Bemerkenswert

Tierethik und Schopenhauers Philosophie

            Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Thiere! – schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. (1) Dort und auch in anderen seiner Schriften wird deutlich, wie sehr er die Tiere, die für die meisten Philosophen zu jener Zeit kein Thema waren, in seine Philosophie einbezog. Das gilt besonders für einen zentralen Bereich seiner Philosophie, nämlich für seine Mitleidsethik :

            Mitleid mit Thieren hängt mit der Güte des Charakters  so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, könne  kein guter Mensch seyn. Dieses Mitleid mit Tieren, so fügte Schopenhauer hinzu, sei aus der selben Quelle mit der gegen Menschen zu übenden Tugend entsprungen. (2)

            In Schopenhauers Mitleidsethik hat die Tierethik besondere Bedeutung, wie Dieter Birnbacher, Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik, unter der Überschrift Mitleidsethik in seinem Buch Schopenhauer (3) darlegt:

           “ Die wichtigste und nachhaltigste Konsequenz, die Schopenhauer aus seiner Mitleidsethik für die Sozialmoral zieht, ist seine differenzierte Einbeziehung der Tiere in die Ethik und die aus seinen Grundprinzipien abgeleitete Forderung nach angemessenem Schutz der leidensfähigen und insbesondere der in Gemeinschaft mit dem Menschen lebenden Tiere vor Quälerei, Ausbeutung und Überforderung. Wenngleich im Einzelnen schwer einzuschätzen ist, welche Entwicklungen der schopenhauerschen Theorie und welche dem allgemeinen Wandel der Mentalität geschuldet sind, ist doch die historische Bedeutung von Schopenhauers Tierethik nicht zu unterschätzen.

            Schopenhauer hat die Idee des Tierschutzes zwar nicht erfunden. Das erste Tierschutzgesetz, der sogenannte Martin’s Act, war bereits 1822 in England erlassen worden, Tierschutzvereine bestanden bereits in mehreren deutschen Städten (Schopenhauer gehörte 1841 zu den Mitbegründern des Frankfurter Vereins). Aber Schopenhauer hat diese Initiativen, indem er sie mit einer tragfähigen ethischen Grundlage ausstattete, entscheidend gefördert. […]

            Die Grundlage von Schopenhauers Tierethik ist dieselbe, die sich auch bereits bei Bentham und vorher ansatzweise bei Hume und Rousseau findet, nämlich dass das Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist (4). Diese entscheidende Gemeinsamkeit ist die Leidensfähigkeit. Tiere und Menschen stimmen darin überein, dass sie Schmerzen empfinden und unter der Frustration natürlicher Bedürfnisse leiden. Bereits die Gemeinsamkeiten im äußeren Ausdrucksverhalten machen es für Schopenhauer evident, dass zwischen Mensch und höheren Tieren eine enge Verwandtschaft besteht. Auch die tierische Anatomie lasse keine scharfe Grenze, sondern lediglich fließende Übergänge zwischen Mensch und Tier erkennen. (5) Diese äußeren Ähnlichkeiten lassen es jedoch unzweifelhaft erscheinen, dass sich die Formen des inneren Erlebens von Mensch und Tier ebenfalls nicht abgrundtief unterscheiden. Aufgrund ihres intelligenten Verhaltens glaubt Schopenhauer einigen hochentwickelten Tieren, insbesondere Elefanten, sogar eine rudimentäre Denk- und Vernunftfähigkeit zuschreiben zu können. (6)

            Auch hier bezieht Schopenhauer eine scharfe Gegenposition zu Kant. Kant meinte, dass der Mensch über einen nicht vollständig naturalistisch zu erklärenden Wesenskern (das intelligible, das heißt nicht empirisch aufweisbare Ich) verfügt, der ihm den Status einer Person verleiht und es anderen verbietet, ihn bloß als Mittel zu behandeln. Dieser Wesenskern manifestiere sich in der Vernunft, insbesondere in der praktischen Vernunft, der Fähigkeit, sich selbst Verhaltensnormen zu geben und sein Handeln an diesen Normen auszurichten. Für Schopenhauer stellt diese Metaphysik die wahren Verhältnisse geradewegs auf den Kopf. Sofern der Mensch über einen Wesenskern verfügt, ist dieser kein Alleinbesitz des Menschen, sondern ein Besitz aller Lebewesen; die Fähigkeit der Vernunft ist zwar für den Menschen charakteristisch, […] Die moralische Einstellung richte sich aber nicht danach, welchen Platz ein Wesen aufgrund seiner spezifischen Fähigkeiten oder Potenziale in der Rangfolge der Lebewesen einnimmt, sondern ausschließlich danach, wie sehr es leidet […]

            Eine wichtige Quelle von Schopenhauers Ausweitung seiner Mitleidsethik auf die Tiere ist zweifellos seine Bekanntschaft mit Teilen der asiatischen Philosophietradition. Schopenhauer war einer der ersten westlichen Philosophen, die sich mit dem asiatischen Denken, vor allem mit den aus Indien stammenden Richtungen des Buddhismus und Hinduismus, vertraut gemacht haben. Auch deshalb stand ihm die nur sporadische Berücksichtigung der Tiere in der Philosophie und Theologie des Westens mit besonderer Deutlichkeit vor Augen.

