Wahrheit und Zeitgeist

Arthur Schopenhauer veröffentlichte sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung 1819 im Brockhaus-Verlag, und zwar, so schrieb er an den Verleger, in der „festen Überzeugung“, dass sein Buch „nachher die Quelle und der Anlaß von hundert andern Büchern werden“ würde. Das Buch enthalte „nicht eine neue Darstellung des schon Vorhandenen: sondern eine im höchsten Grad zusammenhängende Gedankenreihe, die bisher noch  nie in irgend eines Menschen Kopf gekommen“ sei.(1) Dementsprechend hoffnungsvoll erwartete dann Schopenhauer den Verkauf seines Buches und das Echo der philosophisch interessierten Öffentlichkeit.

Etwa zehn Jahre danach erkundigte sich Schopenhauer beim Verleger nach dem Absatz seines Werkes.(2) Der antwortete ihm, dass noch 150 Exemplare des Werkes vorrätig seien, wie viele verkauft worden seien, könnte er aber nicht sagen, da er vor mehreren Jahren eine bedeutende Anzahl zu Makulatur gemacht habe. (3)  Eine wirklich niederschmetternde Antwort für Schopenhauer.

Dennoch ließ sich Schopenhauer nicht entmutigen. Er wandte sich 1843 erneut an den Brockhaus-Verlag, um diesem den zweiten Band seines Hauptwerkes zur Veröffentlichung anzubieten. Dieser Band habe  „bedeutende Vorzüge vor dem ersten und verhält sich zu diesem, wie das ausgemalte Bild zur bloßen Skizze … Jedenfalls ist es das Beste, was ich geschrieben habe“ (4).

Die Antwort des Verlegers war noch trostloser als beim ersten Band: Der Verlag könne auf Schopenhauers Antrag nicht eingehen, auch nicht wenn dieser auf sein Honorar verzichte. Der Verlag habe mit seinem Werk von 1819 „ein zu schlechtes Geschäft“ gemacht.  (Von den nach der letzten Makulierung im Jahre zurückgebliebenen 50 Exemplaren war noch immer eine „für die Nachfrage genügende“ Anzahl vorhanden.) Nur wenn Schopenhauer noch Druckkosten übernehme, wolle der Verlag die beiden Bände in Kommission nahmen.(5) Jedenfalls deutlicher konnte der Verlag kaum zum Ausdruck bringen, wie gering er den Wert von Schopenhauers Hauptwerk für die Öffentlichkeit einschätzte.

Es dürfte verständlich sein, wenn Schopenhauer diese fehlende Wertschätzung seiner bisherigen Lebensarbeit verbitterte und meinte: „Mein Zeitalter und ich passen nicht für einander.“ (6) Der von Hegel und anderen Fortschrittsgläubigen sowie der Theologie beherrschte philosophische Zeitgeist stand Schopenhauers Philosophie entgegen. Mochte sie noch so sehr der Wahrheit entsprechen, die akademisch etablierte „Philosophie“ nahm Schopenhauer nicht oder nur am Rande zur Kenntnis.

Die fast völlige Nichtbeachtung Schopenhauers  änderte sich grundlegend erst in dessen letztem Lebensjahrzehnt, und zwar weniger durch die Universitätsphilosophie als vielmehr durch seine 1851 veröffentlichten Aphorismen zur Lebensweisheit. „Dieser weise-gelassene und zugleich blendende Rechenschaftsbericht eines ganzen Lebens, mit dem wir dem menschlichen Bilde Schopenhauers näher sind als je“ (7) brachte – und bringt auch heute noch – Schopenhauer eine  weit über den akademischen Bereich hinaus reichende Vielzahl von Lesern. Auch für diesen Blog zu Schopenhauers Lebensphilosophie sind dessen Aphorismen eine Schatzkammer voller tiefer und dabei immer sehr lebensnah bleibender Weisheiten.

