Hund und Mensch

Ich muss es aufrichtig gestehen, schrieb Arthur Schopenhauer in seinen letzten Manuskripten, der Anblick   j e d e s  Tieres  erfreut mich unmittelbar, und mir geht dabei das Herz auf; am meisten der der Hunde …

Mit seiner Tierliebe, vor allem aber mit seiner großen Zuneigung zu Hunden, stand Schopenhauer einsam in der Reihe der bedeutenden Denker seiner Zeit, ja wahrscheinlich ist er in dieser Hinsicht auch heute noch unter den weltberühmten Philosophen einmalig.

Kein Zweifel, Schopenhauer liebte Hunde, insbesondere dann, wenn er an die hässlichen Eigenschaften mancher Menschen dachte: Woran sollte man, fragte er, sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann? Dieses Menschenbild wird sicher manche Leser schockieren. Andererseits dürfte Schopenhauer auch vielen aus dem Herzen gesprochen haben, und zwar vor allem denen, die mit anderen Menschen schlechte Erfahrungen machen mussten und nur noch einen einzigen Freund haben: ihren Hund.

Auf meinen Spaziergängen treffe ich oft Hunde, die mich – besonders wenn sie mich schon kennen – mit ihrem, wie es Schopenhauer beschrieb, „so eindrucksvollen, wohlwollenden grundehrlichen Wedeln“ begrüßen. Allerdings gehe ich dabei nicht ganz so weit wie Schopenhauer, der „auf das Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes“ mehr gab, „als auf hundert Demonstrationen und Gebärdenseiner Mitmenschen.

Arthur Schopenhauer war jedoch weit mehr als nur normaler Hundefreund, sondern er war wohl der erste westliche Philosoph, der Hunde und auch andere Tiere zum Thema philosophischer Betrachtungen machte. Seine damit verbundenen, sehr tiefen Erkenntnisse stehen im völligen Gegensatz etwa zur Bibel, aber auch zur Meinung des ansonsten von ihm hochverehrten Philosophen Kant, für die Tiere kaum mehr als seelenlose Gebrauchsgegenstände waren. Schopenhauer hingegen sah in den Tieren etwas ganz anderes, nämlich das hinter allen äußeren Erscheinungsformen liegende Metaphysische. Voller Verwunderung, ja Ergriffenheit rief er aus: Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Tiere!

So war für Schopenhauer auch der Hund ein Mysterium, denn aus seinen Augen leuchtet das unzerstörbare Prinzip in ihm, der  Archäus, also die Urkraft in allem Lebendigen. Es ist bezeichnend, dass Schopenhauer sich so in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ äußerte, und zwar in einem der  wichtigsten Kapitel: „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesen an sich“.

Arthur Schopenhauer und seine Hunde, die Hundebilder in seinem Zimmer, die Pudel, die ihn auf seinen einsamen Spaziergängen begleiteten – alles das sind Themen, bei denen man auch heute noch glaubt, sich über Schopenhauer lustig machen zu dürfen. Mir scheint das weniger lustig als vielmehr Ausdruck dafür zu sein, wie wenig doch manche Leute von diesem Philosophen begriffen haben. Schon der Name Atma, den Schopenhauer  seinen Hunden gab, war den meisten seiner Zeitgenossen völlig unverständlich. Gerade diese Bezeichnung weist auf den Kern der Philosophie Schopenhauers und der von ihm überaus hoch geschätzten altindischen   > Upanishaden hin: Atma, genauer Atman, bedeutet in etwa Einzelseele. Dazu fassen die Upanishaden ihre tiefste Erkenntnis in die Worte:  > Tat twam asi Das bist Du – Die Einzelseele ( Atman ) ist identisch mit der Weltseele ( Brahman )! Das gilt für den Menschen, für den Hund, ja für jedes Lebewesen. Vielleicht, meiner Meinung nach sogar sicherlich, ist das,  was Schopenhauer als „unzerstörbares Prinzip“, als „Archäus“ (Urkraft), aus den Augen eines Hundes leuchten sah, nicht verschieden von dem, was die Upanishaden als Brahman, Weltseele, bezeichnen.

