Menschenbild

Mancher würde erschrecken, wenn er den Andern sähe, wie er ist.

Laut Arthur Schopenhauer, von dem obiges Zitat stammt, sehen wir die Menschen nicht so, wie sie sind, sondern nur so, wie wir sie sehen wollen. Oft stellt es sich erst spät, zuweilen zu spät heraus, wie der Mensch, dem wir vertrauten, vielleicht sogar liebten, wirklich ist. Dann kann die Enttäuschung und der Schaden groß sein. Ein Beispiel, das mich sehr betroffen macht, las ich dazu in der „Berliner Zeitung“ vom 19./20. März 2011. Es geht hierbei um den Ex-Chef des Berliner Tierheims, der wegen Veruntreuung von 150.000 Euro verurteilt wurde.

Das Tierheim gehört dem Berliner Tierschutzverein, der mit etwa 15.000 Mitgliedern der größte Tierschutzverein in Deutschland ist. Da ich dort bereits seit 45 Jahren Mitglied bin und ich diesen, nunmehr verurteilten ehemaligen Leiter des Tierheims aus zahlreichen Veranstaltungen des Tierschutzvereins kenne, ist meine Enttäuschung besonders groß. Wie ist es möglich, dass jemand, dem ausgesetzte und verstoßene, oftmals mißhandelte Tiere anvertraut wurden, diese Ärmsten der Armen um ihr Geld bringt? Wie ist ein Mensch charakterlich veranlagt, wenn er Spenden, die das völlig überfüllte Tierheim dringendst benötigt, z. B. in Japan für den Kauf teurer seidener Unterwäsche verwendet?

Mitleid, ohne welches Tierschutzvereine nicht existieren würden, ist wie Habgier eine Eigenschaft des menschlichen Charakters. Im vorliegenden Fall hat sich offenbar trotz der alltäglichen Konfrontation mit dem Tierelend die Habgier durchgesetzt. Daran zeigt sich erneut, dass – wie Schopenhauer meint – der Charakter eines Menschen sich nur in Ausnahmefällen wirklich grundlegend ändert. Wer hofft, er könne durch Belehrungen oder bloßes Argumentieren den Charakter eines Menschen ändern, wird zumeist vergeblich hoffen. 

Wie dem auch sei, gerade solche Enttäuschungen, wie oben geschildert, trugen dazu bei, dass sich mein Menschenbild immer mehr dem Schopenhauers annäherte. Ein positives Menschenbild finde ich zwar gut, aber blinder Glaube an das Gute im Menschen kann bitter enttäuscht werden. Enttäuschungen jedoch, wenn man aus ihnen lernt, können auf dem Wege zur Wahrheit sehr hilfreich sein. Auch das ist eine Erkenntnis, die ich bei Arthur Schopenhauer gefunden habe und die ich im Laufe meines Lebens oft bestätigt fand.  
hb

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Vögel haben Mitleid

Mitleid , so erklärte Arthur Schopenhauer , ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseins, ist diesem wesentlich zu eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.

Ich möchte Schopenhauers positiver Meinung zur menschlichen Natur nicht widersprechen, obgleich ich manche Menschen kennen gelernt habe, in deren Verhalten ich kaum Mitleid entdecken konnte. Seit längerer Zeit frage ich mich jedoch, ob Mitleid ein Gefühl ist, das nur in der menschlichen Natur liegt, also nur bei Menschen anzutreffen ist. Nun las ich dazu in der gestrigen Ausgabe der „Berliner Zeitung“ einen erstaunlichen Artikel, und zwar unter der Überschrift Vögel haben Mitgefühl. Dort heißt es:

„Raben gelten nicht nur als besonders intelligent, sie sind offensichtlich auch in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen. Dieser Fähigkeit zur Empathie sind Wissenschaftler der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle der Universität Wien jetzt auf der Spur. Sie fanden heraus, dass Raben ihre Freunde trösten, wenn die bei einem Konflikt eins auf den Schnabel bekommen haben. Geraten sie selbst in eine missliche Lage, dann suchen sie ebenfalls Trost bei jenen Artgenossen, die sie gut kennen. …

