Arthur Schopenhauer : Gott und das Leid (Theodizee)

Ob es Gott gibt oder nicht, ist eine heiß umstrittene Frage. Fest steht aber, dass – wie Arthur Schopenhauer oftmals betonte – das unermessliche Leid in dieser Welt nicht mit der Existenz eines allgütigen und allmächtigen Gottes vereinbar ist. Dieser Widerspruch ist unlösbar und nicht wegdiskutierbar.  

Immer wieder wurde vergeblich versucht, Gott trotz des von ihm in der Welt zugelassenen Übels  zu  rechtfertigen (Theodizee). So wurde entweder das Übel geleugnet oder als Prüfung Gottes verstanden. Bereits der altgriechische Philosoph Epikur hatte dazu kritisch Stellung genommen. Entweder will Gott das Leid dieser Welt aufheben, kann es aber nicht, dann ist er zwar allgütig, aber nicht allmächtig oder aber er könnte das Leid aufheben, will es aber nicht, dann ist er allmächtig, jedoch nicht allgütig.

Arthur Schopenhauer: „Die traurige Beschaffenheit einer Welt, deren lebende Wesen dadurch bestehen, dass sie einander auffressen, die hieraus hervorgehende Not und Angst alles Lebenden, die Menge und kolossale Größe der Übel, die Mannigfaltigkeit und Unvermeidlichkeit der oft zum Entsetzlichen anwachsenden Leiden, die Last des Lebens selbst und sein Hineilen zum bittern Tode, (ist) ehrlicherweise nicht damit zu vereinen, dass sie das Werk vereinter Allgüte und Allmacht sein sollte.“

Wenn Gott, so Schopenhauer, „Alles und in Allem alles gemacht und dazu noch gewusst hat“, dann sei er der Urheber des Leides und alle Schuld falle nicht auf die Menschen, sondern auf ihn zurück.  In seinem „Reisebuch“ (um 1822) notierte Schopenhauer: „Wenn ein Gott diese Welt gemacht hat, dann möchte ich nicht der Gott sein.“

Weiteres zu Arthur Schopenhauer > www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de

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16 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer : Gott und das Leid (Theodizee)

  1. Schon vor mehr als 2500 Jahren, also lange vor Arthur Schopenhauer, sagte der Buddha: „Einige Asketen und Brahmanen (Priester) behaupten:´Was auch immer einem Menschen zuteil wird, Glück, Leid oder keins von beiden, das alles hat seinen Grund in dem Schöpferwillen des Weltenherrn.` Ich sage dazu: ´Dann werden die Menschen ja auf Grund des Schöpferwillens Gottes zu Mördern, Dieben, Wüstlingen, Lügnern …`“ (Anguttara-Nikaya, übers. v. H. v. Glasenapp)

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  2. Arthur Schopenhauer bezeichnete sich und seine Anhänger als „Buddhisten“. Das ist wegen der vielen Übereinstimmungen zwischen der Philosophie Schopenhauers und der Lehre des Buddha verständlich. Eine solche Gemeinsamkeit besteht auch bei dem Thema „Gott und das Leid“. Da der Buddhismus keine theistische Religion ist, muss er auch nicht versuchen, Gott im Hinblick auf das Leid zu rechtfertigen, d. h., das Problem der Theodizee stellt sich für den Buddhismus nicht. Dennoch hatte sich in dieser Hinsicht der Buddhismus in Indien mit dem theistischen Brahmanismus geistig auseinander gesetzt. In diesem Zusammenhang ist vermutlich auch der folgende Text aus einer buddhistischen Schrift (Jataka) entstanden:

    „Wenn Gott, der über allem waltet,
    Das Leben in der Welt gestaltet,
    Wenn er verteilt hier Glück, dort Leiden,
    Das Böse tun läßt und es meiden,
    Der Mensch nur seinen Wunsch vollstreckt –
    Dann ist nur Gott von Schuld befleckt.
    ……
    Ist Brahma Herr auf diesem Erdenrund
    Und aller Wesen letzter Daseinsgrund,
    Warum wird Unglück dieser Welt zuteil
    Und nicht nur Freude, Seligkeit und Heil?