Ich muss zugeben, mir selbst waren solche Aussagen früher ziemlich unverständlich. Ich fand sie schon auf Grund meiner naturwissenschaftlichen Orientierung eher als weltfremde Spinnerei. Doch eines Tages blickte mir ein Hauskaninchen, das ich zu betreuen hatte, in die Augen. Es war wie eine Offenbarung und damit der entscheidende Schritt zu einem völlig neuen Verständnis des im Grunde esoterischen Kerns der Upanishaden und der Philosophie Schopenhauers!  So hatte ich von einem Tier mehr gelernt als es aus bloßem Bücherstudium möglich gewesen wäre. Seitdem bin ich – wie Arthur Schopenhauer – von der Wesensgleichheit alles Lebendigen überzeugt. Deshalb sehe ich auch das Verhältnis von Mensch und Hund nicht unter dem Gesichtspunkt von Über- und Unterordnung, wie sie etwa in der Bezeichnung “ Herrchen“ für die „Besitzer“ von Hunden zum Ausdruck kommt. Einen Hund zu „besitzen“ ist kein Naturrecht des Menschen, sondern – dessen sind sich leider viele nicht bewusst – die Übernahme einer Sorgepflicht!
hb

Übersicht (alphabet. in Stichworten) zu den Themen der Arthur Schopenhauer Blogs
> hier

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie
> hier

Der Arthur Schopenhauer Studienkreis stellt sich vor > hier

Tierethik und Philosophie : Arthur Schopenhauer > hier

Schopenhauer : Metaphysik und der innere Weg

Philosophie, erklärte Arthur Schopenhauer im Kap. „Über das metaphysische Bedürfnis des Menschen“, ist wesentlich Weltweisheit. Von einer Weltweisheit erwarte ich, dass sie mir Lebensorientierung gibt, und zwar gerade in den schweren Stunden des Lebens. Vertiefe ich mich jedoch dazu in philosophische Lehrbücher, so bekomme ich dort eine Vielzahl von zumeist einander widersprechender Meinungen geboten, ja oft habe ich den Eindruck bloßer Begriffsakrobatik. Aussagen, die wirklich etwas mit meinem Leben hier und heute zu tun haben, finde ich dort eher selten.

Da schon in der Schule die Naturwissenschaften meine Lieblingsfächer waren, hatte ich gehofft, durch sie Antworten auf existentielle Lebensfragen zu finden. Hierbei fiel mir auf, dass insbesondere in den Grenzbereichen der Physik Probleme aufgeworfen werden, die nicht wenige Physiker veranlassten, nach Antworten zu suchen, die jenseits der Physik liegen. So zum Beispiel „liebte“ Albert Einstein, wie er selbst bekannte, vor allem die Werke Schopenhauers, ja in einer weit verbreiteten Einstein-Monografie wird Schopenhauer sogar als dessen „Mentor“ bezeichnet. Noch enger verbunden mit Arthur Schopenhauer war einer der bedeutendsten Schüler Einsteins, der spätere Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Pauli, den man zu Recht als „Schopenhauerianer“  bezeichnen könnte.

Andererseits hatte Schopenhauer, der mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner  Zeit durchaus gut vertraut war, die Bedeutung der Physik für die Erklärung unserer Welt hervorgehoben. Hierbei wies Schopenhauer aber auch darauf hin, dass die Physik wie alle Naturwissenschaften ihre Grenzen hat, so dass sie zwar helfen kann, Probleme zu erkennen, aber nicht bis in ihre letzten Ursachen zu lösen. So war Schopenhauer davon überzeugt, dass die Physik, nicht … zur befriedigenden Lösung des schweren Rätsels der Dinge  und zum wahren Verständnis der Welt jemals zu führen vermag.  Der Schlüssel zur Lösung liege nicht in der Physik, sondern jenseits von ihr, in der Metaphysik. Nur die Metaphysik gäbe Aufschluss … über das, was hinter der Natur steckt, und sie möglich macht.

