Tierschutz und Schopenhauer

Das Verhältnis von Mensch und Tier in der Philosophie Arthur Schopenhauers wurde hier schon mehrmals erörtert. Wie die Statistik dazu zeigt, hatten die jeweiligen Blogbeiträge überdurchschnittlich viele Besucher. Deshalb nehme ich an, dass auch der folgende Beitrag, den ich zum 200. Geburtstag Schopenhauers unter der Überschrift Schopenhauer und der Tierschutz in Der Vegetarier – Zeitschrift für ethische Lebensgestaltung, Vegetarismus und Lebensreform – Nr. 1/1988 veröffentlicht hatte, für viele Leser dieses Blogs von Interesse sein wird:

Das Jahr 1988 bietet besonderen Anlaß eines Philosophen zu gedenken, der zu einer Zeit, als in Deutschland die ersten Tierschutzvereine entstanden, mit Nachdruck für das Recht der Tiere eintrat: Arthur Schopenhauer, der vor 200 Jahren, am 22. Februar 1788, in Danzig geboren wurde. Die Werke dieses Philosophen sind auch heute noch durchaus lesenswert, nicht zuletzt deshalb, weil er zum Verhältnis von Mensch und Tier Worte fand, die tief berühren, zu Herzen gehen und in ihrer sprachlichen Vollendung kaum zu übertreffen sind.

ln seiner Lebensphilosophie, die der buddhistischen Lehre sehr nahe kommt, ging Schopenhauer ohne jede Beschönigung und Rechtfertigung von der leidvollen Wirklichkeit aus. Wirklichkeit ist das, was wirkt, was immer von neuem Schlachtfelder und Schlachthäuser bewirkt. Für Schopenhauer war das der sich über das Lebensrecht anderer hinwegsetzende „Wille“.  Dieser Wille, der sich in Egoismus und Selbstsucht äußert, wird durch das Mitleid überwunden. Das Mitleid, das Mitgefühl reißt die Mauer zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ nieder. Deshalb beruht nach Meinung Schopenhauers alle echte, d. h. uneigennützige Tugend auf dem Mitleid: „Denn grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten und bedarf keiner besonderen Begründung. Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig keinen verletzen, keinen beeinträchtigen, keinem wehe tun, vielmehr … jedem helfen, so viel er vermag.“

Für Schopenhauer war das Mitleid allumfassend und nicht nur auf den Menschen bezogen, sondern auch auf die Tiere, „für welche in den anderen Europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist. Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, daß unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen Tiere keine Pflichten gebe, ist geradezu eine empörende Rohheit und Barbarei des Abendlandes… Mitleid mit Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.“

So lehnte Schopenhauer mit Entschiedenheit die in der jüdisch-christlichen Tradition wurzelnde abendländische Geisteshaltung ab, wonach das Tier nur ein unbeseeltes Etwas ist, eine Sache, die lediglich menschlichem Nutzen zu dienen hat: Die Tiere sind „kein Fabrikat zu unserem Gebrauch … Erst, wenn jene einfache und über jeden Zweifel erhabene Wahrheit, daß die Thiere im Wesentlichen ganz das Selbe sind, was wir, in’s Volk gedrungen seyn wird, werden die Thiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehn …“

Schopenhauers Einstellung zu Tieren, war nicht lediglich das Ergebnis verstandesmäßiger Überlegungen, sondern kam aus der „Anschauung“, welche – wie er immer wieder hervorhob – „die Quelle aller tieferen Erkenntnis, aller Weisheit und Wahrheit ist.“ In seinem „handschriftlichen Nachlaß“ ist seine Bemerkung überliefert: „Der Anblick jedes Tieres erfreut mich unmittelbar, und mir geht dabei das Herz auf.“ Deshalb konnte ihn auch das maßlose Elend der gequälten und unterdrückten Tierwelt nicht unberührt lassen. Zur Vivisektion schrieb er: „Heut‘ zu Tage hält sich jeder Medikaster für befugt, die grausamste Tierquälerei zu treiben, um Probleme zu entscheiden, deren Lösung längst in Büchern steht.“ Er hoffte auf die Zeit, wo es nicht jedem Tierexperimentator freisteht, seine „Unwissenheit durch die gräßlichste Quaal einer Unzahl Thiere auf die Probe zu stellen.“ Von solchen und anderen Tierquälereien tief bewegt, ja erschüttert, förderte Schopenhauer nach Kräften die Arbeit der damals gerade entstehenden Tierschutzvereine.