Über ein Jahr lang hatten die Wissenschaftler … das Verhalten von jungen Raben beobachtet. Sie hielten fest, wie die Tiere sich nach Konflikten verhalten. Vor allem bei sehr heftigen Streitereien trösteten die am Streit  unbeteiligten Raben die zerrupften Verlierer durch Berührungen – und zeigten damit ein gewisses Maß an Mitgefühl.

Diese menschliche Fähigkeit kann man auch bei Affen beobachten. Die Empathie der Raben geht nach Ansicht der Wiener Forscher jedoch noch darüber hinaus.“

Ich halte diese Feststellung für sehr aufschlussreich, weil Vögel – im Gegensatz zu Affen – entwicklungsgeschichtlich weit vom Menschen entfernt sind. Jedenfalls deuten obige Forschungsergebnisse darauf hin, dass Empathie und damit auch die Fähigkeit zum Mitleid schon ziemlich früh in der biologischen Entwicklungsgeschichte angelegt waren. Im Laufe dieser Entwicklung hat sich das Empfinden von Mitleid offenbar immer stärker herausgebildet, so dass es schließt nicht nur auf Artgenossen beschränkt bliebt. So gäbe es zum Beispiel ohne ein solches artenübergreifendes Mitleid keine Tierschutzvereine.

Trotz aller äußeren Unterschiede zeigt das Verhalten der Raben, dass sie uns sehr viel näher stehen, als es manche Menschen wahrhaben wollen. Inzwischen hat die Forschung eine kaum noch zu überblickende Zahl von Beweisen vorgelegt, die darauf hindeuten, dass der Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht – wie vor allem von den bei uns herrschenden Religionen behauptet wird – absolut, sondern nur ralativ ist. Arthur Schopenhauer wußte das schon vor mehr als 200 Jahren, und zwar durch bloße Anschauung, etwa in dem er einem Hund in die Augen blickte. Es war deshalb durchaus konsequent, dass Schopenhauer die Tiere in seine Mitleidsethik voll einbezog und forderte, das Lebensrecht der Tiere zu achten. Verständnis dafür fand er zu seiner Zeit jedoch kaum. Zutreffend schrieb hierzu einer der bedeutendsten Vorkämpfer für den Tierschutz in Deutschland, > Magnus Schwantje : Mit seinen Ansichten vom Recht der Tiere eilte Schopenhauer seinen Zeitgenossen weit voraus. Wenn ich daran denke, wie es heute um den Tierschutz steht, dann muss ich leider hinzufügen, auch den meisten Menschen unserer Zeit ist Schopenhauer immer noch weit, ja, viel zu weit voraus!
hb

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Schopenhauer : Mitleid und Kampf ums Dasein

Für Arthur Schopenhauer war das Mitleid die „allein echte moralische Triebfeder“ und damit Grundlage der Ethik. An diese Aussage Schopenhauers erinnerte ich mich, als ich in der Zeitschrift „Gehirn und Geist“ (1/2009, Dossier, S. 94 ff.) las, dass nicht nur Menschen, sondern auch Primaten, ja sogar Nagetiere Mitleid empfinden können. Das ist eine für die Wissenschaft vielleicht sogar bahnbrechende Erkenntnis, denn lange Zeit wurde von Zoologen bezweifelt, dass Tiere so etwas wie Einfühlungsvermögen besitzen. Bereits das Erwähnen von Gefühlen bei Tieren galt als Ketzerei. Inzwischen belegen jedoch immer mehr Studien die empathischen Fähigkeiten von Tieren. Allerdings Tierschützer sind – vielleicht im Gegensatz zu vielen Wissenschaftlern – schon seit geraumer Zeit davon überzeugt, dass zumindest hochentwickelte Tiere ein dem Menschen durchaus vergleichbares Gefühlsleben haben.Sie stehen uns darin sehr nahe, jedenfalls viel näher, als es menschlicher Hochmut und Bibel wahrhaben wollen.

