Magnus Schwantje : Schopenhauer und Tierschutz

Dass der tierliebende Arthur Schopenhauer zu den ersten Mitgliedern der in Deutschland gerade gegründeten Tierschutzvereine gehörte, wurde in diesem Blog schon erwähnt. Deshalb ist es verständlich, wenn Schopenhauerianer ein Herz für Tiere haben. Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist Magnus Schwantje, der sich um den neuzeitlichen Tierschutz sowie den ethischen Vegetarismus sehr verdient gemacht hatte und zu einem Wegbereiter für die heutige Tierrechtsbewegung wurde.

Magnus Schwantje

Magnus Schwantje
(1877-1959)

Schwantje ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass die Bezeichnung Schopenhauerianer nicht bedeutet, blind an Schopenhauers Philosophie zu glauben und dementsprechend von vornherein alles völlig kritiklos zu übernehmen, was von dem hochverehrten Philosophen kommt. Das wäre auch nicht in Schopenhauers Sinne, denn dieser erwartete von seinen Anhängern, dass sie „Selbstdenker“ sind – und Magnus Schwantje war das in hohem Maße.

Wie sehr Schwantje trotz einiger Kritik am Philosophen doch im Grunde überzeugter Schopenhauerianer war, zeigte sich auch daran, dass er bereits bei der Gründung oder sehr bald danach in die Schopenhauer-Gesellschaft eintrat und in derem ersten Jahrbuch einen Beitrag unter der Überschrift Der Pessimismus in der Ethik veröffentlichte.(1) Dort schrieb Schwantje:

„Es ist betrübend zu sehen, wie viele sittlich strebende Menschen in unserer Zeit eine philosophische Begründung ihres sittlichen Wollens und eine Richtschnur für ihr Handeln in den seichten Werken von Modeschriftstellern suchen, während die unermeßlichen Schätze der Werke Schopenhauers ihnen unbekannt bleiben.

In unserer Zeit wird allerdings oft die Ansicht ausgesprochen, daß die Lehren Schopenhauers auf das sittliche Streben nur unheilvoll wirken könnten, da eine pessimistische Weltanschauung, wie sie in seinen Werken dargestellt sei, die Tatkraft lähme; ja, oft wird der Pessimismus sogar als die Frucht einer materialistischen und egoistischen Gesinnung hingestellt. Tatsächlich muß gerade ein idealistisch gesinnter und mitleidiger Mensch, wenn er mutig und unbefangen die Wahrheit erforscht, zu einer pessimistischen Weltanschauung kommen; und gerade diese erzeugt den höchsten Opfermut. Wer von der Wirklichkeit befriedigt wird, kann kein Bedürfnis fühlen, sich ein Ideal zu bilden und ihm nachzustreben.

Freilich kann der Pessimismus auch das Ergebnis von Enttäuschungen egoistischen Strebens sein, und dann bestärkt er meistens die Selbstsucht des Menschen. Aber ein Pessimismus, der aus einer idealistischen und altruistischen Gesinnung erwächst, lähmt nicht den Trieb zum Wirken. Ebenso wie die Erkenntnis der Beschränktheit unseres Intellektes nicht den Trieb vernichtet, alles zu erforschen, was unserer Erkenntnis erreichbar ist, so kann die Erkenntnis, daß alle Liebestätigkeit die schlimmsten Übel der Welt nicht ausrotten kann, nicht den Trieb lähmen, diejenigen Leiden zu verhüten, die wir verhüten können; ja, gerade eine pessimistische Weltanschauung führt oft zu dem Verzicht auf eigenes Glück, der alle Kräfte frei macht zum Wirken für andere.

Während also die Furcht vor dem Pessimismus Schopenhauers in den meisten Fällen einer kurzsichtigen Denkweise entspringt, haben einige seiner politischen Ansichten und seiner Ansichten über die Frauen gerade viele derjenigen Menschen von einer Prüfung seiner Werke zurückgehalten, denen Schopenhauer eine Klärung und Vertiefung ihrer eigenen Anschauungen und eine erhebende, tröstende und stärkende Erbauung geben könnte.

