Sinnloser Meinungsstreit?

Arthur Schopenhauer: „Man bestreite keines Menschen Meinung; sondern bedenke,   daß wenn man alle Absurditäten, die er glaubt, ihm ausreden wollte, man Methusalems Alter erreichen könnte, ohne damit fertig zu werden.

Auch aller, selbst noch so wohlgemeinter, korrektioneller [zurechtweisender] Bemerkungen soll man, im Gespräche, sich enthalten: denn die Leute zu kränken ist leicht; sie zu bessern schwer, wo nicht unmöglich …

Wer auf die Welt gekommen ist, sie ernstlich und in den wichtigsten Dingen
zu belehren , der kann von Glück sagen, wenn er mit heiler Haut davon kommt.“
(Arthur Schopenhauer , Aphorismen zur Lebensweisheit, 38)

Vor allem wenn ich an manchen Meinungsstreit über politische, religiöse
oder andere weltanschauliche Fragen denke, scheinen mir die obigen Worte
Schopenhauers durchaus berechtigt zu sein.

Auch über Schopenhauers Philosophie ist es mitunter sinnlos zu streiten, denn
oft haben die Kritiker seine Werke kaum gelesen, oder es fehlt ihnen an den für
das Verständnis Schopenhauers notwendigen (leidvollen) Lebenserfahrungen.

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Religion – ein Meisterstück der Abrichtung ?

Arthur Schopenhauer: „Sogar an Abrichtungsfähigkeit übertrifft der Mensch alle Tiere. Moslems sind abgerichtet, 5 Mal des Tages, das Gesicht gegen Mekka gerichtet, zu beten: tun es unverbrüchlich. Christen sind abgerichtet, bei gewissen Gelegenheiten ein Kreuz zu schlagen, sich zu verneigen u. dgl.; wie denn überhaupt die Religion das rechte Meisterstück der Abrichtung ist, nämlich die Abrichtung der Denkfähigkeit; daher man bekanntlich nicht früh genug damit anfangen kann. Es gibt keine Absurdität, die so handgreiflich wäre, daß man sie nicht allen Menschen fest in den Kopf setzen könnte, wenn man nur schon vor ihrem sechsten Jahre anfinge, sie ihnen einzuprägen, indem man unablässig und mit feierlichstem Ernst sie ihnen vorsagte. Denn, wie die Abrichtung der Tiere, so gelingt auch die des Menschen nur in früher Jugend vollkommen.“
(Arthur Schopenhauer , Parerga II, Kap. 26, § 344)

Schopenhauer schrieb das vor mehr als 150 Jahren. Gilt das auch heute noch?
Vielleicht nicht in dem Maße, wie es zur Zeit Schopenhauers gewesen sein mag, aber im wesentlichen dürfte das wohl immer noch zutreffen, denn die Menschen haben sich seitdem, und zwar trotz Aufklärung und aller wissenschaftlichen Fortschritte, kaum geändert.

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Arthur Schopenhauer : Welt und Wahrheit

            Als der letzte große Vertreter einer von Platon und Aristoteles her über mehr als zwei Jahrtausenden hinwegführenden Denkbewegung steht Schopenhauer heute beispielgebend für Macht und Würde einer Philosophie, die uns fast schon verloren ist. …

            Schopenhauer bescheidet sich nicht bei einem gedanklichen Erfassen und der begrifflichen Zergliederung von Welt- und Lebenszusammenhängen, seine Philosophie hat das Ziel, unmittelbar auf unser Leben einzuwirken, sie ist, wie es die großen Denker der Antike wollten, als Wegweiser zur Lebensgestaltung und Lebensmeisterung gemeint. Schopenhauer lehrt uns die Welt kennen und durchschauen. …

            Er ( Arthur Schopenhauer ) sagt den Menschen Wahrheiten, die sie nicht hören wollen, er entlarvt ihre Vorurteile, er entwertet altgeheiligte Irrtümer und zerstört die liebsten Wunschträume. „Wo ist eine Eitelkeit, die ich nicht gekränkt hätte?“, schreibt er an Frauenstädt (einem seiner wichtigsten Anhänger): „Man kann nicht der Welt und der Wahrheit zugleich dienen.“