Wenn wir uns in der Natur umschauen, dann sehen wir ein Geschehen, was unsere Gesellschaft möglichst verdrängt und schon gar nicht auf das menschliche Miteinander übertragen will, nämlich den Kampf ums Dasein. “ Kampf ums Dasein „-  ist ein Begriff, der besonders im letzten Jahr durch die Medien neue Aktualität gewann, denn 2009 war das Darwin-Jahr: 150 Jahre vorher, also 1859, veröffentlichte Charles Darwin sein Buch „Über den Urprung der Arten“. In Darwins epochalem Werk ist der Kampf ums Dasein  (struggle of life) von zentraler Bedeutung. Arthur Schopenhauer lernte es noch in seinem letzten Lebensjahr (1860) durch einen ausführlichen Artikel in der Times kennen. Gerade Schopenhauer hatte sehr anschaulich beschrieben, wie sich der Kampf ums Dasein in allen Bereichen der Natur bis hin zum Menschen jeden Tag abspielt:

„Die deutlichste Sichtbarkeit erreicht dieser allgemeine Kampf in der Tierwelt, welche die Pflanzenwelt zu ihrer Nahrung hat, und in welcher selbst wieder jedes Tier die Beute und Nahrung eines anderen wird …indem jedes Tier sein Dasein nur durch die beständige Aufhebung eines fremden erhalten kann.“  (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I, § 26)

Im Kampf ums Dasein geht es um die Selbsterhaltung, und zwar oft um Leben und Tod. Wie kann es da zum Mitleid kommen?  Ein Raubtier in freier Wildbahn kann sich kein Mitleid mit seinen Beutetieren erlauben, wenn  es nicht verhungern will. Gilt das aber auch für Menschen? Nein, zumindest nicht überall und nicht in dieser unerbittlichen Konsequenz. Wenigstens bei uns und in anderen Wohlstandsländern gibt es durchaus Möglichkeiten, auf andere Wesen Rücksicht zu nehmen. So leben zum Beispiel zunehmend mehr Menschen vegan, d. h., sie vermeiden alle Produkte, die vom Tier stammen und zwangsläufig mit Tierleid verbunden sind. Auch das ist Ausdruck von Mitleid und ein Beweis für die Möglichkeit, den Daseinskampf nicht mit voller Härte und Erbarmungslosigkeit zu führen.

Selbst wer davon überzeugt ist, dass der Kampf ums Dasein untrennbar mit der Existenz unserer Welt verbunden ist oder, wie  der altgriechische Philosoph Heraklit meinte, „der Vater von allem““ sei, kann dennoch bemüht sein, fremdes Leben zu achten und zu schonen. Allein die Tatsache, dass dazu viele Menschen bereit sind, gibt Grund zur Hoffnung. Jedenfalls was mich persönlich betrifft, fühle ich mich hierbei durch Arthur Schopenhauer und seine Lebensphilosophie bestärkt.
hb

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Arthur Schopenhauer : Spiegelneuronen und Mitleidsethik

Spiegelneuronen – was hat dieser Begriff aus der Neurophysiologie mit Arthur Schopenhauer zu tun? Sehr viel, denn er berührt zentrale Aussagen von Schopenhauers Philosophie, nämlich der Mitleidsethik. So stellte Schopenhauer im Zusammenhang mit seiner Mitleidsethik die Frage:  Wie ist es möglich, dass ein Leiden, welches nicht meines ist, nicht mich trifft, doch ebenso unmittelbar wie sonst nur mein eigenes, … mich zum Handeln bewegen soll?