            Von daher ergab sich für ihn auch eine naheliegende Erklärung des Vollzugsdefizits der westlichen Ethik: Die Quelle des Übels sei der Herrschaftsauftrag der biblischen Schöpfungsgeschichte, der zunächst im Judaismus, dann im Christentum zum Dogma wurde und von da aus das gesamte westliche Denken infizierte. Nichts anderes als der Mythos, nach dem Gott sämmtliche Thiere, ganz wie Sachen und ohne alle Empfehlung zu guter Behandlung, wie sie doch meist selbst ein Hundeverkäufer, wenn er sich von seinem Zöglinge trennt, hinzufügt, dem Menschen übergiebt, damit er über sie herrsche, also mit ihnen thue was ihm beliebt (7), habe den Wahn in die Welt gebracht, dass unser Handeln gegen [die Tiere] ohne moralische Bedeutung sei, oder, wie es in der Sprache jener Moral heißt, daß es gegen Thiere keine Pflichten gebe (8).“

               Auf eine der Gründe, warum sich, besonders was die Tierethik betrifft,  die vom Christentum geprägte westliche Ethik von der des Hinduismus fundamental unterscheidet, hat der Religionswissenschaftler und Indologe Helmuth von Glasenapp hingewiesen: „Während der Inder in allem Lebenden, vom Grashalm bis zum Gott Brahma, […]  eine Stufenfolge von Einzelwesen sieht, die alle gleicherweise der Metempsyhose [Seelenwanderung] unterliegen und der Erlösung teilhaftig werden können, haben Pflanzen und Tiere für den Christen keine unsterblichen Seelen und sind deshalb nicht in den Heilsprozeß einbegriffen.“ (9) In diesem Sinne wären Tiere mehr als Sachen zu verstehen und nicht wie bei den Hindus als göttliche Manifestationen oder wie bei Schopenhauer eine – gleich dem Menschen – Erscheinungsform des metaphysischen „Willens“. Daher sind nach Auffassung Schopenhauers und des Hinduismus Mensch und Tier wesensgleich – was sich auch in der Einstellung zu den Tieren positiv widerspiegelt. (10)

            Tierethik war für Arthur Schopenhauer nicht bloß ein, wenngleich wichtiges  Thema seiner Philosophie, sondern weit mehr – ein Herzensanliegen. So schrieb er  in seinem Manuskript (11):

Arthur Schopenhauer : Tiere
Arthur Schopenhauer über Tiere

            Ich muß es aufrichtig gestehn: der Anblick jedes Thiers erfreut mich unmittelbar [,] und mir geht dabei das Herz auf ; …

            Die Bedeutung Arthur Schopenhauers und seiner Philosophie für die Tierethik hat Dieter Birnbacher sehr treffend am Schluss seines Buches zusammengefasst:

            „Zu seiner Zeit war Schopenhauer mit seiner Tierethik ein Rufer in der Wüste. Er war zugleich einer der wenigen, die dafür sorgten, dass sich die Wüste belebte.“ (12)

H.B.

Weiteres zu > Schopenhauers Philosophie und zur > Tierethik .

Anmerkungen
(1)   Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977
(Zürcher Ausgabe), Band IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 566.
(2)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band VI: Preisschrift über die Grundlage der Moral, S. 281.
(3)   Dieter Birnbacher , Schopenhauer , Stuttgart 2009, S. 125 ff.
(4)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 280.
(5)   Ebd.
(6)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band III: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 76.
(7)   Arthur Schopenhauer , a. a. O.,
Band X: Parerga und Paralipomena II, S. 409.
(8)   Arthur Schopenhauer , a. a. O., Band VI, S. 278.
(9)   Helmuth von Glasenapp, Die Philosophie der Inder,
3. Aufl.,Stuttgart 1974, S. 15.
(10)  Besonders positiv zeigt sich die Tierethik in den beiden
ebenfalls in Indien entstandenen, jedoch im Gegensatz
zum Hinduismus eindeutig atheistischen Religionen, nämlich
dem > Buddhismus und dem ihm verwandten > Jainismus .
Die Jaina-Religion kann, da der Schutz allen Lebens und somit
auch der Tiere sehr umfassend ist, fast als > „Tierschutz-Religion“
gelten, zumal die Jainas Vegetarier, viele sogar Veganer sind.
(11)  Arthur Schopenhauers handschritftlicher Nachlass
in der Staatsbibliothek Berlin, Senilia (1853) , Bl. 25.
(12) Dieter Birnbacher, a. a. O., S. 131.
Zum Begriff Rufer in der Wüste verweist Birnbacher auf Wolfgang Lenzen,
Liebe, Leben, Tod. Eine moralphilosophische Studie, Stuttgart 1999. S. 286.