    Warum herrscht Lüge, Trug und Schlechtigkeit
    Und Einbildung und Ungerechtigkeit,
    Warum erschuf er nur ein menschliches Geschlecht,
    Das unentwegt verletzt die Sitte und das Recht?“

    (Aus: Helmuth von Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung. Köln 1983, S. 63)

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  3. Ich habe in einem Buch gelesen, dass sich dort u.a. mit der Frage „Warum lässt Gott das zu?“ beschäftigt hat. Die Antwort war: Freier Willer. Gott habe dem Menschen den freien Willen gegeben – und daraus resultierend auch die Möglichkeit diesen durchzusetzen. Was böses auf der Welt geschieht, ist vom Menschen selbst zu verantworten, seitdem er nicht mehr im Paradies lebt.
    Alles, wofür der Mensch nichts kann (Naturkatastrophen, bspw.), wird dann dem Teufel in die Schuhe geschoben. Praktisch, so ein mächtiger Widersacher.
    Aber im Grunde genommen ist es alles die eigene Schuld des Menschen, denn wären wir noch im Paradies und hätten nicht von der „verbotenen Frucht“ gegessen, müssten wir um all das keine Sorgen machen.

    Allgüte? Hab ich ehrlich gesagt noch nicht gehört den Begriff, bis heute. In der Bibel steht eigentlich doch wörtlich, dass dieser Gott „ein zorniger Gott“ ist. Und auch Jesus war kein Lämmchen, wie er immer dargestellt wird, ich sag nur „Tempelvorhof zamkloppen“…

    Zu sagen: Weil es Leid auf der Welt gibt, ist es nicht möglich, dass es einen Gott gibt – ist von der Logik her falsch. Meine Meinung zu dem Thema hab ich schonmal in meinem Blog ausgeführt und zwar hier: http://clumsynatz.blog.de/2009/04/26/gott-glaubensfrage-6013593/
    Diese Begründung dafür, dass es wohl keinen Gott gibt, wie er uns von der Kirche angepriesen wird, halte ich ehrlich gesagt für triftiger. Ohne Herrn Schopenhauer posthum auf den Schlips treten zu wollen. 😉

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  4. Es geht hier nicht allein um das Leid der Menschen, sondern um das in der Natur insgesamt – und diese ist durch und durch von Leid erfüllt. Man muss sich nur dort umschauen, um das bestätigt zu finden. Ich war viele Jahre bei den Tierversuchsgegnern aktiv und habe dort Bilder gesehen, die mich bis heute verfolgen. Warum läßt „Gott“ das zu? Wenn er der Schöpfer ist, so trägt er allein die Verantwortung. Ich verstehe sehr gut, dass es notwendig ist, einen „freien Willen“ des Menschen zu konstruieren, um Gott zu entlasten und dem Menschen die Schuld zuzuweisen. Jedoch auch ohne Menschen gab und gibt es furchtbares Leid in der Natur.

    Ob die Aussage, wegen des Leides auf der Welt gäbe es keinen Gott, von der „Logik her falsch“ ist, hängt davon ab, was unter „Gott“ zu verstehen ist. Zunächst meine ich, dass man zum Allgemeinverständnis von der Gottesvorstellung ausgehen muss, die durch die großen theistischen Religionen des Abendlandes geprägt wurde. Die Auffassung, WIR seien Gott, führt zu einem völlig anderen Verständnis. Sie ist nicht Teil des jüdisch-christlichen Weltbildes, sondern ist z. B. im Vedanta, das auf den altindischen Upanishaden beruht, anzutreffen. Diesen stand Schopenhauer nahe.

    Einer der bedeutendsten deutschen Mystiker, Jakob Böhme, sah – veranlasst durch das ungeheure Leid im Dreißigjährigen Krieg – nicht nur das Gute, sondern auch das Böse in Gott. Damit stellte sich für ihn auch nicht mehr das sonst unlösbare Problem der Theodizee. Jedoch kam er dabei, wohl ähnlich wie Meister Eckhart, über einen Gott als Person zur Gottheit und endlich zum „Ungrund“ (Abgrund?). Auch in der altindischen Religionsgeschichte finden wir Vergleichbares. In unserer Geschichte hingegen wurden derartige Auffassungen schärftens unterdrückt, denn sie stehen in völligem Gegensatz zu den Grundlagen der christlichen Lehre. Wer meint, wir seien Gott, braucht zu seiner Erlösung weder Christus noch Kirche.