(Aus: Arthur Hübscher, Denker gegen den Strom: Schopenhauer: gestern – heute – morgen. 2. Aufl. – Bonn: Bouvier, 1982, S. 284 f.)
HB

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Hund und Mensch

Ich muss es aufrichtig gestehen, schrieb Arthur Schopenhauer in seinen letzten Manuskripten, der Anblick   j e d e s  Tieres  erfreut mich unmittelbar, und mir geht dabei das Herz auf; am meisten der der Hunde …

Mit seiner Tierliebe, vor allem aber mit seiner großen Zuneigung zu Hunden, stand Schopenhauer einsam in der Reihe der bedeutenden Denker seiner Zeit, ja wahrscheinlich ist er in dieser Hinsicht auch heute noch unter den weltberühmten Philosophen einmalig.

Kein Zweifel, Schopenhauer liebte Hunde, insbesondere dann, wenn er an die hässlichen Eigenschaften mancher Menschen dachte: Woran sollte man, fragte er, sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann? Dieses Menschenbild wird sicher manche Leser schockieren. Andererseits dürfte Schopenhauer auch vielen aus dem Herzen gesprochen haben, und zwar vor allem denen, die mit anderen Menschen schlechte Erfahrungen machen mussten und nur noch einen einzigen Freund haben: ihren Hund.

Auf meinen Spaziergängen treffe ich oft Hunde, die mich – besonders wenn sie mich schon kennen – mit ihrem, wie es Schopenhauer beschrieb, „so eindrucksvollen, wohlwollenden grundehrlichen Wedeln“ begrüßen. Allerdings gehe ich dabei nicht ganz so weit wie Schopenhauer, der „auf das Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes“ mehr gab, „als auf hundert Demonstrationen und Gebärdenseiner Mitmenschen.

Arthur Schopenhauer war jedoch weit mehr als nur normaler Hundefreund, sondern er war wohl der erste westliche Philosoph, der Hunde und auch andere Tiere zum Thema philosophischer Betrachtungen machte. Seine damit verbundenen, sehr tiefen Erkenntnisse stehen im völligen Gegensatz etwa zur Bibel, aber auch zur Meinung des ansonsten von ihm hochverehrten Philosophen Kant, für die Tiere kaum mehr als seelenlose Gebrauchsgegenstände waren. Schopenhauer hingegen sah in den Tieren etwas ganz anderes, nämlich das hinter allen äußeren Erscheinungsformen liegende Metaphysische. Voller Verwunderung, ja Ergriffenheit rief er aus: Welch ein unergründliches Mysterium liegt doch in jedem Tiere!

So war für Schopenhauer auch der Hund ein Mysterium, denn aus seinen Augen leuchtet das unzerstörbare Prinzip in ihm, der  Archäus, also die Urkraft in allem Lebendigen. Es ist bezeichnend, dass Schopenhauer sich so in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ äußerte, und zwar in einem der  wichtigsten Kapitel: „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesen an sich“.

Arthur Schopenhauer und seine Hunde, die Hundebilder in seinem Zimmer, die Pudel, die ihn auf seinen einsamen Spaziergängen begleiteten – alles das sind Themen, bei denen man auch heute noch glaubt, sich über Schopenhauer lustig machen zu dürfen. Mir scheint das weniger lustig als vielmehr Ausdruck dafür zu sein, wie wenig doch manche Leute von diesem Philosophen begriffen haben. Schon der Name Atma, den Schopenhauer  seinen Hunden gab, war den meisten seiner Zeitgenossen völlig unverständlich. Gerade diese Bezeichnung weist auf den Kern der Philosophie Schopenhauers und der von ihm überaus hoch geschätzten altindischen   > Upanishaden hin: Atma, genauer Atman, bedeutet in etwa Einzelseele. Dazu fassen die Upanishaden ihre tiefste Erkenntnis in die Worte:  > Tat twam asi Das bist Du – Die Einzelseele ( Atman ) ist identisch mit der Weltseele ( Brahman )! Das gilt für den Menschen, für den Hund, ja für jedes Lebewesen. Vielleicht, meiner Meinung nach sogar sicherlich, ist das,  was Schopenhauer als „unzerstörbares Prinzip“, als „Archäus“ (Urkraft), aus den Augen eines Hundes leuchten sah, nicht verschieden von dem, was die Upanishaden als Brahman, Weltseele, bezeichnen.