 

 

Das Glück – wo ist es ?

Alle Menschen streben nach Glück, doch leider finden es nicht alle. Vielleicht auch deshalb, weil sie es an der falschen Stelle suchen. Doch wo ist das Glück zu finden?  Arthur Schopenhauer gab hierzu die Antwort, und zwar durch einen Ausspruch des französischen Schriftstellers Nicolas Chamfort, den er seinen berühmten Aphorismen zur Lebensweisheit als Motto voranstellte und der in deutscher Übersetzung lautet:

Das Glück ist keine leichte Sache :
es ist sehr schwer, es in uns selbst,
und unmöglich es anderswo zu finden.

Gerade weil das Glück nur selten und nicht dauerhaft ist, gilt es, jede glückliche Stunde im Leben zu schätzen. Schopenhauer wusste das wohl aus eigener Erfahrung, denn:

Kein Glück auf Erden kommt dem gleich,
welches ein schöner und fruchtbarer Geist
zur glücklichen Sunde in sich selbst findet. *

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie  > hier .

* Quelle: Gustav Friedrich Wagner, Schopenhauer-Register, 2. Auflage, neu hrsg. von Arthur Hübscher, Stuttgart-Bad Cannstatt 1960, S. 120.

Die geheime Kraft – der Wille

Gibt es eine Kraft, die bewirkt, dass alle Vielfalt dieser Welt und somit auch alles Leben aus dem – wie Arthur Schopenhauer es nannte – weltenschwangeren Nichts in Erscheinung tritt? Hierauf antwortete Schopenhauer mit einem wunderbaren, sehr aufschlussreichen Gleichnis, und zwar im Kapitel Ueber den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich im zweiten Band seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung:

“ Wenn wir nun […] den Blick vorwärts, weit hinaus in die Zukunft werfen, die künftigen Generationen, mit den Millionen ihrer Individuen, in der fremden Gestalt ihrer Sitten und Trachten uns zu vergegenwärtigen suchen, dann aber mit der Frage dazwischenfahren: Woher werden diese Alle kommen? Wo sind sie jetzt? – Wo ist der reiche Schooß des weltenschwangeren Nichts, der sie noch birgt, die kommenden Geschlechter? – Wäre darauf nicht die lächelnde und wahre Antwort: Wo anders sollen sie seyn, als dort, wo allein das Reale stets war und seyn wird, in der Gegenwart und ihrem Inhalt, also bei Dir, dem bethörten Frager, der, in diesem Verkennen seines eigenen Wesens, dem Blatte am Baume gleicht, welches im Herbste welkend und im Begriff abzufallen, jammert über seinen Untergang und sich nicht trösten lassen will durch den Hinblick auf das frische Grün, welches im Frühling den Baum bekleiden wird, sondern klagend spricht: »Das bin ja Ich nicht! Das sind ganz andere Blätter!« – O thörichtes Blatt! Wohin willst du? Und woher sollen andere kommen? Wo ist das Nichts, dessen Schlund du fürchtest? – Erkenne doch dein eigenes Wesen, gerade Das, was vom Durst nach Daseyn so erfüllt ist, erkenne es wieder in der innern, geheimen, treibenden Kraft des Baumes, welche, stets eine und dieselbe in allen Generationen von Blättern, unberührt bleibt vom Entstehn und Vergehn.“

Wenn Schopenhauer hierbei von einem weltenschwangeren Nichts spricht, so wird dadurch auch an dieser Stelle deutlich, dass dieses Nichts keinesfalls im absoluten, sondern nur im relativen Sinne zu verstehen ist, und somit alle, die seiner Philosophie einen Hang zum Nihilismus unterstellen, nur an ihrer Oberfläche geblieben sind.