Schopenhauers Tierliebe, für die es viele Beispiele gibt, wäre noch überzeugender gewesen, wenn er sie mit einer vegetarischen Lebensweise verbunden hätte. Tierschutz ohne Vegetarismus ist eine lnkonsequenz, der sich Schopenhauer durchaus bewußt war, und die er so zu rechtfertigen versuchte: „Es ist leider wahr, daß der nach Norden gedrängte Mensch des Fleisches der Thiere bedarf; – wiewohl es in England ,vegetarians‘ giebt: dann aber soll man den Tod solcher Thiere ihnen ganz unfühlbar machen durch Chloroform.“ Diese Begründung mag vielleicht verständlich sein, wenn man die Ernährungslage im nördlichen Europa vor 150 Jahren bedenkt. Heute hingegen steht uns ein reichhaltiges Angebot an fleischlosen Nahrungsmitteln zur Verfügung, welches auch eine in gesundheitlicher Hinsicht völlig ausreichende Ernährung ermöglicht. lm übrigen war Schopenhauer der Meinung, daß die vegetarische Lebensweise für den Menschen die natürliche sei, und dieser erst „nach seiner Abdrängung in die kälteren Zonen dem unnatürlichen Klima durch eine unnatürliche Ernährung entgegenwirken mußte.“

Manche Aussagen des Philosophen über die Möglichkeiten und Grenzen vegetarischer Ernährung erklären sich aus den Verhältnissen seiner Zeit. Dennoch gibt es für den ethischen Vegetarismus wohl keine tiefere Begründung als das allumfassende Mitgefühl, das Schopenhauer in den Mittelpunkt seiner Lebensphilosophie stellte. In ihr kommt wie kaum in einer anderen bedeutenden abendländischen Philosophie die Überzeugung zum Ausdruck:

Tiere sind Brüder des Menschen.

Nachwort
Als ich den obigen Beitrag vor mehr als drei Jahrzehnten veröffentlichte, war ich Vegetarier. Ich wollte für die entsetzlichen Tierquälereien in der Massentierhaltung, bei den Tiertransporten und in den Schlachthäusern nicht mitverantwortlich sein. Bald danach kam ich jedoch zur Überzeugung, dass hierzu die vegetarische Lebensweise nicht ausreicht. Ich dachte dabei zum Beispiel an das Tierelend bei der Milchproduktion und entschloss mich, vegan zu leben  Inzwischen sind beide Mitglieder der Redaktion Veganer. Für uns ist diese  Lebensweise eine praktische, ja notwendige Konsequenz aus Schopenhauers Mitleidsethik. Deshalb bedauern wir zwar, dass Arthur Schopenhauer kein Veganer war, halten es aber dennoch für verständlich, wenn wir die vor 200 Jahren herrschenden Zeitumstände berücksichtigen. Im übigen hatte Schopenhauers Tierliebe, die in seiner Philosophie immer wieder zum Ausdruck kommt, durchaus praktische Konsequenzen: So war er zum Beispiel einer der ersten Mitglieder des 1841 gegründeten Frankfurter Tierschutzvereins und wurde dadurch – verbunden mit seiner auch die Tiere einbeziehenden Philosophie – zu einem Wegbereiter für den Tierschutz in Deutschland.
( S. hierzu auch > Arthur Schopenhauer und die Tierschutzvereine.)

H.B.

Weiteres zur >  Tierethik
sowie zur Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

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