Arthur Schopenhauer : Mitleid – Grausamkeit – Tierrechte

Mitleid war für Arthur Schopenhauer „das Fundament der Moral“, das sich, so hob er nachdrücklich hervor, auf alles beziehe, was Leben hat. So nehme jede echte Moral „auch die Tiere in ihren Schutz, für welche in den anderen europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist“.  Schopenhauer, der unsere  Welt so sah, wie sie ist, wies aber auch auf das Gegenteil von Mitleid hin: die Grausamkeit.

Ein Beipiel für Grausamkeit, für Vergnügen am Leid des anderen Wesens ist der Stierkampf. Kürzlich war dazu in einer Berliner Tageszeitung unter der Überschrift „Kleiner Stierkämpfer in Portugal gestoppt – Sieg der Tierschützer“  folgende Meldung zu lesen:

„Die Tierschutzorganisation ´Animal ` hat einen Auftritt des elfjährigen (!) Stierkämpfers Michelito gestoppt. Auf deren Betreiben verbot die portugiesische Kinderschutz-Kommission ein … in Lissabon geplantes Spektakel … ´Die Teilnahme  von Kindern an Stierkämpfen ist in doppelter Hinsicht absurd. Sie stellt nicht nur eine Verletzung der Tierrechte, sondern auch eine Verletzung der Kinderrechte dar`… Der in Mexiko geborene Franzose Michel versichert gern, dass er auf der Arena keine Angst verspüre. Der Stierkampf sei eine Tradition, die nicht verschwinden dürfe, sagte Michelito vor Journalisten. Schade sei nur, dass man in Portugal die Tiere nicht töten dürfe. ´Das macht weniger Spaß`„.

Solche Äußerung aus einem Kindermund legt die Frage nahe, ob nicht nur das Mitleid, sondern auch die Neigung zur Grausamkeit – wie jede wesentliche Charaktereigenschaft – angeboren und damit unveränderbar ist. Schopenhauer vertritt diese Meinung und steht damit im Gegensatz zu vielen „Erziehern“, die glauben, dass der Mensch als „leeres Blatt“ auf die Welt käme. Insbesondere die Hirnwissenschaft hat da erhebliche Zweifel. Um so wichtiger ist deshalb die Rolle der Gesetze. „Der einzige Zweck der Gesetze“, so Schopenhauer „ist die Abschreckung von Beeinträchtigung fremder Rechte“.  Solche „fremden Rechte“, sind, wie immer mehr Menschen fordern, auch die Rechte der Tiere auf Leben und Gesundheit.  Die Anerkennung von Tierrechten in unserer Rechtsordnung würde zwar nichts an der Grausamkeit im Charakter mancher Menschen ändern, doch könnte sie grausame öffentliche Schauspiele, von denen der Stierkampf nur ein Beispiel ist, weitgehend verhindern.  Das wäre ein Fortschritt ganz im Sinne des ansonsten eher skeptischen Schopenhauer.

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Arthur Schopenhauer : Mitleidsethik

Arthur Schopenhauer – Ethik und Mitleid

Wie kaum ein anderer Philosoph hat Arthur Schopenhauer das Mitleid in den Mittelpunkt seiner Ethik gestellt. Mitleid, so Schopenhauer in seinen Schriften zur Ethik, ist ein „alltägliches Phänomen“, nämlich die ganz unmittelbare Teilnahme am Leiden eines anderen Wesens. Wir leiden mit ihm, also in ihm. Hierdurch wird die vorher unüberwindbare Mauer zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ mehr und mehr abgebaut:

„Wie ist es möglich“, fragt Schopenhauer, „dass ein Leiden, welches nicht meines ist, nicht mich trifft, doch ebenso unmittelbar wie sonst nur mein eigenes, Motiv für mich werden, mich zum Handeln bewegen soll? Es ist möglich nur dadurch, dass ich es  …mitempfinde, es als meines fühle, und doch nicht in mir, sondern in einem andern … Dies aber setzt voraus, dass ich mich mit dem andern gewissermaßen identifiziert habe, und folglich die Schranke zwischen dem Ich und Nicht-Ich für den Augenblick aufgehoben sei….Dieser Vorgang ist mysteriös; denn er ist etwas, wovon die Vernunft keine unmittelbare Rechenschaft geben kann…“

Das Mitleid – und hierbei unterscheidet sich Schopenhauer von fast allen anderen Philosophen seiner Zeit – bezieht sich auf alles, was Leben hat und damit auch auf Tiere. Es ist, was Schopenhauer immer wieder betonte, die wahre Grundlage der Moral. Das Mitleid „ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewusstseins, ist diesem  wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung“.

Schopenhauer hat in seiner  „Preisschrift über die Grundlage der Moral“ die zentrale Bedeutung des Mitleids für jedes ethische Verhalten hervorgehoben, und zwar mit Worten, die nahegehen:

„Denn grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten und bedarf keiner Kasuistik. Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig keinen verletzen, keinen beeinträchtigen, keinem wehe tun, vielmehr mit jedem Nachsicht haben, jedem verzeihen, jedem helfen, so viel er vermag, und alle Handlungen werden das Gepräge der Gerechtigkeit und Menschenliebe tragen.“
hb

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Arthur Schopenhauer : Ist Ethik lehrbar?

Am 26. April 2009 wurde in Berlin in einer Volksabstimmung entschieden, dass das Unterrichtsfach Ethik in den Klassen 7-10 in der bisherigen Form – als Pflichtfach für alle -weiter besteht. Ethik wird somit auch weiterhin an den Berliner Schulen in argumentativem Dialog unterrichtet. Die Initiatoren der Volksabstimmung („Pro Reli“) wollten erreichen, , dass in den Klasenstufen 7-10 die SchülerInnen zwischen den Fächern Ethik und Religion wählen können, also Religion zum Wahlpflichtfach wird. Unabhängig davon, ob Ethik in einem religionsneutralen oder konfessionellen Fach unterrichtet wird, stellt sich die grundsätzliche Frage: Ist Ethik überhaupt lehrbar? Arthur Schopenhauer gab hierzu die Antwort: „Die Tugend geht zwar aus der Erkenntnis hervor, aber nicht aus der abstrakten, durch Worte mitteilbaren. Wäre dieses, so ließe sie sich lehren, und indem wir hier ihr Wesen und die zum Grunde liegende Erkenntnis abstrakt aussprechen, hätten wir jeden, der dies faßt, auch ethisch gebessert. So ist es aber keineswegs. Vielmehr kann man so wenig durch ethische Vorträge oder Predigten einen Tugendhaften zustande bringen, als alle Ästhetiken, von der des Aristoteles an, je einen Dichter gemacht haben.“ So ist laut Schopenhauer Tugend nicht lehrbar, sie ist angeboren. Um tugendhaft zu sein, brauche man keine Ethik gelernt zu haben. Auf die Tugend seien die abstrakten Dogmen ohne Einfluss. Alle Professoren der Ethik könnten nicht einen unedlen Charakter zu einem tugendhaften umformen. Wenn Tugend durch Morallehre verbessert werden könnte, müsste der ältere Teil der Menschheit besser als der jüngere sein.

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