Die geheime Kraft, „welche das Phänomen der Welt hervorbringt, mithin die Beschaffenheit derselben bestimmt“, ist nicht irgendwo in der Welt, sondern – und das ist eine hochbedeutsame Erkenntnis Schopenhauers! – auch in uns selbst: „Ich nun aber habe gezeigt und habe es zumal in der Schrift Vom Willen in der Natur bewiesen, daß die in der Natur treibende und wirkende Kraft identisch ist mit dem Willen in uns.“(2)

Wenn die geheime innere Kraft oder, wie sie Schopenhauer nannte, der Wille in uns, identisch ist mit der, welche die Welt aus dem weltenschwangeren Nichts hervorbringt, dann besteht ein Zusammenhang zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, den Schopenhauer so beschrieb: „Das Wesen an sich des Menschen kann nur im Verein mit dem Wesen an sich aller Dinge, also der Welt, verstanden werden […]. Mikrokosmos und Makrokosmos erläutern sich nämlich gegenseitig, wobei sie als im Wesentlichen das Selbe sich ergeben.“(3) Somit liegt der Schluss nahe: Wer sich selbst erkennt, hat alles Wesentliche der Welt erkannt! Die von Arthur Schopenhauer hoch verehrten Weisen des alten Giechenlands kamen wohl zum gleichen Ergebnis: Erkenne dich selbst, lautete die Inschrift am Apollotempel in Delphi – ein Spruch des Weisen Cheilon, auf dem dann Sokrates seine Philosophie der Tugend gründete. (4)

H.B.

S. dazu auch > Der metaphysische Wille

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),    Band  IV: Die Welt als Wille und Vorstellung II, S. 559 f.
(2) Ebd.,  S. 691 f.
(3) Schopenhauer, a. a. O., Band IX: Parerga und Paralipomena II,
S. 26 f.
(4) Vgl. Philosophisches Wörterbuch, begr. v. Heinrich Schmidt,
21. Aufl., neu bearb. v. Georgi Schischkoff, Stuttgart 1982, S. 163.

 

 

 

Genie oder Gelehrter ?

Das Genie” – meinte Arthur Schopenhauer – “ist unter den andern Köpfen, was unter den Edelsteinen der Karfunkel: es strahlt eigenes Licht aus, während die anderen es nur reflektieren … Ein Gelehrter ist, wer viel gelernt hat; ein Genie Der, von dem die Menschheit lernt, was er von Keinem gelernt hat. – Daher sind die großen Geister, von denen auf hundert Millionen Menschen kaum einer kommt, die Leuchtthürme der Menschheit, ohne welche diese sich in das grenzenlose Meer der entsetzlichsten Irrtümer und der Verwilderung verlieren würde.” (1)

Wenn Schopenhauer nur wenigen Menschen zubilligte, ein Genie zu sein, so liegt das auch daran, dass er vielen Gelehrten, die in der Öffentlichkeit als genial gelten, dieses Prädikat nicht zugestand: “Geister ersten Ranges … werden niemals Fachgelehrte seyn”: Diese verglich Schopenhauer mit einem Manne, “der in seinem eigenen Hause wohnt, jedoch nie herauskommt. In dem Hause kennt er Alles genau, jedes Treppchen, jeden Winkel und jeden Balken, aber außerhalb derselben ist ihm alles unbekannt”. Deshalb könne nach Meinung Schopenhauers “den Namen eines Genies … nur Der verdienen, welcher das Ganze und Große, das Wesentliche und Allgemeine der Dinge zum Thema seiner Leistung nimmt”. (2)

Die Ansprüche, die Schopenhauer an ein Genie stellte, sind dementsprechend hoch und schwer zu erfüllen: Die vollkommenste Erkenntniß, also die rein objective, d. h. die geniale Auffassung der Welt, [ist] bedingt durch ein so tiefes Schweigen des Willens, daß, so lange sie anhält, sogar die Individualität aus dem Bewußtseyn verschwindet und der Mensch als reines Subjekt des Erkennens … übrig bleibt.”(3)

Somit lässt sich Genie, wenn überhaupt, nur fördern, aber nicht erlernen und auch nicht willentlich erzwingen: “Um originelle, außerordentliche, vielleicht sogar unsterbliche Gedanken zu haben, ist es hinreichend, sich der Welt und den Dingen auf einige Augenblicke so gänzlich zu entfremden, daß Einem die allergewöhnlichsten Gegenstände und Vorgänge als völlig neu und unbekannt erscheinen, als wodurch eben ihr wahres Wesen sich aufschließt. Das hier Geforderte ist aber nicht etwan schwer; sondern es steht gar nicht in unsrer Gewalt und ist eben das Walten des Genius.”(4)

So mag man es als “Gnade” auffassen, wenn sich beim Genie wenigstens auf einige Augenblicke die Erkenntnis von der Herrschaft des Willens löst. Andererseits ist aber Genie nicht selten mit einem hohen Preis verbunden, denn – so Arthur Schopenhauer – man könnte sagen: “Das Genie wohne nur ein Stockwerk höher, als der Wahnsinn”.(5) Ja mehr noch: Oft wohnt es sogar im gleichen Stockwerk! (6)

