Arthur Schopenhauer : Mitleidsethik

Arthur Schopenhauer – Ethik und Mitleid

Wie kaum ein anderer Philosoph hat Arthur Schopenhauer das Mitleid in den Mittelpunkt seiner Ethik gestellt. Mitleid, so Schopenhauer in seinen Schriften zur Ethik, ist ein „alltägliches Phänomen“, nämlich die ganz unmittelbare Teilnahme am Leiden eines anderen Wesens. Wir leiden mit ihm, also in ihm. Hierdurch wird die vorher unüberwindbare Mauer zwischen dem „Ich“ und dem „Du“ mehr und mehr abgebaut:

„Wie ist es möglich“, fragt Schopenhauer, „dass ein Leiden, welches nicht meines ist, nicht mich trifft, doch ebenso unmittelbar wie sonst nur mein eigenes, Motiv für mich werden, mich zum Handeln bewegen soll? Es ist möglich nur dadurch, dass ich es  …mitempfinde, es als meines fühle, und doch nicht in mir, sondern in einem andern … Dies aber setzt voraus, dass ich mich mit dem andern gewissermaßen identifiziert habe, und folglich die Schranke zwischen dem Ich und Nicht-Ich für den Augenblick aufgehoben sei….Dieser Vorgang ist mysteriös; denn er ist etwas, wovon die Vernunft keine unmittelbare Rechenschaft geben kann…“

Das Mitleid – und hierbei unterscheidet sich Schopenhauer von fast allen anderen Philosophen seiner Zeit – bezieht sich auf alles, was Leben hat und damit auch auf Tiere. Es ist, was Schopenhauer immer wieder betonte, die wahre Grundlage der Moral. Das Mitleid „ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewusstseins, ist diesem  wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung“.

Schopenhauer hat in seiner  „Preisschrift über die Grundlage der Moral“ die zentrale Bedeutung des Mitleids für jedes ethische Verhalten hervorgehoben, und zwar mit Worten, die nahegehen:

„Denn grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen ist der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten und bedarf keiner Kasuistik. Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig keinen verletzen, keinen beeinträchtigen, keinem wehe tun, vielmehr mit jedem Nachsicht haben, jedem verzeihen, jedem helfen, so viel er vermag, und alle Handlungen werden das Gepräge der Gerechtigkeit und Menschenliebe tragen.“
hb

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11 Gedanken zu “Arthur Schopenhauer : Mitleidsethik

  1. Laut „Wörterbuch der philosophischen Begriffe“ ist Mitleid „ein auf den Mitmenschen gerichtetes Gefühl, in dem die Teilnahme am Leiden anderer erlebt wird und die Bereitwilligkeit, ihm zu helfen, mitschwingt“. Das Wörterbuch weist dann darauf hin, dass das Mitleid „in allen indischen Religionen und Philosophien die Haupttugend der Frommen und Weisen“ sei, die nicht nur Menschen, sondern auch Tieren gegenüber geübt werde. Auch in dieser Hinsicht steht Arthur Schopenhauer mit seiner Mitleidsethik den indischen Religionen nahe: http://www.schopenhauer-indische-religionen.de

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  2. Besitzen denn nicht auch Tiere ein Mitleidsempfinden? Haben sie dann auch eine Moral, eine Ethik, vielleicht nicht so diffizil wie die des Menschen, aber doch vorhanden? Ich bin eigentlich bisher davon ausgegangen, dass seine Ethik, seine Moral den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet…?

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  3. Ich halte es für inzwischen erwiesen, dass auch Tiere mehr oder weniger ein Mitleidsempfinden haben. Der Mensch hat sich, folgt man der Evolutionslehre, aus dem Tierreich entwickelt. Dementsprechend müssen dort auch moralische Empfindungen zumindest rudimentär vorhanden sein. Ein Unterschied zwischen Mensch und Tier kann vielleicht darin gesehen werden, dass bei ihm – aber nicht bei allen Menschen ! – das moralische Bewusstsein stärker ausgeprägt ist. Das gilt jedoch nicht nur im positiven Sinne, denn Menschen können ein Maß an Grausamkeit, an Freude am Quälen haben, das auch nicht annähernd bei Tieren anzutreffen ist. Man muß dabei nicht nur an Stierkämpfe denken. Auch Menschen wurden und werden mitunter auf raffinierteste Weise gequält. Bis in die Neuzeit hinein waren qualvollste Hinrichtungen eine Volksbelustigung, die man sich nicht entgehen ließ. Auch hierbei zeigt sich, dass der Mensch keinesfalls die „Krone der Schöpfung ist“, für die er sich in seiner Überheblichkeit hält.

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    1. In der patriarchalischen Gesellschaft, in der wir leben, haben die Schlagwörter Pflicht, Stärke und Effizienz einen so hohen Stellenwert eingenommen, dass sie Begriffe wie Mitleid und Moral oftmals in die Ecke drängen. Ich glaube, dass die Grundlagen für ein moralisches Bewusstsein schon bei jedem Menschen vorhanden sind, jedoch bei vielen tief versteckt im Unterbewusstsein ein Schattendasein fristen und nicht herausgelassen, verdrängt werden. Im Grunde genommen weiß jeder Mensch, wann er „nicht korrekt“ handelt, aber „was muss das muss“ ist dann oftmals der Leitsatz und schon werden die Bedenken weggewischt.
      Vielleicht ist es auch der Fakt, dass wir dieses „Wissen“ haben, dass wir unbewusst absichtlich dagegen handeln, um, aus welchen Gründen auch immer, aufzufallen?