Wie die Werke jedes andern philosophischen Genies, sind auch die Schopenhauers nicht frei von Fehlern; und zu diesen rechne ich hauptsächlich einige seiner politischen Ansichten und seiner Ansichten über die Frauen. Aber den wenigen einseitigen und übertreibenden Urteilen steht in Schopenhauers Werken eine Fülle der tiefsinnigsten Lehren gegenüber, wie wir sie kaum in den Werken irgend eines andern Menschen finden.“

Besonderes Interesse hatte Schwantje für Schopenhauers Einstellung zu den Tieren und zum Tierschutz. So gab er 1919 eine Schrift unter dem Titel Schopenhauer´s Ansichten von der Tierseele und vom Tierschutz heraus:

Schwantje, der von 1901 bis 1904 Vorsitzender des Berliner Tierschutzvereins und 1907 Gründer der Gesellschaft zur Förderung des Tierschutzes (seit 1919 Bund für radikale Ethik) war, sah in der Philosophie Schopenhauers, und zwar vor allem in dessen Mitleidsethik, die „wissenschaftliche Begründung“ und „kräftigste Stütze“ in seinem Kampf für den Schutz der Tiere. Hierzu schrieb er in dem schon genannten Beitrag im Schopenhauer-Jahrbuch:

„Auch seine [Schopenhauers] Moral-Philosophie gehört zu dem Wertvollsten, was je ein Genie der Menschheit gegeben hat. Es würde einen höchst segensreichen Einfluß auf die sittliche Entwicklung der Menschheit ausüben, wenn diese Lehre allgemeine Anerkennung fände. Insbesondere die Erkenntnis, daß wir den Antrieb zu allem moralischen Handeln nicht durch ein Gebot der Vernunft, sondern durch das Mitleid empfangen, würde die Menschen befähigen, sowohl die Handlungen des Einzelnen, wie die politischen und sozialen Verhältnisse und die Bestrebungen ethischer Vereine mit tieferem moralischem Verständnis zu beurteilen. Sie würde auch bewirken, daß die Menschen jedes Wesen nicht nach dem Grade seiner Fähigkeit zum abstrakten Denken, sondern nach dem Grade seines Mitgefühls schätzen und lieben, und daß sie an den Leiden und Freuden aller Wesen, nicht nur der Menschen, inniger teilnehmen.

Damit wäre auch die Scheidewand niedergerissen, welche der Mensch hochmütig zwischen sich und der Tierwelt aufgerichtet hat ; denn wenn auch die Erkenntniskraft des Menschen die der Tiere weit überragt, so sehen wir doch bei unbefangener Beobachtung, daß die Tiere ebensosehr wie wir Lust und Schmerz fühlen, und daß sie heute durch die Schuld des Menschen schwer leiden.

Die Änderung der Ansichten von den Tieren und die dadurch bewirkte Verstärkung der Bestrebungen zum Schutze der Tiere, insbesondere des Vegetarismus, des Kampfes gegen die Vivisektion und des Kampfes gegen das Jagdvergnügen, würden aber nicht nur eine ungeheure Menge von Qualen unschuldiger Wesen beseitigen, sondern auch sowohl die Lebensführung wie die Anschauungen der Menschheit wesentlich umgestalten und veredeln. Alle diese und ähnliche Bestrebungen finden ihre wissenschaftliche Begründung und damit ihre kräftigste Stütze in der Philosophie Schopenhauers.“

Gestützt auf Schopenhauers Philosophie wurde Schwantje, wie es auch Schopenhauer selbst war, zu einem Wegbereiter für die heutige Tierrechtsbewegung.(2) Sein oben zitierter Beitrag erschien vor mehr als 100 Jahren. Dennoch hat das, was Schwantje dort zu Schopenhauer und seiner Philosophie schrieb, nichts an Aktualität verloren. Besonders gilt das auch für den letzten Absatz von Schwantjes Beitrag, denn das Leid der Tiere ist seitdem nicht geringer geworden. Ein umfassender und wirksamer Tierschutz, für den sich Magnus Schwantje zeitlebens mit all seiner Kraft einsetzte, ist notwendiger denn je, und hierbei kann Arthur Schopenhauers Mitleidsethik, da sie auch die Tiere als die „Brüder des Menschen“ einbezieht, die beste Begründung und kräftigste Stütze sein.(3)

H.B.

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Anmerkungen

(1) Erstes Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft, Kiel 1912, S. 58 ff.
Dieses Jahrbuch wurde ausgegeben am 22. Febr. 1912. Es enthält ein Mitgliederverzeichnis, in welchem Schwantje aufgeführt ist. Da die Gesellschaft am 30. Okt. 1911 gegründet wurde, ist Schwantje entweder bei der Gründung oder kurz danach ihr beigetreten.

(2) > Schopenhauer – ein Wegbereiter für Tierrechte .

(3) Magnus Schwantjes obiger Beitrag wurde nicht nur im Schopenhauer-Jahrbuch, sondern fast wortgleich auch im ersten Heft (1. Jg., Jan.-Febr. 1912) der von ihm herausgegebenen Monatsschrift Ethische Rundschau veröffentlicht. Gleich die erste Seite dieser Schrift zeigt als Titelbild Arthur Schopenhauer mit einem sich auf dessen allumfassender Mitleidsethik beziehenden Schopenhauer-Zitat: Das Mitleid ist die alleinige echt moralische Triebfeder. – Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder bewährt sich als die echte … dadurch, daß sie auch die Tiere in ihren Schutz nimmt.