Schopenhauer meinte damit nicht die „Volksmetaphysik“, wie sie den Menschen von den herrschenden Religionen schon im Kindesalter als Dogmen einprägt wird, sondern eine im echten Sinne philosophisch auf Erfahrung beruhende Metaphysik. Eine solche Metaphysik ist ein Wissen, geschöpft aus der Anschauung der äußern, wirklichen Welt. Entscheidend sei hierbei die Einsicht, dass die letzten  und wichtigsten Aufschlüsse über das Wesen der Dinge allein aus dem Selbstbewusstsein geschöpft werden können. Also: Nicht in den Naturwissenschaften, auch nicht in den Dogmen der „Landesreligionen“, sondern nur in uns selbst können wir – wenn überhaupt – letztlich das finden, was hinter unserem Leben steht, ja dieses überhaupt erst möglich macht.

Gründliche, klare und zusammenhängende Kenntnis aller Zweige der Naturwissenschaft
, schrieb Schopenhauer, sei wichtig, um das metaphysische Problem zu erkennen, dann aber muss der Blick des Forschers sich nach innen wenden. Somit geht es um einen, wie ich es nennen möchte, „inneren Weg“. Schopenhauer wies dazu an vielen Stellen seines Werkes auf die zentrale Bedeutung von  Kontemplation bzw. >  Meditation hin. So befindet er sich auch in dieser Hinsicht in erstaunlicher Übereinstimmung mit den „indischen“ Religionen, die in ihrem Kern weniger Glaubens- als vielmehr Erkenntnislehren sind. Das gilt vor allem für den Buddhismus. Schon vor mehr als 2500 Jahren verkündete der Buddha: In diesem sechs Fuß hohen, mit Wahrnehmung und Bewußtsein versehenen Körper, da ist die Welt enthalten, ihr Entstehen und Vergehen, wie auch zu der Welt Ende führende Pfad.

Heute setzt sich immer stärker die Erkenntnis durch: Wir sind  nicht die von Gott gewollten Herrscher über die Natur, sondern ein untrennbarer Teil von ihr, ja wir sind selbst Natur. Suchen wir das, was das eigentliche „Wesen“ der Natur ist, so muss das Gesuchte auch in uns selbst enthalten sein.  Philosophische Schriften zur „Weltweisheit“, einschließlich die von Arthur  Schopenhauer, können hierbei bestenfalls wertvolle Hinweise geben. Sie sind jedoch, wie es in einem Gleichnis aus dem ZEN heißt, nur der Finger, der auf den Mond weist, nicht der Mond selbst.

Übrigens, der „innere Weg“ bedeutet nicht unbedingt völlige Abkehr vom äußeren Leben oder gänzlicher Rückzug aus dieser Welt – das wäre ohnehin kaum möglich. Bereits ein besinnlicher, achtsamer  Gang inmitten der Natur, kann schon zu Erkenntnisse führen, die kein Biologiebuch zu vermitteln vermag. Mir jedenfalls hat das schon sehr geholfen und, wie ich glaube, auch weitergebracht, und zwar nicht nur in äußerlicher Hinsicht. Aber: Wenn man sich hierbei, wie auch von Schopenhauer beschrieben wurde, eins mit der Natur fühlt, wie kann man dann noch Äußeres und Inneres unterscheiden? Die Antwort hierauf haben die altindischen Weisen, die „Rishis“, gegeben, deren, so Schopenhauer, fast übermenschliche Konzeptionen später in den Upanishaden niedergelegt wurden. Für Schopenhauer enthielten die Upanishaden den Gipfel metaphysischer Erkenntnis, ausgedrückt im Tat-tvam-asi = Das bist du selbst, die Identität der Weltseele mit der Einzelseele. Demnach ist in seinem Wesen das Äußere identisch mit dem Inneren!