Ich muss zugeben, mir selbst waren solche Aussagen früher ziemlich unverständlich. Ich fand sie schon auf Grund meiner naturwissenschaftlichen Orientierung eher als weltfremde Spinnerei. Doch eines Tages blickte mir ein Hauskaninchen, das ich zu betreuen hatte, in die Augen. Es war wie eine Offenbarung und damit der entscheidende Schritt zu einem völlig neuen Verständnis des im Grunde esoterischen Kerns der Upanishaden und der Philosophie Schopenhauers!  So hatte ich von einem Tier mehr gelernt als es aus bloßem Bücherstudium möglich gewesen wäre. Seitdem bin ich – wie Arthur Schopenhauer – von der Wesensgleichheit alles Lebendigen überzeugt. Deshalb sehe ich auch das Verhältnis von Mensch und Hund nicht unter dem Gesichtspunkt von Über- und Unterordnung, wie sie etwa in der Bezeichnung “ Herrchen“ für die „Besitzer“ von Hunden zum Ausdruck kommt. Einen Hund zu „besitzen“ ist kein Naturrecht des Menschen, sondern – dessen sind sich leider viele nicht bewusst – die Übernahme einer Sorgepflicht!
hb

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Philosophieren – warum?

Es kann viele Gründe zum Philosophieren geben: Oft ist es die Schule oder die Universität, wo man sich mit Philosophie beschäftigt. Manche philosophieren aus beruflichen Gründen, also um damit ihr Brot zu verdienen. Arthur Schopenhauer hat sich über solche “ Philosophen “ etwas geringschätzig geäußert, denn diese würden nicht  für die Philosophie, sondern  von der Philosophie leben.

Jedoch was heißt Philosophieren ?  Das „Philosophische Wörterbuch” übersetzt das griechische Wort Philosophie mit Liebe zur Wahrheit, wobei das Wort „philosophos” zuerst vom vorsokratischen Philosophen Heraklit im Sinne von „ein nach der Natur der Dinge Forschender” verwendet worden sei. Demnach verstehe ich unter Philosophieren das Suchen nach der Wahrheit, nach der wahren Natur unseres Daseins. Hierzu gehört vor allem auch die Frage nach dem Ende des Daseins , dem Tod. Gerade diese Frage hat seit jeher die Menschen, und zwar seit sie wissen, dass sie sterblich sind, zutiefst bewegt.

So stand die Tatsache, dass unser Dasein untrennbar mit Leid und Tod verbunden ist, am Anfang des Philosophierens. Arthur Schopenhauer:

“ … ohne Zweifel ist es das Wissen um den Tod, und neben diesem die Betrachtung des Leidens und der Not des Lebens, was den stärksten Anstoß zum philosophischen Besinnen und zu metaphysischen Auslegungen der Welt gibt. Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre, würde es vielleicht Keinem einfallen zu fragen, warum die Welt gerade diese Beschaffenheit habe; sondern eben auch sich Alles von Selbst verstehen.“
Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Werke in zehn Bänden, Diogenes: Zürich 1977, Band III, S. 187 f.