Schopenhauer gab darauf selbst die Antwort:  Es ist möglich nur dadurch, dass ich es … mitempfinde, es als meines fühle, und doch nicht in mir, sondern in einem anderen …  dann erblicke ich ihn nicht mehr … als ein mir Fremdes, mir Gleichgültiges, von mir gänzlich Verschiedenes, sondern in ihm leide ich mit, trotzdem dass seine Haut meine Nerven nicht einschliesst… Dieser Vorgang ist mysteriös; denn er ist etwas, wovon die Vernunft keine Rechenschaft geben kann, …und  doch ist er alltäglich.

Für diesem Vorgang, den Schopenhauer für mysteriös hielt, glauben Neurophysiologen seit Anfang der 1990er Jahre eine Erklärung gefunden zu haben: bestimmte Nervenzellen, Spiegelneuronen genannt, die sich in einigen Gehirnregionen befinden. Diese Spiegelneuronen entdeckten italienische Wissenschaftler durch Experimente an Affen, also durch Tierversuche, die Arthur Schopenhauer sicherlich entschieden abgelehnt hätte (> Arthur Schopenhauer – ein früher Tierversuchsgegener). Weitere Untersuchungen zeigten, wie gewisse Nervenzellen das Wahrgenomme spiegeln (deshalb als Spiegelzellen bezeichnet). So sorgen sie dafür, dass wir eine Handlung, die wir bei anderen sehen, in unserem Kopf miterleben. Das gilt auch, was in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist, für Gefühle. Durch bildgebende Verfahren wurde erkennbar, dass unsere Spiegelneuronen aktiv werden, wenn wir andere Menschen lachen oder weinen sehen. Ja, wir können es oft selbst erleben, dass, wenn unser Gegenüber gähnt, wir unmittelbar danach selbst gähnen müssen, und zwar ohne das wir das wollen!

Dementsprechend reagieren die Spiegelneuronen auch, wenn wir beochbachten müssen, wie ein anderer verletzt wird. Deshalb nehmen wir nicht nur die eigenen, sondern auch die fremden Schmerzen wahr, das bedeutet: Wir leiden mit! Der Zeitungsartikel (Berliner Zeitung vom 11.11.09), dem ich diese Informationen entnommen habe  enthält noch eine andere höchst bedeutsame Feststellung: Spiegelneuronen sind nicht willentlich beeinflussbar (!!!)  Damit wird, wie mir scheint, eine andere fundamentale Aussage der Philosophie Schopenhauers angesprochen, die ich schon in anderen Einträgen zu diesem Blog erwähnt habe:  die (fehlende) Willensfreiheit. Es ist verständlich, dass gerade auch im Hinblick auf die Konsequenzen derartige Aussagen heftig umstritten sind. Für mich jedenfalls sind ( in Übereinstimmung mit Schopenhauer ) Appelle an das Mitleid dort zwecklos, wo das Mitleid fehlt. Man kann es nicht „erzeugen“. Ist es aber vorhanden, dann kann man es durch Aufklärung gleichsam erwecken, so dass es wirksam wird. Nach Schopenhauer bedeutet das, man verdeutlicht die Motive , die den anderen auf Grund seines mitleidigen Charakters zum Handeln veranlassen. Ich habe das während  meiner jahrelangen Öffentlichkeitsarbeit für den Tierschutz immer wieder bestätigt gefunden, so dass ich nun diese Aussagen Schopenhauers nicht für eine bloße Vermutung, sondern für eine Tatsache halte.  

