Schopenhauer : Praktische Philosophen

           Was zeichnet jene Menschen aus, welche Arthur Schopenhauer praktische Philosophen nannte? Es ist wohl vor allem der praktische Gebrauch der Vernunft. Dazu Schopenhauer :

            „Als praktisch zeigt sich endlich die Vernunft ganz eigentlich in den recht vernünftigen Charakteren, die man deswegen im gemeinen Leben praktische Philosophen nennt, und die sich auszeichnen durch einen ungemeinen Gleichmuth bei unangenehmen, wie bei erfreulichen Vorfällen, gleichmäßige Stimmung und festes Beharren bei gefaßten Entschlüssen.

            In der That ist es das Vorwalten der Vernunft in ihnen, d. h. das mehr abstrakte, als intuitive Erkennen und daher das Ueberschauen des Lebens, mittelst der Begriffe, im Allgemeinen, Ganzen und Großen, welches sie ein für alle Mal bekannt gemacht hat mit der Täuschung des momentanen Eindrucks, mit dem Unbestand aller Dinge, der Kürze des Lebens, der Leerheit der Genüsse, dem Wechsel des Glücks und den großen und kleinen Tücken des Zufalls.

            Nichts kommt ihnen daher unerwartet, und was sie in abstracto [in Begriffen] wissen, überrascht sie nicht und bringt sie nicht aus der Fassung, wann es nun in der Wirklichkeit und im Einzelnen ihnen entgegentritt, wie dieses der Fall ist bei den nicht so vernünftigen Charakteren, auf welche die Gegenwart, das Anschauliche, das Wirkliche solche Gewalt ausübt, daß die kalten, farblosen Begriffe ganz in den Hintergrund des Bewußtseyns treten und sie, Vorsätze und Maximen vergessend, den Affekten und Leidenschaften jeder Art preisgegeben sind. […]

            Meiner Ansicht nach [war], die Stoische Ethik ursprünglich nichts, als eine Anweisung zu einem eigentlich vernünftigen Leben […] Von Tugend und Laster ist bei solcher Vernünftigkeit des Wandels eigentlich nicht die Rede, aber dieser praktische Gebrauch der Vernunft macht das eigentliche Vorrecht, welches der Mensch vor dem Thiere hat, geltend, und allein in dieser Rücksicht hat es einen Sinn und ist zulässig von einer Würde des Menschen zu reden.“ (1)

            Obgleich der praktische Gebrauch  der Vernunft laut obigem Zitat das ist, was  den praktischen Philosophen ausmacht,  war für Schopenhauer das bloße Denken in Begriffen nicht das Wichtigste in der Philosophie:

            „Eine seltsame und unwürdige Definition der Philosophie, die aber sogar Kant giebt, ist diese, daß sie eine Wissenschaft aus bloßen Begriffen wäre […] Eine wahre Philosophie  [läßt] sich nicht herausspinnen aus bloßen, abstrakten Begriffen; sondern muß begründet seyn auf Beobachtung und Erfahrung, sowohl innere, als äußere […]

            Sie [die wahre Philosophie] muß, so gut wie die Kunst und Poesie, ihre Quelle in der anschaulichen Auffassung der Welt haben; auch darf es dabei, so sehr der Kopf oben zu bleiben hat, doch nicht so kaltblütig hergehn, daß nicht am Ende der ganze Mensch, mit Herz und Kopf, zur Aktion käme und durch und durch erschüttert würde.“ (2)

            Daher stellt sich schließlich die Frage:  Sind die bloß vernünftigen, also die sogenannten praktischen  Philosophen überhaupt Philosophen? Jedenfalls wahre Philosophen sind sie wohl kaum, denn Schopenhauer gab am Ende des Zitates dem französischen Philosophen Vauvenargues Recht, der meinte:

Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen. (3)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > dort.

Anmerkungen

(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden,
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band II:  Die Welt als Wille und Vorstellung I, S. 633 f.
(2) Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band IX: Parerga und Paralipomena II, S. 15.
(3) Ebd.