In der Frühzeit der Menschheit war es aber nicht die Philosophie, sondern die Religion, mit der die Menschen versuchten, Antworten auf Leid, Not und Tod, also auf ihre existentiellen Probleme, zu finden. Jedoch irgendwann reichte ihnen die Religion nicht, denn – so Arthur Schopenhauer:

„Mit der Unfähigkeit zum Glauben wächst das Bedürfnis der Erkenntnis. Es gibt einen Siedepunkt auf der Skala der Kultur, wo aller Glaube, alle Offenbarung, alle Auktoriäten (Autoritäten) sich verflüchtigen, der Mensch nach eigener Einsicht verlangt, belehrt, aber auch überzeugt sein will. Das Gängelband der Kindheit ist von ihm abgefallen. Dabei ist sein metaphysisches Bedürfnis so unvertilgbar, wie irgend ein physisches. Dann wird es Ernst mit dem Verlangen nach Philosophie … Mit hohlem Wortkram und impotenten Bemühungen geistiger Kastraten ist da nicht mehr auszureichen; sondern es bedarf dann einer ernstlich gemeinten, d. h. einer auf Wahrheit, nicht auf Gehalt und  Honorare gerichteten Philosophie, die daher nicht frägt, ob sie Ministern oder Räten gefalle, oder dieser oder jener Kirchenpartei der Zeit in ihren Kram passe…“
Arthur Schopenhauer, a. a. O., Band V, S. 138 f.

So wurde – vielleicht nicht für alle Menschen, zumindest aber für eine geistige Elite – das Philosophieren zu einem Bedürfnis. Da es hierbei um die Suche nach der Wahrheit geht, fällt mir dazu ein Ausspruch des ZEN – Meisters Sosan ein, der vor fast 1500 Jahren erklärte:

Ihr braucht die Wahrheit nicht zu suchen,
Wenn ihr nur keinen vorgefassten
Urteilen und Meinungen anhängt.

Ja, LOSLASSEN, darauf kommt es an! Doch können wir so einfach loslassen? Mit dieser Frage, die letztlich eine metaphysische ist, sind wir wieder beim Philosophieren.
hb

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Menschenbild

Mancher würde erschrecken, wenn er den Andern sähe, wie er ist.

Laut Arthur Schopenhauer, von dem obiges Zitat stammt, sehen wir die Menschen nicht so, wie sie sind, sondern nur so, wie wir sie sehen wollen. Oft stellt es sich erst spät, zuweilen zu spät heraus, wie der Mensch, dem wir vertrauten, vielleicht sogar liebten, wirklich ist. Dann kann die Enttäuschung und der Schaden groß sein. Ein Beispiel, das mich sehr betroffen macht, las ich dazu in der „Berliner Zeitung“ vom 19./20. März 2011. Es geht hierbei um den Ex-Chef des Berliner Tierheims, der wegen Veruntreuung von 150.000 Euro verurteilt wurde.

Das Tierheim gehört dem Berliner Tierschutzverein, der mit etwa 15.000 Mitgliedern der größte Tierschutzverein in Deutschland ist. Da ich dort bereits seit 45 Jahren Mitglied bin und ich diesen, nunmehr verurteilten ehemaligen Leiter des Tierheims aus zahlreichen Veranstaltungen des Tierschutzvereins kenne, ist meine Enttäuschung besonders groß. Wie ist es möglich, dass jemand, dem ausgesetzte und verstoßene, oftmals mißhandelte Tiere anvertraut wurden, diese Ärmsten der Armen um ihr Geld bringt? Wie ist ein Mensch charakterlich veranlagt, wenn er Spenden, die das völlig überfüllte Tierheim dringendst benötigt, z. B. in Japan für den Kauf teurer seidener Unterwäsche verwendet?

Mitleid, ohne welches Tierschutzvereine nicht existieren würden, ist wie Habgier eine Eigenschaft des menschlichen Charakters. Im vorliegenden Fall hat sich offenbar trotz der alltäglichen Konfrontation mit dem Tierelend die Habgier durchgesetzt. Daran zeigt sich erneut, dass – wie Schopenhauer meint – der Charakter eines Menschen sich nur in Ausnahmefällen wirklich grundlegend ändert. Wer hofft, er könne durch Belehrungen oder bloßes Argumentieren den Charakter eines Menschen ändern, wird zumeist vergeblich hoffen. 