Dass Mitleid (laut obigem Zeitungsbericht) nicht willentlich beeinflussbar ist, mag betrüblich sein. Eine andere Tatsache hingegen finde ich durchaus ermutigend: Ich habe in diesem Blog und in meinen Webseiten viele Themen im Zusammenhang mit Schopenhauer und seiner Philosophie angesprochen. Dabei zeigte in meiner ziemlich detaillierten Webstatistik sehr deutlich, dass ein Thema besonders viele Besucher fand, nämlich Schopenhauers Mitleidsethik. Hieraus schliesse ich, dass alles, was mit Mitleid zusammenhängt, mehr Menschen interessiert, ja bewegt, als wir es in unserer oft kaltherzig erscheinenden Gesellschaft vermuten können. Für mich ist das ein Zeichen der Hoffnung – oder täusche ich mich?
hb

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Arthur Schopenhauer : Mitleid und Mitgefühl

Mitleid – ein aktuelles Wort? Ein Freund, studierter Germanist,  sagte mir, als wir über Arthur Schopenhauers Mitleidsethik sprachen, das Wort Mitleid sei nicht mehr „in“.  Es wäre wohl daher besser, wenn ich es z. B. durch das Wort Mitgefühl ersetzen würde.  Abgesehen davon, dass Schopenhauer gerade das Wort Mitleid verwendete und dieses in den Mittelpunkt seiner Ethik stellte, halte ich das Wort Mitgefühl nicht für gleichbedeutend. So kann sich Mitgefühl nicht nur als Mitleid, sondern auch als Mitfreude äußern.

Mitleid bezieht sich eindeutiger als Mitgefühl auf das Leid, dem Menschen, Tiere und wahrscheinlich auch Pflanzen unterworfen sind. Schopenhauers Philosophie ist in ihrem Kern eine dem Buddhismus nahe stehende Erlösungslehre. Diese setzt voraus, dass die Welt als leidvoll erkannt wird. Daher ist z. B. die erste der vier Edlen Wahrheiten des Buddha,  die Wahrheit vom Leid. Hierbei ist der Zusammenhang zwischen Leid und Mitleid unmittelbar aus diesen Worten selbst erkennbar.

Es mag sein, dass in gewissen intellektuellen Kreisen dem Wort Mitleid mit Zurückhaltung, vielleicht sogar mit Ablehnung begegnet wird. Die Gründe dafür sollen  hier nicht untersucht werden, denn wichtiger scheint mir die Frage zu sein, ob Mitleid als Begriff tatsächlich nicht mehr „in“ ist.  Eine erste und somit vorläufige  Antwort auf  diese Frage geben mir detaillierte Besucherstatistiken dieses Blogs. Dabei zeigt sich ziemlich klar, dass bei den vielen Themen, die ich hier im Zusammenhang mit Schopenhauer angesprochen habe, der Begriff Mitleidsethik  auf besonderes Interesse stößt. Danach folgen, was recht aufschlussreich ist, Themen und Begriffe, die ebenfalls mit Mitleid zusammenhängen, denn sie betreffen das Verhältnis von  Mensch und Tier. Übrigens, auch in den Statistiken meiner Schopenhauer-Webseiten nehmen Themen, die sich auf Mitleid und Tierschutz beziehen, vordere Plätze ein.

Sicherlich ermöglichen meine Webstatistiken noch keine repräsentativen Aussagen. Ich habe deshalb im „Keyword-Tool“ von Google nacheinander die Begriffe  Mitleid und Mitgefühl eingegeben. Dabei ergaben sich als durchschnittliches Suchvolumen / Monat bei Mitleid:14800 (Schopenhauer und Mitleid 260) und Mitgefühl: 5400 (Schopenhauer und Mitgefühl: -) Keywords.   Ich möchte obige Statistiken nicht überbewerten, aber das Ergebnis scheint mir eindeutig zu sein:  Der Begriff Mitleid ist keineswegs „out“ und schon gar nicht im Zusammenhang mit Schopenhauer!  Ich freue mich darüber, denn es zeigt, dass Arthur Schopenhauer mit der für seine Philosophie zentralen Mitleidsethik nach wie vor aktuell ist.  Das ermutigt mich, den Arthur  – Schopenhauer –  Blog  in diesem Sinne fortzuführen.
hb

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Arthur Schopenhauer : Grenzenloser Egoismus