 

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Schopenhauers Ethik

           Es gibt kaum eine überzeugendere Begründung für Ethik als die von Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral. Bereits das dort vorangestellte Motto, Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer, macht deutlich, dass es Schopenhauer nicht um bloße Moralpredigten ging.  Für ihn beruhte die Ethik nicht auf einem komplizierten  System von Regeln, von  Ge- und Verboten, sondern auf etwas, das, von Ausnahmen abgesehen, wohl mehr oder weniger in jedem Menschen von der Natur her angelegt ist, nämlich das Mitleid. Dass Schopenhauers Ethik im wesentlichen Mitleidsethik ist, geht eindrucksvoll aus seiner Preisschrift hervor:

        “ Man setze zum letzten Beweggrund einer Handlung, was man wolle; immer wird sich ergeben, daß, auf irgend einem Umwege, zuletzt das eigene Wohl und Wehe des Handelnden die eigentliche Triebfeder, mithin die Handlung egoistisch, folglich ohne moralischen Werth ist. Nur einen einzigen Fall giebt es, in welchem dies nicht Statt hat: nämlich wenn der letzte Beweggrund zu einer Handlung, oder Unterlassung, … ganz allein das Wohl und Wehe eines Andern im Auge hat und durchaus nichts bezweckt, als daß jener Andere unverletzt bleibe, oder gar Hülfe, Beistand und Erleichterung erhalte. Dieser Zweck allein drückt einer Handlung, oder Unterlassung, den Stempel des moralischen Werthes auf …

          Wenn nun aber meine Handlung ganz allein des Andern wegen geschehn soll; so muß sein Wohl und Wehe unmittelbar mein Motiv sein: so wie bei allen andern Handlungen das meinige es ist. Dies bringt unser Problem auf einen engern Ausdruck, nämlich diesen: wie ist es irgend möglich, daß das Wohl und Wehe eines Andern unmittelbar, d. h. ganz so wie sonst nur mein eigenes, meinen Willen bewege, also direkt mein Motiv werde …? – Offenbar nur dadurch, daß jener Andere der letzte Zweck meines Willens wird, … daß ich ganz unmittelbar sein Wohl will und sein Wehe nicht will, so unmittelbar, wie sonst nur das meinige. Dies aber setzt nothwendig voraus, daß ich bei seinem Wehe als solchem geradezu mit leide, sein Wehe fühle, wie sonst nur meines …

        Der hier analysirte Vorgang aber ist kein erträumter, oder aus der Luft gegriffener, sondern ein ganz wirklicher, ja keineswegs seltener: es ist das alltägliche Phänomen des Mitleids, d. h. der ganz unmittelbaren, von allen anderweitigen Rücksichten unabhängigen Theilnahme zunächst am Leiden eines Andern … Dieses Mitleid ganz allein ist die wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller ächten Menschenliebe. Nur sofern eine Handlung aus ihm entsprungen ist, hat sie moralischen Werth: und jede aus irgend welchen andern Motiven hervorgehende hat keinen. Sobald dieses Mitleid rege wird, liegt mir das Wohl und Wehe des Andern unmittelbar am Herzen, ganz in der selben Art, wenn auch nicht stets in demselben Grade, wie sonst allein das meinige: also ist jetzt der Unterschied zwischen ihm und mir kein absoluter mehr.

        Allerdings ist dieser Vorgang erstaunenswürdig, ja, mysteriös. Er ist, in Wahrheit, das große Mysterium der Ethik …“(1)

          Noch erstaunlicher und ein wohl noch größeres „Mysterium der Ethik“ ist die Tatsache, dass sich das „alltägliche Phänomen des Mitleids“ nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere erstrecken kann. Mitleid mit Tieren ist – wie der Tierschutz überhaupt-  ein wichtiges Thema in Schopenhauers Ethik, denn so hob er in seiner Preisschrift hervor: „Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder [das Mitleid] bewährt sich als die ächte ferner dadurch, daß sie auch die Thiere in ihren Schutz nimmt, für welche  in den andern Europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist.“(2). Durch die Einbeziehung des Tierschutzes – und zwar nicht nur als Randthema – in seine Ethik wurde Schopenhauer einer der bedeutendesten Wegbereiter der heutigen Tierethik: „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein ´Rufer in der Wüste`. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte“.(3)