Schopenhauers Ethik

           Es gibt kaum eine überzeugendere Begründung für Ethik als die von Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral. Bereits das dort vorangestellte Motto, Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer, macht deutlich, dass es Schopenhauer nicht um bloße Moralpredigten ging.  Für ihn beruhte die Ethik nicht auf einem komplizierten  System von Regeln, von  Ge- und Verboten, sondern auf etwas, das, von Ausnahmen abgesehen, wohl mehr oder weniger in jedem Menschen von der Natur her angelegt ist, nämlich das Mitleid. Dass Schopenhauers Ethik im wesentlichen Mitleidsethik ist, geht eindrucksvoll aus seiner Preisschrift hervor:

        “ Man setze zum letzten Beweggrund einer Handlung, was man wolle; immer wird sich ergeben, daß, auf irgend einem Umwege, zuletzt das eigene Wohl und Wehe des Handelnden die eigentliche Triebfeder, mithin die Handlung egoistisch, folglich ohne moralischen Werth ist. Nur einen einzigen Fall giebt es, in welchem dies nicht Statt hat: nämlich wenn der letzte Beweggrund zu einer Handlung, oder Unterlassung, … ganz allein das Wohl und Wehe eines Andern im Auge hat und durchaus nichts bezweckt, als daß jener Andere unverletzt bleibe, oder gar Hülfe, Beistand und Erleichterung erhalte. Dieser Zweck allein drückt einer Handlung, oder Unterlassung, den Stempel des moralischen Werthes auf …

          Wenn nun aber meine Handlung ganz allein des Andern wegen geschehn soll; so muß sein Wohl und Wehe unmittelbar mein Motiv sein: so wie bei allen andern Handlungen das meinige es ist. Dies bringt unser Problem auf einen engern Ausdruck, nämlich diesen: wie ist es irgend möglich, daß das Wohl und Wehe eines Andern unmittelbar, d. h. ganz so wie sonst nur mein eigenes, meinen Willen bewege, also direkt mein Motiv werde …? – Offenbar nur dadurch, daß jener Andere der letzte Zweck meines Willens wird, … daß ich ganz unmittelbar sein Wohl will und sein Wehe nicht will, so unmittelbar, wie sonst nur das meinige. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mit leide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meines …

        Der hier analysirte Vorgang aber ist kein erträumter, oder aus der Luft gegriffener, sondern ein ganz wirklicher, ja keineswegs seltener: es ist das alltägliche Phänomen des Mitleids, d. h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen Theilnahme zunächst am Leiden eines Andern … Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller ächten Menschenliebe. Nur sofern eine Handlung aus ihm entsprungen ist, hat sie moralischen Werth: und jede aus irgend welchen andern Motiven hervorgehende hat keinen. Sobald dieses Mitleid rege wird, liegt mir das Wohl und Wehe des Andern unmittelbar am Herzen, ganz in der selben Art, wenn auch nicht stets in demselben Grade, wie sonst allein das meinige: also ist jetzt der Unterschied zwischen ihm und mir kein absoluter mehr.

        Allerdings ist dieser Vorgang erstaunenswürdig, ja, mysteriös. Er ist, in Wahrheit, das große Mysterium der Ethik …“(1)

          Noch erstaunlicher und ein wohl noch größeres „Mysterium der Ethik“ ist die Tatsache, dass sich das „alltägliche Phänomen des Mitleids“ nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere erstrecken kann. Mitleid mit Tieren ist – wie der Tierschutz überhaupt-  ein wichtiges Thema in Schopenhauers Ethik, denn so hob er in seiner Preisschrift hervor: „Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder [das Mitleid] bewährt sich als die ächte ferner dadurch, daß sie auch die Thiere in ihren Schutz nimmt, für welche  in den andern Europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist.“(2). Durch die Einbeziehung des Tierschutzes – und zwar nicht nur als Randthema – in seine Ethik wurde Schopenhauer einer der bedeutendesten Wegbereiter der heutigen Tierethik: „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein ´Rufer in der Wüste`. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte“.(3)

       Nur wenige Philosophen von Weltrang sind derart mit Vorurteilen belastet wie Arthur Schopenhauer. So wird ihm zum Beispiel ein zu negatives Menschenbild nachgesagt. Um so überraschender ist deshalb das folgende Zitat, weil es zeigt, wie sehr Schopenhauer auf das Gute im Menschen, das Mitleid, vertraute:

         “ Zwei Tugenden, die der Gerechtigkeit und die der Menschenliebe, … wurzeln in dem natürlichen Mitleid. Dieses Mitleid selbst aber ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseyns, ist diesem wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.“(4)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Quellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden,
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik /
Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 247 f.
(2) Schopenhauer , a. a. O., S. 278.
(3) Dieter Birnbacher , Schopenhauer ( Grundwissen Philosophie ),
Stuttgart 2009, S. 131.
* S. dazu auch > Tierethik und Schopenhauers Mitleidsethik .
(4) Schopenhauer , a. a. O., S. 252.