Sind wir alle nur Egoisten ? Wenn ich die Menschen und ihr Verhalten beobachte, komme ich mitunter in Versuchung, diese Frage zu bejahen. Selbst die Religionen gehen offenbar davon aus, dass die Menschen durch und durch von ihrem Egoismus beherrscht werden. So versprechen sie für „gute“ Taten Belohnungen im Himmel  oder stellen, falls sie an Seelenwanderung glauben, eine bessere Wiedergeburt in Aussicht. Vegetariervereine werben für den Vegetarismus  nicht nur mit Tierschutz-, sondern, vielleicht sogar noch mehr,  mit Gesundheitsargumenten. Ebenso appellieren Tierschutzorganisationen an den Egoismus, wenn sie immer noch das Argument, dass Tierschutz Menschenschutz sei, verwenden. Schon Arthur Schopenhauer hatte sich entschieden gegen solche Argumentation gewandt:

Die Tierschutzgesellschaften, in ihren Ermahnungen, brauchen noch immer das schlechte Argument, dass Grausamkeit gegen Tiere zu Grausamkeit gegen Menschen führe; – als ob bloß der Mensch ein unmittelbarer Gegenstand der moralischen Pflicht wäre, das Tier bloß ein mittelbarer, an sich eine bloße Sache! Pfui!

Diese wenigen Beispiele zeigen deutlich, wer etwas bei den Menschen bewirken will, muss an ihren Egoismus appellieren. Den Grund hierfür hat Arthur Schopenhauer sehr klar dargelegt:

Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen wie im Tiere ist der Egoismus, d. h. der Drang zum Dasein und Wohlsein … Dieser Egoismus ist im Tiere wie im Menschen mit dem innersten Kern und Wesen desselben aufs genauste verknüpft, ja eigentlich identisch. Daher entspringen in der Regel alle seine Handlungen aus dem Egoismus …

Hieraus folgt, so Schopenhauer, dass  „die Berechnung aller Mittel“, mit denen „man den Menschen nach irgendeinem Ziele hinzulenken sucht“, auf dem Egoismus „durchgängig gegründet ist“.

Der Egoismus ist seiner Natur nach grenzenlos: der Mensch will unbedingt sein Dasein erhalten, will es von Schmerzen, zu denen auch aller Mangel und Entbehrung gehört, unbedingt frei, will die größtmögliche Summe von Wohlsein und will jeden Genuß, zu dem er fähig ist, ja, sucht womöglich noch neue Fähigkeiten zum Genusse in sich zu entwickeln.

Zu den Folgen, die dieser Egoismus auch im Verhältnis  der Menschen zueinander haben kann, schreibt Schopenhauer:

Alles, was sich dem Streben seines (des Menschen) Egoismus entgegenstellt, erregt seinen Unwillen, Zorn, Haß: er wird es als seinen Feind zu vernichten suchen. Er will womöglich alles genießen, alles haben; da aber dies unmöglich ist, wenigstens alles beherrschen: ´Alles für mich, und nichts für die andern `, ist sein Wahlspruch. Der Egoismus ist kolossal: er überragt die Welt.

Für mich liegt in diesen Worten Schopenhauers auch die Erklärung dafür, warum bisher alle sozialistischen Experimente gescheitert sind und sich der Kapitalismus als die  zwar nicht moralisch, aber wirtschaftlich überlegene Gesellschaftsform erwiesen hat. Wie sehr der Egoismus im Menschen ausgeprägt ist, zeigt  Schopenhauer sehr drastisch an einem Beispiel:

… wenn jedem einzelnen die Wahl gegeben würde zwischen seiner eigenen und der übrigen Welt Vernichtung, so brauche ich nicht zu sagen, wohin sie, bei den allermeisten, ausschlagen würde. Demgemäß macht jeder sich zum Mittelpunkt der Welt, bezieht alles auf sich und wird … z. B. die größten Veränderungen im Schicksal der Völker, zunächst auf sein Interesse dabei beziehen und, sei dieses noch so klein und mittelbar, vor allem daran denken…