       Nur wenige Philosophen von Weltrang sind derart mit Vorurteilen belastet wie Arthur Schopenhauer. So wird ihm zum Beispiel ein zu negatives Menschenbild nachgesagt. Um so überraschender ist deshalb das folgende Zitat, weil es zeigt, wie sehr Schopenhauer auf das Gute im Menschen, das Mitleid, vertraute:

         “ Zwei Tugenden, die der Gerechtigkeit und die der Menschenliebe, … wurzeln in dem natürlichen Mitleid. Dieses Mitleid selbst aber ist eine unleugbare Tatsache des menschlichen Bewußtseyns, ist diesem wesentlich eigen, beruht nicht auf Voraussetzungen, Begriffen, Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung; sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.“(4)

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Quellen:
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden,
Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band VI: Die beiden Grundprobleme der Ethik /
Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 247 f.
(2) Schopenhauer , a. a. O., S. 278.
(3) Dieter Birnbacher , Schopenhauer ( Grundwissen Philosophie ),
Stuttgart 2009, S. 131.
* S. dazu auch > Tierethik und Schopenhauers Mitleidsethik .
(4) Schopenhauer , a. a. O., S. 252.

 

Schopenhauer : Fortschrittsglaube und Optimismus

        Arthur Schopenhauer lebte zu einer Zeit, in der die Naturwissenschaften und Technik  gewaltige Fortschritte machten. Daher ist es verständlich, wenn im 19. Jahrhundert weithin geglaubt wurde, dass der Mensch und mit ihm die Gesellschaft  sich immer mehr zum Besseren, Höheren, Vollkommeneren entwickeln würden. Dieser Fortschrittsglaube war – wie zum Beipiel die damals in Anlehnung an Hegels Philosophie entstehende marxistische Lehre  – oft mit einem Optimismus verbunden, der kaum Grenzen kannte. Die schrecklichen Ereignisse im 20. Jahrhundert und die immer deutlicher werdenden Folgen der Naturzerstörung in diesem Jahrhundert zeigen, wie sehr Schopenhauer Recht hatte, wenn er diesen Optimismus nicht teilte und ihn im Rahmen seiner Philosophie  grundsätzlich ablehnte. Das lag jedoch nicht daran, dass Schopenhauer, wie  völlig unzutreffend behauptet wird, an einer Verbesserung der sozialen Probleme seiner Zeit kein Interesse gehabt hätte  – das Gegenteil ist der Fall! So schrieb Arthur Hübscher, ehemals langjähriger  Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft, in seinem sehr lesenswerten Buch Denker gegen den Strom. Schopenhauer: gestern – heute – morgen (2. Aufl., Bonn 1982, S. 213 f.):

          „Er [ Schopenhauer ] hat das Problem der sozialen Ungerechtigkeit so gut gekannt wie Marx. Er stellt es in den Zusammenhang der großen Abscheulichkeiten der Menschheitsgeschichte. So wie er von Religionskriegen und -metzeleien spricht, von den Kreuzzügen, einem ´zweihundertjährigen ganz unverantwortlichen Gemetzel `, von der Inquisition, den Bluthochzeiten und Ketzergerichten, von den blutigen Eroberungen der Mohammedaner in drei Weltteilen, von der Ausrottung der Urbevölkerung Amerikas, der Mauren und Juden in Spanien, so spricht er von dem trostlosen Leben der Negersklaven in Amerika, von der unerhörten, kalt berechnenden und wahrhaft teuflischen Grausamkeit, mit der die Portugiesen in Mozambique ihre Sklaven behandeln, und nicht minder von den drei Millionen europäischer Weber, die ´unter Hunger und Kummer in dumpfigen Kammern oder trostlosen Fabriksälen schwach`dahinvegetieren. Jeder Versuch, Einhalt zu gebieten, Abhilfe zu schaffen, Not zu lindern, ist seiner wärmsten Zustimmung gewiß. Mit tiefer Ergriffenheit spricht er von William Wilberforce, der die Aufhebung des Negerhandels im britischen Machtbereich durchsetzte, wie er nicht minder die segensreiche Arbeit der Tierschutzvereine rühmt und nach Kräften fördert, die seit 1840 dem maßloseıı Elend der gequälten, unterdrückten Tierwelt entgegenwirken. Aber er weiß, besser als Marx, daß alle Hilfe, aller Protest, aller Kampf gegen Not und Grausamkeit immer nur Teilerscheinungen des allgemeinen Übels beseitigen können, um sogleich wieder andern Platz zumachen. Und wenn er als das Nötigste ´Toleranz, Geduld, Schonung und Nächstenliebe` erklärt, ´deren jeder bedarf und die daher auch jeder schuldig ist`, so weiß er doch, daß er nur die Einzelnen anspricht. die für sein Wort empfänglich sind, daß im Ganzen aber, solange diese Welt besteht, auch der ewige Teufelskreis von Feindschaft, Haß und Not bestehen bleiben wird.

