Jean Améry und Arthur Schopenhauer

Beim Durchstöbern meiner Bibliothek stieß ich auf ein Buch, das mich vor über 30 Jahren  tief beeindruckt hatte und auch heute noch sehr berührt. Es ist ein 1976 unter dem Titel „Hand an sich legen“ erschienener radikaler Essay über den Freitod. Sein Autor, Jean Améry , wusste worüber er schrieb, denn zwei Jahre später nahm er sich selbst das Leben – und das, nachdem er Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen überlebt hatte. Er wählte den Freitod nicht wegen mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung, denn er gehörte in den 60er und 70er Jahren zu den bedeutendsten europäischen Intellektuellen – nein, die Gründe dafür sind wohl Erkenntnisse, die er in seinem oben genannten  Diskurs über den Freitod zum Ausdruck brachte. Seine Schrift beginnt mit dem Leitwort:

Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.
Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört.

Dieses Zitat ist nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, von Arthur Schopenhauer, sondern von Ludwig Wittgenstein. Jedoch am Ende des Buches, also dort,  wo es um letzte Gedanken und Erkenntnisse geht, bezieht sich Améry auf Schopenhauer und dessen zutiefst metaphysische Willenslehre. Es ist es daher für mich selbstverständlich, dass, wenn ich Améry lese, auch an Schopenhauer denke. Ich frage mich dann, wieviel Schopenhauersches war in Améry? Eine Antwort darauf gab Améry selbst, und zwar in  der „Basler Zeitung“ vom 24.12.1977:

„Hier ( in Arthur Schopenhauers  Aphorismen zur Lebensweisheit ) ist einer, der uns anspricht wie ein Freund in vertieften Abendstunden; kein Lehrer, der vom Katheder herab harte Systempanzer uns über die Köpfe stülpt. Weisheit, für einmal, anstatt vorgeblichen Wissens; stets fortschreitendes Erkennen, nicht dogmatisierende Erkenntnis. Menschlichkeit, wo sonst menschenfremder Begriffsstolz so schemenhaft wie roh uns überwältigt …

Er ( Arthur Schopenhauer ) war, wie Ludwig Marcuse es treffend gesagt hat, der rationalste Philosoph des Irrationalen : jenes Irrationalen, das er aufgestöbert hat in seinem Dunkel, das er anleuchtete mit dem grellen Scheinwerfer seiner Intelligenz und also ´rationalisierte `. Ohne Schopenhauer kein Bergson, kein Freud, kein Heidegger, auch kein Sartre …

Und schließlich ( Artur Schopenhauer ) der Schriftsteller. Wir werden seinesgleichen kaum noch schauen. Er dachte so weit, so tief, so ergreifend wie irgendeiner der ganz großen Philosophen vor ihm und nur wenige nach ihm; aber er schrieb eine Sprache von reinstem Kristall. Als einziger deutscher Moralist fand er den Ton eines Montaigne: schlicht und witzig, eindringlich und diskret, elegant und im besten Sinne   ´gentlemanlike `. Ihn zu lesen, bedarf  keiner fachlichen Vorbildung …

Spreche ich für ihn als einen Erzieher, dann denke ich nicht zuletzt an seine ( Schopenhauers ) Rolle als Lehrer all derer, die da schreiben. Sehe ich ihn als Aufklärer, so meine ich nicht den Systematiker, der er war, sondern den Schilderer menschlicher Befindlichkeit, den Ritter mit Tod und Teufel, den Mann der intellektuellen Tapferkeit und Aufrichtigkeit.

Überflüssig zu sagen, daß man sich nicht mit Wollust an Schopenhauer verlieren darf, so wie andere, unendlich viel Zahlreichere sich an Hegel verloren. Die größte Ehre, die wir ihm erweisen können, ist die kritisch-wache Lektüre seines Werkes. Sind wir nur rechte Atheisten, dann lassen wir auch keinen Gott Schopenhauer gelten.“
(Aus: “ Über Arthur Schopenhauer „. Hrsg. v. Gerd Haffmans. 3. Aufl., Diogenes: Zürich 1981, S. 165 ff.)
hb

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