 

Schopenhauer : Treue Hunde

Der Hund ist mit Recht das Symbol der Treue – meinte Arthur Schopenhauer, und viele Menschen, die nicht nur oberflächliche Erfahrungen mit Hunden haben, sondern mit ihnen zusammen leben, werden das bestätigen können. Hunde bleiben dem Menschen treu, aber bleibt der Mensch auch dem Hund treu? Diese Frage ist durchaus berechtigt, wenn man an die mit Hunden oft überfüllten Tierheime oder die schlimmen Schicksale der Hunde, die als lästig „entsorgt“ wurden, denkt.

Für Schopenhauer war der Hund ein höchst intelligentes und fein fühlendes Wesen. Da der Hund, so beklagte Schopenhauer, ein sehr entwickeltes Nervensystem habe, das ihn für den Schmerz empfänglicher mache, werde er leider oft fürTierversuche verwendet.  Das war nicht nur zu Schopenhauers Zeit so, sondern auch heute noch werden Hunde in nicht selten schrecklichen Tierversuchen gebraucht, ja missbaucht. So sterben allein in deutschen Laboren jährlich etwa 4.000 Hunde: > https://www.tierrechte.de/themen/haustiere/hunde/der-hund-im-tierversuch

Überhaupt war Schopenhauer ein Gegner der oft grauenvollen Tierversuche, die er  in seinen Schriften mit eindrucksvollen Worten anprangerte: > http://www.tierrechte-tv.de/Themen/Schopenhauer-Tierversuchsgegne/schopenhauer-tierversuchsgegne.html
Auch das zeigt, dass es Schopenhauer nicht allein um Hunde ging, sondern um einen besseren Schutz aller Tiere. So gehörte er zu den ersten Mitgliedern des 1841 gegründeten Frankfurter Tierschutzvereins: > http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de/Tierschutz/tierschutz.html

Der Tierschutz war Schopenhauer ein besonderes Anliegen. Dementsprechend war er wohl der erste weltbedeutende westliche Philosoph, der die Tiere in seine Philosophie voll einbezog und dort auch eine sehr tiefe Begründung für die Tierethik gab. Dazu schrieb Dieter Birnbacher, Professor für Philosophie, in seinem Buch Schopenhauer (Stuttgart 2009, S. 125 f.):

“ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik und die aus seinen Grundprinzipien abgeleitete Forderung nach angemessenem Schutz der leidensfähigen und insbesondere der in Gemeinschaft mit dem Menschen lebenden Tiere vor Quälerei, Ausbeutung und Überforderung. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen … Die Grundlage von Schopenhauers Tierethik ist dieselbe, die sich auch bereits bei Bentham … findet, nämlich dass das  Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist …“

Treue Hunde begleiteten Schopenhauer bis zuletzt durch sein Leben. So konnte er wohl aus eigener Erfahrung die Worte des spanischen Schriftstellers Larra bestätigen, die er in seinem Werk Parerga und Paralipomena I (§12. Philosophie des Neueren) zitierte:

Wer nie einen Hund gehalten hat, weiß nicht was lieben und geliebt sein ist.

H.B.

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Zum  Thema > Tierethik – Tierrechte – Schopenhauer

Vögel haben Mitleid

Mitleid , so erklärte Arthur Schopenhauer , ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseins, ist diesem wesentlich zu eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.

Ich möchte Schopenhauers positiver Meinung zur menschlichen Natur nicht widersprechen, obgleich ich manche Menschen kennen gelernt habe, in deren Verhalten ich kaum Mitleid entdecken konnte. Seit längerer Zeit frage ich mich jedoch, ob Mitleid ein Gefühl ist, das nur in der menschlichen Natur liegt, also nur bei Menschen anzutreffen ist. Nun las ich dazu in der gestrigen Ausgabe der „Berliner Zeitung“ einen erstaunlichen Artikel, und zwar unter der Überschrift Vögel haben Mitgefühl. Dort heißt es:

„Raben gelten nicht nur als besonders intelligent, sie sind offensichtlich auch in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen. Dieser Fähigkeit zur Empathie sind Wissenschaftler der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle der Universität Wien jetzt auf der Spur. Sie fanden heraus, dass Raben ihre Freunde trösten, wenn die bei einem Konflikt eins auf den Schnabel bekommen haben. Geraten sie selbst in eine missliche Lage, dann suchen sie ebenfalls Trost bei jenen Artgenossen, die sie gut kennen. …

Über ein Jahr lang hatten die Wissenschaftler … das Verhalten von jungen Raben beobachtet. Sie hielten fest, wie die Tiere sich nach Konflikten verhalten. Vor allem bei sehr heftigen Streitereien trösteten die am Streit  unbeteiligten Raben die zerrupften Verlierer durch Berührungen – und zeigten damit ein gewisses Maß an Mitgefühl.