        Gleichgültig, wer nun einmal die Führer, wer die Geführten sind, gleichgültig auch, unter welchen Formen und Symbolen, in welchen örtlichen und zeitlichen Zusammenhängen sie erscheinen: nichts kann dem seit Jahrtausenden immer gleichen Zustand menschlichen Elends und Jammers abhelfen,kein Tyrannenmord, kein Aufstand und keine Revolution, kein Rassenkampf, kein Klassenkampf, keine soziale Reform und keine Änderung von Gesellschaftsformen und -strukturen, keine Umschichtung von Bevölkerungsmassen, nicht die Erschließung von Aufstiegs- und Bildungsmöglichkeiten für benachteiligte Volksschichten, keine neuen Formen religiösen, ethischen, wirtschaftlichen Eingreifens in das Gefüge überkommener Verhältnisse. Dies alles bringt nur einen zeitbedingten Wandel, es ist ein immer neues, zutiefst verständliches Aufbäumen gegen das Sklaventum des Menschseins, aber es birgt immer wieder auch den Keim des Scheiterns in sich. Die Formen des Menschenlebens, die Masken und Kulissen ändern sich, die Menschen selbst ändern sich nicht. Sie bleiben gleich unwandelbar, unbelehrbar, unerziehbar, dem Verhängnis und der Not ihres Alltags zugewandt und ausgeliefert. Unausweichlich bestimmen Herrschaft und Abhängigkeit die sozialen Ordnungen. Nichts kann etwas daran ändern: weder die Steigerung der produktiven Kräfte, die Bändigung und zunehmende Erschließung der Natur, noch die Versuche, die menschliche Vernunft zur Geltung zu bringen, durch Arbeitsteilung und zunehmende Aufsplitterung und organisatorische Gliederung des Wissens und seiner Anwendungsmöglichkeiten. Jede Besserung schafft neue Lasten, jeder Fortschritt ist mit Rückschritt gepaart, jede schöne Hoffnung endet in Enttäuschung, und immer liegt das Elend als Kehrseite des Wohlstandes drohend im Hinterhalt.

        Kants Frage also, ´ob das menschliche Geschlecht in ständigem Fortschreiten zum Besseren sei`, beantwortete Schopenhauer mit einem klaren Nein.“

        Schopenhauers Antwort konnte nur ein eindeutiges Nein sein, denn – wie  er in seiner Philosophie tief und ausführlich begründete – bleibt das Wesen des Menschen, sein eigentliches Innere, sein Charakter, trotz aller Wandlungen der äußeren Formen und der Umwelt unverändert. Ausnahmen hiervon waren für Schopenhauer nur die „Heiligen“, womit er zum Beispiel den von ihm hochverehrten Buddha meinte. Von Arthur Schopenhauer wie vom Buddha wurde das Mitleid als eine überaus wertvolle Charaktereigenschaft hervorgehoben. Menschen mit Mitgefühl werden einem leidenden Wesen – sei es Mensch oder Tier – helfen, und zwar unabhängig davon, ob sie damit die Gesellschaft insgesamt zum Besseren verändern.

