was hinter ihnen steht. Kant bezeichnete es als „das Ding an sich“. Wir können, wie Kant sehr scharfsinnig begründete, die Dinge nicht so sehen, wie sie „an sich“ sind, sondern nur so, wie sie uns „erscheinen“.

Schopenhauer ging einen wesentlichen Schritt über Kant hinaus, in dem er –  vergleichbar mit den großen  Mystikern – erkannte, dass “ das Ding an sich“ etwas Metaphysisches ist. Schopenhauer nannte es „Wille“ . Er wählte diese Bezeichnung, weil sich dieses eigentlich durch Namen und Begriffe nicht erfassbare Metaphysische am deutlichsten im individuellen Willen jedes Wesens manifestiert.

So hat Arthur Schopenhauer die Frage, was diese Welt ist, bereits im Titel seines Hauptwerkes beantwortet, nämlich „Wille und Vorstellung“.  Wenn nach Schopenhauer der „Wille“ das Wirkende in der Welt und alles, was wir von dieser Welt als empirische Realität wahrnehmen, unsere „Vorstellung“  ist,   dann wäre wohl die Welt nicht Wirklichkeit oder Einbildung, sondern beides.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philsophie
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