Wenn laut Schopenhauer Genie “höchster Intellekt mit vollkommener Objektivität, Wahrheitsliebe, Hingabe an die Sache und Fähigkeit zur Kontemplation” (7) ist, so muss man wohl kein “Schopenhauerianer” sein, um anzuerkennen, dass Schopenhauer diese Eigenschaften in besonders hohem Maße besaß. So stellte zum Beispiel Heinrich Hasse , Professor der Philosophie, in seiner sehr empfehlenswerten Schopenhauer-Biografie Arthur Schopenhauer als “großen Denker” vor, der “von leidenschaftlicher Wahrheitsliebe und philosophischer Ehrlichkeit zutiefst erfüllt” gewesen sei. Es seien “Eigenschaften, welche bezwingend ausstrahlen in die Gedankenwelt seines [Schopenhauers] Systems. Geniale Kühnheit und kritische Redlichkeit halten sich in der Behandlung der Kernfragen das Gleichgewicht”. Schopenhauers Leistung stelle sich dar, “als ein Gesamtzusammenhang, in welchem Kühnheit und Ernst sich verbündet haben zu tiefsinniger Beantwortung jener ersten und letzten Fragen, mit denen menschliches Denken aller Zeiten und Zonen gerungen hat”.(8)

Ob obiges Urteil zutrifft, und deshalb Arthur Schopenhauer als Genie zu bezeichnen ist, davon mag sich der ernsthafte und unvoreingenommene Leser seiner Werke selbst überzeugen. Jedenfalls für den Verfasser dieses Beitrages besteht hieran kein Zweifel.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Quellen

(1) Arthur Schopenhauer , P II, S. 82.
(2) Ebd., S. 520.
(3) Schopenhauer , W II, 245 f.
(4) Schopenhauer , P II, S. 81 f.
(5) Ebd., S. 53.
(6) S. dazu: Wilhelm Lange-Eichbaum, Genie Irrsinn und Ruhm –
Eine Pathographie des Genies, bearb. von Wolfram Kurth,
5. Aufl., München / Basel 1962, Dort wird zu dieser Thematik
auf zahlreiche Autoren verwiesen, darunter auch auf Arthur Schopenhauer.
(7) Ebd., S. 36.
(8)  Heinrich Hasse , Schopenhauer, München 1926, S. 17.

 

Beispiele und Vorbilder

Können Beispiele, die als Vorbilder dienen, das Verhalten oder sogar den Charakter der Menschen wirklich ändern? Arthur Schopenhauer nahm zu dieser Frage in seinen Schriften mehrmals Stellung, wie etwa die folgenden Zitate aus dem Schopenhauer-Lexikon * zeigen:

Der Einfluss des Beispiels ist mächtiger, als der der Lehre. Die sehr starke Wirkung des Beispiels beruht auf der Unselbständigkeit der meisten Menschen. Die Meisten haben zu wenig Urteilskraft und zu wenig Kenntnis, um nach eigenem Ermessen zu handeln. Daher sie gern in die Fußstapfen Anderer treten. Die Scheu vor eigenem Nachdenken und das große Misstrauen gegen das eigene Urteil treibt sie zur Nachahmung. (P. II, 254.)

Das Beispiel wirkt entweder hemmend oder befördernd. Ersteres, wenn es den Menschen bestimmt, zu unterlassen was er gern täte, sei es, dass er es nicht für rätlich hält, oder gar an einem Andern, der es getan, die schlimmen Folgen wahrgenommen; dies ist das abschreckende Beispiel. Befördernd wirkt das Beispiel, indem es entweder den Menschen bewegt, zu tun was er gern unterließe, oder ihn ermutigt, zu tun, was er gern tut, jedoch bisher aus Furcht vor Gefahr oder Schande unterließ; dies ist das verführerische Beispiel. (P. II, 253 fg.)

Die Art der Wirkung des Beispiels wird durch den Charakter eines Jeden bestimmt; daher dasselbe Beispiel auf den Einen verführerisch, auf den Anderen abschreckend wirkt. Der Eine denkt: „Pfui, wie egoistisch, wie rücksichtslos ist dies; ich will mich hüten, dergleichen zu tun.“ Zwanzig Andere denken: ´Tut Der Das, darf ich’s auch.` (P. II, 254.)

Das Beispiel kann, wie die Lehre, zwar eine zivile, oder legale Besserung befördern, jedoch nicht die innerliche, eigentlich moralische. Das Beispiel wirkt nur als ein Beförderungsmittel des Hervortretens der guten und schlechten Charaktereigenschaften, aber es schafft sie nicht. (P. II, 255.)”