    Schopenhauers Philosophie, insbesondere seine Lehre von der Willensverneinung, ist in ihrem Kern Erlösungsmystik, wie wir sie nicht nur im alten Indien, sondern auch in der deutschen Mystik mehr oder weniger deutlich antreffen. Allerdings muss man sich, um das wirklich zu verstehen, ziemlich weit vom Christentum entfernt haben. Jedenfalls wird durch die Auffassung, wir seien Gott, nicht „Herrn Schopenhauer auf den Schlips getreten“, sondern eher denen, die an der Bibel festhalten, ja auf Grund ihrer christlichen Prägung festhalten müssen.

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  5. THEOLOGISCHE DEBATTEN DES MITTELALTERS

    „Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten.“

    Sir Arthur Charles Clarke (1917 – 2008)

    Machtausübung ist Dummheit und allgemeiner Wohlstand ist selbstverständlich – sobald die Religion überwunden ist, die schon immer die Aufgabe hatte, die Fehler der Makroökonomie aus dem Bewusstsein des arbeitenden Volkes auszublenden. Die Religion (Rückbindung auf einen künstlichen Archetyp) war solange notwendig und sinnvoll, wie niemand diese Fehler zu beheben wusste, die zwangsläufig zu systemischer Ungerechtigkeit und damit zu Massenarmut und Krieg führen. Ohne die selektive geistige Blindheit, die uns „wahnsinnig genug“ für die Benutzung von Zinsgeld machte, und die noch heute die Menschheit in Herrscher (Zinsprofiteure) und Beherrschte (Zinsverlierer) unterteilt, wäre unsere Zivilisation nie entstanden.

    Erst der Prophet Jesus von Nazareth erkannte, wie die Makroökonomie zu gestalten ist, damit niemand einen unverdienten Gewinn auf Kosten der Mehrarbeit anderer (Frucht vom Baum der Erkenntnis) erzielen kann. Doch mit dem Cargo-Kult des Katholizismus mutierte die seit Jesus eigentlich überflüssige Religion vom Wahnsinn mit Methode zum Wahnsinn ohne Methode: weitere 1600 Jahre Massenarmut und Krieg, seit der Vernichtung der Gnosis (Kenntnis) im vierten Jahrhundert.

    Die „heilige katholische Kirche“ degradierte das Genie zum moralisierenden Wanderprediger und projizierte das von Jesus vorhergesagte „Königreich des Vaters“ (Freiwirtschaft, Vater der Kultur = Kreditangebot), in dem die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beendet ist, auf ein hypothetisches „Himmelreich“ der Toten, nur um selbst eine „Moral“ verkaufen zu können, die in der idealen Makroökonomie so sinnlos ist wie eine Taschenlampe bei Sonnenschein.

    Der religiöse Wahnsinn beließ die Menschheit in der systemischen Ungerechtigkeit des Privatkapitalismus (Erbsünde) und ließ so dem ersten Weltkrieg noch einen zweiten folgen, obwohl der Sozialphilosoph Silvio Gesell bereits 1916, unabhängig von der Heiligen Schrift und erstmals auf wissenschaftlicher Grundlage, genau das wieder beschrieb, was der geniale Prophet Jesus von Nazareth als erster Denker in der bekannten Geschichte als Wahrheit erkannt hatte: absolute Gerechtigkeit durch absolute Marktgerechtigkeit.

    Heute (2009) sind wir an genau dem Punkt angekommen, den die israelitische Priesterschaft schon vor 2600 Jahren vorhergesehen hatte: Wir stehen unmittelbar vor der globalen Liquiditätsfalle (Armageddon), der totalen Selbstvernichtung, denn der Krieg (umfassende Sachkapitalzerstörung) konnte nur solange der Vater aller Dinge sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    Doch ein Atomkrieg ist gar nicht erforderlich, um unsere ganze „moderne Zivilisation“ auszulöschen; es reicht aus, wenn wir weiterhin an den „lieben Gott“ (künstlicher Archetyp: Jahwe = Investor) glauben und ein allgemeines Zwischentauschmittel mit parasitärer Wertaufbewahrungsfunktion (Zinsgeld) verwenden.