Dieses, also sind die Elemente, woraus,  auf der Basis des Willens zum Leben, der Egoismus erwächst, welcher zwischen Mensch und Mensch stets wie ein breiter Graben liegt. Springt wirklich einmal einer darüber, dem andern zu Hilfe, so ist es wie ein Wunder, welches Staunen erregt und Beifall einerntet …  

Dieses „Wunder“ , dass ein Mensch dem anderen Menschen oder einem Tier zu Hilfe kommt, ist eigentlich gar nicht so selten. Arthur Schopenhauer selbst hat es in seine Werken oftmals beschrieben, nämlich dann, wenn die andere Seite des Menschen, das Mitleid, sein Handeln bestimmt.  Im Mitleid überspringt der Mensch den breiten Graben, der ihn sonst vom anderen Menschen und besonders vom Tier trennt. Nicht durch Appelle, nicht durch Belohnungen und Drohungen wird der Egoismus überwunden, sondern durch das Mitleid, welches, so betonte Schopenhauer, die Grundlage jeder Ethik ist.  In diesem Sinne lässt sich die eingangs gestellte Frage beantworten: Ja, wir sind alle Egoisten, aber eben nicht nur, denn wir haben in uns auch eine moralische Seite, das Mitleid.
 hb

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Arthur Schopenhauer : Mensch und Tier

Wie kaum ein anderer Philosoph hat Arthur Schopenhauer dem Menschen einen Spiegel vor gehalten.  Er machte sich dadurch verständlicherweise unbeliebt.  Schopenhauer konnte das ertragen, denn es ging es ihm nicht um Gefälligkeit, sondern allein um Wahrheit und diese ist oft unangenehm.  Ein Beispiel dazu ist folgendes Schopenhauer-Zitat, von dem ich annehme, dass es in diesem Forum nicht allseitig auf begeisterte Zustimmung stoßen wird, denn der Mensch sieht sich ja selbst allzu oft als „Krone der Schöpfung“:

Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt: daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur. Aber wo und wann einmal Schloß und Kette der gesetzlichen Ordnung abfallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich, was er ist …

Gobineau hat den Menschen … (das recht eigentlich böse Tier)… genannt, welche die Leute übelnehmen, weil sie sich getroffen fühlen: er hat aber recht: denn der Mensch ist das einzige Tier, welches andern Schmerz verursacht, ohne weitern Zweck als eben diesen. Die andern Tiere (!!!) tun nie anders, als um ihren Hunger zu befriedigen; oder im Zorn des Kampfes … Kein Tier jemals quält, bloß um zu quälen; aber dies tut der Mensch, und dies macht den teuflischen Charakter aus, der weit ärger ist als der bloß tierische …

Darum fürchten alle Tiere instinktmäßig den Anblick, ja  die Spur des Menschen …   Der Instinkt trügt auch hier nicht: denn allein der Mensch macht Jagd auf das Wild, welches ihm weder nützt noch schadet …

An diese Worte Schopenhauers musste ich denken, wenn ich an Anti-Jagd-Demos teilnahm, denn die Jagd ist oft nichts anderes als Befriedigung einer Lust, der Lust am Töten. Beim Stierkampf kommt dann noch eine besondere Art von Grausamkeit hinzu. So kann man noch viele weitere Beispiele anführen, die beweisen, dass Schopenhauers Menschenbild durchaus nicht unrealistisch  ist. Allerdings  hat Schopenhauer auch die entgegengesetzte Seite des menschlichen Charakters gezeigt, nämlich das Mitleid. Nicht bloß die Schlechtigkeit, sondern vielmehr diese überaus positive Eigenschaft des Menschen ist ein zentrales Thema von Schopenhauers Philosophie, der Mitleidsethik, die sich selbstverständlich auch auf Tiere bezieht. 
hb

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