Aus obigen Zitaten wird deutlich, dass Beispiele die Funktion von Vorbildern haben können, und zwar nicht nur in positiver, sondern auch in negativer Hinsicht. So groß ihr Einfluss auch sein mag, ihre Wirkungen sind begrenzt, denn sie vermögen nur das Verhalten des Menschen zu beeinflussen, nicht jedoch seinen Charakter zu ändern. Gerade in dieser sehr bedeutsamen Einschränkung, die wohl von vielen heutigen Pädagogen bestritten wird, kommt eine zentrale Erkenntnis der Philosophie Schopenhauers zum Ausdruck, nämlich die Unveränderbarkeit des Charakters. Wer das aus eigener Lebenserfahrung bestätigt fand, dem bleibt wohl künftig manche Enttäuschung erspart.

H.B.

> Charakter und Motivation in Schopenhauers Lebensphilosophie

> Arthur Schopenhauer : Der angeborene Charakter

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier

* Quelle
 > Schopenhauer-Lexikon  , 1. Band, S. 72 f., Stichwort: Beispiel .
Dort sind die hier abgekürzten Quellenangaben zu den betreffenden Werken Schopenhauers zu finden.

Unsterbliche Seele in Mensch und Tier ?

Das, was  Seele genannt werde, so schrieb Arthur Schopenhauer in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung sei „seit Sokrates´ Zeit und bis auf unsrige“ ein „Hauptgegenstand des unaufhörlichen Disputierens der Philosophen.“(1)

Auch Schopenhauer ging in seiner Philosophie auf die immer wieder beunruhigende Frage nach der Unsterblichkeit der Seele ein:

„Die sogenannte Seele“, so erklärte Schopenhauer in seiner Schrift Über den Willen in der Natur, „ist die Verbindung des Willens mit dem Intellekt.“(2)

Der Intellekt als bloße Gehirnfunktion des Denkens und Erkennens gehört dem Bereich des Physischen an. Er ist nur eine Erscheinungsform, eine Manifestation des Willens, der jedoch laut Schopenhauer metaphysisch und der eigentliche Kern jedes Lebewesens ist.

Durch den Tod wird nur das Physische und somit auch das Gehirn mit seiner Funktion, dem Intellekt, zerstört. Der metaphysische  Kern hingegen bleibt vom Tod unberührt.  Insofern ist die Seele, wenn man diesen Begriff auf den metaphysischen Kern, den Willen, beschränkt, unsterblich.

Bereits 1821 schrieb Schopenhauer in eines seiner Manuskripte zu der Frage, ob die Seele unsterblich ist: „In Folge meiner Lehre ist die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele dahin zu beantworten, daß das Ende der Person ebenso real ist, als ihr Anfang und wir nach dem Tode in eben dem Sinn nicht mehr sein werden, als wir vor der Geburt nicht waren. Aber die Person erschöpft nicht das Wesen, welches sich Ich nennt: sondern die Person ist bloß die Manifestation, eine Äußerung jenes Wesens, welches daher vom Anfang und Ende solcher Äußerung nicht berührt wird.“(3)

Somit manifestiert sich in jedem Menschen und in jedem Tier (!) das Unsterbliche – egal ob man es als Wille , als Seele oder  (wie in den von Schopenhauer hoch geschätzten altindischen Upanishaden) als Atman bzw. Brahman bezeichnet.

Im Abendland hingegen war es bis weit in die Neuzeit hinein wegen des herrschenden Christentums keineswegs üblich, auch den Tieren eine unsterbliche Seele zuzuerkennen. So heißt es hierzu in einem Beitrag zum Sammelwerk Mensch und Tier in der Geschichte Europas: „Zwar sprachen die meisten christlichen Theologen den Tieren nicht die Seele ab, qualifizierten sie aber als sterblich (so auch die heutige Dogmatik).“(4)

Es waren weniger die dogmatisch festgelegten Theologen als vielmehr Menschen, die  durch ihr Mitgefühl mit Tieren deren innere Nähe zu den Menschen erkannten. Selbstverständlich wäre da vor allem Arthur Schopenhauer zu erwähnen, aber auch Jakob Grimm, ein Zeitgenosse Schopenhauers, ist hierfür ein Beispiel, denn er erklärte:

„Es ist nicht bloß die äußere menschenähnlichkeit der thiere, der glanz ihrer augen, die fülle und schönheit ihrer gliedmaßen, was uns anzieht, auch die wahrnehmung ihrer mannigfaltigen triebe, kunstvermögen, begehrungen leidenschaften und schmerzen zwingt in ihrem innern ein analogon [ein Ähnliches] von seele anzuerkennen.“(5)

Selbst wenn man diese hier erörterte, im Grunde metaphysische Frage rational nicht eindeutig beantworten kann, so ist es doch eine Anmaßung zu behaupten, der Mensch hätte eine unsterbliche Seele, das Tier aber nicht. Arthur Schopenhauer war wohl der erste weltbedeutende Philosoph der Neuzeit, der sich sehr entschieden  gegen solche  anthropozentrische Überheblichkeit wandte. Für Schopenhauer war im „innern Kern“, den man im allgemeinen Sprachgebrauch als Seele bezeichnen könnte, zwischen Tier und Mensch kein Unterschied. Ausführlich und sehr tiefsinnig begründete er in seiner Philosophie, daß das „Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe“ sei. (6)

Hierbei geht es nicht bloß um Fragen von theoretischer Bedeutung, weil je nach ihrer Beantwortung die praktischen Konsequenzen durchaus erheblich sein können. Wer auch den Tieren eine unsterbliche Seele zuerkennt, hat ein anderes Verhältnis zu Tieren und wird deshalb wohl weniger geneigt sein, sie gleichsam als Sachen anzusehen und  dementsprechend zu behandeln.

