Schopenhauer : Gelassenheit – Gleichmut

Wir alle haben wohl schon Situationen erlebt, in denen  Gelassenheit die einzig angemessene Reaktion ist, um die Lage nicht noch zu verschlimmern. Gelassenheit ist, so Arthur Schopenhauer, wenn „Einer, nach vorhergegangener Überlegung, gefaßtem Entschluß oder erkannter Notwendigkeit, das für ihn Wichtigste, oft Schrecklichste kaltblütig über sich ergehen läßt oder vollzieht“.  Das dürfte einfacher gesagt als getan sein, denn wer bringt z. B. bei tief aufwühlenden menschlichen Auseinandersetzungen eine solche Kaltblütigkeit auf?  Hingegen kann es einfach sein, gegenüber Menschen, die einem gleichgültig sind, mit größerer Gelassenheit zu reagieren. So hat Gelassenheit auch etwas mit Gleichgültigkeit zu tun, wobei jedoch beide deutlich voneinander zu unterscheiden sind.

Gelassenheit hat nicht nur einen positiven Aspekt, denn sie kann auf Gefühlskälte oder, worauf Arthur Schopenhauer hinwies, „auf Phlegma und Stumpfsinn“ beruhen. Urspünglich jedoch hatte das Wort „Gelassenheit“ eine sehr tiefe Bedeutung. Laut „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ war „Gelassenheit ein Ausdruck von Mystik und Pietismus für die durch den Abstand von irdischen Dingen erworbene Ruhe in Gott“.

Eine ähnlich tiefe Bedeutung wie in der Mystik findet sich auch in dem von Schopenhauer hoch geschätzten Buddhismus. Dort wird das altindische Pali-Wort „Upekkha“ verwendet, welches zumeist mit “ Gleichmut “  übersetzt wird. Gleichmut ist eine der Eigenschaften, die im Buddhismus am höchsten gepriesen werden. Sie gehört nach der alten buddhistischen Lehre neben der Achtsamkeit zu einer der sieben Voraussetzungen, die zur Erleuchtung führen. Gleichmut, Güte, Mitleid und Mitfreude sind im Buddhismus die vier ?Göttlichen Zustände?. Hierbei darf jedoch Gleichmut ebenso wie Gelassenheit keinesfalls mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Die folgende Erzählung bringt das, in der für Zen charakterischen Weise, nämlich ohne lehrbuchhaftes Moralisieren, zum Ausdruck:

Der Zen – Meister Hakuin (1685-1768) wurde ob seines untadligen Lebenswandels allenthalben gepriesen. Ein schönes japanisches Mädchen, Tochter eines Lebensmittelhändlers, wohnte in der Nachbarschaft. Eines Tages entdeckten die Eltern, daß ihre Tochter schwanger war. Über den Vater schwieg sich das Mädchen aus, machte dem Ärger aber schließlich  ein Ende, indem sie Hakuin benannte. Zornig eilten die aufgebrachten Eltern zu dem Meister.
„Ist es so?“ Das war alles, was er sagte.

Das Kind wurde geboren und zu Hakuin gebracht, der zu dieser Zeit seinen guten Ruf schon verloren hatte, was ihn aber nicht weiter störte. Rührend sorgte er für das Baby. Ein Jahr später beichtete die reuige Mutter ihren Eltern, daß der echte Vater des Kindes ein junger Mann sei, der auf dem Fischmarkt arbeitet.

Die Eltern eilten sofort zu Hakuin, fragten ihn nach dem Kind und sagten, sie wollten es wieder zurück haben.
„Ist es so?“ Das war alles, was er sagte, als er ihnen das Kind reichte.

(Aus: Augenblicke der Stille, Worte und Gedanken großer Zen – Meister,
ausgewählt und herausgegeben von Manfred Kluge, 1986, S. 104.)
hb

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Zu Schopenhauers Philosophie : Dschuang Dsi ( Taoismus )

 Weisheiten des Dschuang Dsi (taoistischer Mystiker, China, 4. Jh. v. u. Ztr).:

Wie kann ich wissen, dass die Liebe zum Leben nicht Betörung ist? Wie kann ich wissen, dass der, der den Tod haßt, nicht jenem Knaben gleicht, der sich verirrt hatte und nicht wusste, dass er auf dem Weg nach Hause war? … Wie kann ich wissen, ob die Toten nicht ihren früheren Kampf ums Dasein bereuen?

…Dschuang Dsi  lag im Sterben, und seine Jünger wollten ihn prächtig bestatten. Dschuang Dsi sprach: Himmel und Erde sind mein Sarg. Sonne und Mond leuchten mir als Totenlampen,   die Sterne sind meine Perlen und Edelsteine,   und die ganze Schöpfung gibt mir das Trauergeleite. So habe ich doch ein prächtiges Begräbnis! Was wollt ihr da noch hinzufügen? Die Jünger sprachen: Wir fürchten, die Krähen möchten den Meister fressen. Dschuang Dsi sprach: Unbeerdigt diene ich Krähen zur Nahrung, beerdigt den Würmern. Den einen es nehmen, um es den anderen zu geben: warum so parteiisch sein?

Die obigen Zitate sind Übersetzungen von Richard Wilhelm („Das wahre Buch vom südlichen Blütenland“). Dazu schrieb Wilhelm über Dschuang Dsi: “ Er ist ein Glied in der großen Kette, die im westlichen Denken durch die Namen Heraklit, Bruno, Spinoza, Goethe, Schelling, Schopenhauer, Schleiermacher bezeichnet wird. Aber seine eigentliche Bedeutung beruht nicht allein darauf, dass er eine Weltanschauung vermittelt – im Gegenteil, er will gerade die Weltanschauungen zur Ruhe bringen – sondern darin, dass er zu dem zentralen Erlebnis führen will, das jenseits des Denkens  liegt und von der Wissenschaft nur unvollkommen erfasst wird. Das ist die Ruhe im SINN… Dieses Erlebnis kann nur andeutungsweise umgrenzt werden; jeder begriffliche Ausdruck zerbricht notwendig bei der Anwendung selbst. Auch der SINN oder das TAO ist nur eine derartige Notbrücke –  Ausdruck für Unausdrückbares -, denn dieses Erlebnis ist eben reine Innerlichkeit.“

Dschuang Dsi (chines.  Chuang-tzu) gilt neben Lao Tse als Begründer des philosophischen Taoismus, einer Weisheitslehre, die zu eine der Quellen des späteren ZEN – Buddhismus wurde.  Wenn ich  Dschuang Dsi lese, kommt immer wieder Arthur Schopenhauer in den Sinn, immer wieder begegnen mir dann Gedanken, die ich von Schopenhauer kenne, wenngleich in anderer Verkleidung.  Dschuang Dsi und Schopenhauer trennen zwar  Jahrtausende und völlig unterschiedliche Kulturen, aber dennoch sind sie, jedenfalls nach meinem Verständnis, Geistesverwandte. Es ist wohl die Mystik, die – egal, wann, wo und wie sie zum Ausdruck kommt –  über trennende Worte hinweg zutiefst verbindet. hb

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