        Mitleid kann laut Schopenhauer den ansonsten fast grenzenlos vorherrschenden Egoismus überwinden.  Dass die Natur im Laufe der Evolution Wesen hervorbrachte, die Mitleid empfinden können, ist deshalb, jedenfalls nach meiner Überzeugung, ein Fortschritt. Warum sollte das nicht auch weiterhin geschehen? Zumindest in dieser Hinsicht bin ich nicht ohne Optimismus.

H.B.

S. dazu auch

> Schopenhauer – ein Reaktionär ?

> Schopenhauer und die Soziale Frage

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Schopenhauer : Erkenntnis durch Anschauung

        Zu einer Erkenntnis kann man auf verschiedene Weise kommen;  oft geschieht es durch  Bücher. Für Arthur Schopenhauer waren es jedoch weniger die Bücher als vielmehr die unmittelbare Anschauung, die tiefere Erkenntnisse ermöglicht:

        „Bücher theilen nur sekundäre Vorstellungen mit. Bloße Begriffe von einer Sache, ohne Anschauung, geben eine bloß allgemeine Kenntniß derselben. Ein durchaus gründliches Verständniß von Dingen und deren Verhältnissen hat man nur, sofern man fähig ist, sie in lauter deutlichen Anschauungen, ohne Hülfe der Worte, sich vorstellig zu machen. Worte durch Worte erklären, Begriffe mit Begriffen vergleichen, worin das meiste Philosophiren besteht, ist im Grunde ein spielendes Hin- und Herschieben der Begriffssphären; um zu sehen, welche in die andere geht und welche nicht. Im glücklichsten Fall wird man dadurch zu Schlüssen gelangen: aber auch Schlüsse geben keine durchaus neue Erkenntniß, sondern zeigen uns nur, was Alles in der schon vorhandenen lag und was davon etwan auf den jedesmaligen Fall anwendbar wäre. Hingegen anschauen, die Dinge selbst zu uns reden lassen, neue Verhältnisse derselben auffassen, dann aber dies Alles in Begriffe absetzen und niederlegen, um es sicher zu besitzen: das giebt neue Erkenntnisse. Allein, während Begriffe mit Begriffen zu vergleichen so ziemlich Jeder die Fähigkeit hat, ist Begriff mit Anschauungen zu vergleichen eine Gabe der Auserwählten: sie bedingt, je nach dem Grade der Vollkommenheit, Witz, Urtheilskraft, Scharfsinn, Genie. Bei jener erstern Fähigkeit hingegen kommt nie viel mehr heraus, als etwan vernünftige Betrachtungen. 

        Der innerste Kern jeder ächten und wirklichen Erkenntniß ist eine Anschauung; auch ist jede neue Wahrheit die Ausbeute aus einer solchen. Alles Urdenken geschieht in Bildern: darum ist die Phantasie ein so nothwendiges Werkzeug desselben, und werden phantasielose Köpfe nie etwas Großes leisten, […]  – Hingegen bloß abstrakte Gedanken, die keinen anschaulichen Kern haben, gleichen Wolkengebilden ohne Realität. Selbst Schrift und Rede, sei sie Lehre oder Gedicht, hat zum letzten Zweck, den Leser zu derselben anschaulichen Erkenntniß hinzuleiten, von welcher der Verfasser ausging: hat sie den nicht, so ist sie eben schlecht. Eben darum ist Betrachtung und Beobachtung jedes Wirklichen, sobald es irgend etwas dem Beobachter Neues darbietet, belehrender als alles Lesen und Hören. Denn sogar ist, wenn wir auf den Grund gehen, in jedem Wirklichen alle Wahrheit und Weisheit, ja, das letzte Geheimniß der Dinge enthalten, freilich eben nur in concreto, und so wie das Gold im Erze steckt: es kommt darauf an, es herauszuziehen. Aus einem Buche hingegen erhält man, im besten Fall, die Wahrheit doch nur aus zweiter Hand, öfter aber gar nicht.

      Bei den meisten Büchern, von eigentlich schlechten ganz abgesehn, hat … der Verfasser zwar gedacht, aber nicht geschaut.“*

H.B.