Ein Beispiel für das zunehmende Interesse der Öffentlichkeit an Schopenhauers Wahrheiten ist eine Rezension, die 1855 in einer Belletristischen Beilage einer Frankfurter Zeitung erschien:

„Schopenhauers Philosophie steht schon seit 1818 am Himmel der philosophischen Forschung, ohne daß sie wie sie es verdient beachtet wurde. Die Nebel der bisherigen Philosophien hinderten sie zu erblicken. Jetzt, da diese Nebel gefallen sind, steht sie klar am Himmel, wie die Sonne, und wird nicht untergehen. Sie ist eine Bestätigung des Wortes: die Wahrheit wird euch frei machen. Niemand hat sie bis jetzt widerlegen können. Alle Versuche, die hie und da von schwachen Händen gemacht worden, sind wie von einem Felsen abgeprallt. Wer Schopenhauers Philosophie kennt, wird dieses begreiflich finden. Was will Schopenhauer? Was gibt seiner Philosophie die unwiderstehliche Gewalt? Es ist die einfache Thatsache, daß diese Philosophie, welche aus der Erfahrung schöpft, mit der Erfahrung übereinstimmt, daß sie ihre Bestätigung aus beinahe allen empirischen Wissenschaften erhält. Dies und die seltene Wahrhaftigkeit ihres Urhebers macht sie so unwiderstehlich.“ (8)

Für Schopenhauer waren solche positiven Beurteilungen eine Entschädigung für die vielen Jahren, in welchen er sich als Kaspar Hauser der Philosophie fühlen musste. So hatte er nun „den Philosophieprofessoren eine betrübte Nachricht mitzuteilen. Ihr Kaspar Hauser, den sie beinahe vierzig Jahre hindurch, von Licht und Luft so sorgfältig abgesperrt und so fest eingemauert hatten, daß kein Laut sein Daseyn der Welt verrathen konnte, – ihr Kaspar Hauser ist entsprungen!“ (9)

Nun konnte sich Schopenhauer in seiner Überzeugung bestätigt finden, dass die Wahrheit trotz aller Hindernisse, die der Zeitgeist ihr entgegenzustellen vermag, sich zwar langsam, aber letztlich durchsetzen wird:

„Die Wahrheit kann warten: denn sie hat ein langes Leben vor sich. Das Aechte und ernstlich Gemeinte geht stets langsam seinen Gang und erreicht sein Ziel, freilich fast wie durch ein Wunder … Wenn die Wahrheit, um wahr zu seyn, bei Denen um Erlaubniß zu bitten hätte, welchen ganz andere Dinge am Herzen liegen; da könnte man freilich an ihrer Sache verzweifeln.“ (10.)

Arthur Schopenhauer verzweifelte nicht. Er wusste aus eigener jahrzehntelanger Erfahrung „daß die Einsicht Einzelner sich nicht gelten machen kann, so lange der Geist der Zeit nicht reif ist, sie aufzunehmen.“ (11)  Wer die Wahrheit entgegen dem Zeitgeist den Menschen nahezubringen versucht, benötigt Geduld und nicht selten auch Mut:

Die Wahrheit steckt tief im Brunnen, – hat Demokritos gesagt, und die Jahrtausende haben es seufzend wiederholt: aber es ist kein Wunder; wenn man, sobald sie heraus will, ihr auf die Finger schlägt.“ (12)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosphie > hier.

Zitatquellen

(1) Arthur Schopenhauer , Gesammelte Briefe, hrsg. v. Arthur Hübscher,
2. Aufl., Bonn 1987, S. 29 f.
(2) Ebd., S. 108.
(3) Ebd., S. 517.
(4) Ebd., S. 195.
(5) Ebd., S. 536.
(6) Aus Arthur Schopenhauer´s handschriftlichem Nachlaß,
hrsg. v. Julius Frauenstädt, Leipzig 1864, S. 477.
(7) Arthur Schopenhauer – Ein Lebensbild von Arthur Hübscher,
2. Aufl., Wiesbaden 1949, S. 96.
(8) Zit. n. Schopenhauer , Briefe, a. a. O., S. 697.
(9) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürch 1977
(Zürcher Ausgabe), Band V: Ueber den Willen in der Natur, S. 185.
(10) Ebd., S. 207 f.
(11) Schopenhauer , Werke, a. a. O.,
Band VII:Parerga und Paralipomena I, S. 14.
(12) Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band V,  S. 219.

 

 

 

 

 

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