Wie dem auch sei, gerade solche Enttäuschungen, wie oben geschildert, trugen dazu bei, dass sich mein Menschenbild immer mehr dem Schopenhauers annäherte. Ein positives Menschenbild finde ich zwar gut, aber blinder Glaube an das Gute im Menschen kann bitter enttäuscht werden. Enttäuschungen jedoch, wenn man aus ihnen lernt, können auf dem Wege zur Wahrheit sehr hilfreich sein. Auch das ist eine Erkenntnis, die ich bei Arthur Schopenhauer gefunden habe und die ich im Laufe meines Lebens oft bestätigt fand.  
hb

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Sexualität – Geschlechtsliebe

Wenn man … die wichtige Rolle betrachtet, welche die Geschlechtsliebe (so nennt  Arthur Schopenhauer die Sexualität ) in allen ihren Abstufungen und Nuancen, nicht bloß in Schauspielen und Romanen, sondern auch in der wirklichen Welt spielt, … da wird man veranlaßt auszurufen: Wozu der Lärm? Wozu das Drängen, Toben … ? Es handelt sich ja bloß darum, daß jeder Hans seine Grete finde: weshalb sollte eine solche Kleinigkeit eine so wichtige Rolle spielen und unaufhörlich Störung und Verwirrung in das wohlgeregelte Menschenleben bringen?

Nur eine Kleinigkeit? – Keineswegs, denn immerhin hat Schopenhauer dem Thema Sexualität ein ganzes Kapitel ( Metaphysik der Geschlechtsliebe ) in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung eingeräumt. Dort hebt er hervor: Der Endzweck aller Liebeshändel … ist wirklich wichtiger als alle andern Zwecke im Menschenleben, und daher des tiefen Ernstes, womit jeder ihn verfolgt, völlig wert. Das nämlich, was dadurch entschieden wird, ist nichts Geringeres als die Zusammensetzung der nächsten Generation.

Nach Arthur Schopenhauer beruht Geschlechtsliebe nicht bloß auf chemischen und physikalischen Vorgängen, sondern primär auf etwas Metaphysischem, das hinter allen Erscheinungen dieser Welt steht. Schopenhauer bezeichnet es als Wille, weil dieses Metaphysische sich vor allem im Willen zum Leben äußert. Deutlichster Ausdruck dieses Willens zum Leben und damit der Lebensbejahung ist der Geschlechtstrieb. Dieses Thema spielt eine zentrale Rolle in der Philosophie Schopenhauers. Seine Philosophie trug wesentlich dazu  bei, dass in der Folgezeit – insbesondere im Zusammenhang mit der Lehre von Sigmund Freud – Sexualität neu bewertet wurde. Freud selbst hat ja auf die Übereinstimmung seiner Lehre mit Schopenhauers Philosophie hingewiesen.

Biologisch gesehen, setzte die Entwicklung zu komplexen höheren Lebensformen zwei Geschlechter und mithin Sexualität voraus. Dementsprechend wird auch das Leben der Menschen – denn sie sind untrennbarer Teil der Natur – trotz aller individuellen Unterschiede mehr oder weniger weitgehend durch Sexualität beeinflusst. Es stellt sich dabei die Frage: Ist der Mensch, der von Sexualität beherrscht wird, wirklich der Treibende oder ist er nur der Getriebene? Jedenfalls ist das für mich ein weiterer Grund, an der vermeintlichen Freiheit des menschlichen Willens zu zweifeln.  Ja, je älter ich werde und je länger ich die Welt und ihre Menschen betrachte, desto mehr stimme ich auch bei diesem Thema Schopenhauer zu. Dieser hielt den Glauben, der Mensch habe einen freien Willen, für einen Wahn.  Die moderne Hirnforschung scheint Schopenhauer zu bestätigen. Übrigens, Forschungen ergaben: Sexualität spielt sich weitgehend im Kopf ab, so dass dieser auch hierbei (trotz manch gegenteiliger Behauptung) der wichtigste Körperteil ist.
hb

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