* Arthur Schopenhauer : Werke in zehn Bänden , Zürcher Ausgabe, Zürich 1977, Band III : Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 7: Vom Verhältniß der anschauenden zur abstrakten Erkenntniß,  S. 86 f.)

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

Warum Schopenhauer lesen ?

        Warum lohnt es sich, nicht nur einige Zitate von Arthur Schopenhauer mehr oder weniger – vielleicht sogar etwas amüsiert – zur Kenntnis zu nehmen, sondern die Werke dieses großen, leider oft mit Vorurteilen belasteten Lebensphilosophen gründlicher zu lesen? Die Anwort auf diese Frage geht, wie ich hoffe, schon aus den bisherigen Beiträgen in diesem Blog hervor. Dennoch möchte ich hierzu ein kleines Buch vorstellen, das unter dem Titel Arthur Schopenhauer. Lichtstrahlen aus seinen Werken 1888 bereits in 6. Auflage  erschienen war. Sein Verfasser ist Julius Frauenstädt, einer der wichtigsten Anhänger Schopenhauers, der sich um die Verbreitung von dessen Philosophie besonders verdient gemacht hatte.

   Der Titel des genannten Buches ist durchaus passend, denn es sind sehr helle Lichtstrahlen, mit denen Schopenhauer das Dunkel des menschlichen Daseins durchdringt und das Leben in seinen vielen Erscheinungsformen beleuchtet. Schon im Vorwort zu den von Frauenstädt dort ausgewählten Textauszügen aus Schopenhauers Werken kommt das deutlich zum Ausdruck:

        „Mit einem großen Geiste Bekanntschaft zu machen, ist immer fördernd, wirkt befreiend und erhebend, auch wenn wir ihm nicht in allewege folgen können. Nun war aber Schopenhauer einer der größten Geister, die je gewesen sind; in seinem Kopfe spiegelte sich das Wesen der Welt klarer, als sonst in Menschenköpfen; er war ein solcher ächter Philosoph, wie er selbst ihn bescheibt:

        Ueberall wird der ächte Philosoph Helle und Deutlichkeit suchen und stets bestrebt seyn, nicht einem trüben, reißenden Regenbache zu gleichen, sondern vielmehr einem Schweizer See, der, durch seine Ruhe, bei großer Tiefe große Klarheit hat, welche aber erst die Tiefe sichtbar macht.

        Tief und lichtvoll ist Alles, was Schopenhauer geschrieben hat.

        Ich [Frauenstädt] glaube daher nichts Undankenswerthes zu thun, indem ich dem großen gebildeten Publikum durch nachfolgende Auswahl aus Schopenhauer´s Werken Gelegenheit biete, diesen großen Geist näher kennen zu lernen und sich mit ihm zu befreunden. Zwar mit dem Befreunden wird es in einigen Punkten schwer halten, zumal in unserer lebenslustigen und genußsüchtigen, bis über die Ohren im Materialismus steckenden Zeit … Gerade wegen ihres tief sittlichen Kerns halte ich die Schopenhauer´sche Lehre für sehr zeitgemäß. Sie bildet einen heilsamen Dämpfer auf die Lebensgier und auf das Rennen und Jagen nach irdischer Glückseligkeit, das unsere Zeit charakterisirt.“

        Obige Worte, obwohl vor weit mehr als einem Jahrhundert geschrieben, treffen wohl ohne jede Einschränkung auch heute noch zu. Frauenstädt hatte zwar in einigen Punkten eine von Schopenhauer abweichende Ansicht, aber dennoch hielt er Schopenhauer „für denjenigen Denker, der unter den nachkantischen am meisten verdient studirt zu werden. Man kann von Keinem so viel lernen, als von ihm. Keiner bringt so viel Licht und Klarheit in unsere  eigenen Gedanken …“

          Licht und Klarheit in eine Welt zu bringen, die immer verworrener und immer weniger durchschaubar wird, ist notwendiger denn je. Wie gut, dass  Schopenhauers Lichtstrahlen hierbei Orientierung bieten können – und zwar eine, die sich im Leben schon oftmals bewährt hat!