    Ich wünsche dem einstigen Land der Dichter und Denker Viel Erfolg bei der Auferstehung aus der religiösen Verblendung noch vor dem jüngsten Tag (1. Januar 2010).

    Mit freiwirtschaftlichem Gruß

    „The strong young man of the rising sun“

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  6. Warum sollte Leiden der Existenz Gottes widersprechen?
    Es ist doch wohl eher so, dass sich Gott erst im Leid frei entfaltet und offenbart.
    Schopenhauer, bei aller anderweitigen Klarsicht, hat die Vorstellung eines sadistischen Gottes wohl noch nicht denken können, vermutlich, weil ihm die Evolutionstheorie als Erklärung des Guten im Menschen noch nicht zur Verfügung stand.

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  7. Leiden ist mit der Existenz Gottes nicht vereinbar, wenn man diesen – wie oben dargelegt – als allmächtig und allgütig ansieht. Bei einem anderen Gottesbegriff stellt sich das Problem der Theodizee anders oder möglicherweise überhaupt nicht. Zum Beispiel für den von Schopenhauer hoch geschätzten deutschen Mystiker Jakob Böhme, aber auch für die altindischen Upanishaden lag das Böse bereits im Ursprung (Ungrund, Brahman,Gott?), also im Metaphysischen. Darwins Evolutionslehre lernte Schopenhauer noch kurz vor seinem Tod kennen. Er hielt sie für das, was sie wohl ist, nämlich für reinen Materialismus. Dieser kann nach Schopenhauer keine Begründung für Ethik bieten und demzufolge auch keine Erklärung für das (im ethischen Sinne zu verstehende)“Gut“ und „Böse“ sein.

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  8. Ein sehr guter Philosophie-Freund von mir hat einmal gesagt, falls es diesen „Gott“ doch geben sollte, dann muss er ein Zyniker sein, denn er hat scheinbar grossen Spaß daran einige Menschen zu quälen. Dieser Freund ist Atheist und ich kann das sehr gut nachvollziehen. Neulich habe ich zum zweiten Male „Schindlers Liste“ gesehen … ich hatte tagelang daran zu knacken.
    Nein, dieser Gott ist nichts anderes als eine rein menschliche Wunschfigur !! Wenn ich mich mit der gesamten Menschheit und dessen Weltgeschichte genauer befasse, dann komme ich zu dem Schluss, es kann keinen Gott geben !!
    Seit der Mensch denken kann hat er Angst vor dem Tod. Folglich muss sich der Mensch irgend etwas erschaffen, was diese Angst ein klein wenig mildert und ihm den nötigen Trost verschafft. An irgend etwas muss der ängstliche Mensch festhalten können.
    Über Gesetzmässigkeiten im gesamten Universum und darüber hinaus lasse ich gerne mit mir diskutieren … da denke ich schon, dass da „irgend etwas“ ist, aber ein Gott … niemals !!
    Und was Religionen anrichten können, auch die katholische Kirche, darauf brauche ich doch sicherlich nicht näher einzugehen.

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  9. Jetzt lesen wir alle die Kapitel 59-63 im Vierten Buch DWaWuV und dann diskutieren wir das nochmal. Schopenhauer war kein Atheist, er war nicht „gottlos“, er hat vielmehr die Theophraster und Philosophraster verachtet. Es ist etwas anderes, wenn ich Gott als „den Schöpfer des Himmels und der Erde…“ und somit AUCH von Zeit, Raum und Kausalität nehme. Das „Fressen und Gefressen werden“ ist Kausalnexus und ein Teil dieser Schöpfung. Der Schöpfer-„Gott“ steht ausserhalb jeder Begreifbarkeit und von Kausalität im Sinne des Satzes vom Grunde. Er ist und ist gleichzeitig nicht. Kant sagt völlig zurecht, er habe das Wissen von Gott zerstört um für den Glauben Platz zu machen. Dem widerspricht Schopenhauer nicht, obwohl er gern gegen Kant polemisiert.