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2006 wurde zur Ausstellung ein Begleitbuch mit Beiträgen zum Thema “ Arthur Schopenhauer und Indien “ herausgegeben. Es trägt den Titel Das Tier, das du jetzt tötest, bist du selbst… Bereits 1977 brachte ich in meinem Beitrag Vegetarismus und Tierschutz in der (indischen) Jaina-Religion in der Zeitschrift „Der Vegetarier“  ein ähnliches Zitat. Ich verwies dabei auf den Grundsatz der AHIMSA, der Gewaltlosigkeit, der auch gegenüber Tieren gilt, und der, wie der deutsche Religionswissenschaftler Heiler schrieb, in der letzten Identität zwischen Mensch und Tier wurzelt. Der damalige Redakteur der genannten Zeitschrift, ein Professor der Biologie, verstand zunächst diese Begründung nicht.

Heute weiß ich, und zwar durch Schopenhauer: Nur durch Biologie, also ohne Metaphysik, ist das obige Zitat nicht wirklich zu verstehen. Ja, ohne Metaphysik kann ethisches Denken und Handeln nicht begründet und damit auch eine Lebensorientierung, die mehr ist als eine bloß egoistisch ausgerichtete Lebensgestaltung, nicht gefunden werden. Auch diese keineswegs nur theoretische, sondern höchst praktische Erkenntnis gehört für mich zu Arthur Schopenhauers Lebensphilosophie.
hb

Übersicht (alphabet. in Stichworten) zu den Themen der Arthur Schopenhauer Blogs > hier

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

Arthur Schopenhauer : Ganzheitliches Denken

Ganzheitlich – ist heute schon fast zu einem Modebegriff geworden. Oft wird dieses Wort  in Zusammenhang mit Gesundheit, Psychotherapie und anderen Heilverfahren gebraucht, um die Einheit von Körper, Geist und Seele zu kennzeichnen. Auch wenn es um das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, also um Ökologie, geht, wird das Ganzheitliche unseres Seins hervorgehoben.  Jedoch nur wenige Menschen sind sich bewusst, was dieses Wort im umfassenden Sinne bedeutet.

Bereits in der deutschen Mystik, wie z. B. bei Jakob Böhme, wird das Ganze als ein Gebilde angesehen, das mehr ist als die Summe seiner Teile.  Das bedeutet: Selbst wenn wir jeden Teil für sich verstanden haben, verstehen wir noch nicht das Ganze. Wenn wir zum Beispiel ein Lebewesen in seine Teile zerlegen (grausiger Gedanke!) und die Funktion jedes Organs, jedes Teils genaustens analysieren und verstehen würden, könnten wir immer noch nicht das Lebewesen in seiner Ganzheit vollständig erklären, denn was wir analysieren, ist eine Summe einzelner Leichenteile, nicht aber das lebendige Wesen.

Wissenschaft beruht jedoch weitgehend auf analytischen, also „zerlegenden“ Methoden. Eine Ganzheit wird zerlegt, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen, die dann  mitunter auf diese Ganzheit bezogen werden. Dabei werden zur Beschreibung Begriffe verwendet. Begriffe werden aber – wie schon aus dem Wort hervorgeht – dadurch gebildet, dass aus einem Ganzen das für ihn Typische herausgegriffen wird. Somit sind Begriffe Abstraktionen, welche die Wirklichkeit , das lebendige Ganze nur  annähernd beschreiben können.

Arthur Schopenhauer ist bereits am Anfang seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung auf die Probleme eingegangen, die sich in diesem Zusammenhang für die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkennntnis stellen:

Wollte die Wissenschaft die Kenntnis von ihrem Gegenstande dadurch erlangen, dass sie alle durch den Begriff gedachten Dinge einzeln erforsche, bis sie so allmählich das Ganze erkannt hätte; so würde teils kein menschliches Gedächtnis zureichen, teils keine Gewißheit der Vollständigkeit zu erlangen sein.

Ausgehend von Kants Kritik der reinen Vernunft, kam Schopenhauer zu der Erkenntnis, dass alles, was uns in dieser Welt als Vielheit erscheint, genauer:  was wir uns auf Grund unserer Gehirnfunktionen in Raum und Zeit als Vielheit vorstellen, ist Ausdruck einer EINHEIT, die Schopenhauer Wille nannte. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Weisheitslehrer im alten Indien. Nach den von Schopenhauer hoch geschätzten Upanishaden sind  alle Einzelwesen (Atman) Manifestationen von Brahman . Ja, wie man vielleicht übersetzen kann, die Einzelseele (Atman) ist in ihrem Wesen letztlich identisch mit der Weltseele (Brahman). Diese Aussage gipfelt in dem Lehrsatz, der nach Schopenhauers Überzeugung die tiefste indische Wahrheit enthält.: Tat Tvam Asi – „Das bist du“, d.h., „das Absolute ist mit dir wesenseins“.

Zu einer solchen tiefen Erkenntnis kann man nicht durch Vernunft, nicht durch wissenschaftliches Forschen, nicht durch begriffliches (diskursives) Denken gelangen. Es müssen dazu Grenzen unseres „normalen“ Denkens durchbrochen, es muss, wie es Schopenhauer nannte, das > principium individuationis überwunden werden.  Stark vereinfacht, aber dadurch vielleicht verständlicher gesagt: Es geht hierbei um eine fundamentale Richtungsänderung, nämlich vom ICH zum GANZEN.

Stellen wir uns zum Verständnis dessen, was sonst kaum zu verstehen ist, einmal den ganzen Kosmos als ein lebendiges Ganzes vor, von dem wir ein kleines Teilchen, so etwa wie das Blatt eines Baumes, sind. Das Teil mag untergehen, das Blatt mag sterben, das Ganze bleibt bestehen, der Baum lebt weiter. Wer so denkt, kommt zu einem völlig anderen Verständnis des Todes. Der wird vielleicht auch das berühmteste Kapitel in Schopenhauers Hauptwerk, in dem schon viele Menschen letzten Trost gefunden haben, verstehen, nämlich Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich.

Arthur Schopenhauer bekannte sich zum Buddhismus und bezeichnete sich und seine Anhänger als „Buddhaisten“. Aus buddhistischer Sicht  würde ich hier nicht allein das „Denken“ in den Vordergrund stellen, sondern vielmehr das in der Meditation erlebbare  ganzheitliche Schauen, das zu dem führen kann, was am Ende des buddhistischen Erkenntnisweges steht:  ERLEUCHTUNG.
hb

Übersicht (alphabet. in Stichwörtern) zu den Themen der Arthur Schopenhauer Blogs > hier

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie
 > www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

Arthur Schopenhauer : Güte des Herzens

Arthur Schopenhauer war ein sehr tiefgründiger Philosoph. Jedoch im Gegensatz zu vielen anderen Philosophen verstand er es, das von ihm Erkannte in wunderbaren, eindrucksvollen Worten zum Ausdruck zu bringen. Hierzu ein Beispiel, das mich immer wieder  berührt, und das ich gern zitiere, weil es über den Philosophen hinaus auch den Menschen Arthur Schopenhauer zeigt:

Wie Fackeln und Feuerwerk vor der Sonne blaß und unscheinbar werden, so wird Geist, ja Genie, und ebenfalls die Schönheit, überstrahlt und verdunkelt von der Güte des Herzens. Wo diese in hohem Grade hervortritt, kann sie den Mangel jener Eigenschaften so sehr ersetzen, daß man solche vermißt zu haben sich schämt.

Sogar der Beschränkteste Verstand, wie auch die groteske Häßlichkeit, werden, sobald die ungemeine Güte des Herzens sich in ihrer Begleitung kundgetan, gleichsam verklärt, umstrahlt von einer Schönheit höherer Art, indem jetzt aus ihnen eine Weisheit spricht, vor der jede andere verstummen muß. Denn die Güte des Herzens ist eine transzendente Eigenschaft, gehört einer über dieses Leben hinausreichenden Ordnung der Dinge an und ist mit jeder anderen Vollkommenheit inkommensurabel  (unvergleichbar). 

Wo sie (die Güte des Herzens) in hohem Grade vorhanden ist, macht sie das Herz so groß, daß es die Welt umfaßt, so daß jetzt alles in ihm, nichts mehr außerhalb liegt; da sie ja alle Wesen mit dem eigenen identifiziert. Alsdann  verleiht sie auch gegen andere jene grenzenlose Nachsicht, die sonst jeder nur sich selber widerfahren läßt … 

 Schopenhauer hat hier etwas zum Ausdruck gebracht, was auch im Buddhismus von grundlegender Bedeutung ist, nämlich die Weisheit von der Wesensgleichheit alles Lebendigen. Letztlich ist es die Identifizierung des eigenen mit dem fremden Wesen. So heißt es im Dhammapada, der ältesten Spruchsammlung mit buddhistischen Weisheiten: Erkenn´ Dich selbst in jedem Sein, darum töte nicht und laß´nicht töten! (Übers. K. E. Neumann)  In den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden lautet die zentrale Botschaft: Tat Tvam Asi , Das bist Du!, Atman und Brahman sind identisch!, was sich vielleicht so übersetzen lässt: Deine Seele und die Weltseele sind EINS!  hb 

Übersicht (alphabet. in Stichwörtern) zu den Themen der Arthur Schopenhauer – Blogs ist
> hier

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie 
 > www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

Arthur Schopenhauer : Religion – "Lug und Trug"?

Religion ist nicht – wie oft behauptet – bloß eine Privatsache, sondern weit darüber hinaus auch eine Angelegenheit von großer gesellschaftlicher, ja politischer Bedeutung.  Dementsprechend hat in Deutschland Religion Verfassungsrang. Auch Arthur Schopenhauer hatte sich mit dem Thema „Religion“ intensiv auseinander gesetzt und sich hierzu ausführlich geäußert, und zwar besonders im Kapitel 15 von „Pererga II“ („Über Religion“). Dort lässt Schopenhauer in Form eines Dialoges einen „Mann des Volkes“ (Demopheles) mit einem „Freund der Wahrheit“ (Philalethes) über dieses Thema diskutierten.  Hierbei fordert der „Mann des Volkes“,  dass der Glaube jedes Menschen, also die Religion, auch dem „Freund der Wahrheit“ heilig sein solle. Dieser bestreitet das, denn er sehe nicht ein, warum er „der Einfalt des Andern wegen, Respekt vor Lug und Trug haben sollte“. Die Wahrheit hingegen würde er überall achten.

Arthur Schopenhauer hatte damit eine alte Streitfrage aufgeworfen, nämlich Wahrheit gegen Religion oder genauer: gegen „Lug und Trug“, für das er die Religion offenbar hielt. Der von den Religionen erhobenen Forderung, man müsse sie tolerieren, stellt der „Mann der Wahrheit“ die Frage entgegen: „Ziemt es Dem, Toleranz, ja zarte Schonung zu predigen, der die Intoleranz und Schonungslosigkeit selbst ist? Ich rufe Ketzergerichte und Inquisitionen, Religionskriege und Kreuzzüge, Sokrates´ Becher und Bruno´s und Vavini´s Scheiterhaufen zum Zeugen an!“

Eine überaus schwere Anklage, die da Schopenhauer gegen die Religionen erhoben hatte. Dennoch hielt er Religionen nicht für überfüssig. Für ihn war Religion die „Metaphysik des Volks“.  Menschen haben, so Schopenhauer , ein „metaphysisches Bedürfnis“ . Diesem Bedürfnis entsprechen mehr oder weniger die Religionen, denn bei schweren Schicksalsschlägen kann wohl niemand Trost und Kraft im Materialismus finden und das Metaphysische in der Philosophie ist nur wenigen zugänglich.

Gerade was die Religionen angeht, müssen Pauschalurteile vermieden werden. Schopenhauer selbst bezeichnete sich und seine Anhänger als „Buddhaisten“. Dem Buddhismus gab er den Vorzug vor allen anderen Religionen und die altindischen Upanishaden waren der Trost seines Lebens. In diesen uralten indischen Lehren, die wohl mehr Philosophie als Religion sind, fand sich Schopenhauer bestätigt. Es sind Lehren, die Wege zur Selbsterkenntnis und damit zur Erlösung aufzeigen. Die großen, weithin herrschenden monotheistischen  Religionen stehen dazu und damit auch zu Schopenhauer in schroffem Gegensatz.

Dort, wo der Glaube allein selig machend ist, geht es nicht – wie bei Schopenhauer – um ein philosophisches Ergründen der Wahrheit. Entscheidend  ist vielmehr der Glaube, dass das, was in „heiligen Schriften“ offenbart wurde, die Wahrheit sei. Ein Hinterfragen, ob es wirklich die Wahrheit oder doch nur „Lug und Trug“ ist, kann und darf es da nicht geben. Auch hieran zeigt sich, wie berechtigt die Forderung Schopenhauers ist, Philosophie und Religion strikt voneinander zu trennen. Übrigens, „wer in Glaubenssachen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten“ (Wilhelm Busch).

Weiteres zu Arthur Schopenhauer : > http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

Arthur Schopenhauer : Metaphysik – ein menschliches Bedürfnis

Arthur Schopenhauer und „das metaphysische Bedürfnis“

Schopenhauer hat sich zu diesem, für ihn sehr wichtigen Thema ausführlich in Kapitel 17 des 2. Bandes seines Hauptwerkes  „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (Band2) geäußert. Hierbei verstand er unter Metaphysik „jede angebliche Erkenntnis … über das, was hinter der Natur steht und sie möglich macht.“ Eine solche Erkenntnis sei, so Schopenhauer, möglich, weil unsere Erfahrung aus zwei Teilen besteht, nämlich das, was wir als „Erscheinung“ wahrnehmen und jenes, das hinter den Erscheinungen steht – nach Kant  „das Ding an sich“ , oder wie es Schopenhauer nannte : Der Wille“.   

Physik und Metaphysik unterscheiden sich (nach Schopenhauer) dadurch, dass  Physik die  „Erscheinungen“ , hingegen die Metaphysik „das Ding an sich“ betrifft. Hinter dem Physischen der Welt stecke ein Metaphysisches. So sei die Metaphysik die letzte Erklärung der „Urphänomene“ und damit insgesamt auch der Welt. 

Das Bedürfnis nach einer solchen „letzten“ Erklärung der Welt und damit nach Metaphysik ergebe sich dann, wenn der  Mensch über sein eigenes Dasein verwundert sei und sich seiner Sterblichkeit bewusst werde.  Dieses metaphysische Bedürfnis wird für viele Menschen durch die Religion befriedigt.  Für „philosophisch veranlagte Köpfe“  hingegen, reiche die von der Religionen  gelieferte „leichte Kost“ nicht; sie suchen nach tieferen Erkenntnissen. Hierbei, so schien es Schopenhauer, hatten frühere Menschengeschlechter, da sie der Natur näher standen, eher die Fähigkeit, zu tieferen (metaphysischen) Einsichten in das Wesen der Natur zu kommen, als die heutigen Menschen.  Sie konnten so ihr metaphysisches Bedürfnis auf eine (im Vergleich zu den heute herrschenden Religionen) „würdigere Weise“ befriedigen. 

Schopenhauer wies in diesem Zusammenhang auf die altindischen Upanishaden der Veden hin. Die Upanishaden waren für Schopenhauer die hervorragendste Quelle, das metaphysische Bedürfnis des Menschen zu stillen, ja sie wurden für ihn selbst zum „Trost seines Lebens und Sterbens“.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer > www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de