Diese menschliche Fähigkeit kann man auch bei Affen beobachten. Die Empathie der Raben geht nach Ansicht der Wiener Forscher jedoch noch darüber hinaus.“

Ich halte diese Feststellung für sehr aufschlussreich, weil Vögel – im Gegensatz zu Affen – entwicklungsgeschichtlich weit vom Menschen entfernt sind. Jedenfalls deuten obige Forschungsergebnisse darauf hin, dass Empathie und damit auch die Fähigkeit zum Mitleid schon ziemlich früh in der biologischen Entwicklungsgeschichte angelegt waren. Im Laufe dieser Entwicklung hat sich das Empfinden von Mitleid offenbar immer stärker herausgebildet, so dass es schließt nicht nur auf Artgenossen beschränkt bliebt. So gäbe es zum Beispiel ohne ein solches artenübergreifendes Mitleid keine Tierschutzvereine.

Trotz aller äußeren Unterschiede zeigt das Verhalten der Raben, dass sie uns sehr viel näher stehen, als es manche Menschen wahrhaben wollen. Inzwischen hat die Forschung eine kaum noch zu überblickende Zahl von Beweisen vorgelegt, die darauf hindeuten, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht – wie vor allem von den bei uns herrschenden Religionen behauptet wird – absolut, sondern nur ralativ ist. Arthur Schopenhauer wußte das schon vor mehr als 200 Jahren, und zwar durch bloße Anschauung, etwa in dem er einem Hund in die Augen blickte. Es war deshalb durchaus konsequent, dass Schopenhauer die Tiere in seine Mitleidsethik voll einbezog und forderte, das Lebensrecht der Tiere zu achten. Verständnis dafür fand er zu seiner Zeit jedoch kaum. Zutreffend schrieb hierzu einer der bedeutendsten Vorkämpfer für den Tierschutz in Deutschland, > Magnus Schwantje : Mit seinen Ansichten vom Recht der Tiere eilte Schopenhauer seinen Zeitgenossen weit voraus. Wenn ich daran denke, wie es heute um den Tierschutz steht, dann muss ich leider hinzufügen, auch den meisten Menschen unserer Zeit ist Schopenhauer immer noch weit, ja, viel zu weit voraus!
hb

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Arthur Schopenhauer : Spiegelneuronen und Mitleidsethik

Spiegelneuronen – was hat dieser Begriff aus der Neurophysiologie mit Arthur Schopenhauer zu tun? Sehr viel, denn er berührt zentrale Aussagen von Schopenhauers Philosophie, nämlich der Mitleidsethik. So stellte Schopenhauer im Zusammenhang mit seiner Mitleidsethik die Frage:  Wie ist es möglich, dass ein Leiden, welches nicht meines ist, nicht mich trifft, doch ebenso unmittelbar wie sonst nur mein eigenes, … mich zum Handeln bewegen soll?

Schopenhauer gab darauf selbst die Antwort:  Es ist möglich nur dadurch, dass ich es … mitempfinde, es als meines fühle, und doch nicht in mir, sondern in einem anderen …  dann erblicke ich ihn nicht mehr … als ein mir Fremdes, mir Gleichgültiges, von mir gänzlich Verschiedenes, sondern in ihm leide ich mit, trotzdem dass seine Haut meine Nerven nicht einschliesst… Dieser Vorgang ist mysteriös; denn er ist etwas, wovon die Vernunft keine Rechenschaft geben kann, …und  doch ist er alltäglich.

Für diesem Vorgang, den Schopenhauer für mysteriös hielt, glauben Neurophysiologen seit Anfang der 1990er Jahre eine Erklärung gefunden zu haben: bestimmte Nervenzellen, Spiegelneuronen genannt, die sich in einigen Gehirnregionen befinden. Diese Spiegelneuronen entdeckten italienische Wissenschaftler durch Experimente an Affen, also durch Tierversuche, die Arthur Schopenhauer sicherlich entschieden abgelehnt hätte (> Arthur Schopenhauer – ein früher Tierversuchsgegener). Weitere Untersuchungen zeigten, wie gewisse Nervenzellen das Wahrgenomme spiegeln (deshalb als Spiegelzellen bezeichnet). So sorgen sie dafür, dass wir eine Handlung, die wir bei anderen sehen, in unserem Kopf miterleben. Das gilt auch, was in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist, für Gefühle. Durch bildgebende Verfahren wurde erkennbar, dass unsere Spiegelneuronen aktiv werden, wenn wir andere Menschen lachen oder weinen sehen. Ja, wir können es oft selbst erleben, dass, wenn unser Gegenüber gähnt, wir unmittelbar danach selbst gähnen müssen, und zwar ohne das wir das wollen!

Dementsprechend reagieren die Spiegelneuronen auch, wenn wir beochbachten müssen, wie ein anderer verletzt wird. Deshalb nehmen wir nicht nur die eigenen, sondern auch die fremden Schmerzen wahr, das bedeutet: Wir leiden mit! Der Zeitungsartikel (Berliner Zeitung vom 11.11.09), dem ich diese Informationen entnommen habe  enthält noch eine andere höchst bedeutsame Feststellung: Spiegelneuronen sind nicht willentlich beeinflussbar (!!!)  Damit wird, wie mir scheint, eine andere fundamentale Aussage der Philosophie Schopenhauers angesprochen, die ich schon in anderen Einträgen zu diesem Blog erwähnt habe:  die (fehlende) Willensfreiheit. Es ist verständlich, dass gerade auch im Hinblick auf die Konsequenzen derartige Aussagen heftig umstritten sind. Für mich jedenfalls sind ( in Übereinstimmung mit Schopenhauer ) Appelle an das Mitleid dort zwecklos, wo das Mitleid fehlt. Man kann es nicht „erzeugen“. Ist es aber vorhanden, dann kann man es durch Aufklärung gleichsam erwecken, so dass es wirksam wird. Nach Schopenhauer bedeutet das, man verdeutlicht die Motive , die den anderen auf Grund seines mitleidigen Charakters zum Handeln veranlassen. Ich habe das während  meiner jahrelangen Öffentlichkeitsarbeit für den Tierschutz immer wieder bestätigt gefunden, so dass ich nun diese Aussagen Schopenhauers nicht für eine bloße Vermutung, sondern für eine Tatsache halte.  

Dass Mitleid (laut obigem Zeitungsbericht) nicht willentlich beeinflussbar ist, mag betrüblich sein. Eine andere Tatsache hingegen finde ich durchaus ermutigend: Ich habe in diesem Blog und in meinen Webseiten viele Themen im Zusammenhang mit Schopenhauer und seiner Philosophie angesprochen. Dabei zeigte in meiner ziemlich detaillierten Webstatistik sehr deutlich, dass ein Thema besonders viele Besucher fand, nämlich Schopenhauers Mitleidsethik. Hieraus schliesse ich, dass alles, was mit Mitleid zusammenhängt, mehr Menschen interessiert, ja bewegt, als wir es in unserer oft kaltherzig erscheinenden Gesellschaft vermuten können. Für mich ist das ein Zeichen der Hoffnung – oder täusche ich mich?
hb

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Arthur Schopenhauer : Mitleid und Mitgefühl

Mitleid – ein aktuelles Wort? Ein Freund, studierter Germanist,  sagte mir, als wir über Arthur Schopenhauers Mitleidsethik sprachen, das Wort Mitleid sei nicht mehr „in“.  Es wäre wohl daher besser, wenn ich es z. B. durch das Wort Mitgefühl ersetzen würde.  Abgesehen davon, dass Schopenhauer gerade das Wort Mitleid verwendete und dieses in den Mittelpunkt seiner Ethik stellte, halte ich das Wort Mitgefühl nicht für gleichbedeutend. So kann sich Mitgefühl nicht nur als Mitleid, sondern auch als Mitfreude äußern.

Mitleid bezieht sich eindeutiger als Mitgefühl auf das Leid, dem Menschen, Tiere und wahrscheinlich auch Pflanzen unterworfen sind. Schopenhauers Philosophie ist in ihrem Kern eine dem Buddhismus nahe stehende Erlösungslehre. Diese setzt voraus, dass die Welt als leidvoll erkannt wird. Daher ist z. B. die erste der vier Edlen Wahrheiten des Buddha,  die Wahrheit vom Leid. Hierbei ist der Zusammenhang zwischen Leid und Mitleid unmittelbar aus diesen Worten selbst erkennbar.

Es mag sein, dass in gewissen intellektuellen Kreisen dem Wort Mitleid mit Zurückhaltung, vielleicht sogar mit Ablehnung begegnet wird. Die Gründe dafür sollen  hier nicht untersucht werden, denn wichtiger scheint mir die Frage zu sein, ob Mitleid als Begriff tatsächlich nicht mehr „in“ ist.  Eine erste und somit vorläufige  Antwort auf  diese Frage geben mir detaillierte Besucherstatistiken dieses Blogs. Dabei zeigt sich ziemlich klar, dass bei den vielen Themen, die ich hier im Zusammenhang mit Schopenhauer angesprochen habe, der Begriff Mitleidsethik  auf besonderes Interesse stößt. Danach folgen, was recht aufschlussreich ist, Themen und Begriffe, die ebenfalls mit Mitleid zusammenhängen, denn sie betreffen das Verhältnis von  Mensch und Tier. Übrigens, auch in den Statistiken meiner Schopenhauer-Webseiten nehmen Themen, die sich auf Mitleid und Tierschutz beziehen, vordere Plätze ein.

Sicherlich ermöglichen meine Webstatistiken noch keine repräsentativen Aussagen. Ich habe deshalb im „Keyword-Tool“ von Google nacheinander die Begriffe  Mitleid und Mitgefühl eingegeben. Dabei ergaben sich als durchschnittliches Suchvolumen / Monat bei Mitleid:14800 (Schopenhauer und Mitleid 260) und Mitgefühl: 5400 (Schopenhauer und Mitgefühl: -) Keywords.   Ich möchte obige Statistiken nicht überbewerten, aber das Ergebnis scheint mir eindeutig zu sein:  Der Begriff Mitleid ist keineswegs „out“ und schon gar nicht im Zusammenhang mit Schopenhauer!  Ich freue mich darüber, denn es zeigt, dass Arthur Schopenhauer mit der für seine Philosophie zentralen Mitleidsethik nach wie vor aktuell ist.  Das ermutigt mich, den Arthur  – Schopenhauer –  Blog  in diesem Sinne fortzuführen.
hb

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Arthur Schopenhauer : Mensch und Tier

Wie kaum ein anderer Philosoph hat Arthur Schopenhauer dem Menschen einen Spiegel vor gehalten.  Er machte sich dadurch verständlicherweise unbeliebt.  Schopenhauer konnte das ertragen, denn es ging es ihm nicht um Gefälligkeit, sondern allein um Wahrheit und diese ist oft unangenehm.  Ein Beispiel dazu ist folgendes Schopenhauer-Zitat, von dem ich annehme, dass es in diesem Forum nicht allseitig auf begeisterte Zustimmung stoßen wird, denn der Mensch sieht sich ja selbst allzu oft als „Krone der Schöpfung“:

Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt: daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur. Aber wo und wann einmal Schloß und Kette der gesetzlichen Ordnung abfallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich, was er ist …

Gobineau hat den Menschen … (das recht eigentlich böse Tier)… genannt, welche die Leute übelnehmen, weil sie sich getroffen fühlen: er hat aber recht: denn der Mensch ist das einzige Tier, welches andern Schmerz verursacht, ohne weitern Zweck als eben diesen. Die andern Tiere (!!!) tun nie anders, als um ihren Hunger zu befriedigen; oder im Zorn des Kampfes … Kein Tier jemals quält, bloß um zu quälen; aber dies tut der Mensch, und dies macht den teuflischen Charakter aus, der weit ärger ist als der bloß tierische …

Darum fürchten alle Tiere instinktmäßig den Anblick, ja  die Spur des Menschen …   Der Instinkt trügt auch hier nicht: denn allein der Mensch macht Jagd auf das Wild, welches ihm weder nützt noch schadet …

An diese Worte Schopenhauers musste ich denken, wenn ich an Anti-Jagd-Demos teilnahm, denn die Jagd ist oft nichts anderes als Befriedigung einer Lust, der Lust am Töten. Beim Stierkampf kommt dann noch eine besondere Art von Grausamkeit hinzu. So kann man noch viele weitere Beispiele anführen, die beweisen, dass Schopenhauers Menschenbild durchaus nicht unrealistisch  ist. Allerdings  hat Schopenhauer auch die entgegengesetzte Seite des menschlichen Charakters gezeigt, nämlich das Mitleid. Nicht bloß die Schlechtigkeit, sondern vielmehr diese überaus positive Eigenschaft des Menschen ist ein zentrales Thema von Schopenhauers Philosophie, der Mitleidsethik, die sich selbstverständlich auch auf Tiere bezieht.
hb

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Tierschutzpartei im Parlament – ein Schopenhauerianer freut sich!

Die Tierschutzpartei mit 5,2% im Parlament – dieses Ergebnis bei der Jugendwahl > „U18“, der größten politischen Bildungsinitiative für Kinder und Jugendliche in Deutschland, erfreut einen „Schopenhauerianer“! Es ist zwar „nur“ eine Jugendwahl, aber es zeigt deutlich, wie sehr eine Partei, die ein zutiefst ethisches Thema, nämlich den Tierschutz, mit in den Vordergrund stellt, Zustimmung bei jungen Menschen finden kann.  Das sind auch meine persönlichen Erfahrungen in Schulen, wenn ich auf dieses Thema im Rahmen von Wahlen zu sprechen kam. Ich glaube auch Arthur Schopenhauer, der die Tiere in seine Mitleidsethik voll einbezog und dementsprechend schon vor mehr 150 Jahren das Entstehen von Tierschutzvereinen nach Kräften unterstützte, würde sich darüber freuen. Mir jedenfalls gibt das Hoffnung und Ermutigung, wobei ich aber weiß: Es  sind noch „dicke Bretter zu bohren“.
hb

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Arthur Schopenhauer : Mitleidsethik

Arthur Schopenhauer – Ethik und Mitleid

Wie kaum ein anderer Philosoph hat Arthur Schopenhauer das Mitleid in den Mittelpunkt seiner Ethik gestellt. Mitleid, so Schopenhauer in seinen Schriften zur Ethik, ist ein „alltägliches Phänomen“, nämlich die ganz unmittelbare Teilnahme am Leiden eines anderen Wesens. Wir leiden mit ihm, also in ihm. Hierdurch wird die vorher unüberwindbare Mauer zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ mehr und mehr abgebaut:

„Wie ist es möglich“, fragt Schopenhauer, „dass ein Leiden, welches nicht meines ist, nicht mich trifft, doch ebenso unmittelbar wie sonst nur mein eigenes, Motiv für mich werden, mich zum Handeln bewegen soll? Es ist möglich nur dadurch, dass ich es  …mitempfinde, es als meines fühle, und doch nicht in mir, sondern in einem andern … Dies aber setzt voraus, dass ich mich mit dem andern gewissermaßen identifiziert habe, und folglich die Schranke zwischen dem Ich und Nicht-Ich für den Augenblick aufgehoben sei….Dieser Vorgang ist mysteriös; denn er ist etwas, wovon die Vernunft keine unmittelbare Rechenschaft geben kann…“

Das Mitleid – und hierbei unterscheidet sich Schopenhauer von fast allen anderen Philosophen seiner Zeit – bezieht sich auf alles, was Leben hat und damit auch auf Tiere. Es ist, was Schopenhauer immer wieder betonte, die wahre Grundlage der Moral. Das Mitleid „ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewusstseins, ist diesem  wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung“.

Schopenhauer hat in seiner  „Preisschrift über die Grundlage der Moral“ die zentrale Bedeutung des Mitleids für jedes ethische Verhalten hervorgehoben, und zwar mit Worten, die nahegehen:

„Denn grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten und bedarf keiner Kasuistik. Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig keinen verletzen, keinen beeinträchtigen, keinem wehe tun, vielmehr mit jedem Nachsicht haben, jedem verzeihen, jedem helfen, so viel er vermag, und alle Handlungen werden das Gepräge der Gerechtigkeit und Menschenliebe tragen.“
hb

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Die Tierschutzpartei aus der Sicht eines Schopenhauerianers

Schopenhauerianer, die sich in der deutschen Parteienlandschaft umschauen, stoßen auf eine Partei, nämlich die Tierschutzpartei, deren Programm von besonderem Interesse ist:

Die Tierschutzpartei sieht sich laut ihrem Grundsatzprogramm „als Teil der Tierrechtsbewegung, die den Gedanken des Tierschutzes fortentwickelt“.  Arthur Schopenhauer war wohl der erste bedeutende Philosophen der Neuzeit, der sich entschieden für den Tierschutz einsetzte. Darüber hinaus kann er als einer der geistigen Väter der heutigen Tierrechtsbewegung gelten, denn  seine Philosophie enthält eine allumfassende Mitleidsethik und die Forderung nach Gerechtigkeit auch für Tiere.

Wie im Programm der Tierschutzpartei, so verlangte auch Schopenhauer (bereits mehr als 150 Jahre vorher!), Tiere um ihrer selbst willen zu achten und zu schützen. In der Präambel ihres Parteiprogramms stellt die Tierschutzpartei fest:  „Mensch, Tier und Natur sind eine untrennbare Einheit . Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge „. Das ist ganz im Sinne der Philosophie Schopenhauers. Diese enthält eine tiefe metaphysische Begründung, dass Mensch und Tier sich zwar äußerlich unterscheiden, aber letztlich im wesentlich gleich sind. Schopenhauer stand damit im Gegensatz  nicht nur zur damals vorherrschenden Religion, sondern auch  zu den maßgebenden Philosophen seiner Zeit.

Die Philosophie Schopenhauers geht davon aus, dass hinter allen Erscheinungen dieser Welt eine metaphysische Einheit steht, die er „Wille“ nannte.  Insofern ist seine monistische Philosophie eine konsequente Ganzheitslehre.  Wenn die Tierschutzpartei im Grundsatzprogramm ihren „ganzheitlichen Ansatz“ betont, dann meint sie das sicherlich nicht mit der Schopenhauerschen Begründung, aber in den praktischen Folgerungen sehe ich da keine wesentlichen Unterschiede.

H.B.

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