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier.

 

Schopenhauer : Getrübter Geist

        Die Lebenserfahrung zeigt: Starke Gefühle wie Liebe und Hass trüben den Geist, vermindern das Urteilsvermögen und führen so zu falschen, ja mitunter sogar zu ungerechten Urteilen. Zu diesem für alle Lebensbereiche äußerst wichtigen Thema schrieb Arthur Schopenhauer:

        “ Liebe und Haß verfälschen unser Urtheil gänzlich: an unsern Feinden sehen wir nichts, als Fehler, an unsern Lieblingen lauter Vorzüge, und selbst ihre Fehler scheinen uns liebenswürdig. Eine ähnliche geheime Macht übt unser Vortheil, welcher Art er auch sei, über unser Urtheil aus: was ihm gemäß ist, erscheint uns alsbald billig, gerecht, vernünftig; was ihm zuwider läuft, stellt sich uns, im vollen Ernst, als ungerecht und abscheulich, oder zweckwidrig und absurd dar. Daher so viele Vorurtheile des Standes, des Gewerbes, der Nation, der Sekte, der Religion. Eine gefaßte Hypothese giebt uns Luchsaugen für alles sie Bestätigende, und macht uns blind für alles ihr Wider-sprechende. Was unserer Partei, unserm Plane, unserm Wunsche, unserer Hoffnung entgegensteht, können wir oft gar nicht fassen und begreifen, während es allen Andern klar vorliegt: das jenen Günstige hingegen springt uns von ferne in die Augen. Was dem Herzen widerstrebt, läßt der Kopf nicht ein. Manche Irrthümer halten wir unser Leben hindurch fest, und hüten uns, jemals ihren Grund zu prüfen, bloß aus einer uns selber unbewußten Furcht, die Entdeckung machen zu können, daß wir so lange und so oft das Falsche geglaubt und behauptet haben. – So wird denn täglich unser Intellekt durch die Gaukeleien der Neigung bethört und bestochen.“
(Aus: Arthur Schopenhauer , Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 19)

       Daher ist es eine Illusion anzunehmen,  Anschauung und Logik würden stets ausreichen, um Menschen von falschen Meinungen abzubringen. Das gilt besonders für einen von Liebe oder Haß, von tief verwurzelten Vorurteilen getrübten Geist, denn dieser ist  für alle ihm entgegenstehenden Argumente, mögen sie noch so vernüftig sein, kaum zugänglich. Der Mensch ist eben nicht bloß ein rationales Wesen – er hat auch ein Herz, und was dem Herzem widerspricht, lässt der Kopf nicht ein.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

Lebensorientierung und Trost im Alter

   Es ist eine oft bestätigte Tatsache: Arthur Schopenhauers Philosophie mit ihren Aphorismen zur Lebensweisheit bietet Lebensorientierung und Trost, und zwar gerade auch in schwierigen Lebensphasen – wie etwa im Alter. Zu den Lebensabschnitten, die sich deutlich voneinander unterscheiden, meinte Schopenhauer in  seinen Aphorismen:

    Die ersten vierzig Jahre unsers Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu.

    Ein solcher „Kommentar“ sind wohl die Lebenserinnerungen des „Schopenhauerianers“ Arthur Hübscher. Er war nicht nur viele Jahre Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft sowie Autor zahlreicher Schriften über Schopenhauer und dessen Philosophie, sondern mehr noch: er lebte, wie es in seinen Memoiren heißt,  „mit und für Schopenhauer“.

  Besonders bemerkenswert ist auch, dass Hübscher seine Lebenserinnerungen, die er unter dem Titel erlebt – gedacht – vollbracht. Erinnerungen an ein Jahrhundert veröffentlichte, erst in seinem 87. Lebensjahr beendete. Daher konnte er auf  eine sehr lange Lebensspanne zurückblicken und gegen Ende seines Lebens (er starb im 89. Lebensjahr) auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen im letzten Kapitel seines Buches über Schopenhauer schreiben:

    Ich habe auf meiner Lebensreise viele Menschen und viel unnützes Gepäck zurückgelassen. Schopenhauer habe ich mitgenommen, – er hat mich nie im Stich gelassen. Er wird auch da sein, wenn es an der Zeit ist, abzutreten.