Im übrigen kann der Gedanke an das Unsterbliche, und zwar unabhängig davon, ob man  hierbei an das Wort Seele denkt, sehr viel Tröstliches bieten. Offenbar hatte solchen Trost der alte Buddenbrook gesucht, als er in den letzten Stunden seines Lebens in Schopenhauers Hauptwerk das spirituell sehr tiefe und literarisch kaum zu übertreffende Kapitel Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich las. Diesen Trost dürfte er bei Arthur Schopenhauer gefunden haben, denn Thomas Mann, Autor des Romans Buddenbrooks, schrieb in einem Essay über Schopenhauers Philosophie:

Man kann damit leben und sterben, – namentlich sterben: ich wage zu behaupten, daß die Schopenhauersche Wahrheit, daß ihre Annehmbarkeit in der letzten Stunde standzuhalten, und zwar mühelos, ohne Denkanstrengung, ohne Worte standzuhalten geeignet ist.(7)

H.B.

Weiteres
zum Thema Seele > Arthur Schopenhauer : Seelenwanderung und Wiedergeburt
und zu  Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Anmerkungen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band III, S. 316.
(2) Schopenhauer , a. a. O., Band V, S. 219.
(3) Arthur Schopenhauer , Der handschriftliche Nachlaß in fünf Bänden, hrsg. von Arthur Hübscher, Band 3, S. 85.
(4) Peter Dinzelbacher (Hg.), Mensch und Tier in der Geschichte Europas, Stuttgart 2000, S. 268.
(5) Zit. aus: Dinzelbacher, a. a. O., S. IX.
(6) Schopenhauer , Werke, a. a. O., Band VI, S. 280.
(7) Thomas Mann , Schopenhauer , zit. aus: Über Arthur Schopenhauer, , hrsg. von Gerd Haffmans, 3. Aufl., Zürich 1981,  S. 112.

 

 

 

 

 

Macht der Gewohnheit

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt der Volksmund und deutet damit auf etwas hin, das für das Verhalten der Menschen von kaum zu überschätzender Bedeutung ist: die Macht der Gewohnheit. Selbst in Situationen, wo es wohl vernünftiger wäre, alte Verhaltensweisen zu ändern, setzt sich oft die Macht der Gewohnheit durch.
Der Mensch ist eben nicht nur ein Vernunftswesen, sondern – wie oben erwähnt – ein Gewohnheitstier. Arthur Schopenhauer hatte sich als Lebensphilosoph auch zu diesem im Alltag wichtigen Thema geäußert:

“Gar manches, was der Macht der Gewohnheit zugeschrieben wird, beruht vielmehr auf der Konstanz und Unveränderlichkeit des ursprünglichen und angeborenen Charakters, in Folge welcher wir, unter gleichen Umständen, stets das Selbe thun, welches daher mit gleicher Nothwendigkeit das erste, wie das hundertste Mal geschah. –

Die wirkliche Macht der Gewohnheit hingegen beruht eigentlich auf der Trägheit, welche dem Intellekt und dem Willen die Arbeit, Schwierigkeit, auch die Gefahr, einer frischen Wahl ersparen will und daher uns heute thun läßt was wir schon gestern und hundert Mal gethan haben und wovon wir wissen, daß es zu seinem Zwecke führt.

Die Wahrheit dieser Sache liegt aber tiefer: denn sie ist in einem eigentlicheren Sinne zu verstehn, als es, auf den ersten Blick, scheint. Was nämlich für die Körper, sofern sie bloß durch mechanische Ursachen bewegt werden, die Kraft der Trägheit ist; eben Das ist für die Körper, welche durch Motive bewegt werden, die Macht der Gewohnheit.