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    1. Die §§ 59 ff. betreffen „Bejahung und Verneinung des Willens“. Hierzu und in Bezug auf „Gott“ vermerkte Schopenhauer in seinen Manuskriptbüchern: „Dasselbe, was sich in uns als Wille zum Leben bejaht, ist auch das, was den Willen verneint … : wenn wir es nun in dieser letzten Eigenschaft als von uns, der wir der sich bejahende Wille zum Leben sind, verschieden und getrennt betrachten und von diesem Gesichtspunkt aus es, als ein der Welt (welche die Bejahung des Willens zum Leben ist) Entgegengesetztes ´Gott` nennen wollen, so könnte Das geschehn, zum Besten derer, die den Ausdruck nicht fahren lassen wollen: er würde nur ein unbekanntes x bezeichnen … Aber alte Ausdrücke zur Bezeichnung neuer Begriffe zu gebrauchen, ist eine Quelle von Verwirrung: zudem wäre es falsch: denn ´Gott` wäre hier, was die Welt nicht will, während im Begriff ´Gott`liegt, dass er das Seyn der Welt will.“(Der handschriftliche Nachlaß. Band 3, S. 343)

      Das „Fressen und Gefressenwerden“ ist Ausdruck des Willens zum Leben. Wenn im Begriff „Gott“ liegt, „dass er das Sein der Welt will“ (s. o. Zitat), und insofern auch Weltschöpfer ist, so ist dieser Schöpfergott auch für das „Fressen und Gefressenwerden“ verantwortlich.

      Im übrigen gehe ich nicht davon aus, dass dieser „Schöpfergott“ außerhalb von Kausaliät im Sinne des Satzes vom Grunde steht – es sei denn, dieser wäre „Das Ding an sich“. Schopenhauer hat jedoch ganz bewusst dieses nicht „Gott“, sondern „Wille“ genannt. Hierbei möchte ich noch anmerken, dass Schopenhauer Mystiker war, und in der Mystik (z. B. Jakob Böhme und Meister Eckhart) nicht „Gott“, sondern etwas, was nicht personifiziert werden kann, das Letzte („Das Ding an sich“?) ist. Das, wofür man den Begriff „Gott“ gebraucht, ist jedoch personifiziert und gehört damit in den Bereich der Vorstellungen, wo Kausalität gilt.

      Bei seinem Verständnis des Begriffes „Gott“ als Bejahung des Willens zum Leben (s. o.Zitat), liegt es jedoch nahe, Schopenhauer als Atheisten zu bezeichnen. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass für Schopenhauer „das Wort Atheimus eine Erschleichung enthält; weil es vorweg den Theismus als sich von selbst verstehend annimmt“.

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  10. Es ist eigentlich ein schöner Gedanke, dass Schopenhauer die Erkenntnisse Darwins noch kennen gelernt hat. Es muss für ihn eine Genugtuung gewesen sein, denn die von Darwin so genial erkannten und beschriebenen Mechanismen der Evolution sind ja die Werkzeuge des blinden Willens. Darwin kannte die Schriften Schopenhauers und hat an einigen Stellen Bezug darauf genommen.

    Die Evolution begann im Moment der Entstehung unseres Universums. Warum es entstanden ist wissen wir nicht. Das „Urknall“-Modell scheint aber die Erscheinungen recht gut zu beschreiben. Alles Lebendige besteht aus Atomen, toter Materie, Staub. Was übrig bleibt, wenn das Lebendige daraus verschwunden ist, ist wieder Staub. Vereinfacht kann man sagen, dass Atome, oder ihre Bausteine, eine Art gefrorene Energie sind (E=mc^2). Wie oder was Atome eigentlich sind, entzieht sich unserem raum-zeitlichen Vorstellungsvermögen, aber man weiß recht gut, wie sie sich verhalten. Sie können sich zu Kristallen zusammensetzen (Metalle, Steine, Eis, etc.), aber eben auch zu Lebendigem. Die den Atomen innewohnende Fähigkeit, sich zu komplexen Strukturen zu verbinden, hat auch das Lebendige geschaffen. Und wo immer in unserem Universum die Bedingungen entsprechend sind, wird Lebendiges entstehen. Atome setzen sich zusammen, um am Ende sich selbst zu erkennen (Einstein). Warum machen sie das? Wie und warum das Lebendige und mit diesem der Geist in die (oder aus der) Materie kommen, ist das eigentliche Mysterium.