    Eines der letzten Kapitel des Buches hat die Überschrift Einübung auf das Alter. Dort berichtete Hübscher über die Ergebnisse seiner Erfahrungen und Einsichten, die er im Laufe seines langen ereignisreichen Lebens gesammelt hatte:

      „Ich möchte, was Erfahrung und Beispiele mich über die Einübung ins Alter gelehrt haben, in ein paar Sätze zusammenfassen, die man beifällig aufnehmen mag, auch wenn man sie in Wirklichkeit außer Acht zu lassen gedenkt:

     Das Unabänderliche willig hinnehmen. Sich der Vorteile bewußt werden, die auch physische Behinderungen mit sich bringen: Schwerhörigkeit schützt uns vor lästigem Lärm, zunehmende Vergeßlichkeit räumt manchen Schutt zerstörter Illusionen fort.

     Im Alltäglichen noch das Besondere finden, die einfachsten Handlungen, einen Spaziergang, ein Gespräch, eine stille Stunde im Garten in innerer Teilnahme erhöhen, und immer wieder im einzelnen Ereignis die philosophische Verwunderung über die Welt und unser eigenes Dasein erleben.

     Nicht dem Vergangenen nachtrauern, nichts Verlorenes zurückholen wollen, nichts Hinschwindendes gewaltsam aufhalten, aber fördern und nutzen, was sich immer noch bietet oder neu eröffnet und sich unserm Sinne fügt.

     Die reizvolle Vielheit der Horizonte und Aufgaben sorglich eingrenzen, die Kräfte sammeln und sich immer klarer werden über unser Selbst, in der Beschränkung, die den Meister macht.

     Aber immer auch in der Vorbereitung auf etwas Kommendes, Erwünschtes,
Erstrebtes, zu Verwirklichendes leben, und immer noch den Blick über sich hinaus erheben, in Höhen, die uns kaum jemals erreichbar sind und von denen doch der Trost herabkommt …“

    Inwieweit  diese auf Erfahrungen und Einsichten gegründete „Einübung auf das Alter“  ernst genommen wird, hängt wohl auch vom jeweiligen Lebensalter ab, denn – wie Arthur Schopenhauer in seinen Aphorismen schrieb – mit dem Älterwerden ändert sich die Perspektive:

      Die Heiterkeit und der Lebensmuth unserer Jugend beruht zum Theil darauf, daß wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehen; weil er am Fuße der andern Seite des Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel überschritten, dann werden wir den Tod, welchen wir bis dahin nur vom Hörensagen kannten, ansichtig.

    Ob jung oder alt, ganz ohne Lebensmut ist das Leben kaum zu meistern. Jedoch hat der Gedanke an den Tod, der sich gerade im  Alter aufdrängt, auch seinen Wert, weil er uns mahnt, die noch verbleibende kostbare Zeit des Lebens möglichst sinnvoll zu nutzen.

    Besonders im fortgeschrittenen Alter wird die Nähe des Todes immer deutlicher empfunden. Das kann mitunter für manche Menschen ziemlich bedrückend sein. Schopenhauer äußerte sich dazu in seinem berühmten Kapitel Zur Unzerstörbarkeit unsers wahren Wesens durch den Tod mit Worten, die nicht beschönigen, aber dennoch Hoffnung und Trost enthalten:

    Für uns ist und bleibt der Tod ein Negatives, – das Aufhören des Lebens; allein er muß auch eine positive Seite haben, die jedoch uns nur verdeckt bleibt, weil unser Intellekt durchaus unfähig ist, sie zu fassen. Daher erkennen wir wohl, was wir durch den Tod verlieren, aber nicht, was wir durch ihn gewinnen.

     Übrigens, der Verfasser dieses Beitrages ist im 80. Lebensjahr.

H.B.

S. auch Blogbeitrag Arthur Schopenhauer : Tod und Trost > hier .

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .