Vom Christentum zum Buddhismus

Arthur Schopenhauer hatte für die Verbreitung des Buddhismus besonders in Deutschland erhebliche Bedeutung, denn durch ihn kamen vor allem philosophisch interessierte Menschen, die im Christentum nicht das fanden, was sie suchten, zur Lehre des Buddha.

Schopenhauer war – wie zu seiner Zeit üblich – bald nach der Geburt (* 1788) getauft worden und gehörte demnach ungefragt, also gleichsam automatisch dem Christentum an.  Jedoch seit etwa 1812 zeigen  seine zunehmend kritischen Äußerungen, dass er bereits zu  dieser Zeit eine „grundsätzliche Abkehr von der Religion als einem System von Glaubenlehren vollzogen“ hatte.(1) Seine ablehnende Einstellung hatte  sehr tiefe philosophische Gründe, wie er an vielen Stellen seiner Schriften zum Ausdruck brachte. Ein Beispiel hierzu ist Kap. 15 Ueber Religion, § 177 Ueber das Christentum in Band 2 von Parerga und Paralipomena. Dort legte Schopenhauer, wie ich meine, besonders eindrucksvoll und nachvollziehbar einige der Gründe dar, warum er die indischen Religionen, nämlich den Buddhismus und Brahmanismus (Hinduismus), gegenüber dem Christentum vorzog.

Zunächst verwies Schopenhauer auf den nicht nur im Katholizimus maßgebenden Kirchenlehrer Augustinus, „diesem Leitsterne Luthers“:

“ Ein Gott schafft ein Wesen aus Nichts, ertheilt demselben Verbote und Befehle, und, weil diese nicht befolgt werden, martert er es nun alle endlose Ewigkeit hindurch mit allen erdenklichen Quaalen, zu welchem Behuf er alsdann Leib und Seele unzertrennlich verbindet , damit nimmermehr die Quaal dieses Wesen, durch Zersetzung, vernichten könne und es so davon komme, sondern es, zu ewiger Pein, ewig lebe …

Nimmt man nun aber noch die übrigen Lehren des Augustinus hinzu, daß nämlich dies Alles nicht eigentlich von seinem [des Menschen] Thun und Lassen abhängt, sondern durch Gnadenwahl vorher ausgemacht war, – da weiß man gar nicht mehr, was man sagen soll. …. Unsere Verwirrung bei solchen Aeußerungen wird aber noch vermehrt, wenn wir dazwischen ein Mal auf die Stimme eines argen und sogar verbrannten Ketzers hören, des Jul. Caes. Vaninus:

´Wenn Gott nicht wollte, daß die schlimmsten und nichtswürdigsten Handlungen in der Welt ihr Wesen hätten, so würde er ohne Zweifel mit einem Winke alle Schandthaten aus den Grenzen der Welt verjagen und verbannen; denn wer von uns kann dem göttlichen Willen Widerstand leisten? Wie kann man annehmen, daß die Verbrechen gegen Gottes Willen vollbracht würden, wenn er doch bei der Vollbringung der Sünde den Verbrechern die Kräfte dazu verleiht? Wenn aber der Mensch sich vergeht, ohne daß Gott es will, so ist Gott schwächer als der Mensch, der sich ihm widersetzt und dazu die Macht hat. Hieraus schließt man, daß Gott die Welt so haben will, wie sie ist, denn wenn er eine bessere wollte, so würde er eine bessere haben.`

Vanini, der, wie Schopenhauer oben erwähnte, als Ketzer verbrannt wurde, gab dazu eine meiner Meinung nach sehr schlüssige und von Schopenhauer ebenfalls zitierte weitere Begründung:  „Wenn Gott die Sünden will, so ist er es, der sie begeht; wenn er sie nicht will, so werden sie dennoch begangen. Folglich muß man von ihm sagen, daß er entweder nicht vorsehend, oder ohnmächtig, oder grausam ist, da er die Erfüllung seines Ratschlusses entweder nicht kennt oder nicht vermag oder nicht achtet.`“(2)

Schopenhauer fügte dem noch den Satz hinzu: „Allerdings war es leichter, den Vanini zu verbrennen, als ihn zu widerlegen.“ (3) Im übrigen gilt das nicht nur für Lucilio Vanini, sondern auch für den 1600 in Rom als „Ketzter“ verbrannten Giordano Bruno .

Außer dem obigen, von den Theisten kaum lösbaren Problem, das als Theodizee bezeichnet wird, wies Schopenhauer auf ein weiteres, besonders von christlich orientierten Tierschützern schmerzhaft empfundenes Problem hin:

„Ein anderer, bei dieser Gelegenheit zu erwähnender, aber nicht weg zu erklärender und seine heillosen Folgen täglich manifestirender Grundfehler des Christenthums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Thierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Thiere geradezu als Sachen betrachtend; – während Brahmanismus und Buddhaismus, der Wahrheit getreu, die augenfällige Verwandtschaft des Menschen, wie im Allgemeinen mit der ganzen Natur, so zunächst und zumeist mit der thierischen, entschieden anerkennen und ihn stets, durch Metempsychose [Seelenwanderung] und sonst, in enger Verbindung mit der Thierwelt darstellen. Die bedeutende Rolle, welche im Brahmanismus [Hinduismus] und Buddhaismus durchweg die Thiere spielen, verglichen mit der totalen Nullität derselben im Juden-Christenthum, bricht, in Hinsicht auf Vollkommenheit, diesem letztern den Stab …“(4)

Die eben von Schopenhauer aufgezeigten schwerwiegenden Mängel des Christentums hat hingegen , wie Schopenhauer hervorhob, der Buddhismus nicht. Schopenhauer zählte sich zu den „Buddhaisten“, denn bei ihnen, fand er  die „tieferen, ethischen und metaphysischen Einsichten“(5) und in der buddhistischen Lehre „eine höchst lautere, erhabene, liebevolle Moral“, die, so fügte er hinzu, „nicht, wie die Christliche, die Thiere vergessen hat“.(6)

Hinzu kommt, dass der Buddhismus, wie Schopenhauer durchaus zutreffend erkannte, „entschieden atheistisch ist“. Damit stellt sich im Buddhismus von vornherein nicht das oben erwähnte Problem der Theodizee, nämlich der Unvereinbarkeit der Existenz eines allgütigen und allmächtigen Gottes mit dem unermesslichen Leid dieser Welt.  Ganz in Schopenhauers Sinne zitierte der allseitig als kompetent anerkannte Religionswissenschaftler und einer der  „wichtigsten deutschen Indologen“ (7), Helmuth von Glasenapp,  aus alten buddhistischen Schriften:

“ Einige Asketen und Brahmanen behaupten: ´Was auch immer einem Menschen zuteil wird, Glück, Leid oder keins von beiden, das hat alles seinen Grund in dem Schöpferwillen des Weltenherrn.` Ich sage dazu: ´Dann werden die Menschen ja auf Grund des Schöpferwillens Gottes zu Mördern, Dieben, Wüstlingen, Lügnern …`

Wenn Gott, der über allem waltet,
Das Leben in der Welt gestaltet,
Wenn er verteilt hier Glück, dort Leiden,
Das Böse tun läßt und es meiden,
Der Mensch nur seinen Wunsch vollstreckt –
Dann ist nur Gott von Schuld befleckt. (8)

Das hier aufgezeigte Problem der Theodizee gilt nicht nur für das Christentum, sondern wohl für alle theistischen Religionen. Es ist seit jeher aktuell und, wie bereits erwähnt, für den Theismus kaum lösbar. Manche Gottgläubige geraten dadurch in schwere innere Konflikte. So erging es auch Georg Grimm, der als katholischer Priesterzögling nicht mehr glauben konnte, was seine Kirche ihn lehrte, und sich stattdessen Schopenhauer zuwandte.

In  seinem Hauptwerk Die Lehre des Buddha äußerte sich Grimm ausführlich und sehr eindrucksvoll zu seinen Glaubenszweifeln an der christlichen Lehre:

„… Wie kann ein menschliches Erkenntnisvermögen den Gedanken fassen, daß ein Gott, der doch der Inbegriff vereinter Allgüte, Allweisheit und Allmacht sein soll, Wesen schafft, von denen er voraussieht, daß sie in ihrer Überzahl – ´Viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt`- der ewigen Verdammnis in einer Hölle anheimfallen werden! … Und dann, wie Schopenhauer so richtig bemerkt: Ist es faßbar, daß der Gott, welcher Nachsicht und Vergebung jeder Schuld vorschreibt, selbst keine übt, noch nach dem Tode ewige Bestrafung eintreten läßt? …“(9)

Solche und ähnliche ihn quälenden Fragen, die ihm das Christentum nicht beantworten konnte, führten Grimm zu Schopenhauers Philosophie und über diese weiter zur Lehre des Buddha, die er dann in der von ihm gegründeten Altbuddhistischen Gemeinde bis zum Ende seines Lebens in Wort und Schrift vertrat und auch vorlebte.

Der schon erwähnte „führende Vertreter der Indologie in Deutschland“ und Mitglied der Wissenschaftlichen Leitung der Schopenhauer-Gesellschaft (10), Helmuth von Glasenapp, bezeichnete Georg Grimm als den „großen deutschen buddhistischen Philosophen“ (11).  Grimm schrieb  zahlreiche wegweisende Bücher zum Buddhismus, wobei er nicht nur aus den heiligen Texten des alten Buddhismus, sondern auch sehr oft  Schopenhauer zitierte.(12) Schon daran zeigt sich, welche Bedeutung Schopenhauer für ihn auch weiterhin hatte. Für Georg Grimm waren und blieben der Buddha und Arthur Schopenhauer, wie er sie in seinem Hauptwerk nannte: die beiden Großen. (13)

H.B.

Weiteres
Schopenhauer und Buddhismus  und  > Blogbeitrag
Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha  (Kurzfassung)
Georg Grimm  und die >  Altbuddhistische Gemeinde
Arthur Schopenhauer  und seine Philosophie

Anmerkungen
(1)  Arthur Hübscher , Denker gegen den Strom / Schopenhauer : gestern – heute – morgen, 4. Auflage, Bonn 1988, S. 17.
(2)  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band X: Parerga und Paralipomena II, S. 402 ff.
(3)  Ebd., S. 402.
(4)  Ebd., S. 408.
(5)  Schopenhauer , a. a. O., Band IX: Parerga II, S. 221.
(6)  Schopenhauer , a. a. O., Band VII: Paraerga I, S. 209.
(7)  Andreas Hansert , Schopenhauer im 20. Jahrhundert, Geschichte der Schopenhauer-Gesellschaft, Wien-Köln-Weimar 2010, S. 78 f.
(8)  Helmuth von Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung, Köln 1983, S. 63.
(9)  Georg Grimm , Die Lehre des Buddho, Wiesbaden 1979, S. 83 f.
(10) Andreas Hansert, a. a. O., S. 80 und 197.
(11) Helmuth von Glasenapp, Das Indienbild deutscher Denker, Sturttgart 1960, S. 225.
(12) S. hierzu z. B. Georg Grimm , Das Glück. Die Botschaft des Buddha , München 1931.
Zu dieser Schrift schrieb Paul Salzsieder in einer Besprechung im 19. Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft (1932), S. 365 f. : „Für den Schopenhauerkreis ist sie nicht zum wenigsten auch dadurch bedeutsam, daß sie in der kurzen und knappen Form die enge Verwandtschaft Schopenhauers mit dem Buddhismus entscheidend erkennen läßt. Die Schrift ist reich an wörtlichen Wiedergaben aus den heiligen buddhistischen Lehrreden; und daß oft dem Buddhawort der entsprechende verwandte Gedanke Schopenhauers oder anderer beigefügt ist, erhöht ihren Wert.“
(13) Georg Grimm , Die Lehre des Buddho, a. a. O., S. 409.

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