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  4. Ich stimme zu: Begriffe wie Mitleid und Moral sind in unserer Gesellschaft oftmals in die Ecke gedrängt. So wird zum Beipiel Schopenhauers Mitleidsethik oft belächelt oder, weil dem Zeitgeist nicht entsprechend, als überholt abgetan. Das finde ich bedauerlich, aber ich habe damit kein Problem. Wichtiger finde ich die Frage, ob tatsächlich „die Grundlagen für ein moralisches Bewusstsein schon bei jedem Menschen vorhanden sind“. Wie Schopenhauer gehe ich davon aus, dass das wahrscheinlich der Fall ist. Andererseits bin ich aber der Meinung, dass wohl viele, bei einigen Menschen sehr viele Leben notwendig sind, bis sich ein solches moralisches Bewusstsein entfaltet und sich konkret im Verhalten äußert. Nach vielen Jahre Aktivitäten im Tierschutz, wo ich immer wieder sehr drastisch erfahren musste, wozu Menschen fähig sind, hat mein Optimismus enge Grenzen.

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  5. Mich würde mal interessieren inwiefern das gewissen in der mitleidsethik von bedeutung ist. Nehmen wir mal das Gewissen nach Freud. Laut Freud wird das Gewissen ja durch gesellschaftliche und familiäre Normen und Regeln bestimmt. Wie ist das denn bei Schopenhauer?

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    1. Das „Gewissen“ ist, so Schopenhauer, die „mittelst der Taten entstehende Bekanntschaft mit dem eigenen unveränderlichen Charakter“. Selbst wenn der Charakter laut Schopenhauer unveränderlich ist, so folgt daraus noch nicht, dass auch das Gewissen unveränderlich ist. So kann nach Schopenhauer z. B. durch Religionen das Gewissen beeinflusst werden. Wenn das durch Religionen möglich ist, dann ist es auch nicht ausgeschlossen, dass das Gewissen durch gesellschaftliche und familiäre Normen und Regeln beeinflusst werden kann.

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      1. Hallo arthur1788 und danke für deine schnelle Antwort.

        Das heißt also, dass das Gewissen nach Freud, das ja definitiv ein Sozialisationsprodukt ist, in der Mitleidsethik Anklang findet?
        Sind da hinsichtlich der Beeinflussung durch die Gesellschaft, das Elternhaus also Parallelen zu erkennen?
        Mich würde dann aber interessieren, inwiefern man dann mit dem Gewissen in Konflikt gerät, wenn man diesem zuwiderhandelt also ja im Prinzip egoistische Motive verfolgt.

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      2. Hallo Dirk,

        bei Deiner ersten Frage kommt es zunächst darauf an, ob Freud unter dem Begriff „Gewissen“ das Gleiche wie Schopenhauer verstanden hatte.

        Für Schopenhauer gab es in Bezug auf „moralische Regungen im Menschen“ eine „Grenzlinie, zwischen dem, was in ihnen der menschlichen Natur urprünglich und eigen angehört und dem, was moralische und religiöse Bildung hinzufügt“. Hieraus folgere ich, dass es wahrscheinlich Parallelen hinsichtlich der Beeinflussung durch Gesellschaft und Elternhaus gibt, wobei zu Schopenhauers Zeit die Religion eine der wichtigsten Teile der Gesellschaft war.

        Wenn der Mensch durch sein Gewissen seine Taten moralisch beurteilt und und dabei seinen Charakter erkennt, dann kann das für ihn, wie Schopenhauer es nannte, zu einem „Gewissensbiss“ oder zu „Gewissensangst“ führen. Andererseits wies Schopenhauer darauf hin, dass „das Gegenteil der Gewissenspein … das gute Gewissen, die Befriedigung, welche wir nach jeder uneigennützigen Tat verspüren“, sei. Nur die auf uneigennützigen Motiven beruhende Tat hat nach Schopenhauer positiven ethischen Wert.

        Das Fundament dieser von Schopenhauer so verstandenen Ethik ist das Mitleid. „Dieses Mitleid selbst aber“, so erklärte Schopenhauer,“ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewusstseins, ist diesem wesentlich eigen, beruht nicht auf Vorausetzungen, Begriffen Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung, sondern ist ursprünglich und unmittelbar“.

        Aus obigen Aussagen ergibt sich m. E., dass zwar das Gewissen (s. b. Schopenhauers Definition in meinem vorigem Kommentar) durch die Gesellschaft beeinflusst werden kann, nicht aber der Charakter und die in ihm mehr oder weniger verankerte Fähigkeit zum Mitleid. Zur besseren Verständlichkeit dieses nicht einfachen Zusammenhanges möchte ich hier einen etwas gewagten Vergleich heranziehen: Das Fernrohr (Gewissen), mit dem der Himmel betrachtet wird, ist änderbar, nicht aber das Betrachtete, der Himmel (Charakter, Fähigkeit zum Mitleid).

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