Die Handlungen, welche wir aus bloßer Gewohnheit vollziehn, geschehn eigentlich ohne individuelles, einzelnes, eigens für diesen Fall wirkendes Motiv; daher wir dabei auch nicht eigentlich an sie denken. Bloß die ersten Exemplare jeder zur Gewohnheit gewordenen Handlung haben ein Motiv gehabt, dessen sekundäre Nachwirkung die jetzige Gewohnheit ist, welche hinreicht, damit jene auch ferner vor sich gehe; gerade so, wie ein durch Stoß bewegter Körper keines neuen Stoßes mehr bedarf, um seine Bewegung fortzusetzen; sondern, sobald sie nur durch nichts gehemmt wird, in alle Ewigkeit sich fortbewegt.”(1)

Das Verhalten des Menschen entsprechend seinen Gewohnheiten ist aber nicht unbedigt ein Nachteil, denn es muss sich im Verlaufe der Evolution auch als Vorteil erwiesen haben, sonst hätte die Macht der Gewohnheit nicht diese Bedeutung erlangt. “Die Hauptbedeutung der Gewohnheit”, so erklärt das Wörterbuch der philosophischen Begriffe, “liegt in der Entlastung des Bewußtseins und der Einsparung psychischer Energie überhaupt. Gedächtnis, Lernen, Automatisierung werden erst unter der Voraussetzung der Gewohnheit verstehbar.”(2) Im Sinne der Philosophie Arthur Schopenhauers lassen sich auch die den Alltag bestimmenden Gewohnheiten – wie alle Verhaltensweisen und Lebensfunktionen – deuten als Ausdruck des alles beherrschenden Willens zum Leben.

H.B.

Weiteres zu Arthur Schopenhauer und seiner Philosophie > hier .

Quellen
(1) Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe),
Band X: Parerga und Paralipomena II, Kap. 26: Psychologische Bemerkungen, S. 634 f.
(2) Wörterbuch der philosophischen Begriffe, hrsg. von Johannes Hoffmeister, 2. Aufl.,
Hamburg 1955, S. 272, Stichwort: Gewohnheit.

Heilt die Zeit alle Wunden ?

        Das sonst ganz Unverdauliche, alle Betrübnis, Ärger, Verlust, Kränkung, verdaut allein die Zeit – meinte Arthur Schopenhauer *, und eine Volksweisheit stimmt ihm da zu: Die Zeit heilt alle Wunden. Solche und ähnliche Sprüche sind optimistisch und mögen mitunter hilfreich sein, aber sind sie auch wahr? Das Leben kann derart schwere Wunden zufügen, dass die Zeit diese Wunden vielleicht vorübergehend etwas verdecken, aber nicht dauerhaft heilen kann. Dennoch – auch das zeigt das Leben – lassen sich viele Probleme zumindest mildern, wenn mit etwas Geduld abgewartet wird, denn oft stellt sich im Laufe der Zeit heraus, dass sie nicht so schwerwiegend sind, wie es am Anfang den Anschein hatte. Insofern kann die Zeit durchaus hilfreich sein. Arthur Schopenhauer bezog sich wohl auf diese Lebenserfahrung, als er schrieb:

        „Wie, im Raum, die Entfernung Alles verkleinert, indem sie es zusammenzieht, wodurch dessen Fehler und Übelstände verschwinden, weshalb auch in einem Verkleinerungsspiegel, oder in der camera obscura [Lochguckkasten], sich alles viel schöner, als in der Wirklichkeit, darstellt; – eben so wirkt in der Zeit die Vergangenheit: die weit zurückliegenden Scenen und Vorgänge, nebst agirenden Personen, nehmen sich in der Erinnerung, als welche alles Unwesentliche und Störende fallen läßt, allerliebst aus. Die Gegenwart, solchen Vortheils entbehrend, steht stets mangelhaft da.

        Und wie, im Raume, kleine Gegenstände sich in der Nähe groß darstellen; wenn sehr nahe, sogar unser ganzes Gesichtsfeld einnehmen; aber, sobald wir uns etwas entfernt haben, klein und unscheinbar werden; ebenso, in der Zeit, erscheinen die in unserm täglichen Leben und Wandel sich ereignenden kleinen Vorfälle, Unfälle und Begebenheiten, so lange sie, als gegenwärtig, dicht vor uns liegen, uns groß, bedeutend, wichtig, und erregen demgemäß unsere Affekte, Sorge, Verdruß, Leidenschaft: aber sobald der unermüdliche Strom der Zeit sie nur etwas entfernt hat, sind sie unbedeutend, keiner Beachtung werth und bald vergessen, indem ihre Größe bloß auf ihrer Nähe beruht.“**

        So relativiert die Zeit zwar nicht alle, aber manche Probleme – eine Lebenserfahrung (nicht nur) Schopenhauers, die helfen kann, sich viele Aufregungen des Alltags zu ersparen. Auch das gehört zur Lebensphilosophie Arthur Schopenhauers.

H.B.

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Zitatquellen
*  Arthur Schopenhauer , Werke in zehn Bänden, Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe), Band X, S. 454.
** Arthur Schopenhauer , a. a. O., S. 658.