Leben mit Schopenhauer

Lebensphilosophie ist kein bloß akademisches Gedankengebilde, abgehoben von den Alltagsproblemen der Menschen hier und heute. Sie ist weit mehr, nämlich eine Philosophie, die den Menschen auf seinem Lebensweg begleitet und ihm auch in den schweren Stunden seines Lebens Trost und Hilfe zu bieten vermag. Das gilt ganz besonders für die Philosophie Arthur Schopenhauers. Hierfür gibt es viele Beispiele, von denen einige in der Festschrift Wege zu Schopenhauer eindrucksvoll beschrieben sind. Diese Schrift erschien (1978) zum 80. Geburtstag von Arthur Hübscher, dem verdienstvollen Herausgeber von Schopenhauers Werken und langjährigen Präsidenten der Schopenhauer-Gesellschaft.

Einige Jahre vorher hatte Arthur Hübscher seine Lebenserinnerungen unter dem bezeichnenden Titel Leben mit Schopenhauer veröffentlicht. Sie schließen mit den Worten: Ich habe viele Menschen und viel unnützes Gepäck auf meiner Lebensreise zurückgelassen. Schopenhauer habe ich mitgenommen, – er hat mich nie im Stich gelassen. Er wird auch da sein, wenn es an der Zeit ist, abzutreten.

In ähnlichem Sinne äußerte sich Thomas Mann: Er fand in Schopenhauers Philosophie ein Wahrheitserlebnis, so annehmbar, so hieb- und stichfest, so richtig, wie ich es sonst in der Philosophie nicht gefunden habe. Man kann damit leben und sterben, – namentlich sterben: ich wage zu behaupten, daß die schopenhauerische Wahrheit, daß ihre Annehmbarkeit in der letzten Stunde standzuhalten, und zwar mühelos, ohne Denkanstrengung, ohne Worte standzuhalten geeignet ist.

Was mich persönlich angeht, so begleitet mich Schopenhauers Philosophie  seit mehr als vier Jahrzehnte durch mein Leben und – da ich in einem fortgeschrittenen Alter bin – erscheint mir der Tod nicht mehr allzu fern zu sein. Da mag es verständlich sein, wenn mir die obigen Worte sehr nahe gehen. Viele aus meiner Generation sind nicht mehr unter uns, und mehr denn je wird mir bewusst: Leben und Tod sind einander untrennbar! Deshalb ist für mich eine Philosophie, die Anspruch erhebt, Lebensphilosophie zu sein, aber den Tod ausklammert, keine Lebensphilosophie, sondern nur Verdrängung und oberflächliche Betäubung.

So zeigt sich Schopenhauers Lebensphilosophie nicht nur in seinen weithin bekannten Aphorismen zur Lebensweisheit, sondern auch im zweiten Band seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung. Dort ist das große Kapitel Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich. Es gehörte für Thomas Mann zu dem Schönsten, man möchte sagen Tiefsten (aber sein Werk ist überall gleich tief), was er geschrieben hat. Ich darf hinzufügen, gerade dieses Kapitel ist mit das Trostvollste, was mir persönlich im Leben begegnet ist, und wohl auch deshalb verstehe ich, warum der alte Buddenbrook in Thomas Manns gleichnamigem weltberühmtem Roman sein Leben mit Arthur Schopenhauer beendet hatte.

H.B.

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