    Alles, was geschieht, geschieht gemäß Naturgesetzen (Kausalität), die seit dem Augenblick der Entstehung dieses Universums festgeschrieben sind. Man kann auch sagen: die Naturgesetze sind das Universum. Auch wir sind Geschöpfe dieser Gesetze. Und richtig: unser Wille ist nicht frei, auch wenn es unserem Empfinden noch so sehr widerspricht und manche diese Feststellung geradezu empörend finden. Auch die Existenz eines allmächtigen Gottes würde ja übrigens einen freien Willen ausschließen.

    Gut und Böse sind Begriffe, menschliche Einbildungen, die für die Naturgesetze und die Atome, aus denen wir bestehen, keinerlei Rolle spielen. Gefühle wie Empathie, Liebe und Hass sind Erbschaften aus der Evolution, notwendig zur Erhaltung des Kreislaufs. Aber wir empfinden und erleiden sie. Was ist der Sinn von alldem? Es gibt keinen absoluten Sinn des Lebens, der Sinn ist das Leben selbst und welchen wir ihm selber geben. Wir sind aus reinem Zufall entstanden und geworden, was und wie wir sind, wie alle anderen Wesen um uns herum auch. Mit manchen von ihnen treten wir im Laufe unseres kurzen Daseins in Kontakt und bevor wir uns wieder daraus verabschieden müssen, lieben oder hassen wir sie. Lieben ist schöner, aber der Abschied fällt schwerer.

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  11. Horst Volkhammer

    In meiner Phase der Verabschiedung vom ev. christlichen Glauben, so schnell geht es nämlich nicht bei mir, wird mir die Perversität der “Erlösung“ erst richtig bewußt. Zuerst der mißlungene Schöpfungsakt. Am Ende einer harten Arbeitswoche noch so etwas kompliziertes wie die menschliche Gestalt zu beginnen war, wie man jederzeit erkennen kann, recht undurchdacht, zumindest was den Geist betrifft. Zunächst erschien es durchaus verständlich etwas mehr Habgier hinein zu tuen, es mußten jahrmillionen überstanden werden bis zu dem Punkt wo die Habgier an die Substanz geht, sprich die Umwelt zerstört. Schon etwas vorher wird das erkannt und die Sintflut, ebenso ergebnislos wie die Qualen Jesu am Kreuz mit dem Ziel der Erlösung inszeniert. Das wäre, wenn’s denn religiös sein muß, auch buddhistisch zu regeln gewesen um “den Laden am Laufen zu halten“. Deutlich geworden ist aber wenigstens die Kinderliebe, erst Isaak dann Jesus und die unzähigen Folgenden bis heute. Leid scheint systemimmanent zu sein, aber dazu bedarf es keines Gottes und schon gar nicht der Theologie. Aber was mache ich mit meinen Händen bei Demut und Bedrängnis?

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  12. Horst Volkhammer

    Wunderbare Texte aus dem Studienkreis, eingängig und verständlich, die es nicht leicht machen das Lesen zu unterbrechen dazu noch einen Text von Heinrich Hasse über das Leben von Arthur Schopenhauer der mir sehr hilfreich ist beim Umgang mit dem Alleinsein.
    Der Zugang zur buddhistischen Lehre fällt mir trotz der Erkenntnis ihrer Wahrhaftigkeit schwer, da ich mich bislang sehr wenig auch mit indischer Kultur beschäftigt habe. Bedauerlicherweise wird das Interesse dadurch auch nicht verstärkt. Es ist alles sehr fremd und läßt es mir nicht nahe kommen, bin dann immer wieder froh bei Schopenhauer ankommen zu dürfen.
    Sind eigentlich diese alten Schriften auch als ebook erhältlich?

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    1. Vielen Dank für den ermutigenden Kommentar!
      Mir steht die buddhistische Lehre, und zwar seit Jahrzehnten, zwar nahe, aber noch näher steht mir Schopenhauers Philosophie. Auch ich bin immer wieder froh, dass ich vor mehr als 40 Jahren bei Schopenhauer angekommen war. Seitdem bin ich bei ihm geblieben, denn Schopenhauers Erkenntnisse fand und finde ich durch meine persönlichen Lebenserfahrungen weitestgehend bestätigt.
      Was von den alten Schriften als ebook erhältlich ist, weiß ich leider nicht. Oftmals handelt es sich hierbei um Texte, die etwas schwer zu verstehen sind. Deshalb bevorzuge ich möglichst die Papierform.

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